Anya Ulinich

 3.9 Sterne bei 28 Bewertungen
Autor von Petropolis, Petropolis und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Anya Ulinich

Petropolis

Petropolis

 (26)
Erschienen am 01.04.2011
Petropolis

Petropolis

 (2)
Erschienen am 01.11.2008
Lena Finkle's Magic Barrel

Lena Finkle's Magic Barrel

 (0)
Erschienen am 29.07.2014

Neue Rezensionen zu Anya Ulinich

Neu

Rezension zu "Petropolis" von Anya Ulinich

Rezension zu "Petropolis" von Anya Ulinich
Ein LovelyBooks-Nutzervor 8 Jahren

Petropolis der Debütroman von Anya Ulinich handelt von einem Mädchen, einer jungen Frau, die sich in einer Welt zurechtfinden muss, die selbst so instabil ist wie ein Mensch in der Pubertät, denn gerade ist der Eiserne Vorhang gefallen...

Sascha Goldberg ist vierzehn, ziellos und einsam. In der sibirischen Kleinstadt Asbest 2 hat sie keine Freunde, das Mädchen mit der dunklen Haut und dem jüdischen Nachnamen, beides geerbt von ihrem halbafrikanischen Vater. Kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich der Vater mit einem Visum davongemacht, ihre Mutter tut so als habe es ihn gar nicht gegeben und klammert sich an alte Werte, und diesen muss doch auch die Tochter genügen. Ist sie nicht ein Sproß der „Intelligenzija“, den überresten des stolzen und doch überkommenen russischen Bürgertums?
Also wird Sascha natürlich studieren... und so landet sie in einer heruntergekommenen Kunstschule, einem Relikt aus Sowjetzeiten und soll später einmal Kunst studieren... und obwohl sie sich sträubt, findet Sascha nach und nach doch Dinge, die sie faszinieren. Kunst, eine Freundin... und den Bruder der großen Freundin, in den sich das pummlige und sich als hässlich fühlende Mädchen verliebt.
Letztlich aber ist es nicht Russland, das Sascha lockt... und so macht sie sich auf nach Amerika... und egal was sie anfasst, immer wieder stolpert sie über seltsame Menschen, über ihre eigenen nicht entschüsselten Träume und Wünsche und sucht nach einem Leben, nach ihrem Vater und geht dabei immer wieder Überkreuz mit den alten russischen Zeiten und der neuen Welt.

Aus dem Klappentext und der Kurzbiographie der Autorin geht deutlich hervor, das es wohl einige eigene Erfahrungen geht, die sie in diesem Roman verarbeitet hat. Ihr Blick auf die Russen ist oft karikaturistisch und doch von großer Nähe geprägt. Ihr gelingt es auch, einen sehr real wirkenden Blick auf diese Zeit des Umbruchs zu werfen und sie hat mit der Person Sascha eine Figur gefunden, die ohne das die Geschichte sich verhaspelt, viele Punkte aufgreift, die sich aus der Zeitgeschichte ergeben... aber endgültige Antworten und abschließende Äußerungen findet sie nicht, was sehr gut zu einer Geschichte des Erwachsenwerdens passt.
Ihre Sprache ist dabei realistisch und ehrlich. Russische Einsprengsel und viele eigenwillige Namensgebungen machen es befremdlich, aber auch originell und humoristisch. Die Kunstschule heißt zum Beispiel „Nach dem Essen“, frei nach den Texten, die sich in überdimensionalen Lettern auf den Häuserwänden finden, denn in den Retortenstädten hat sich niemand die Mühe gegeben dem Ort selbst oder gar seinen Straßen je Namen zu geben. Sozialistische Realität oder nur augenzwinkerndes Beiwerk? Ich weiß es nicht aber es hat mir gefallen.

Der Roman hat mir gut gefallen zum einen Weil weder die russische Welt noch die neue im fernen Amerika irgendwie besonders gut dabei wegkommen. Mit einem klaren Blick für die Macken aus Tradition und politischen Systemen, lässt Ulinich ihre Protagonistin ihr Leben beginnen und verhängt sich nicht ein einziges Mal zu Tief in irgendwelchen Klischees. Sie schreibt von Menschen, ihren Schwächen und Fehlern, ihren großen Momenten, den Vergänglichkeiten von Liebe und Tod. Irgendwie ist es eine Parabel zum weltpolitischen Geschehen jener Zeit, aber auch einfach nur eine Geschichte von jugendlichen Dummheiten und dem schweren Weg des Erwachsenwerdens... und vor allen Dingen von der Suche nach der eigenen Identität.

Eine gute und kurzweilige Lektüre, die so schnell nicht vergessen wird. Erinnerung an ein Zeit die noch lange nicht vorüber ist, sei es die eigene Jugend und die Suche nach dem Ich, oder auch das Zusammenprallen der Kulturen.

Kommentieren0
10
Teilen

Rezension zu "Petropolis" von Anya Ulinich

Rezension zu "Petropolis" von Anya Ulinich
Ein LovelyBooks-Nutzervor 10 Jahren

Wie Leben ineinander übergehen

Petropolis ist ein Roman, der vor dem Hintergrund des allseits bekannten und doch recht abgegriffenen American Dreams eine neue Stimme und Form jenes Hoffnungsgedankens auserzählt. Protagonistin ist die nicht so hübsche, etwas mollige, zu einem Viertel schwarze und jüdische Sascha Goldberg. Sie ist das Kind eines Waisen und einer aufstrebsamen Frau aus dem hintersibirischen Asbest II.
Zum Leitgedanken des Romans wird Ossip Mandelstams Gedicht Petropolis, dein Bruder stirbt aus dem Gedichtband Tristia. Jene Lyrik spiegelt das bröckelnde Bild der Sowjetherrschaft, das dergestalt auch dem Buch anhaftet, und dort in der Breite prosaischer Darstellung dem Leser mit ernstem Witz nahe gebracht wird. Die Geschichte wird von jenem Gedicht praktisch umrahmt und erzeugt eine triste, teilweise außerordentlich melancholische Stimmung. Eine Stimmung, die für jeden Protagonisten im Roman sehr bedeutsam zu sein scheint. Und somit glaubhaft macht, dass der Leser es hier mit wahren Individuen zu tun hat. Dies findet sich auch in den aberwitzigen, zynischen und einfach nur komischen Äußerungen Saschas, der Heldin des Buches, wieder. Aus ihrer Sicht wird erzählt und man merkt den tragikomischen Wendungen des Romans diese Dualität zwischen Bitter und Komisch an. Der thematische Aufhänger für den Roman ist die Verbindung zwischen Viktor und Ljubov, den Eltern von Sascha. Deren gemeinsame und für Sascha lebensbestimmende Beziehung entsteht durch besagtes Gedicht von Mandelstam.
Viktor ist das Kind eines Schwarzen und einer Russin. Er wurde während der sechsten internationalen Jugendweltspiele von einem der schwarzen Besucher und einer Russin gezeugt und dann von seiner leiblichen Mutter verstoßen. Ein Produkt der Völkerfreundschaft ist er also, aber ein nicht gewolltes Resultat. So landet er vorerst im Krankenhaus, wo sich ein Intellektuellen-Ehepaar für ihn entscheidet, weil er das hellste der Kinder aus einer Reihe von Völkerfreundschaftsprodukten darstellte und ihn adoptiert. So landet Viktor in einer gutbetuchten Familie. Lange wird er diese jedoch nicht allzu die seine nennen können. Nach deren tragischem Tod landet Viktor im Waisenhaus, später wird er in den Militärdienst eingezogen, verwundet, wie so viele Andere und weilt zufällig in dem Krankenhaus zur Genesung, wo Ljubov ihre kranke Mutter besucht. Ljubov, die in ihrem Leben nach etwas Besserem sucht, dass sie in einem leicht fremdländisch aussehenden Mann, der zumindest aus Moskau kommt, zu finden glaubt. Besser als nichts ist das allemal.
Anya Ulinich selbst hatte die Erfahrung gemacht, was es bedeutete, von Russland in nach Amerika auszuwandern.

„Als ich in die USA kam, war vieles aus meiner Vergangenheit – meine Erfahrungen, meine Erinnerungen, und die russische Sprache – plötzlich nicht mehr Teil meines Alltags. Ich fühlte mich auf einmal wie eine gespaltene Persönlichkeit. Ein Teil von mir streifte stumm durch Phoenix und versuchte in erster Linie zu überleben. Wir waren ohne Aufenthaltserlaubnis nach Arizona gekommen, ohne Geld und mit etwa zwanzig englischen Wörtern. Die Erfahrung, die ich in diesen ersten Jahren in den USA gemacht habe, stehen meiner sowjetischen Kindheit an Absurdität in nichts nach.“

Diese Aussagen kann man dem Interview des Booklets entnehmen. Liest man sich die obigen Zeilen durch und vergleicht sie in ihren Ansätzen mit der Geschichte um Sascha, eigentlich Alexandra Goldberg, die im sibirischen Asbest II aufwächst, so kann man autorbiographische Erfahrungen erahnen. Asbest II ist dabei eine Stadt, die jeglicher funktionierenden Infrastruktur entbehrt und deren Kinder sich immer mehr von dieser Gegend fortstehlen, um woanders, nur nicht in Asbest II, eine goldenere Zukunft zu finden. Allzu schwer dürfte dies nicht werden. In diesem fast gottverlassenen Dorf gibt es kaum Industrie oder Wirtschaft, somit keine Aussichten. So ist auch Nachwuchs eine ausbleibende Komponente. Saschas Mutter Ljubow, der Name bedeutet „Liebe“, drängt ihre einzige Tochter darum in die Rolle derjenigen, aus der etwas Besseres werden soll. Darum beginnt nun Sascha im Alter von vierzehn Jahren eine zusätzliche, außerschulische Ausbildung im „Nach dem Essen“, einem sowjetisch geprägten pädagogischen Künstlerzirkel. Dass dieser allerdings für die weniger Betuchten ist, scheint Ljubov nicht zu bemerken. Für Sascha ist dies die Fundgrube menschlichen Seins. Dort begegnet sie wahnwitzigen Charakteren, die sie im Zeichnen und dem Erleben, Schaffen und Erkennen der Kunst unterrichten und trifft auch zum ersten Mal einen Menschen, den man einen Freund nennen könnte. Der Bruder ihrer Klassenkameradin jedoch, Aleksey, scheint letzten Endes weitaus größere, interessantere Bedürfnisse in ihr zu erwecken. Sascha lässt sich mit ihm ein, mit diesem Aleksey, diesem starken, russischen Mann. Das funktioniert solange, bis dies verbotene Früchte trägt. Denn einige Wochen später, während Sascha schläft, wachsen „einem kleinen Mädchen in ihrem Inneren kleine durchscheinende rosa Fingernägel.“
Da scheint die Verbindung zum trostlosen Leben ihrer Mutter nicht weit. „Man musste zu unkonventionellen Mitteln greifen, wenn man in Asbest II zu etwas kommen wollte“, denkt Ljubov. Als sie damals in dem Krankenhaus, in dem ihre Mutter lag, auf Viktor traf, wurde dies zur Idee ihrer Lebensfindung. Sie wollte mit diesem Viktor leben, den sie aufgrund der Bücher, die sie bei sich trug, kennenlernte. Viktor, der sich in dem Krankenhaus durch die Bücher an seine zweiten Eltern, die Intellektuellen, erinnert fühlte. Und Ljubov, die mit Zitieren der Gedichtzeilen Mandelstams und der Tatsache, dass Viktor diese kannte, einen möglichen Weg in die Zukunft erspähte. Diese getragenen Bücher sollen den Weg aus der Armee für Viktor bedeuten. Denn mit jenen wertvollen Ausgaben besticht Ljubov den Arzt, Viktor wird vom Militärdienst suspendiert und lebt mit seiner plötzlichen Frau und dann auch der kleinen Sascha in einer dieser Kartonwohnungen vor sich hin. Bis ein vielversprechender Brief aus Amerika eintrifft und Viktor spurlos verschwindet.
Ab diesem Zeitpunkt, der Ungewissheit Saschas, was mit ihrem Vater geschehen ist und dem Wissen, dass dieser nun in Amerika lebt, gedeiht in der jungen krisselhaarigen Russin der Gedanke an das große Land am anderen Ende der Welt wie eine junge, robuste Pflanze, die nach Leben giert und auch ohne Licht und genügend Wasser überdauern kann. Der Leser erlebt mit den Stationen, die Sascha passiert und den Rückblicken in der Geschichte, wie die Leben der Menschen ineinander übergehen und Herkunft den Einzelnen bestimmt. Er erlebt, wie diese Herkunft auch in der Fremde zu finden ist und man letztendlich doch am besten auf sich selbst hört.
Die Geschichte um Sascha, die den Weg weg von Russland durch eine Internetkontaktanzeige findet und so zur Mailorder-Braut wird, Sascha, die sich von Asbest II in Sibirien nach Moskau und dann in die USA durchschlägt, ist in ihren Anlagen nicht neu. Aber die geradlinige Art der Schreibe von Anya Ulinich lässt den Leser nicht mehr los. Die Verbindung dieser Geschichte mit der trotzigen Stimme von Jasmin Tabatabei ist einfach nur brillant. Die eigenen Erfahrungen der persisch-deutschen Schauspielerin und Musikerin, die selbst mit 12 Jahren ihre Heimat Teheran verließ, um mit ihren Geschwistern und der Mutter fortan in Deutschland zu leben, mögen der Geschichte von Anya Ulinich diese Lebendigkeit verliehen haben, durch die dieses Hörbuch lebt. Man mag sich dem Schicksal von Sascha nicht mehr entziehen und genießt jede einzelne Minute der Geschichte ohne einen Gedanken an ein mögliches Ende. Ein Ende, das dann doch so schnell kommt und ein letztendlich durchaus positives Ende bereit hält, das man den Figuren aber auch wünscht, weil sie einem innerhalb all dieser Hörstunden so ans Herz gewachsen sind.

Fazit: Dieser Roman nimmt einen an die Hand und lässt so die Geschichte praktisch im Original vor den eigenen Augen auferstehen. Man verliebt sich in Sascha und geht jeden Schritt mit ihr mit. Das Hörbuch ist in allen seinen Facetten ein gelungenes Stück Literatur, dass sich erstens durch seine sehr schöne optische Ausgestaltung sehen, durch die wunderbare Stimme von Jasmin Tabatabei hören und durch die einfach fantastische Geschichte Anya Ulinichs immer wieder von vorn aufrollen lässt! Ein Roman, bei dem man viel erfahren und durch genaues Hören dazulernen kann, der für die ganze Familie geeignet ist.

Kommentieren0
15
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 54 Bibliotheken

auf 1 Wunschlisten

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks