Antonio Ortuño Die Verbrannten

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Inhaltsangabe zu „Die Verbrannten“ von Antonio Ortuño

Santa Rita, ein unbedeutendes Kaff im Süden Mexikos. In einer Notunterkunft für zentralamerikanische Flüchtlinge auf dem Weg in die USA wird ein Feuer gelegt, dem zahlreiche Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Irma, genannt La Negra, wird zur Untersuchung des Vorfalls zum lokalen Büro der Nationalkomission für Migration geschickt. Dort sind ihre Nachforschungen wenig willkommen und in einem Klima der Angst ist keiner der Überlebenden bereit, zu den Ereignissen in der Nacht des Anschlags auszusagen bis auf die zwanzigjährige Yein, die zu Irmas einziger Zeugin wird. Doch in einem Land, wo Zentralamerikaner allenfalls als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden und wo Behörden, Polizei und kriminelle Banden gemeinsam ein zynisches Geschäft betreiben, das noch den letzten Peso aus den Flüchtlingen herausquetscht, kann es tödliche Folgen haben, den Dingen auf den Grund zu gehen. In diesem vielstimmig orchestrierten und schonungslos rauen politischen Roman porträtiert Antonio Ortuño ein menschenverachtendes System, das die Schwächsten ausraubt, vergewaltigt, verbrennt und schließlich in Massengräbern verschwinden lässt.

Ein wütendes Manifest gegen Gewalt, Rassismus, Korruption und Gleichgültigkeit. Erschütternd und lesenswert.

— Gulan

So gut, so eindringlich, mir fehlen die passenden Worte!

— WortGestalt

Wortgewaltig, ungeschönt und erschreckend! Leider sehr aktuell, weswegen ich es absolut weiterempfehlen kann!

— Sommerregen

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    Die Verbrannten

    Havers

    Mexiko, ein Paradies für Touristen: blauer Himmel, weiße Strände, strahlender Sonnenschein, Schirmchen-Drinks am Pool und eine Mariachi-Band, die „La Cucaracha“ spielt. So verkaufen zumindest die Touristikunternehmen dieses Land. Die Realität sieht leider anders aus: Mexiko als rechtsfreier Raum, Drogenumschlagplatz, Kartelle, Bandenkriminalität, Korruption -  und Durchgangsstation für all diejenigen Flüchtlinge aus Zentralamerika, die auf illegalen Wegen in die Vereinigten Staaten gelangen wollen und dabei Leib und Leben riskieren. Es gibt zahlreiche Autoren, die den Rassismus und die alltägliche Gewalt in Mexiko beschreiben. Don Winslow, Sam Hawken, Roberto Bolaño, um die Besten zu nennen, die die menschenverachtenden Praktiken in diesem Land unter die Lupe nehmen und literarisch verarbeiten. Und dann ist da natürlich noch Antonio Ortuño, der mit „Die Verbrannten“, seinem vierten Roman, dem bisher einzigen, der in der  deutschen Übersetzung vorliegt (sehr gute Arbeit von Nora Haller), dem Leser einen kräftigen Schlag in die Magengrube versetzt. Es sind vierzig Flüchtlinge, die bei einem Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im südlichen Mexiko jämmerlich verbrennen. Männer, Frauen und Kinder. Die Toten kümmern eigentlich niemanden, aber um den Schein zu wahren, beauftragt die Nationalkommission für Migration eine kürzlich zugezogene Sozialarbeiterin. Irma, genannt La Negra, verhält sich aber nicht so, wie es von ihr erwartet wird, heißt, sie will nicht beschwichtigen und vertuschen. Nein, sie nimmt ihre Arbeit ernst, denn noch ist sie nicht korrumpiert. Ihr ist an der Aufklärung des feigen Anschlags gelegen, und sie möchte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Doch in diesem Klima der Repression und Angst ist es schwierig, überlebende Augenzeugen zur Aussage zu bewegen. Aber wie so oft in Lateinamerika sind es die Frauen, die sich nicht mundtot machen lassen. In diesem Fall ist es Yein, eine junge Frau, die auf ihrer Flucht unvorstellbare Grausamkeiten erlebt hat. Sie vertraut sich La Negra an, getrieben von dem unbändigen Verlangen nach Rache und Vergeltung. Und wer kann ihr das verübeln? Antonio Ortuño bleibt auf Distanz, er schreibt nüchtern. Aber es ist gerade diese kühle Art, die heftige Emotionen bei dem Leser auslöst und die anfängliche Betroffenheit weicht schnell der blanken Wut. Und es stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass Menschen einander diese Grausamkeiten antun. Ignoranz, Rassismus, Gewalt - wie tief muss eine Gesellschaft gesunken sein, die dieses Verhalten duldet, ja sogar fördert? Ortuño ist mit „Die Verbrannten“ ein hochpolitischer Roman gelungen, der auffordert, Partei zu ergreifen – und zwar nicht nur in Mexiko, sondern auch hier in unserem Land. Nachdrückliche Leseempfehlung!

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    • 2
  • Mexikanischer Aufschrei.

    Die Verbrannten

    Gulan

    Der Junge ist zu müde, um weiterzuschreien. Er klammert sich an Luna, drückt das Gesicht an sein Ohr, er hat Angst, dass jemand lauscht. „Ich habe gehört, was dieser Hurensohn gesagt hat. Er hat gesagt, dass der Mann, sein Chef, ihm das befohlen hat. Ich hab's gehört.“ Luna schaut ihn an. Der Junge wiederholt seine Geschichte. Schweigt, beginnt wieder von Neuem. […] Luna schlägt ihm mit dem Handrücken fest auf den Mund. „Halt die Klappe, du Idiot. Du hast verdammtes Glück gehabt. Denn du hast das gerade dem einzigen Menschen in Santa Rita gesagt, der dich nicht töten wird. Aber du darfst es nie mehr wiederholen.“ Der Junge, die Augen weit aufgerissen, schwankend, an seinen Arm geklammert, nickt. Am Morgen sagt er aus, dass er nichts von dem gesehen oder gehört hat, was er gesehen und gehört hat. (S. 146) In Santa Rita, einer kleinen Stadt im Süden Mexikos, wird ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt. Es sterben vierzig Flüchtlinge. Irma alias Negra, arbeitet beim lokalen Büro der Nationalkommission für Migration. Sie nimmt sich der Überlebenden und der Angehörigen an. Sie soll vor allem beschwichtigen und Entschädigungen anbieten. Ein detaillierte Untersuchung des Ereignisses ist nicht wirklich vorgesehen. Niemand will in einem Klima der Angst als Zeuge auftreten. Doch die junge Überlebende Yein vertraut sich Irma an. Während Irma die Wahrheit ans Licht bringen will, sucht Yein nur eins: Vergeltung. Autor Antonio Ortuño zählt in Mexiko zu den vielversprechendsten jungen Autoren. Mit „Die Verbrannten“ ist nun erstmals auch ein Roman von ihm auf Deutsch erschienen. Sein Heimatland Mexiko gilt international vielen schon als „failed state“, in dem Kartelle, Banden und Banditen weite Landstriche kontrollieren. Viele Kriminalautoren (prominentestes Beispiel ist sicherlich Don Winslow) nehmen sich der Thematik des Drogenkriegs und des illegalen Grenzübertritts in die Vereinigten Staaten an. Ortuño widmet sich dem weniger beachteten Teilaspekt der amerikanischen Flüchtlingsproblematik: Jedes Jahr versuchen hunderttausende Zentralamerikaner auf Transitrouten durch Mexiko die USA zu erreichen. Der Trip durch Mexiko gilt als gefährlichste Flüchtlingsroute der Welt. Neben den skrupellosen Schleppern sind die Flüchtlinge auch weiteren kriminellen Banden, korrupten Behörden und dem alltäglichen Rassismus der Einheimischen ausgesetzt. Jedes Jahr kommen Tausende ums Leben, Täter werden in der Regel nicht ermittelt. Ortuño schildert in seinem Buch ein fiktives Massaker in einer südmexikanischen Stadt durchgeführt von einer der kriminellen Gangs, die die Gegend kontrollieren. Von Beginn an ist klar, dass die lokalen Behörden nicht nur wegschauen, sondern mit den Kriminellen zusammenarbeiten. Ich-Erzählerin des Romans ist Irma, genannt Negra, Mitarbeiterin der nationalen Migrationsbehörde. Sie wurde nach Santa Rita abkommandiert, um das dortige Büro nach dem Brandanschlag zu unterstützen. Negra ist noch nicht mal eine besonders engagierte Helferin, sondern einfach eine Frau mit intakter Moral und Gewissen und noch nicht korrumpiert. Das Schicksal der jungen Yein berührt sie und so nimmt sie sich ihrer an. Gleichzeitig beginnt sie ein Verhältnis mit dem undurchsichtigen Pressechef des Migrationsbüros. Sie übermittelt dem Journalisten Luna Informationen, damit dieser die Hintergründe des Anschlags recherchiert. Doch es ist nur allzu offensichtlich, dass niemand in Santa Rita an einer Aufklärung interessiert ist, im Gegenteil. Ein Toter mehr oder weniger fällt nicht mehr ins Gewicht. Dies unterstreicht der Autor auch durch explizite Gewaltschilderungen. Negra ist alleinerziehende Mutter, ihre Tochter Irma hat sie mit nach Santa Rita genommen. Mit dem Vater der Kleinen ist sie im ständigen Streit. Diesen lässt der Autor in eigenen Kapiteln zu Wort kommen (mit verschiedenen Varianten des Begriffes „Kleingeist“ überschrieben). Irmas Vater ist ein übler Typ, mit ständigen Schimpftiraden über die Mutter seiner Tochter, die dreckigen Migranten, die Gringos in den USA. Er lebt in der Nähe einer Bahnstrecke, so dass ständig Flüchtlinge zum Betteln vor seinem Haus stehen. Eines Tages nimmt er eine Frau mit ins Haus und missbraucht sie - nicht nur als Haushaltshilfe. Überhaupt hat Ortuño den Roman sehr vielstimmig konzipiert. Neben Negra, dem Mann ihrer Tochter werden auch noch Yein oder der Gangchef Morro durch kurze Kapitel begleitet. Außerdem wird die Handlung immer wieder durch zynische Pressemitteilungen unterbrochen, in denen die Nationalkommission für Migration ihr Bedauern über verschiedene Bluttaten ausdrückt und absolute Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden verspricht. Das übliche Blabla eben. Dieses Buch ist ein wütendes Manifest gegen die Gewalt und den Rassismus gegen zentralamerikanische Flüchtlinge in Mexiko und gegen die Korruption und Gleichgültigkeit der staatlichen Behörden. Und auch wenn das hier Mexiko als Schauplatz ist, sollten wir Europäer tunlichst hieraus unsere eigenen Schlüsse ziehen. Ein wirklich erschütternder Roman und definitiv lesenswert.

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    • 12
  • Ungeschönt und wortgewaltig zeigt dieses Buch den Umgang mit Flüchtlingen im Süden Mexikos auf!

    Die Verbrannten

    Sommerregen

    In einer Notunterkunft für zentralamerikanische Flüchtlinge in Santa Rita, einer unbedeutsamen Stadt im Süden Mexikos, wird ein Feuer gelegt. Frauen, Männer und Kinder fallen den Flammen zum Opfer. “Die Nationalkommission für Migration (NkM) äußert mit Nachdruck ihre Empörung anlässlich des Anschlags auf die aus verschiedenen zentralamerikanischen Ländern stammenden (…) Migranten” (S.86) Die Sozialarbeiterin Irma, auch La Negra genannt, soll Untersuchungen anstellen. Doch sind ihre Ermittlungen keineswegs erwünscht, denn in einem Land, in dem zentralamerikanische Flüchtlinge reihenweise illegal eingeschleust, ausgenommen, vergewaltigt, ermordet und anschließend in Massengräbern verscharrt und verleugnet werden, ist niemand bereit auszusagen. Die Schlepper stellen noch immer eine viel zu große Bedrohung dar. Doch sind sie nicht die einzige Gefahr. Denn wenn Schlepper und Behörden gemeinsam ein kriminelles Geschäft betreiben, ist niemand der Fragen stellt mehr sicher. Besonders keine Sozialarbeiterinnen, die sich den Überlebenden annehmen und versuchen diese zu schützen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. La Negras einzige Hoffnung ist die 20jährige Yein. Sie wurde Zeugin des Anschlags, doch ist es schwierig in einer Umgebung, in der jedes zu viel gesprochene Wort eine Bedrohung darstellt, an Informationen zu gelangen. Yein hat, wie jeder einzelne der Flüchtlinge, Schreckliches erlebt. Unvorstellbares, dass einem Schauer über den Rücken laufen lässt. Für die wenigen Überlebenden, die sich bei einem Anschlag retten konnten, ist dies jedoch erst der Beginn.. Als sich die Anschläge häufen reagiert die Nationalkommission für Migration mit sich immer ähnelnden Pressemitteilungen. Das Geschehene wird zutiefst bedauert, Versprechungen werden gemacht, die niemals eingehalten werden sollen. “Die Nationalkommission für Migration (NkM) äußert mit Nachdruck ihre Empörung angesichts des Anschlags auf die aus diversen zentralamerikanischen Ländern stammenden Migranten” (S.108) Doch für La Negra beginnt die Suche nach den Tätern. “NkM erklärt Pflicht, Migranten zu schützen, und Absicht, Ermittlungen zu unterstützen” (S. 108) “Die Verbrannten” von Antonio Ortuño beschreibt eindringlich, wie in einem Land voller Korruption und krimineller Banden mit Flüchtlingen umgegangen wird. Schätzungsweise durchqueren 12.500 Minderjährige jährlich den Süden Mexikos; jeder sechste von ihnen reist ohne Begleitung auf den Güterzügen. Dabei werden tausende Migranten auf ihrem ohnehin schon harten Weg in die USA überfallen, ausgeraubt, vergewaltigt, ermordet oder fallen dem Menschenhandel zum Opfer. Der auf den lediglich 208 Seiten vermittelte Inhalt ist überwältigend. Beim Lesen musste ich immer wieder Pausen einlegen, da es kaum vorstellbar ist, wie grausam Menschen sein können und wie abgekartet manche Spiele sind. Hierbei handelt es sich auch um ein Buch, das wütend macht. Erschreckend realistisch werden die Anschläge und Reaktionen in Bevölkerung und in den Behörden beschrieben. Darüber hinaus ist “Die Verbrannten” extrem spannend, öffnet es einem doch die Augen. Man wird mit so viel Leid, Korruption, Angst und Rassismus konfrontiert, dass man sich zu fragen beginnt, wie so etwas nur möglich sein kann. Dadurch regt dieses Buch dazu an, sich zu informieren, die Augen offen zu halten, nach Möglichkeiten zu handeln zu suchen. Allerdings ist dieses Buch auch brutal, sodass es wohl nicht für jeden ein Lesegenuss wäre; doch wer dies aushält, sollte sich dringend an dieses Buch wagen! Auch die Sprache ist etwas Besonderes, da alles mit einem solchen Zorn beschrieben wird, dass einem das Gelesene noch näher geht. Leider ist dieses Buch erschreckend aktuell! Ungeschönt und wortgewaltig zeigt es den Umgang mit Flüchtlingen im Süden Mexikos auf, weswegen ich es absolut weiter empfehlen kann!

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    • 8

    clary999

    15. September 2015 um 19:33
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