Die Insel Sachalin

von Anton Tschechow 
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Die Insel Sachalin
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Ein wichtiges und erhellendes Zeitdokument, das aber einiges an Durchhaltevermögen erfordert.

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Inhaltsangabe zu "Die Insel Sachalin"

Als Cechov sich 1890 entschloß, die mühsame Reise zur Sträflingsinsel Sachalin, dem berüchtigten Verbannungsort vor der Küste Sibiriens, zu unternehmen, befand er sich in einer tiefen Sinnkrise. Ein Jahr zuvor war sein Bruder Nikolaj an Tuberkulose gestorben. Diese schmerzliche persönliche Erfahrung verstärkte Cechovs Interesse an den gesellschaftlichen Problemen Rußlands. Die Insel Sachalin ist eine erschütternde Anklageschrift, mit der Cechov die Gesellschaft aufrütteln und sie auf Krankheit und Elend der Strafgefangenen Sachalins aufmerksam machen wollte.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783257202700
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:467 Seiten
Verlag:Diogenes

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    MilaWvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ein wichtiges und erhellendes Zeitdokument, das aber einiges an Durchhaltevermögen erfordert.
    Zustände der russischen Zwangsarbeit im 19. Jahrhundert

    Ab dem 19. Jahrhundert diente die Insel Sachalin (eine Insel nördlich von Japan im Pazifik) als Strafkolonie für russische Gefangene. Der Arzt und Autor Anton Tschechow reiste 1890 dorthin, um die Deportierten zu befragen und die Zustände öffentlich zu machen (zu politischen Gefangenen hatte er übrigens keinen Zugang, das wäre nochmal eine andere Geschichte).
    Dabei versucht er den Reisebericht so genau wie möglich zu machen, was zu einer schier endlosen Auflistung von Bevölkerungszahlen, klimatischen Bedingungen etc. führt, die mühsam zu lesen sind.

    Interessant ist es trotzdem, denn als mitfühlender Mensch ist
    Tschechow von den Bedingungen, die er vorfindet, schockiert:
    „Solange ich auf Sachalin war, empfand ich im Inneren nur eine gewisse Bitterkeit, wie von ranziger Butter, jetzt dagegen, in der Erinnerung, erscheint mir Sachalin als die wahre Hölle. Zwei Monate habe ich angestrengt gearbeitet, im dritten Monat begann ich mich schwach zu fühlen von der erwähnten Bitterkeit, der Langeweile und dem Gedanken, daß die Cholera von Vladivostock auf Sachalin übergreifen und ich auf diese Weise Gefahr laufen könnte, in der Katorga überwintern zu müssen…“ in einem Brief an Suvorin S. 147

    Die Verbannung ist oft mit Zwangsarbeit verbunden und soll nicht nur Rache üben, einschüchtern oder Besserung erzielen, sondern auch der Kolonisation dienen. Auch ökonomische Überlegungen spielen eine große Rolle. So können Strafgefangene nach Ableisten der Strafe (meist 6-10 Jahre) den Bauernstand erwerben und nach Sibirien umsiedeln (allerdings nicht nach Russland zurück). Da die klimatischen Bedingungen, die Infrastruktur und die Versorgungslage jedoch auf großen Teilen der Insel schlecht sind, funktioniert das System nicht sehr gut. Langeweile führt zu Spielsucht und Alkoholmissbrauch vieler Bauern.
    Tschechow kritisiert, dass die Besserung der Gefangenen dem Profitstreben geopfert wird:
    „…[es] ist üblich, daß die Armen und Einfältigen für sich und die anderen arbeiten, während die Falschspieler und die Wucherer Tee trinken, Karten spielen oder an der Anlagestelle umherwandern, mit den Ketten klirren, und sich mit den bestochenen Aufsehern unterhalten.“ (S. 181)
     Das Schlimme sei nicht die Schwere der Arbeit, sondern Ungerechtigkeit und Willkür. Aufseher verrohen genauso wie Gefangene, haben teilweise große Freude am Auspeitschen der Gefangenen. Akten verschwinden und Gerichtsverfahren werden nach Gutdünken entschieden.
    Interessant fand ich auch die Beschreibung der Lebensumstände der Frauen. Es gab einen ständigen Mangel an Frauen für die Kolonisation (Tschechow kommt hier auf einen Frauenanteil, der circa bei 25% der Bevölkerung von Sachalin liegt), der für die Besiedlung nicht günstig ist.
    Z.B. bitten die Kommandanten darum, Frauen nicht im Herbst zu schicken, da sie im Winter nur unnütze Esser sind und nicht arbeiten. Auch Prostitution ist ein blühendes Geschäft. Andererseits treten viele Frauen den Weg nach Sachalin freiwillig an. Manche wollen ihre Männer oder Väter begleiten, andere schätzen ihre Lebensbedingungen auf dem Festland als nicht viel besser ein. Immerhin werden sie auf Sachalin, sofern sie freiwillig kommen, Geld besitzen und keine Strafe ableisten müssen, oft verhältnismäßig gut behandelt, da es einen Mangel an Frauen gibt.

    Für Tschechows Werk ist die Reise nach Sachalin eine entscheidende Prägung. Auch seine Gesundheit wird sich in den drei Monaten so gravierend verschlechtern, dass er 14 Jahre nach seiner Reise an Tuberkulose verstirbt. Für den heutigen Leser ist es sehr interessant, die Beschreibung der Zustände in Sachalin mit späteren Gefängniseinrichtungen zu vergleichen. Die Lektüre ist allerdings stellenweise sehr trocken und man braucht einiges Durchhaltevermögen. Auch Hintergrundlektüre zum System vom Katorga (Zwangsarbeit) und Ssylka (Verbannung) kann nützlich sein, um mehr zu verstehen.

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    Lees avatar
    Lee
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    eav_80vor 5 Jahren
    S
    Stummivor 6 Jahren
    TheRavenkings avatar
    TheRavenkingvor 8 Jahren
    Durrutis avatar
    Durrutivor 9 Jahren

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