Meine bisherigen Erfahrungen mit Gedichten aus dem Gefängnis beliefen sich auf Nažim Hikmet, Mahvash Sabet, Spoon Jackson und die Moabiter Sonette von Albrecht Haushofer. Steffen ist hier eine spannende Ergänzung: sein teilweise roher, dokumentarischer Ton, die halb-sarkastischen, halb-fatalistischen Sentezen, aber doch Funken von Phantasie, Humor, die das Dargestellte nicht bagatellisieren, sondern im Gegenteil gegen jede Festlegung, jedes schnelle Abtun immunisieren.
Bei aller Bewunderung für diesen klaren Stil hatte ich auch kleinere Schwierigkeiten, bspw. mit Steffens "Mädchen"-Rhetorik (siehe vor allem Bild 6), die selbstverständlich historisch gesehen keine Überraschung und wohl auch ein Ausdruck sehr viel komplexerer Sehnsüchte ist, u.a. der Angst vor Einsamkeit, etc.; trotzdem: mich schüttels bei solchen Wendungen.
Liest man im Vorwort wer alles Fan von Steffens Gedichten ist, sowohl zu Lebzeiten (Hilde Domin) als auch jetzt (Walle Sayer, Safiye Can, José F. A. Oliver) fühlt man sich fast berufen, in dieses Lob einzustimmen. Und zweifellos sind Steffens Gedichte sehr authentische und dabei doch auch poetische Zeugnisse. Ganz so laut preisen wie manch andere kann ich sie nicht, aber die Textbeispiele geben ja vielleicht anderen Leser*innen genug Anlass dazu.
Lyristix

