Ein spannender Jugendroman über Flüchtlinge und eine erste Liebe der aufrüttelt
von Hasselnuss
Kurzmeinung: Ein Buch voller Farben und Emotionen aber auch Hintergründen. Ein Aufruf dafür die Augen zu öffnen, zu hinterfragen und nicht populistisches
Rezension
Drei Zeilen, oder vier. Maximal. Braucht man um in die Geschichte einzutauchen.
Über die Autoren
Bücher von Antonia Michaelis zieren schon zahlreich mein Bücherregal. Gerade die All-Age Bücher, und die für Erwachsene, habe ich in mein Herz geschlossen: Paradies für alle, Nashville, November, Solange die Nachtigall singt, Das Institut der letzten Wünsche. Allen gemeinsam ist das wundervolle Spielen mit Sprache, die feinen Details in den Beschreibungen und die Charaktere, Protagonisten oder Nebenrollen, gut beobachtet, selten schwarz und weiß sondern immer gekennzeichnet durch Ecken und Kanten, so auch deren Geschichten, meistens mit etwas Unfassbarem, leicht Phantastischem.
Für Peer Martin habe ich sogar meinen E-Book-Reader herausgekramt. Seine beiden Bücher „Sommer unter schwarzen Flügeln“ und „Winter so weit“ haben es mir ebenso angetan. Sein gesellschaftskritischer Blick, die Kunst aktuelle Themen in seine Geschichten einzuweben und so selbst zu Geschichte werden zu lassen, Peer Martin hat lange Jahre als Sozialarbeiter mit Jugendlichen auch aus dem rechten Spektrum gearbeitet, seine Liebe für Details und sein Sinn für Spannung: ich war sehr gespannt darauf, was zwei so unterschiedliche Autoren zusammen bewerkstelligen würden.
Die Geschichte
Drei Zeilen, oder vier. Maximal. Braucht man um in die Geschichte einzutauchen. In knappen Sätzen lernt man Asman kennen, man fühlt sich quasi in die Geschichte hineinkatapultiert. Asman ist sich auf der Flucht, als Flüchtling, über das Mittelmeer, zusammengedrängt mit gut einhundert anderen Flüchtlingen auf einem alten Kutter mit Kurs nach Italien. Die Gruppe landet aber vor einer nicht näher benannten griechischen Insel, irgendwo vor Kreta - einer Urlaubsinsel. Der Treibstoff ist alle, das Boot leckt, und die Männer der Küstenwache versuchen den Flüchtlingen Diesel zu verkaufen, ihre Macht auszuspielen. Für eine viel zu weite Überfahrt nach Italien, mit einem Boot das kurz vor dem Untergehen ist.
„Das Licht einer Taschenlampe flattert in der Dunkelheit wie ein gefangener Schmetterling. Zu Hause flogen die Schmetterlinge durch das Licht- und Schattenspiel der Feigenbäume hinter dem Haus, er sieht sie noch, sieht eine schlanke Mädchenhand nach ihnen greifen ...“
Die Küstenwache, hilft jedoch nicht, sie dreht ab, überlässt die Menschen auf der Flucht ihrem Schicksal, das Boot zerbricht unter zu starkem Wind und Wellen, und geht unter.
„Europa ist ein stilles, friedliches Grab.“
104 Menschen waren an Bord, 72 sterben nur 32 erreichen das rettende Ufer.
Neben der ersten kurzen Perspektive von Asman lesen wir die Geschichte vor allem aus Jules Augen. Jule, die kurz vor dem Abi steht und eigentlich mit einer Freundin Evelyn Urlaub auf einer griechischen Insel machen wollte.
„Sie betrachtete das biometrische Foto eines jungen Mädchens mit halblangen braunen Korkenzieherlocken und grünen Augen. Das Foto eines Gesichts, in dem die dunklen Sommersprossen ineinanderflossen wie Kontinente auf einer Landkarte.“
Doch Evelyn musste kurz vor Abflug ins Krankenhaus, Blinddarmdurchbruch, und so befindet sich Jule mitten in ihrem ersten Urlaub, den sie alleine erleben wird, in einem Abenteuer.
Die Geschichte leuchtet in bunten Farben, die Insel, die Menschen und alles wird durch eine wunderbare Sprache in Worte getaucht. Man lebt mit den Protagonisten und erfährt so vieles zugleich mit Jule, für die fast ein neues Leben beginnt. Eine neue Sicht auf Dinge. Da ist Asmans vergangenes Leben in Jarmuk, also Syrien, oder Kleinpalästina, er wächst zwischen Angst und Krieg auf, im Kopf entstehen Bilder, Bilder, die man in den Nachrichten vielleicht als kurze Bildsequenzen gesehen hat.
Aber es sind da auch die Nebencharaktere wie der schwangeren Naime, einem jungen Mädchen, Inselbewohner wie Kostas oder Silas, und eine Hand voller Touristen, die uns eine unendlich spannende Geschichte näher bringen.
Jule lernt die Insel kennen, die Farben und Blumen, es ist ein wenig wie in einem Paradies. Sie erkundet die Insel und begegnet eine Jungen: verwahrlost etwas mysteriös aber auch voller Anziehungskraft. Ist es jener Junge vom Beginn der Geschichte - Asman?
Gegensätzlicher als hier beschrieben, könnten die beiden Welten von Jule und Asman nicht sein. Was klischeebehaftet klingen mag, ist es nicht, die Geschichte der Beiden, die sich natürlich kennenlernen werden, glänzt durch Details, Farbe und Feinheiten.
Es wird kein rosa Traum werden in den Jule hier eintaucht. Vielmehr wird sie sich immer wieder die Fragen stellen müssen, was richtig und was falsch ist, ihre eigenen Prioritäten neu definieren und sich am Ende entscheiden müssen. Nicht immer entscheidet ihr Verstand, meist ist ihr Herz lauter und sie begibt sich in Gefahr.
Fazit
Eine ausgesprochen spannende Erzählung haben uns Peer Martin und Antonia Michaelis hier komponiert. Ein Buch voller Farben und Emotionen aber auch Hintergründen. Ein Buch über das, was die Nachrichtenticker gerade im Sommer 2015 beherrschte, ein Buch über Flüchtlinge, Grenzen und Vorurteile. Ein Aufruf dafür die Augen zu öffnen, zu hinterfragen und nicht populistisches Gedankengut zu übernehmen.
