Anya Ulinich Petropolis

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Inhaltsangabe zu „Petropolis“ von Anya Ulinich

Mit 17 hat Alexandra - genannt Sascha - Goldberg schon ein ganzes Leben hinter sich: Sie war Kunststudentin in Moskau (erschwindelter Platz), wurde Mutter einer ungewollten Tochter in Asbest 2, einem Gulag-Außenposten im postsowjetischen Sibirien (grausam), bewarb sich als mail-order-Braut (erfolgreich) und konterkarierte damit die Bemühungen ihrer Mutter, ein respektables Mitglied der "intelligenzija" aus ihr zu machen (endgültig). Saschas Weg führt aus einem gottverlassenen ex-sozialistischen Kaff in das Land der falschen Verheißungen - über Phoenix Arizona (indiskutable Ehe) nach Chicago (privilegierte Sklavenarbeit) bis nach Brooklyn, wo so was wie Glück endlich greifbar wird.Für ein Mädchen mit der Anmut eines Elefantenbabys, störrischem Haar und zu dunkler Haut hat Sascha Goldberg aus Asbest 2 ein verblüffend großes Herz und einen geradezu hysterischen Scharfblick auf das Leben in Amerika. Eine unwiderstehliche Komödie. Ein leidenschaftliches, absolut ungewöhnliches Debüt. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die anders riecht, anders schmeckt, anders schillert als alles, was man bisher gelesen hat.

Was für eine wunderschöne Ausstattung der CD. Und die Lesestimme von Jasmin Tabatabei passt einfach wunderbar.

— Ein LovelyBooks-Nutzer

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  • Rezension zu "Petropolis" von Anya Ulinich

    Petropolis

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    10. May 2009 um 10:43

    Wie Leben ineinander übergehen Petropolis ist ein Roman, der vor dem Hintergrund des allseits bekannten und doch recht abgegriffenen American Dreams eine neue Stimme und Form jenes Hoffnungsgedankens auserzählt. Protagonistin ist die nicht so hübsche, etwas mollige, zu einem Viertel schwarze und jüdische Sascha Goldberg. Sie ist das Kind eines Waisen und einer aufstrebsamen Frau aus dem hintersibirischen Asbest II. Zum Leitgedanken des Romans wird Ossip Mandelstams Gedicht Petropolis, dein Bruder stirbt aus dem Gedichtband Tristia. Jene Lyrik spiegelt das bröckelnde Bild der Sowjetherrschaft, das dergestalt auch dem Buch anhaftet, und dort in der Breite prosaischer Darstellung dem Leser mit ernstem Witz nahe gebracht wird. Die Geschichte wird von jenem Gedicht praktisch umrahmt und erzeugt eine triste, teilweise außerordentlich melancholische Stimmung. Eine Stimmung, die für jeden Protagonisten im Roman sehr bedeutsam zu sein scheint. Und somit glaubhaft macht, dass der Leser es hier mit wahren Individuen zu tun hat. Dies findet sich auch in den aberwitzigen, zynischen und einfach nur komischen Äußerungen Saschas, der Heldin des Buches, wieder. Aus ihrer Sicht wird erzählt und man merkt den tragikomischen Wendungen des Romans diese Dualität zwischen Bitter und Komisch an. Der thematische Aufhänger für den Roman ist die Verbindung zwischen Viktor und Ljubov, den Eltern von Sascha. Deren gemeinsame und für Sascha lebensbestimmende Beziehung entsteht durch besagtes Gedicht von Mandelstam. Viktor ist das Kind eines Schwarzen und einer Russin. Er wurde während der sechsten internationalen Jugendweltspiele von einem der schwarzen Besucher und einer Russin gezeugt und dann von seiner leiblichen Mutter verstoßen. Ein Produkt der Völkerfreundschaft ist er also, aber ein nicht gewolltes Resultat. So landet er vorerst im Krankenhaus, wo sich ein Intellektuellen-Ehepaar für ihn entscheidet, weil er das hellste der Kinder aus einer Reihe von Völkerfreundschaftsprodukten darstellte und ihn adoptiert. So landet Viktor in einer gutbetuchten Familie. Lange wird er diese jedoch nicht allzu die seine nennen können. Nach deren tragischem Tod landet Viktor im Waisenhaus, später wird er in den Militärdienst eingezogen, verwundet, wie so viele Andere und weilt zufällig in dem Krankenhaus zur Genesung, wo Ljubov ihre kranke Mutter besucht. Ljubov, die in ihrem Leben nach etwas Besserem sucht, dass sie in einem leicht fremdländisch aussehenden Mann, der zumindest aus Moskau kommt, zu finden glaubt. Besser als nichts ist das allemal. Anya Ulinich selbst hatte die Erfahrung gemacht, was es bedeutete, von Russland in nach Amerika auszuwandern. „Als ich in die USA kam, war vieles aus meiner Vergangenheit – meine Erfahrungen, meine Erinnerungen, und die russische Sprache – plötzlich nicht mehr Teil meines Alltags. Ich fühlte mich auf einmal wie eine gespaltene Persönlichkeit. Ein Teil von mir streifte stumm durch Phoenix und versuchte in erster Linie zu überleben. Wir waren ohne Aufenthaltserlaubnis nach Arizona gekommen, ohne Geld und mit etwa zwanzig englischen Wörtern. Die Erfahrung, die ich in diesen ersten Jahren in den USA gemacht habe, stehen meiner sowjetischen Kindheit an Absurdität in nichts nach.“ Diese Aussagen kann man dem Interview des Booklets entnehmen. Liest man sich die obigen Zeilen durch und vergleicht sie in ihren Ansätzen mit der Geschichte um Sascha, eigentlich Alexandra Goldberg, die im sibirischen Asbest II aufwächst, so kann man autorbiographische Erfahrungen erahnen. Asbest II ist dabei eine Stadt, die jeglicher funktionierenden Infrastruktur entbehrt und deren Kinder sich immer mehr von dieser Gegend fortstehlen, um woanders, nur nicht in Asbest II, eine goldenere Zukunft zu finden. Allzu schwer dürfte dies nicht werden. In diesem fast gottverlassenen Dorf gibt es kaum Industrie oder Wirtschaft, somit keine Aussichten. So ist auch Nachwuchs eine ausbleibende Komponente. Saschas Mutter Ljubow, der Name bedeutet „Liebe“, drängt ihre einzige Tochter darum in die Rolle derjenigen, aus der etwas Besseres werden soll. Darum beginnt nun Sascha im Alter von vierzehn Jahren eine zusätzliche, außerschulische Ausbildung im „Nach dem Essen“, einem sowjetisch geprägten pädagogischen Künstlerzirkel. Dass dieser allerdings für die weniger Betuchten ist, scheint Ljubov nicht zu bemerken. Für Sascha ist dies die Fundgrube menschlichen Seins. Dort begegnet sie wahnwitzigen Charakteren, die sie im Zeichnen und dem Erleben, Schaffen und Erkennen der Kunst unterrichten und trifft auch zum ersten Mal einen Menschen, den man einen Freund nennen könnte. Der Bruder ihrer Klassenkameradin jedoch, Aleksey, scheint letzten Endes weitaus größere, interessantere Bedürfnisse in ihr zu erwecken. Sascha lässt sich mit ihm ein, mit diesem Aleksey, diesem starken, russischen Mann. Das funktioniert solange, bis dies verbotene Früchte trägt. Denn einige Wochen später, während Sascha schläft, wachsen „einem kleinen Mädchen in ihrem Inneren kleine durchscheinende rosa Fingernägel.“ Da scheint die Verbindung zum trostlosen Leben ihrer Mutter nicht weit. „Man musste zu unkonventionellen Mitteln greifen, wenn man in Asbest II zu etwas kommen wollte“, denkt Ljubov. Als sie damals in dem Krankenhaus, in dem ihre Mutter lag, auf Viktor traf, wurde dies zur Idee ihrer Lebensfindung. Sie wollte mit diesem Viktor leben, den sie aufgrund der Bücher, die sie bei sich trug, kennenlernte. Viktor, der sich in dem Krankenhaus durch die Bücher an seine zweiten Eltern, die Intellektuellen, erinnert fühlte. Und Ljubov, die mit Zitieren der Gedichtzeilen Mandelstams und der Tatsache, dass Viktor diese kannte, einen möglichen Weg in die Zukunft erspähte. Diese getragenen Bücher sollen den Weg aus der Armee für Viktor bedeuten. Denn mit jenen wertvollen Ausgaben besticht Ljubov den Arzt, Viktor wird vom Militärdienst suspendiert und lebt mit seiner plötzlichen Frau und dann auch der kleinen Sascha in einer dieser Kartonwohnungen vor sich hin. Bis ein vielversprechender Brief aus Amerika eintrifft und Viktor spurlos verschwindet. Ab diesem Zeitpunkt, der Ungewissheit Saschas, was mit ihrem Vater geschehen ist und dem Wissen, dass dieser nun in Amerika lebt, gedeiht in der jungen krisselhaarigen Russin der Gedanke an das große Land am anderen Ende der Welt wie eine junge, robuste Pflanze, die nach Leben giert und auch ohne Licht und genügend Wasser überdauern kann. Der Leser erlebt mit den Stationen, die Sascha passiert und den Rückblicken in der Geschichte, wie die Leben der Menschen ineinander übergehen und Herkunft den Einzelnen bestimmt. Er erlebt, wie diese Herkunft auch in der Fremde zu finden ist und man letztendlich doch am besten auf sich selbst hört. Die Geschichte um Sascha, die den Weg weg von Russland durch eine Internetkontaktanzeige findet und so zur Mailorder-Braut wird, Sascha, die sich von Asbest II in Sibirien nach Moskau und dann in die USA durchschlägt, ist in ihren Anlagen nicht neu. Aber die geradlinige Art der Schreibe von Anya Ulinich lässt den Leser nicht mehr los. Die Verbindung dieser Geschichte mit der trotzigen Stimme von Jasmin Tabatabei ist einfach nur brillant. Die eigenen Erfahrungen der persisch-deutschen Schauspielerin und Musikerin, die selbst mit 12 Jahren ihre Heimat Teheran verließ, um mit ihren Geschwistern und der Mutter fortan in Deutschland zu leben, mögen der Geschichte von Anya Ulinich diese Lebendigkeit verliehen haben, durch die dieses Hörbuch lebt. Man mag sich dem Schicksal von Sascha nicht mehr entziehen und genießt jede einzelne Minute der Geschichte ohne einen Gedanken an ein mögliches Ende. Ein Ende, das dann doch so schnell kommt und ein letztendlich durchaus positives Ende bereit hält, das man den Figuren aber auch wünscht, weil sie einem innerhalb all dieser Hörstunden so ans Herz gewachsen sind. Fazit: Dieser Roman nimmt einen an die Hand und lässt so die Geschichte praktisch im Original vor den eigenen Augen auferstehen. Man verliebt sich in Sascha und geht jeden Schritt mit ihr mit. Das Hörbuch ist in allen seinen Facetten ein gelungenes Stück Literatur, dass sich erstens durch seine sehr schöne optische Ausgestaltung sehen, durch die wunderbare Stimme von Jasmin Tabatabei hören und durch die einfach fantastische Geschichte Anya Ulinichs immer wieder von vorn aufrollen lässt! Ein Roman, bei dem man viel erfahren und durch genaues Hören dazulernen kann, der für die ganze Familie geeignet ist.

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