Nur wenige Frauengestalten der französischen Geschichte üben eine so starke und dauerhafte Faszination aus wie Marie-Antoinette (1755-1793), die Gemahlin Ludwigs XVI. Ein ähnlich intensives Interesse wecken allenfalls Katharina von Medici und Madame de Pompadour. Die biographische Literatur über Marie-Antoinette ist umfangreich. Für historisch interessierte Laien ist es nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht jedes der vielen Bücher über Marie-Antoinette ist lesenswert. In den letzten Jahrzehnten waren auf dem deutschen Buchmarkt mehrere Biographien der Königin verfügbar, sowohl Werke deutscher Sachbuchautoren wie Hermann Schreiber (1988) und Franz Herre (2004) als auch Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen. Die leichtgewichtigen populärwissenschaftlichen Biographien von André Castelot (1953), Desmond Seward (1981), Joan Haslip (1987) und Carolly Erickson (1991) kommen für eine ernsthafte Beschäftigung mit Marie-Antoinette genauso wenig in Betracht wie die Bücher von Schreiber und Herre [1]. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügt nur eine kleine Zahl von Biographien. Es handelt sich um die Bücher von Evelyne Lever (1991), Antonia Fraser (2001) und John Hardman (2019). Die Bücher von Lever und Fraser liegen in deutscher Übersetzung vor, Hardmans Biographie nicht. Frasers Buch diente als Vorlage für Sofia Coppolas farbenprächtigen Kostümfilm "Marie Antoinette" von 2006. Die drei Biographien werden hier vergleichend rezensiert. Seit vielen Jahrzehnten gehört Antonia Fraser (geb. 1932) in Großbritannien zu den bekanntesten und erfolgreichsten Autorinnen von historischen Biographien und Sachbüchern. Auch außerhalb ihrer Heimat besitzt Fraser eine große Lesergemeinde. Viele ihrer Werke sind Klassiker und erfahren immer wieder Neuauflagen. Zu nennen ist an erster Stelle Frasers Biographie der schottischen Königin Maria Stuart. Seit seiner Veröffentlichung 1969 dürfte dieses Buch weltweit ein Millionenpublikum erreicht haben. Zu Frasers weiteren Biographien gehören Bücher über Jakob I. und Karl II. von England, Oliver Cromwell und Ludwig XIV. Wer die Marie-Antoinette-Biographie lesen möchte, sollte unbedingt zur Originalausgabe greifen. Die deutsche Ausgabe ist unbrauchbar, da der Text drastisch gekürzt wurde. Auch dieses Buch weist die Vorzüge auf, die seit langem an Frasers Werken gerühmt werden. Fraser verfügt über die profunde Sachkenntnis einer Historikerin, und zugleich ist sie eine große Schriftstellerin, die Persönlichkeiten der Vergangenheit einfühlsam zum Leben erwecken kann.
Damit ist allerdings nicht gesagt, dass die Marie-Antoinette-Biographie keine Schwächen aufweist. Fraser macht im Vorwort keine Angaben, warum sie das Buch geschrieben hat. Auf einen Mangel an Biographien über die Königin kann sie nicht verweisen, lagen doch in den 90er Jahren, als sie an ihrer Biographie schrieb, etliche englischsprachige Werke neueren Datums vor, die eingangs genannten Bücher von Seward, Haslip und Erickson sowie zusätzlich die Biographie von Ian Dunlop (1993, keine deutsche Übersetzung). Es ist unredlich, dass Fraser nicht auf diese Bücher eingeht und kein Wort darüber verliert, ob und inwieweit sich ihre Biographie von der älteren Marie-Antoinette-Literatur abhebt. Beim Lesen des Buches fällt ein Mangel an Kontextualisierung auf. Die Krise, in der sich Frankreich während der Herrschaft Ludwigs XVI. befand, wird nur ansatzweise greifbar. Fraser befasst sich nicht mit dem politischen, sozialen und kulturellen Hintergrund, vor dem sich das Leben des Königspaares abspielte. Von den Zuständen im Land bekamen Ludwig XVI. und Marie-Antoinette kaum etwas mit. Sie verbrachten ihre Tage ausschließlich in Versailles und anderen königlichen Residenzen, ohne Bezug zur Lebenswirklichkeit der Untertanen. Fraser reproduziert diese Isolation, indem sie ihren Fokus auf die Königsfamilie und den Hofstaat, Versailles und die Hauptstadt verengt. Plötzlich bricht die Revolution aus, und ein Leser mit geringen Vorkenntnissen wird nicht verstehen, warum dies geschah. Problematisch ist zu guter letzt, dass die Revolutionsjahre zu viel Raum in der Biographie einnehmen. Neun der 27 Kapitel, rund 200 von knapp 550 Textseiten, entfallen auf den Zeitraum vom erzwungenen Umzug der Königsfamilie nach Paris (Oktober 1789) bis zur Hinrichtung der Königin (Oktober 1793). Diese Ausführlichkeit ist schwer zu rechtfertigen, und das umso weniger, als Fraser die Geschichte der letzten Lebensjahre des Königspaares nicht um neue Facetten bereichert. Zwei Kapitel über Vorbereitung und Verlauf der missglückten Flucht nach Montmédy im Juni 1791 (S. 377-415) – das ist zu viel des Guten. Es hat etwas schwelgerisch Morbides, wie Fraser die Demütigungen und Gefährdungen, denen Marie-Antoinette ab Herbst 1789 ausgesetzt war, in epischer Breite und bis ins kleinste Detail schildert. Doch diesen Schwächen stehen zahlreiche Stärken gegenüber. Frasers Darstellung beruht auf einer Vielzahl zeitgenössischer Quellen und erreicht ein hohes Maß an Anschaulichkeit. Auch unveröffentlichtes archivalisches Material ist in das Buch eingeflossen, allerdings in geringerem Umfang als bei Lever und Hardman.
Fraser ist eine erfahrene und im positiven Sinne routinierte Biographin. Sie konzentriert sich auf das Geflecht sozialer Beziehungen, in dem Marie-Antoinette lebte, zuerst in Wien und ab 1770 in Versailles. Die Kindheit der späteren Königin im Kreis der großen kaiserlichen Familie stellt Fraser sehr viel eingehender und anschaulicher dar als Lever und Hardman, die dieser Lebensphase auffallend wenig Raum widmen. Mit großem Einfühlungsvermögen untersucht Fraser Marie-Antoinettes Verhältnis zu den drei Personengruppen, die in ihrem Leben bestimmend waren: Ihre habsburgische Herkunftsfamilie in Wien; die französische Königsfamilie; die kleine Coterie von Freundinnen und Günstlingen, die ihr eine Zuflucht vor den Zwängen des Hoflebens bot. In Wien erhielt Marie-Antoinette eine beklagenswert rudimentäre Bildung; auf ihre künftige Rolle als Königin von Frankreich war sie kaum vorbereitet. In Versailles entwickelte sie kein Bewusstsein für die Aufgaben und Pflichten, die mit ihrer Stellung als Königin verbunden waren. Repräsentation und höfisches Zeremoniell waren ihr lästig, und im Umgang mit den prominenten Adelsfamilien des Königreiches ließ sie es an Takt und Fingerspitzengefühl fehlen. Sie war überfordert vom Auftrag ihrer Familie in Wien, französische Unterstützung für die Großmachtpolitik Österreichs zu mobilisieren. Marie-Antoinette war von unpolitischem Wesen, wie Fraser mehrfach betont. Wieder und wieder enttäuschte sie die überzogenen Erwartungen ihrer Mutter Maria Theresia und ihres Bruders, Kaiser Josephs II. Mit extravaganten Vergnügungen im Kreis ihrer Favoriten entschädigte sich Marie-Antoinette für das unbefriedigende Eheleben an der Seite Ludwigs XVI. Der kostspielige Lebensstil und die massive Begünstigung der Familie Polignac trugen maßgeblich zum Ansehensverlust der Königin am Hof und in der Öffentlichkeit bei. Im liebevollen Umgang mit ihren Kindern zeigte sich Marie-Antoinette von ihrer gewinnendsten Seite. In der Mutterrolle fühlte sie sich wohler als in der Königinnenrolle. Fraser sieht in Marie-Antoinette ein Opfer der Umstände: Geboren als Tochter des Hauses Habsburg, war es ihr vorherbestimmt, eine politisch nutzbringende Ehe einzugehen. Das Bündnis mit Österreich war in Frankreich weithin unpopulär. Marie-Antoinette diente all jenen als willkommener Blitzableiter und Sündenbock, die die Allianz ablehnten und darüber hinaus mit der politischen Situation in Frankreich unzufrieden waren. Die Manie, für alle Mißstände im Land "die Österreicherin" verantwortlich zu machen, kulminierte im Schauprozess gegen Marie-Antoinette im Oktober 1793.
FAZIT
Ungeachtet mancher Schwächen kommen die Bücher von Evelyne Lever und Antonia Fraser am ehesten für eine nähere Beschäftigung mit Marie-Antoinette in Betracht. John Hardmans Buch ist zwar die aktuellste der drei Biographien. Das Buch wendet sich aber in erster Linie an Fachhistoriker, weniger an historisch interessierte Laien. Hardman präsentiert keine neuen oder originellen Erkenntnisse. Die Bücher von Lever und Fraser sind also trotz ihres Alters nicht überholt.
[1] Die Jahreszahlen in Klammern geben die Erscheinungsjahre der Originalausgaben an.