Antonia Löfflers Hydra ist ein Roman, der seine Leserinnen und Leser in ein Geflecht aus Familiengeheimnissen, Selbstinszenierung und verdrängter Wahrheit zieht. Alles beginnt an einem Freitagabend in einer Flughafenbar, wo Anne, ihr Freund Jacob und der Fremde Leo auf ihren Flug nach Wien warten. Whiskey, Football, beiläufige Gespräche – bis die Nachricht eines Flugzeugabsturzes kommt. Es wäre ihr Flug gewesen. Noch ahnt niemand, dass ihre Eltern sich einst kannten und dass auf der griechischen Insel Hydra vor dreißig Jahren etwas geschah, das alle bis heute prägt. Zurück in Wien beginnt Anne zu fragen. Und je mehr sie erfährt, desto deutlicher wird: Ihr Erbe besteht nicht nur aus Erinnerungen, sondern aus verborgenen Geschichten. Und aus dem Schweigen dazwischen.
Löffler erzählt das mit einer sprachlichen Kraft, die manchmal wie ein ungefilterter Gedanke wirkt – nah, roh, eindringlich. Der Roman ist geheimnisvoll, packend und fordert seine Leser heraus: Zeitsprünge, Ortswechsel, mehrere verwobene Erzählstränge und abrupt fallende Wahrheiten verlangen Aufmerksamkeit.
Hydra polarisiert. Für die einen ein packender, wortgewaltiger Roman über Generationentrauma, Identität und die bröckelnde bürgerliche Fassade, für andere ein anspruchsvolles Puzzle, das sich erst spät, oder nie ganz, zusammensetzt. Doch gerade diese Ambivalenz macht den Reiz aus und lässt viel Platz für Interpretation und Diskussion.
Fazit: Hydra ist kein leichtes Buch, aber eines, das mit sprachlicher Fülle, feinen Andeutungen und emotionaler Tiefe beeindruckt – und Lust auf mehr von Antonia Löffler macht.
Antonia Löffler
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Hydra
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Antonia Löfflers Debütroman Hydra erzählt in mehreren Erzählsträngen die Geschichte von Anne und die Geschichte ihrer Eltern, die vor 30 Jahren für ein Theaterprojekt nach Hydra reisten. Das erfordert vom Leser natürlich Konzentration, man wird dafür aber mit einem interessanten Buch belohnt, das die Frage nach dem, was wir als Erbe von unseren Eltern in uns tragen, behandelt und durch eine wunderschöne Sprache und einen gewaltigen Wortschatz besticht.
Hydra ist die Geschichte eines Sommers vor rund 30 Jahren. Es ist der Sommer fast ein Jahr vor der Geburt der Ich-Erzählerin Anne. Etwas ist dort geschehen, was nun, rund dreißig Jahre danach, die Ehe ihrer Eltern aufmischt. Selbst in einer Beziehungskrise und wieder bei den Eltern eingezogen, versteht sie dass etwas ungelöst und schuldhaft auf den Elern lastet, das in diesem Sommer geschehen sein muss. Als Lesende ist man, da der Roman mehrperspektivisch angelegt ist, diesbezüglich besser gestellt. Aus der Perspektive der Eltern erschließt sich zumindest das Beziehungsgeflecht dieser 90ies Theatergruppe, die einen Sommer lang auf der Insel Hydra probt.
Den Schlüssel zur Auflösung halten - wie in der schönsten Krimitradition - zwei der Nebenfiguren in der Hand. Anders als im Krimi aber kümmert sich die Erzählung gar nicht so sehr um des Rätsels Lösung, sondern viel mehr um die alltäglichen Herausforderungen ihrer Protagonist:innen. Anne wie auch ihre Eltern in den 90ern sind - eh noch jung, aber halt nicht mehr ganz. Sie bemerken, dass ihr Leben sich schön langsam auf eine Spur festzulegen scheint, ohne ihre bewusste Einwilligung. Der Autorin gelingt es, sehr fein beobachtete Skizzen von Menschen in Ambilvalenz zu zeichnen. Das Leben besteht aus vielen kleinen Momenten - diese werden mit großer Präzision beschrieben, etwa die Gedanken beim hektischen Autofahren in einer fremden Stadt, um irgendwie noch den Flughafen rechtzeitig zu erreichen.
Wohltuend ist, dass die vielen Dialoge ohne Satzzeichen in den Text eingearbeitet sind - das trägt zum fließenden Sprachrhythmus bei.
Obwohl es nicht übermäßig viele Figuren gibt, ist Hydra komplex - eben, weil wir auch als Lesende den Weg der Ich-Erzählerin gehen müssen u Hinweise falsch, vom Leben respektive dem Erzählfaden zu ganz anderen Themen im Alltag abgelekt werden und dann wieder zur Hauptfrage, nämlich, was damals geschehen ist, zurückfinden müssen. E
Ich selbst habe das Buch verteilt auf zwei lange Zugfahrten innerhalb von vier Tagen gelesen - optimales Eintauchen ohne den Faden zu verlieren somit gewährleistet. Ich mochte besonders die Sprache, die noch einige Tage nachhallte. Ganz toller Debütroman, der sich Zeit nimmt sein Thema zu entrollen!
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