Antonio DalMasetto Unten sind ein paar Typen

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Inhaltsangabe zu „Unten sind ein paar Typen“ von Antonio DalMasetto

Buenos Aires 1978: Vorabend des WM-Finalspiels zwischen Holland und Argentinien. Pablo, ein Journalist, wird von seiner Freundin darauf aufmerksam gemacht, dass vor dem Mietshaus, in dem er wohnt, ein paar Typen seien. Diese Typen, die stundenlang in einem Auto sitzen und irgendetwas observieren, sind im Argentinien der Militärdiktatur eine Bedrohung der besonderen Art. Doch Pablo bringt das zunächst nicht mit seiner Person in Verbindung. Erst allmählich kommt Alarmstimmung in ihm auf. Er registriert bei seinen Gängen durch die Stadt, was nicht ins alltägliche Bild passt. Satz für Satz verwandelt sich Buenos Aires in einen Ort der Bedrohung. Wir sehen, was die wachsende Angst in ihm anrichtet – und in seiner Umgebung, wie seine Freunde auf Distanz gehen … Parallel zu seiner Angst und seiner Einsamkeit wächst die Begeisterung der Fußballfans. Argentinien wird Weltmeister. Der Höhepunkt von Pablos Horror fällt zusammen mit dem Höhepunkt der Siegeseuphorie, welche die ganze Stadt erfasst. Mit sparsamsten sprachlichen Mitteln, kurzen Beschreibungen, schnellen Dialogen heftet sich der Autor an die Fersen seines Protagonisten. Er erklärt nichts, deutet nichts. Pablo wird zur Projektionsfläche, auf der sich die Auswirkungen der Gewaltherrschaft abbilden.

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  • Rezension zu "Unten sind ein paar Typen" von Antonio Dal Masetto

    Unten sind ein paar Typen
    HeikeG

    HeikeG

    14. August 2008 um 17:01

    Terror im Innern. Buenos Aires im Juni 1978: "Ein Mann auf der Flucht, erniedrigt von der Angst, verloren irgendwo." Antonio Dal Masettos neuer Roman Unten sind ein paar Typen erzeugt auf 146 Seiten eine geradezu hypnotische Sogwirkung. Argentinien - ein Land, welches die Meisten spontan mit Tango, mit Diego Maradonas spektakulärem Fußball, mit Gauchos und der weiten Pampa assoziieren. Aber diese südamerikanische Republik hat auch eine äußerst unrühmliche Vergangenheit. Namen wie Videlas und Masseras, Freunde des chilenischen Generals Pinochet, rufen für andere traumatische Erinnerungen hervor. Während der Jahre 1976 und 1983 wurde das Land von einer Militärdiktatur regiert, die zu den blutigsten in ganz Lateinamerika gehörte. Ein Zeitraum von sieben Jahren, in dem die größte Tragödie, die die Republik in seiner Geschichte jemals erfuhr, nachdem es sich im Jahre 1816 von Spanien unabhängig gemacht hatte, geschah. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen beläuft sich die geschätzte Zahl an Opfern der Militärdiktatur auf 30.000 Menschen, von denen 8.000 Fälle von Entführungen und anschließendem Verschwinden ausmachen. Das Verschwindenlassen von Personen hatte System und sollte Schrecken und Terror verbreiten. Gleichzeitig versucht die Militärdiktatur alles, um von sich abzulenken. Und in eben dieses Szenario - in den Winter des Jahres 1978 - versetzt Antonio Dal Masetto den Leser. Im Juni findet die Fußball-Weltmeisterschaft statt, bei der das argentinische Nationalteam auch noch Sieger wird. "Eine Stadt im Partyrausch, fahnengeschmückte Autokarawanen, Hupen, Trompeten, volle Kneipen und Menschen, die einander in die Arme fielen. Und das in einer Stadt, in der seit Jahren jede Versammlung von mehr als drei Personen als verdächtig galt." Es herrscht Massenpsychose und -manipulation. Kaum jemand spricht über die zehntausenden Vermissten und Toten ("An Stränden tauchen andauernd Leichen auf. Sie werden vom Meer angeschwemmt."), oder über die Verelendeten, die aus optischen Gründen aus dem Umfeld der Schauspiel-Fußball-Stadien der Militärjunta verbannt werden. Millionen in chauvinistischer Jubelpose. Aber nicht alle schließen sich dem inszenierten Glückstaumel an. Da gibt es noch andere wie Pablo, den unpolitischen Journalisten, der der perfekt militärisch organisierten nationalen Euphorie nicht mehr trauen will. Das Virus der Diktatur schleicht sich langsam in seinen Alltag ein, als dessen Freundin Ana ihm eines Tages aufgeregt davon berichtet, dass vor seinem Haus bereits den ganzen Tag zwei Männer stehen. "Da unten sind ein paar Typen", lakonisch dahergesagt. Normalerweise verbirgt sich darin auch nichts Ungewöhnliches. Aber der Titel ist Inhalt und Geschichte. "Pablo erinnerte sich an das Rundschreiben der Militärjunta an die Medien, das nachdrücklich verbot, Nationalmannschaft und -trainer zu kritisieren." Steht in einem seiner veröffentlichten Titel vielleicht irgendetwas, was den Argwohn der Obrigkeit erregt hat? Wird er beobachtet? Steht sein Name auf einer der schwarzen Listen? Pablo ist sich sicher, keinen Anlass für derartige "Aktionen" gegeben zu haben - doch schützt ihn das angesichts der Willkür der Militärs? Vorstellungen von Sicherheit, Integrität und Ordnung greifen eben nicht in einem Land, das den Terror gegen sich selbst richtet. Für Pablo werden sie zur Obsession, zur Chiffre einer Paranoia. Ganz langsam schleicht sich grenzenlose Unsicherheit in seine Weltwahrnehmung ein: sei es nun ein Telefon, was einmal funktioniert, dann wieder nicht, zeitweise sinnlos läutet, beim Abheben sich jedoch niemand meldet, ein nicht funktionierender Lift, sporadische Stromausfälle, und letztendlich eine Überprüfung durch die Geheimpolizei. Pablo versucht Normalität vorzutäuschen. Aber jede Bewegung, jeder Augenaufschlag signalisiert hilflose Angst. Unter zunehmendem Verfolgungswahn irrt er durch die Nächte, voller Angst vor jedem neuen Schatten. Immer mehr verliert er die Selbstkontrolle, ihn packt grenzenlose Panik, und schließlich flüchtet er mit einem Zug aus der Stadt, die ihm zur Hölle wurde. Doch ist er wirklich seiner Paranoia entkommen? Zwei Männer im Abteil scheinen sich heimliche Signale zu geben… Antonio Dal Masetto hat ein wahrlich atemberaubendes, hypnotisches Szenario erschaffen. Er schreibt mit ausgeprägtem Sinn für ambivalente Figuren, sein Stil ist knapp, aber äußerst präzise. Er wurde von Susanna Mende großartig ins Deutsche übertragen. Geräusche blendet er literarisch nahezu aus. Er erzeugt eine beinahe konspirative Atmosphäre: "Plötzlich herrschte eine unnatürliche Stille … die Straßen wurden immer leerer, es herrschte Grabesstille." Alles konzentriert sich auf Gesehenes. Masetto visualisiert meisterhaft. Sein Roman macht vom ersten bis zum letzten Wort kribbelig. Er erzeugt beim Lesen eine derartige Spannung, die bis in die Fingerspitzen zu spüren ist. Aus einem scheinbaren Nichts schiebt er ein Karussell an, was sich immer schneller zu drehen scheint. Pablo bzw. der Leser stehen in der Mitte und verfolgen das Wirbeln und die verschwommenen Strukturen wie in Trance. Alles verliert an Konsistenz: "Die Identität, Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Alles löst sich auf", hilflos, paralysiert, unfähig einzugreifen und mehr und mehr beängstigt. "Es kam ihm vor wie eine schwachsinnige Maskerade im Hof eines riesigen Gefängnisses." Eine "exorzistische Zeremonie" völliger geistiger Leere und Benommenheit. Erst mit dem letzten Satz wird der Leser aus dieser akustischen Leere gerissen: "Er zündete sich eine Zigarette an und betrachtete den eisigen Glanz der Sterne, als er bemerkte, dass ein paar Hunde angefangen hatten zu bellen." Der erste bewusst wahrgenommene Ton. Jetzt erst löst sich die Spannung und es setzt die Auseinandersetzung mit Masettos Werk ein. Antonio Dal Masetto (geboren 1938 im norditalienischen Intra am Lago Maggiore, 1950 mit seinen Eltern nach Argentinien ausgewandert) ist ein gesellschaftlich und politisch engagierter Denker, aber auch ein Eigenbrötler, ein ideenreicher, pfiffiger und humorvoller Erzähler, was er bereits in seinen acht Romanen (auf Deutsch sind zwei Titel erschienen) und etlichen Erzählungen bewiesen hat. Dieser Roman liegt auf einer ganz anderen Schiene. Fazit:Unten sind ein paar Typen zeugt von der Auseinandersetzung des Autors mit dem Klima von Gewalt und Angst in seiner Wahlheimat Argentinien während der Militärdiktatur und kann zweifelsohne als sein eindrucksvollster Roman bezeichnet werden. Ein eindrucksvolles Buch!

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