Aram Mattioli

 4.1 Sterne bei 9 Bewertungen

Lebenslauf von Aram Mattioli

Aram Mattioli, geboren 1961, lehrt als Professor für Neueste Geschichte an der Universität Luzern. Er studierte an der Universität Basel Geschichte und Philosophie. International bekannt wurde er durch seine Forschungen zum faschistischen Italien. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Geschichte des indianischen Nordamerika. Er schreibt u.a. für DIE ZEIT.

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Rezension zu "Verlorene Welten: Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910" von Aram Mattioli

Eine überfällige Darstellung zur Geschichte der Indianer Nordamerikas
SiColliervor 6 Monaten

Die Zerstörung des indianischen Nordamerika darf als Schlüsselereignis nicht mehr länger aus der Geschichte der USA wegretuschiert werden, gerade weil viele Amerikaner diese Katastrophe jahrzehntelang ausblendeten oder sie in ihrer Bedeutung bis heute kleinreden. (Seite 348)

Meine Meinung

„Es ist nicht möglich, alle an California Indians verübten Massenmorde zu thematisieren, weil es schlicht zu viele an der Zahl sind.“ (S. 210) Der Satz stand bei der Überlegung, welches Zitat ich über meine Rezension stelle, mit zur Auswahl. Immerhin hat er es an den Beginn der Rezension geschafft und deutet so auf zweierlei hin: daß es weder im Buch noch in der Rezension möglich ist, alles Relevante zu erwähnen (weil es schlicht zu viel ist) und wes Geistes Kind die heutigen USA sind, was zu deren Verständnis hilfreich ist.

Selten hat mich ein Buch dermaßen wütend zurückgelassen wie dieses. Und das, obwohl (oder gerade deswegen?) der Autor in durchweg sachlicher, aber gut lesbarer, Sprache die historischen Ereignisse schildert. Daß er sich diese nicht aus den Fingern saugt, mag die übergroße Anzahl von Quellenhinweisen am Ende des Buches bezeugen.

Zu Beginn führt er aus, daß es heute drei Positionen zum Untergang der Indianer gibt: die erste besagt, daß der Untergang nicht gewollt passierte, sondern eine „unbeabsichtigte Nebenfolge“ (S. 22) der Westexpansion war. Der zweite ist der Meinung, daß die nordamerikanischen Indianer seit Beginn der europäischen Expansion „Opfer eines gezielten und systematisch betriebenen Völkermordes“ wurden. (S. 22f) Der dritte schließlich besagt, daß die erstgenannten beide nicht zutreffend sind, sondern daß die Indianer an verschiedenen einzelnen Formen der Massengewalt, wie zum Beispiel Todesmärsche bei Umsiedelungsaktionen, Unterversorgung in Reservaten, Kindeswegnahmen, Massakern (vgl. S. 24f) unter gingen, diese insgesamt jedoch nicht die Bedingungen der Genozidkonvention vom 9. Dezember 1948 erfüllen würden.

Das Buch selbst ist in einzelne Kapitel, die sich mit jeweils einer Großthematik, wiederum unterteilt in bestimmte Regionen bzw. Nationen, befassen aufgeteilt. So entsteht für die Zeit ab etwa 1700 bis in die Neuzeit ein sehr umfangreiches und detailliertes Bild dessen, was durch die Besiedelung des Westens durch die Amerikaner den dort seit Jahrhunderten lebenden indigenen Völkern widerfahren ist. Sicherlich würde eine Gesamtdarstellung aller Nationen samt deren Schicksal den Rahmen dieses (und auch jedes anderen Buches) sprengen, aber dadurch, daß wesentliche Schwerpunktthemen behandelt werden, erhält der Leser doch ein recht vollständiges Bild jener Ereignisse, die oft als „Eroberung des Wilden Westens“ verklärt dargestellt werden.

Neu waren für mich die Ausführungen dazu, weshalb sich viele Nationen mit den Briten und/oder Franzosen gegen die Amerikaner verbündeten. Vor allem die Franzosen gestanden den Indianern - im Gegensatz zu den Amerikanern - viele Rechte zu, so daß sie relativ frei und unbehelligt in von diesen kontrollierten Gebieten leben konnten. Die Parteinahme für Briten und Franzosen war also wohlüberlegt im Sinne des eigenen Überlebens. Die verheerende Wirkung der von den Europäern eingeschleppten Seuchen war mir allerdings schon früher in anderen Veröffentlichungen begegnet.

Immer wieder wird deutlich, daß es den Amerikanern völlig egal war, wie sie ihr Ziel, den Kontinent vollständig zu unterwerfen und zu besiedeln, erreichen. Dabei trat ein erschreckender Rassismus zutage, der bis heute wirkmächtig ist. Denn die First People wurden nicht als (gleichberechtigte) Menschen, sondern als „Wilde“, als „auf Steinzeitstufe stehengebliebene“, als „unterlegene Rasse“ angesehen, deren natürliches Schicksal es sei auszusterben. Niemand störte sich daran, daß dazu beispielsweise auch der 1. Zusatzartikel zur Verfassung gebrochen wurde (vgl. S. 297).

Nach der Lektüre des Buches bin ich persönlich zu der Überzeugung gekommen, daß vielleicht kein expliziter schriftlicher Regierungsbeschluß zur vollständigen Ausrottung der Indianer existiert haben mag, die Handlungsweise sowohl von Regierung, US Army als auch den Siedlern lief jedoch auf genau diese hinaus. Weshalb vielleicht nicht im strengen juristischen Sinne nach einer Definition, die Jahrzehnte später erst erstellt wurde, in sachlicher und „gesunder menschenverstandsmäßigen“ Hinsicht jedoch sehr wohl ein gewollter Genozid vorliegt.

Schriftlich nachweisen läßt sich allerdings der Ethnozid (vgl. das Kapitel S. 294ff: „Versuchter Ethnozid: ‘Töte den Indianer, rette den Menschen’“), in dem versucht wurde, die indianische Religion und Kultur vollständig auszulöschen. Es grenzt schon an ein Wunder, daß dies trotz der massiven Maßnahmen letztlich nicht gelang, wenngleich viel verloren gegangen ist.

Vieles ließe sich noch anführen, aber wie eingangs erwähnt, reicht dafür der Platz nicht aus. Nur zwei aktuelle Bezüge sind mir im Verlauf des Lesens bewußt bzw. klar geworden. Zum Einen, daß der derzeitige US Präsident Donald Trump in „bester“ amerikanischer Tradition handelt und zum Anderen Europa (bzw. die EU Staaten) aufpassen müssen, daß es ihnen nicht ähnlich ergeht wie den Native Americans. Denn rücksichtslose und rüpelhafte Politik hat in Amerika offensichtlich eine jahrhundertelange Tradition. Dagegen hilft nur große Geschlossenheit, Entschiedenheit und Stärke. Wer weiß, wie die Geschichte in Nordamerika verlaufen wäre, hätten die indigenen Völker über diese Eigenschaften verfügt.

So bleibt am Ende nur der Hinweis von Simon Pokagon, einem Potawatomi, von 1893 in seinem Büchlein „The Red Man’s Rebuke“:
„Und während ihr, die ihr Fremde seid und hier lebt, die Angebote der Handarbeit eurer eigenen Länder hierher bringt und eure Herzen voller Bewunderung frohlocken über die Pracht und Größe dieser jungen Republik (...) vergesst nicht, dass diesem Erfolg unsere Heimstätten und eine einst glückliche Rasse geopfert wurden.“ (S. 337)


Mein Fazit

Eine umfassende, mit großer Sachkenntnis gut lesbar geschriebene Darstellung der Geschichte der Indianer der USA und ihres Unterganges. Ein unbedingtes Muß für jeden, der sich für die Thematik interessiert.

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Buchgespensts avatar

Rezension zu "Verlorene Welten: Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910" von Aram Mattioli

Schonungslose Wahrheit
Buchgespenstvor einem Jahr

Amerika und seine Indianer – eine Geschichte voller Romantisierung, Politisierung und Vertuschung. Eine objektive geschichtliche Darstellung ist schwierig, da viele Quellen von persönlichen Zielen geprägt sind, doch auch in Amerika setzt sich ein differenzierte r Forschungsansatz, der nicht darauf beharrt das Gesicht zu wahren, immer mehr durch. Mit diesem Buch liegt eine schonungslose Darstellung der Geschichte der First Peoples zwischen 1700 und 1900 vor. Schonungslos ist sie in vielerlei Hinsicht. Nicht nur Vertreter der alten Politik, sondern auch diejenigen, die die Indianer romantisieren stoßen hier auf Erkenntnisse, die ihr Weltbild auf den Kopf stellen. Was bleibt ist ein großartiger Einblick in den erbarmungslosen Kampf um einen Kontinent, Kultur und Lebensform, der zur Vernichtung der Indianer führte.

Das Buch nimmt dem Leser den Atem. Er möchte Weinen, er möchte helfen und doch weiß er, dass der große Kampf verloren ist. Dieses Werk ist schonungslos. Fundiert geschrieben wird der Bogen bis in die heutige Zeit gespannt; wie Nordamerika und Kanada mit ihrer Geschichte umgehen und wie sich die Indianerpolitik bis heute auswirkt. Ein brillantes Sachbuch, das nichts für schwache Nerven ist. Informativ und spannend verändert es den Leser und schafft ein völlig neues Welt- und Geschichtsverständnis. Eine klare Leseempfehlung!

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raveneyes avatar

Rezension zu "Verlorene Welten: Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910" von Aram Mattioli

Unfrei im eigenen Land
raveneyevor einem Jahr

Die alten Western zeigen eine Bild von der Besiedlung Amerikas, das die Pioniere als strahlende Helden darstehen lässt. Aber was wenn der Schein trügt? Dies wird in diesem Buch gnadenlos beleuchtet.

Vorweg muss gesagt werden, dass das Buch sprachlich teilweise etwas kompliziert ist und nicht immer einfach zu verstehen. Wer sich davon aber nicht abschrecken lässt, findet unter diesen Buchdecken ein ganz neues Bild von der Besiedlung Amerikas.

Dieses Buch zeigt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit die Neuankömmlinge in der neuen Welt von Anfang an Land für ich beansprucht haben, das ihnen nicht gehörte. Das hier schon Jemand wohnte war ohne Belang und Bedeutung, denn es waren nur Wilde, die nicht wussten wie sie Land zu ihrem Vorteil nutzen konnten.
Es zeigt auf mit welchen Versprechungen und Maßnahmen, die Indianernationen immer weiter in ihrem selbstbestimmten Leben und in ihrem eigenen Land, eingeschränkt wurden. Und welchen Stellenwert sie in den Überlegungen der ja so demokratischen Regierung hatten.
Es geht um die Zerstörung vieler Kulturen und Lebensräumen, um Übervorteilung, falsche Versprechungen, Vernachlässigung, Zwangsumsiedlungen, Umerziehung, Rassismus, Gewalt und vieles mehr.

Das Buch zeigt ein erschreckendes Bild vom Land of the free und seiner Besiedlung, die bis heute nachwirkt.

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Gespräche aus der Community

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Klett-Cotta_Verlags avatar
Liebe Geschichtefreundinnen und -freunde,
wer hat Lust bei einer Leserunde zu Aram Mattiolis Buch
»Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700 - 1910« mitzumachen?

Diese Buch ist nicht eine »einfache« Geschichte über die Indianer Nordamerikas, sondern eine Abhandlung ihrer Geschichte aus der Sicht der »First Peoples«. Eingehend ergründet der Autor die politischen Motive aller Seiten im erbarmungslosen Kampf um den Kontinent, der zur Vernichtung der Lebensformen und der Kultur der Indianer führte.

Eine Leseprobe findet ihr auf unserer Website.

Auch in der Presse kam
»Verlorene Welten« schon gut an:

»Der Schweizer Aram Mattioli hat in seinem Buch »Verlorene Welten« die Geschichte der Indianer Nordamerikas zwischen 1700 und 1910 so aufgeschrieben, dass man das Buch, einmal angefangen, nicht mehr zur Seite legt.« Jochen Siemens, Stern, 01.06.2017

»ein packendes Buch ... im deutschsprachigen Raum hat es bis jetzt kein vergleichbares Werk über die Indianer mit dieser Perspektive gegeben.«
Pirmin Bossart, Luzerner Zeitung, 16.07.2017

»Aram Mattiolis Untersuchung dekonstruiert die Legenden der westlichen Welt und hilft uns, unser eigenes Verständnis für das reale Geschehen zu schärfen.«
Wolf Senff, Titel Kulturmagazin, 07.04.2017

Umfassend erzählt und deutet Aram Mattioli die Geschichte der Indianer und ihrer Vernichtung vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Anschaulich schildert er die globalen Ereignisse vor dem Hintergrund aller zentralen Zeiterscheinungen. Eindringlich beschreibt er den langen und gewaltsamen Prozess der Kolonisierung durch die weißen Siedler. Zugleich bezieht er stets die Sicht der »Besiegten« gleichberechtigt in die Betrachtung mit ein und zeigt eindrucksvoll, wie indianische Nationen ganz unterschiedlich auf die Landnahme reagierten. Daneben kommen die kulturellen Leistungen der Indianer ebenso zur Sprache wie die großen sozialen Umwälzungen und die vielfältigen Lebensformen. In packenden Szenen beschreibt der Autor die entscheidenden Kämpfe und zeichnet treffende Porträts der einfachen Menschen wie der großen politischen Akteure. Ein anregendes und brisantes Buch über die Verwandlung der amerikanischen Welt, das nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart ein neues Licht wirft.

Spannend? Dann bewerbt euch doch gleich hier auf die Leserunde. Wir freuen uns auf eine gemeinsame Lektüre mit euch.

WICHTIG!

Liebe Alle,

wir haben uns beschlossen, die Bewerbung noch bis Montag zu verlängern, damit die anderen noch die Chance bekommen können, sich bei uns zu bewerben :)

Viel Erfolg!

Viele Grüße
Euer Klett-Cotta Verlag
Zur Leserunde

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