Arlie Russell Hochschild Fremd in ihrem Land

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Inhaltsangabe zu „Fremd in ihrem Land“ von Arlie Russell Hochschild

In vielen westlichen Ländern sind rechte, nationalistische Bewegungen auf dem Vormarsch. Wie ist es dazu gekommen? Arlie Russell Hochschild reiste ins Herz der amerikanischen Rechten, nach Louisiana, und suchte fünf Jahre lang das Gespräch mit ihren Landsleuten. Sie traf auf frustrierte Menschen, deren "Amerikanischer Traum" geplatzt ist; Menschen, die sich abgehängt fühlen, den Staat hassen und sich der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung angeschlossen haben. Hochschild zeigt eine beunruhigende Entwicklung auf, die auch in Europa längst begonnen hat. Hochschilds Reportage ist nicht nur eine erhellende Deutung einer gespaltenen Gesellschaft, sondern auch ein bewegendes Stück Literatur.

"Jeder, der das moderne Amerika verstehen möchte, sollte dieses faszinierende Buch lesen." Robert Reich
"Ein kluges, respektvolles und fesselndes Buch." New York Times Book Review
"Eine anrührende, warmherzige und souverän geschriebene, ungemein gut lesbare teilnehmende Beobachtung. … Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht." FAZ

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    Fremd in ihrem Land

    R_Manthey

    06. December 2017 um 17:54

    Louisiana ist ein kleiner und sehr armer Bundesstaat, der in letzter Zeit von Katastrophen heimgesucht wurde, die zu einem sehr großen Teil selbstverschuldet waren. Dorthin reiste die angesehene US-Soziologin Arlie Russel Hochschild, um sich ein Bild über die Denkmuster der Tea-Party-Anhänger zu machen. Die Autorin impliziert sowohl mit ihrer Wortwahl als auch mit ihren Schlussfolgerungen, dass die Menschen in Louisiana typisch (das Herz) für "die Rechten" in den USA wären. Einen Beleg dafür kann sie nicht vorbringen. Auch im liberalen Kalifornien oder an der Ostküste der USA gab es zahlreiche Trump-Wähler. In diesem Buch das Erklärungsmuster für den Wahlerfolg von Trump zu suchen, was am Ende dann auch geschieht, muss schon allein deshalb scheitern, weil das viel zu einseitig wäre. Ihre oben genannte selbstgestellte Aufgabe erfüllte die Autorin hingegen mit Bravour. Sie zeichnet mit sehr viel Respekt und Empathie ein Bild von Tea-Party-Anhängern in Louisiana. Dieser Respekt scheint erst vor Ort entstanden zu sein, denn Frau Hochschild reiste mit falschen Vorstellungen zu diesen vermeintlich schrecklich rückständigen Menschen, um dort dann überrascht festzustellen, dass die Realität ganz anders aussieht.Nun wird das Buch vom medialen Establishment nicht nur für diesen Respekt gelobt, der eigentlich selbstverständlich sein sollte und nur für Leute überraschend sein kann, die ihn nicht mehr besitzen, sondern man äußert sich auch begeistert über den fesselnden Stil und die gute Lesbarkeit des Buches. Dem kann ich mich nicht völlig anschließen. Zwar ist der Text leicht lesbar, gleichzeitig aber dehnt die Autorin ihn mit literarischer Epik schrecklich in die Länge. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass sie ihrer offenbar riesigen Materialsammlung mehr entgegenkommen wollte als dem Leser, der ziemlich schnell merken wird, dass sich irgendwann alles nur noch im Kreis dreht. Fast jeder ihrer ehemaligen Interviewpartner aus Louisiana musste wohl in diesem Buch irgendwo vorkommen, obwohl schon schnell klar wird, dass Aussagen und Erfahrungen dieser Menschen sich im Grunde immer gleichen, selbst wenn ihre Lebensumstände recht verschieden sind. Kurz gesagt: Man hätte diesen Text mit Leichtigkeit auf die Hälfte schrumpfen können, ohne dass seine Grundaussagen verlorengegangen wären.Zwischen all diesen in erzählerischer Form vorgetragenen Erlebnissen in Louisiana steht plötzlich die sogenannte "Tiefengeschichte", in der es die Autorin erstmals wirklich (nach mehr als der Hälfte ihres Textes) schafft, auf den Punkt zu kommen und die Denkmuster ihrer Interviewpartner in einem etwas höheren Abstraktionsgrad so zusammenzufassen, dass man ein gemeinsames Muster erkennen kann, was dann anschließend von den Befragten mit großer Zustimmung abgesegnet wurde. Sie benutzt dazu das Bild einer Warteschlange für ein besseres Leben, in die sich diese Leute (selbstverständlich alles Weiße mit einem durchschnittlichen Leben und normalen sexuellen Ausprägungen) fair eingereiht haben. Sie müssen nun zusehen, wie sie ständig unfair überholt werden und zwar von irgendwelchen Gruppen, die nicht ihre Ausprägungen besitzen, die aber der Staat fördert. Das frustriert sie, weil sie noch den amerikanischen Traum leben wollen und damit wohl aus der Zeit gefallen sind. Und deshalb bekennen sie sich zur Tea-Party-Bewegung, welche diese Prozesse rückgängig machen möchte.Das Buch beginnt mit der Schilderung des "großen Paradoxes". Louisiana ist ein Bundesstaat mit einer erheblichen Umweltverschmutzung, die Öl- und Chemiekonzerne dort angerichtet haben. Das Paradox besteht nun darin, dass die von der Autorin interviewten Tea-Party-Anhänger einerseits persönlich extrem unter dieser Verschmutzung leiden, es aber andererseits ablehnen, wenn sich der Staat regulierend einmischt, was daran liegt, dass sie generell etwas gegen staatliche Bevormundungen haben. In ihrem Gedankengut spiegeln sich noch die Ideen aus der Gründerzeit der Vereinigten Staaten, die inzwischen aber für die anderen nur noch leere Floskeln sind. Die von der Autorin interviewten Menschen werden also von zwei Seiten in die Zange genommen, vom Staat, der sie ihrer Meinung nach unfair behandelt und von Konzernen, die schon lange nicht mehr Teil des amerikanischen Traums sind.Auch amerikanische Aktiengesellschaften und mit ihnen ein großer Teil der US-Wirtschaft besitzen eine "Tiefengeschichte". Leider kommt sie in diesem Buch gar nicht vor. Verwundert muss man darüber nicht sein, weil dieser Teil des Bildes außerhalb des soziologischen Horizonts liegt. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts setzte sich in den USA das sogenannte Shareholder-Value-Prinzip durch, das klare Prioritäten setzt: Zuerst kommt der Gewinn der Eigentümer und erst danach eine auf lange Sicht durchdachte Unternehmensstrategie oder das Gemeinwohl. Die amerikanischen Aktiengesellschaften sind durch ein unfassbar dummes, aber wegweisendes Gerichtsurteil (damals Ford betreffend) zu diesem Unsinn gezwungen.Dieses jämmerliche Prinzip führt dazu, dass immer nur der kurzfristige Gewinn angestrebt wird und die Folgen eines solchen Handelns oft (beispielsweise in Form von Umweltverseuchungen oder finanziellen Rettungsaktionen) auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Dass auch Konzerne daran zugrunde gehen können, ist übrigens auch ein Fakt, den man beispielsweise beim Niedergang von General Electric oder der US-Automobilindustrie detailliert verfolgen kann. Die Autorin hingegen glaubt, dass mehr staatliche Eingriffe (hier: bessere Umweltgesetze usw.) die Folgen dieser Denk- und Handlungsweise lösen werden. Das ist ebenso naiv wie es die Ansichten ihrer Interviewpartner sind.Mit diesem leider sehr langen Text wird man in die Lage versetzt, das Denken und Fühlen derjenigen Amerikaner zu verstehen, die sich in der Tat fremd in den USA fühlen, obwohl sie die ursprünglichen Ideale dieses Landes hochhalten. Dem amerikanischen Establishment ist schon seit wenigstens einem Jahrhundert zu großen Teilen der Gemeinsinn und das Verantwortungsbewusstsein für das Ganze abhandengekommen. Die offenkundige Spaltung der US-Gesellschaft ist nur eine Folge dieses Verlustes. Wer also Amerika wieder groß machen möchte, der muss erst einmal die wirklichen Ursachen des Niedergangs begreifen. Insofern sind die Beschreibungen in diesem Buch nur ein Ausfluss einer weit größeren Problemlage, die aber offensichtlich der Autorin nicht wirklich bewusst ist. Sicher sah sie ihre Aufgabe nicht in dieser Dimension, und es wäre auch nicht ihr Fachgebiet. Ihre Beschreibungen sind (mal abgesehen von deren Überlänge) jedoch hervorragend.

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