Unter der Drachenwand

von Arno Geiger 
4,2 Sterne bei50 Bewertungen
Unter der Drachenwand
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Positiv (41):
Miamous avatar

Dieses epochale Werk konnte mich vom ersten bis zum letzen Satz absolut beeindrucken! Ganz große Literatur...

Kritisch (4):

Die Thematik der Geschichte fand ich sehr interessant, aber wegen des Schreibstiles habe ich es abgebrochen.

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Inhaltsangabe zu "Unter der Drachenwand"

Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom "Brasilianer", der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783446258129
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:480 Seiten
Verlag:Hanser, Carl
Erscheinungsdatum:10.01.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 12.01.2018 bei Hörbuch Hamburg erschienen.

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    Buecherwurm1973s avatar
    Buecherwurm1973vor einem Monat
    Kurzmeinung: Eindringlich erzählt Arno Geiger vom Hoffen und Bangen während des Krieges.
    Das Hoffen und Bangen während des Krieges

    2. Weltkrieg 1944: Veit Kolbe kehrt schwer verwundet aus dem Krieg zurück. Bei seinen Eltern in Wien hält er es kaum aus. Er erhält die Gelegenheit sich bei seinem Onkel in Mondsee zu erholen. Bei der Quartiersfrau Frau Dohm erhält er ein Zimmer. Seine Nachbarin ist Margot, sie ist frisch mit einem Soldaten an der Front  verheiratet und hat soeben eine Tochter geboren. Gelegentlich essen sie zusammen und später kümmern sie sich gemeinsam um das Gewächshaus des Brasilianers, der Bruder der Quartiersfrau.  Aus dem gemeinsamen Ausharren entwickelt sich allmählich eine Liebesbeziehung.

    Das ist die Kurzzusammenfassung des Romans, der viel mehr ist als das. Arno Geiger schreibt aus der Optik von Veit Kolbe. So sitzt der Leser quasi im Kopf des verwundeten Soldaten und sieht die Welt aus seinen Augen und Gedanken. Aus dessen Sichtweise bekommt man eine Ahnung, wie die Welt damals in diesem Örtchen tickte. Das laut einem Interview mit dem Autor als Luftschutzkeller von Österreich bekannt war. Kriegsereignisse wie das Bombardement von Wien oder auch Darmstadt werden in Form von Briefen von den Angehörigen geschildert. Die Angst und Ungewissheit über die Zukunft ist spürbar, obwohl die Niederlage des Grossdeutschen Reichs in der Luft liegt.

    Aus Veit Kolbes Schilderungen seines Gesundheitsstands kann man nur erahnen, was ein Soldat nach einem Krieg alles verarbeiten muss. Nachdem seine körperlichen Wunden verheilt sind, ist seine Seele nach wie vor traumatisiert von seinen Erlebnissen an der Front und leidet an Panikattacken. Er versucht, seinen Genesungsurlaub immer weiter zu verlängern und hofft, dass der Krieg vorher zu Ende ist.

    Eindringlich erzählt Arno Geiger vom Hoffen und Bangen während des Krieges. 

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    yellowdogs avatar
    yellowdogvor einem Monat
    Am Mondsee

    Arno Geiger hat viel Aufmerksamkeit für sein Werk erhalten. Es war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sicher zu recht, auch wenn das mächtige Werk in seiner Detailliertheit Geduld vom Leser erfordert.


    Der mittelschwer verletzte Soldat Veit Kolbe verbringt seine Konvalenzzeit am Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Bergdorf am Mondsee in Österreich. Dort ist auch die Drachenwand, eine hohe Felswand. Eine Umgebung, die ihren Teil zur Atmosphäre des Buches beiträgt.

    Kolbes Eindrücke vermitteln ein Bild dieser Zeit, 1944, die wirklich keine einfache war. Die Kriegszeit verletzte die Menschen manchmal körperlich, oft aber auch emotional. Haltlosigkeit und Zerrissenheit sind die Folge.


    Arno Geiger hat sich durch Briefe aus dieser Zeit zu dem Roman inspirieren lassen und ihm gelingt eine Sprache, die glaubwürdig ist.

    Neben Veit Kolbes Erzählperspektive sind weitere Figuren wichtig, die briefartig erzählen. Lange Briefe sind auch in das Buch integriert.

    Im Vordergrund ist der Alltag, Kriegspassagen gibt es nur wenige.


    Ein Buch, dass man nicht so schnell vergisst.

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    Giselle74s avatar
    Giselle74vor einem Monat
    1944...

    1944. Der junge Soldat Veit Kolbe wird zur Genesung nach Mondsee geschickt, einem Dorf unterhalb der Drachenwand in Österreich. Dort wird er bei der unfreundlichen Trude Dohm einquartiert. Ebenfalls bei Frau Dohm im Quartier ist Margarete mit ihrem Baby, deren Mann an der Front ist. Aus gelegentlichen Begegnungen werden gemeinsame Abendessen und schlußendlich Liebe. Aber sobald Veits Verletzungen verheilt sind, wird ein neuer Einberufungsbefehl kommen.
    Was nach einer romantischen Liebesgeschichte in Kriegszeiten klingt, ist auch genau das, eine romantische Liebesgeschichte in Kriegszeiten. Aber eben nicht nur. Arno Geiger gelingt es, das Große im Kleinen abzubilden, Mondsee als ein Ort unter vielen im sogenannten Deutschen Reich. Da ist der erschöpfte, kriegstraumatisierte Soldat, die Kriegsbraut, die ihren Mann kaum kennt, die Lehrerin, die für Zucht und Ordnung sorgen soll und ihre landverschickten Schützlinge, die kaum zu bändigen sind, der Brasilianer, Bruder der Quartiersfrau Dohm, der für seine offenen Worte schwer bezahlen muss und der Postenkommandant in Mondsee, der sich an jegliche Regeln hält, um nur ja nicht aufzufallen. Sie alle sind Stellvertreter einer kriegsgeschädigten Gesellschaft.
    Aber obwohl man die Idee zu diesem Roman, die Konstruktion dahinter zu erkennen vermeint, ist es eben die große Kunst Geigers lebende, atmende Menschen erschaffen zu haben. Menschen, deren Beweggründe man nachvollziehen kann, deren Schicksal einem nahegeht, die eben im Guten wie im Schlechten menschlich handeln. Es gibt keine Bösewichter und Helden, nein, Geigers Gestalten versuchen auf ihre Weise und ihrem Charakter entsprechend mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Und das gelingt naturgemäß mal mehr, mal weniger gut.
    Was diesen Roman mit seinen vielen Einzelschicksalen zusammenhält, ist die Sprache. Nüchtern, geradlinig und doch feinfühlig erzählt Geiger seine Geschichte. Und der Erzählfluss scheint ihm so wichtig zu sein, dass er dem Lesenden Atempausen in Form von Schrägstrichen vorgibt, wie man das sonst eher aus Theatertexten kennt. Und das ist auch das Besondere, das Großartige an diesem Roman: ein Autor, der seinen Text bis ins Kleinste durchdacht und geplant hat, der jedes Wort und jedes Satzzeichen bewußt gesetzt hat und dem es trotz oder vielleicht auch genau darum gelingt, seiner Geschichte Leben einzuhauchen und, genau dosiert, Gefühl. Hier ist ein Meister seines Fachs am Werk, selten erlebt man eine solche handwerkliche Präzision. Und so war die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises wohl zu erwarten, gefolgt von der Nominierung auch für den Österreichischen Buchpreis.
    Und wer sich bisher nicht herangetraut hat an "gehobene" Literatur, weil er sie für nicht oder nur schwer lesbar hielt, der möge hier einen Versuch wagen. Denn neben all dem oben Gesagten, entwickelt der Roman beim Lesen eine solche Sogwirkung, dass ich ihn mehr oder weniger in einem Zuge gelesen habe, unwillig über jede notwendige Pause. Ich wiederhole es also wirklich gern: ein ganz und gar großartiger Roman!

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    wbetty77s avatar
    wbetty77vor einem Monat
    Kurzmeinung: 1944. Wie lange noch, was kommt danach, wer wird überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelten.
    Berührender Roman über den Kriegsalltag

    1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein eigenes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

    Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

    Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.
    Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.
    Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.
    Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt.
    Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

    Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.
    Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.

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    Nespavanjes avatar
    Nespavanjevor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein authentischer und bewegender Antikriegsroman aus der Sicht eines verwundeten Soldaten geschrieben.
    Der Krieg der kleinen Leute

    Die Geschichte wird aus der Sicht des 24jährigen Soldaten Veit Kolbe erzählt, der von der Front zur Genesung nach Hause geschickt wird. Die Stimmung ist gedrückt und authentisch erzählt. Die Niederlage dringt durch alle Poren an die Oberfläche, aber eine Zukunft ist nicht in Sicht. Hier schafft es Arno Geiger eine „kleine“ Lebensgeschichte in die schreckliche Vergangenheit zu erzählen. Der Mann aus Braunau wird dabei, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, nur – H. – oder – der F. – genannt. Als Leser folgt man gespannt dem ruhigen Erzähltempo und fühlt sich in jene Zeit versetzt. Das kommt auch nicht von ungefähr: „Der Stoff ist mir zugefallen“, erklärt Arno Geiger in einem Interview. Er hat auf einem Flohmarkt Briefe erstanden, die von der Kinderlandveschickung an den Mondsee handelten. Auf diesen Briefen ist der Roman gut konstruiert und durchzogen.

    Seit 2005 wird der deutsche Buchpreis 2018 vergeben und niemand anderer als Arno Geiger hat mit seinem Roman – Es geht uns gut – den allerersten Preis gewonnen. Heuer hat er wieder die Chance dazu: Als einziger Österreicher ist er mit seinem neuen Roman – Unter der Drachenwand – auf die Longlist 2018 gekommen.


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    Linatosts avatar
    Linatostvor 3 Monaten
    Melancholie unter der Drachenwand

    Ein sehr melancholisches Buch. Es erzählt uns die Geschichte eines ganzen Jahres aus dem Leben von Veit Kolbe aus Wien. Nach einem schnellen Abitur war er auch recht früh im Krieg an die Ostfront geschickt wurden. Sein Glück im Unglück war es, als Fahrer eingesetzt zu werden. Er bekam zwar alle Gräuel des Krieges mit, war aber doch weit genug hinten.

    Er wird kurz vor Weihnachten 1943 stark verletzt und kann zur Erholung nach Hause, von hier aus reist er weiter zur Erholung in das Dorf Mondsee zu seinem Onkel. Hier wird er fast das ganze Jahr 1944 verbringen.

    Das Buch gibt uns einen anderen Blick auf das Leben während des II. Weltkrieges. Veit ist Kriegsmüde und hat mit Panikattacken zu kämpfen. Veit selbst fühlt sich durch den Krieg immer mehr seiner Zukunft, seinem normalen Leben beraubt, er ging als jugendlicher weg und wird als gestandener Mann ohne jegliche Ausbildung zurück kehren. Schon lange ist es nicht mehr sein Krieg. Er begegnet im Dorf den unterschiedlichsten Leuten. Nicht alle sind alte eingesessene Dörfler, er begegnet auch Kindern aus der Kinderlandverschickung und ihrer Lehrerein, da ist auch die Reichsdeutsche, die genau wie er, zur Erholung auf dem Land ist und vor allem begegnet er dem örtlichen Gärtner. Des Gärtners Herz hängt an Brasilien, er hat dort lange gelebt und kann das Ende des Krieges kaum erwarten um dahin zurückkehren zu können.

    Wirklich anders ist die traurige und müde Stimmung des Buches. Das Buch erzählt keine leidenschaftliche Liebesbeziehung, es erzählt uns die Geschichte wie die Menschen versuchen mit den Kriegsentbehrungen zurecht zu kommen.

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    Bellis-Perennisvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Stück Zeitgeschichte, einfühlsam und spannend erzählt
    Mondsee 1944 - eine trügerische Idylle

    Mondsee 1944: wir treffen auf unterschiedlich Menschen, mit unterschiedlichen Schicksalen und Einstellungen zum aktuellen Zeitgeschehen. Da ist zum einem der verwundete Soldat Veit, der seine an der Ostfront erlittene Verwundung in der beschaulichen Idylle des Salzkammergutes auskuriert, zum anderen die Dorfbewohner oder die Kinder, die aus allen Teilen der Ostmark in die vermeintlich sichere Region „verschickt sind oder Margot, die Darmstädterin, die mit ihrem Kind hier gestrandet ist.

     

    Alle Lebenslinien verknüpfen sich hier zu einem mehr oder weniger festen Knoten. Keiner ist allein und doch einsam. Und so entspinnt sich zwischen Veit und der jungen Frau, trotz der widrigen Umstände in Form einer vom Regime noch immer überzeugten Quartiersfrau, eine zarte Romanze.

    Während einige Dorfbewohner nach wie vor an den Endsieg glauben, so hat Veit jegliches Vertrauen in seinen „Dienstherrn“, wie er die Wehrmacht nennt, verloren. Er versucht, seine Rekonvaleszenz deshalb mit allen Mitteln zu verlängern und schreckt auch vor dem Fälschen von Befunden nicht zurück. Nur Margot und Pervitin helfen Veit durch Tag und Nacht.

     

    Nachdem er fast ein Jahr in Mondsee verbringen konnte, ereilt ihn doch der Einberufungsbefehl …

     

    Meine Meinung:

     

    In seiner unnachahmlichen Art beschreibt Arno Geiger aus der Sicht von Ich-Erzähler Veit Kolbe die Umstände, die ihn und Margot in Mondsee zusammengeführt haben. Er erzählt von Opportunisten, Ewiggestrigen, Verzweifelten und Gegnern des Regimes.

     

    Wir Leser dürfen an sehr intimen Gedanken und auch an alltäglichen Handlungen teilhaben. Wir erhalten Einblick in Briefe zum Bespiel aus Darmstadt von Margots Mutter, die von den Bombenangriffen und Todesopfern schreibt. Gleichzeitig wird auf die mangelnde Versorgung der Bevölkerung hingewiesen. So wird Margot aufgefordert, die Paktschnur und das Packpapier wieder an ihre Mutter zu retournieren, weil dies in Darmstadt nicht mehr erhältlich sei. Interessant ist, dass die Post nach wie vor funktioniert. Erst kurz vor Kriegsende gibt es ein Paket-Sendeverbot. Das habe ich gar nicht gewusst.

     

    Die Geschichte der jüdischen Familie, die wie so viele zu spät und in die falsche Richtung geflüchtet sind, ist stellvertretend für Tausende ähnliche Schicksale.

     

    Kurz musste ich an der Stelle schlucken, als Wally und Georgi verschwinden und die Nachbarin die Kleider der beiden mit den Worten „Die werden sie nicht mehr brauchen“ haben wollte.

     

    Gut gefällt mir, wie eindringlich und zugleich beklemmend die Geschichte(n) erzählt werden. Dies wird von Arno Geiger nicht nur durch wechselnde Ich-Perspektiven und eine Handlung voll erschreckender sowie bewegender Momente dargestellt, sondern auch durch den roten Faden des Zweiten Weltkriegs.

     

    Der ergänzende Epilog enthüllt das weitere Schicksal der Protagonisten.

     

    Fazit:

     

    Packend und literarisch ein gelungenes Buch, dem ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.

     

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    smayrhofervor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Beeindruckendes und glaubhaftes Porträt eines Kriegsmüden zwischen Frustration, Erholung und Hoffnung.
    Porträt eines Kriegsmüden

    Der Weltkriegssoldat Veit Kolbe ist aufgrund einer Verwundung nicht einsatzfähig und deshalb auf Heimaturlaub. Als er es in seinem Wiener Elternhaus nicht mehr aushält, fährt er nach Mondsee im Salzkammergut, zu Fuße der Drachenwand. Dort scheint der Krieg mit seiner Ostfront weit weg zu sein, aber er holt Veit immer wieder ein in Form von Alpträumen, aber auch von Begegnungen mit anderen „Gestrandeten“. Da ist die junge Margot aus Darmstadt, die sich mit ihrem kleinen Kind im gleichen Haus wie Veit einquartiert hat; der „Brasilianer“, der eigentlich ein Einheimischer ist, aber nach einem Aufenthalt in Brasilien von einer Rückkehr dorthin träumt; und die Mädchen aus der „Verschickung“, von denen besonders eins im Fokus steht. Veit hat immer weniger Lust auf eine Rückkehr an die Front und beginnt sich einzuleben…

    Man könnte meinen, über den zweiten Weltkrieg ist bereits alles geschrieben worden und es gibt nichts Neues mehr zu entdecken. Arno Geiger ist es aber zu meiner Überraschung meisterhaft gelungen. Nachdem ich von ihm bereits das bemerkenswerte „Der alte König in seinem Exil“ und das eher langweilige „Selbstporträt mit Flusspferd“ gelesen habe, war ich nicht sicher, was mich erwartet. Inspiriert durch einige Briefwechsel aus der Kinderverschickung im zweiten Weltkrieg hat der Autor eine Geschichte konstruiert, in der sich Ich-Erzähler Kolbe abwechselt mit scheinbar wahllos zitierten Briefen von anderen Personen. Nach anfänglicher Verwirrung für den Leser stellt sich heraus, dass diese Briefe genau in den Kontext passen und genauso von Leid und Hoffnung erzählen wie unser Protagonist selbst. Auch darüber hinaus hat „Unter der Drachenwand“ erzähltechnisch einiges zu bieten, denn Geiger erzählt mal nüchtern und distanziert, mal liebevoll und empathisch, aber jederzeit ehrlich und aufschlussreich.

    Die Geschichte ist – soweit ich das beurteilen kann - sorgfältig recherchiert und konstruiert. Herausgekommen ist am Ende ein glaubhaftes Porträt eines Kriegsmüden, der sich zwischen Frustration, Erholung und Hoffnung bewegt, dabei jederzeit authentisch und sympathisch wirkt und ganz zufällig nebenbei die Liebe (wieder) entdeckt. Auch die anderen Charaktere wirken wie vom Autor zum Leben erweckt, nicht zuletzt auch dank eines genialen Nachworts, mit der er scheinbar mühelos die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschiebt.

    Für mich schon jetzt eines der besten Bücher des Jahres 2018. 

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    Sikalvor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Ein beeindruckendes Buch über eine Zeit, die hoffentlich niemals wiederkommt.
    Eine Verschnaufpause innerhalb einer schrecklichen Zeit

    Ich-Erzähler Veit Kolbe ist als Verwundeter an der Front nicht mehr zu brauchen und wird auf Heimaturlaub geschickt. Über Umwege verschlägt es ihn nach Mondsee, wo ihm sein Onkel – der dortige Postenkommandant – eine Unterkunft verschafft. Die Vermieterin ist absolut nicht gesprächsbereit ob der untragbaren Zustände in Veits Unterkunft, so legt er selbst Hand an und versucht sich eine Art Zuhause und Rückzugsort zu schaffen.

     

    Veit wird immer wieder von Panikattacken und Angststörungen geplagt. Zu schwer wiegen die Traumata, welche er in Russland erleben musste. Im Laufe der Geschichte erfährt man immer mehr von den Bildern, die Veit quälen, von den Exekutionen der Juden ebenso wie von dem Durchmarsch durch kleine Dorfgemeinschaften, mit dem Ziel, diese zu liquidieren. Schon längere Zeit hat Veit dem Kriegsgedanken abgeschworen, kann er sich mit den Gepflogenheiten der Wehrmacht und mit deren Gedankengut nicht identifizieren. Sarkastisch bezeichnet Veit das Regime als seinen „Dienstherrn“ oder erkennt die Propagandamaschinerie - „Unsere Nachkommen werden uns einmal beneiden, dass wir in einer solchen Zeit leben durften.“

     

    Veit versucht seinen ungeplanten Fronturlaub mit allen erdenklichen Mitteln auszudehnen, er will keinesfalls an die Front zurück, ahnt dass ihn dort nur der Tod erwarten kann. Zwischendurch versucht er, den Schrecken des Krieges in Worte zu fassen und schreibt seine Erlebnisse nieder. Ganz langsam lernt Veit die Nachbarin Margot mit ihrem Baby nicht nur näher kennen sondern auch lieben. Sehr behutsam nähern sich die beiden und lassen zwischen dem Entsetzen und der Entbehrungen eine Art Normalität entstehen.

     

    „In der Früh beim Kaffeetrinken, das Kind krabbelte am Boden, Margot saß am Tisch und hielt die Windeln des Kindes durch ständiges Stopfen am Leben, neue waren nicht zu bekommen, ein weiteres Zeichen dieser Glanzzeit. Ich lehnte am Fenster, wir redeten über Allfälliges. Mehr passierte nicht. Und ich weiß, es sind schon ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden, und doch bestehe ich darauf, dass meine Geschichte eine der schönsten ist.“

     

    Im Laufe der Geschichte werden immer weitere interessante Charaktere eingeführt – beinahe zufällige trifft Veit auf diese. Der „Brasilianer“ ist als Bruder der boshaften Vermieterin ein Gegenpol, der mit seiner äußerst regimekritischen Einstellung ziemlich in Schwierigkeiten gerät. Zwischendurch erfährt man durch eingeflochtene Briefe von Margots Mutter über die totale Zerstörung Darmstadts, die ihr dortiges Leben zwischen den Bomben eindrucksvoll schildert. Ebenso gibt es noch die Verbindung zwischen der 13-jährigen Nanni Schaller, die plötzlich spurlos verschwindet sowie des Cousins und Freundes des Mädchen, der durch Briefe die Verbindung aufrecht halten will. Eine weitere Nebenhandlung erzählt von der Flucht des jüdischen Zahntechnikers Oskar Meyer, der sich aus Wien vertreiben lässt und hofft, in Budapest mit seiner Familie ein normales Leben führen zu können. Doch diese Entscheidung erweist sich letztendlich als falsch.

     

    Arno Geiger schafft es auch in seinem neuesten Buch, zahlreiche kleine Ereignisse so miteinander zu verweben, dass sie ein großes Ganzes ergeben und schildert eindrucksvoll – in seiner gewohnten Art ohne Dramatik – vom Grauen des Krieges. Doch er lässt ebenso die kleine Pflanze Hoffnung keimen, erzählt von Menschen, die auch an ein Leben nach dem Krieg glauben. Trotz (oder gerade wegen) seiner ruhigen Erzählweise gibt er der Geschichte eine besondere Bedeutung.

     

    Wieder ein beeindruckendes Buch aus der Feder Arno Geigers, der es immer wieder schafft durch seine Empathie eine besondere Atmosphäre zu zaubern. Natürlich gibt es für diesen Roman fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

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    meppe76s avatar
    meppe76vor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Ein wunderbares Buch, das ganz ohne Effekthascherei auskommt und umso eindringlicher ist.
    Ruhig, unspektakulär, eindringlich. Ein großartiges Buch.

    Die Geschichte spielt im Jahr 1944, also kurz vor Ende des 2. Weltkrieges. Veit Kolbe, 24 Jahre alt und aus Wien, ist verwundet worden und kehrt nach längerem Lazarettaufenthalt nun zum „Genesungsurlaub“ zu seiner Familie zurück. Aber zu Hause hält er es nicht lange aus, auch, weil ihm die Durchhalteparolen seines Vaters unerträglich sind. Und so macht er sich auf zu seinem Onkel in das beschauliche Örtchen Mondsee am Fuße der Drachenwand.

    Hier lernt er Menschen kennen, die alle auf irgendeine Art ebenfalls Opfer des Krieges sind. Margot zum Beispiel, die mit ihrem Baby neben ihm wohnt und mit einem Frontsoldaten verheiratet ist. Oder der ‚Brasilianer‘, der in seinem Gewächshaus Tomaten anbaut, Orchideen züchtet und davon träumt, den Rest seines Lebens in Brasilien zu verbringen. Oder die Mädchen aus Wien, die im Rahmen der so genannten ‚Kinderlandverschickung‘ in einem nahe gelegenen Heim untergekommen sind.

    Veits Leben, seine posttraumatische Belastungsstörung, seine Liebe zu Margot und dem Baby Lilo, seine Angst vor den anstehenden Überprüfungen seiner Verwendungsfähigkeit und eine damit verbundene Rückkehr an die Front machen den Haupterzählstrang des Buches aus. Daneben wird vor allem in Briefen auch das Leben der anderen Romanfiguren erzählt. Manchmal dauert es zu Beginn eines neuen Kapitels einen Moment, bevor man erkennt, um wen es sich gerade handelt, wer Verfasser und Adressat des Briefes ist, aber das klärt sich immer sehr schnell und stört den Fluss der Geschichte überhaupt nicht.

    Der Roman ist in jeder Hinsicht unspektakulär, ohne große Spannungsbögen und ohne Effekthascherei. Gerade das macht ihn für mich so sensationell und so lesenswert. Die Geschichte fließt auf ruhige, unaufdringliche Art dahin, ist in sich stimmig und hat mich sehr berührt.

    Ich habe erst am Ende erfahren, dass Arno Geiger offensichtlich auf einem Flohmarkt Dokumente gefunden hat, die die Grundlage für seine Geschichte bildeten. Er hat weiter recherchiert und kann dem Leser am Ende noch berichten, wie das Leben von Veit, Margot, dem Brasilianer und anderen Akteuren weiter verlaufen ist… oder wie es geendet hat. Das macht für mich die Geschichte zusätzlich noch rund und authentisch. Ein wunderbares Buch!

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    Mondsee, 1944 – Leben und Lieben im Schatten der großen Geschichte. Der neue Roman von Arno Geiger, der für 'Es geht uns gut' den ersten deutschen Buchpreis erhielt.

    "Ein Glanzstück der Gegenwartsliteratur." Dirk Knipphals, Tageszeitung, 14.03.18
    "Ein bemerkenswerter Roman, der Fakten und Fiktion ineinanderfließen lässt." Sandra Kegel, 3Sat Buchzeit, 11.03.18
    "Dieses Buch ist ein Ereignis und eine der wichtigen deutschsprachigen Neuerscheinungen dieses noch jungen Jahrs … Ein Meisterwerk über die Verheerungen des Krieges." Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 04.02.18
    "Geigers Roman rekonstruiert einfühlsam die Gemütslage am Ende des Zweiten Weltkrieges … Im liebevollen Auspinseln kriegsabgewandter Winzigkeiten wie dem abendlichen Bier nach der anstrengenden Gartenarbeit, den Nächten am Plattenspieler im Gewächshaus am Mondsee und vielen anderen vermeintlichen Banalitäten liegt die Stärke des Romans. Und es sind solche 'safe places' des Alltäglichen, die eine Teilantwort auf die Frage nach dem seelischen Überleben in Zeiten des Krieges enthalten." Iris Radisch, Die Zeit, 11.01.18
    "Ein großer Schritt im Werk Arno Geigers und eine gültige Meditation über die Absurdität des Krieges: 'seltsam, man nimmt geduldig an einem Ereignis teil, das einen töten will.'" Meike Fessmann, Süddeutsche Zeitung, 10.01.18
    "Ein großartiges Buch, das Arno Geiger, einen der erfolg- und wandlungsreichsten deutschsprachigen Schriftsteller des letzten Jahrzehnts, von einer wieder einmal ganz neuen Seite zeigt: diesmal als historischen Chronisten, auf den Spuren eben von Seethaler, Arno Schmidt oder auch Christoph Ransmayr, dem in 'Morbus Kitahara' ein ähnliches Stimmungskunststück geglückt ist." Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.18
    "Arno Geiger hat aus der historischen Wirklichkeit, gerade aus der kleinen, nicht in den Geschichtsbüchern zu findenden, ein bemerkenswertes Stück Literatur gemacht." Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel, 09.01.10
    "Arno Geiger hat einen berührenden, klugen Roman über die zerstörerische Kraft des Krieges geschrieben … Dieses Buch, das auf historisches Material zurückgreift, hat geradezu schmerzliche Aktualität." Heide Soltau, NDR, 08.01.18
    "Ein Virtuosenstück über ein Thema, über das man im Prinzip keine Virtuosenstücke lesen möchte. Geigers noch nie so weit getriebene Meisterschaft kann aber selbst diesen Eindruck mit dem wirklich ungeheuren Sog der Geschichte abdrängen." Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 08.01.18
    "Die Eindringlichkeit, die diesen Roman so faszinierend und zugleich beklemmend macht, bewirkt Geiger nicht nur durch wechselnde Ich-Perspektiven und eine Handlung voll erschreckender sowie bewegender Momente, sondern auch durch den Duktus … Packend wie literarisch gelungen." Klaus Zeyringer, Der Standard, 07.01.18
    "Empathisch, außerordentich authentisch und berührend erzählt Arno Geiger von der Menschlichkeit im Krieg … Mit 'Unter der Drachenwand' beweist sich Arno Geiger als einer der versiertesten deutschsprachigen Autoren." Mareike Ilsemann, WDR5, 06.01.18
    "Außerordentlich schön und ein grandioser literarischer Jahresauftakt … Ein Liebesroman, der nicht versäumt, das zeitgeschichtliche Panorama mitzuerzählen … Sehr warmherzig, sehr tiefgründig … Ein wunderbares, wirklich warmes, eindrucksvolles Buch." Jörg Magenau, Deutschlandfunk, 06.01.18
    "Arno Geiger hat sich mit seinem neuen Roman 'Unter der Drachenwand' in einen Themenkreis der Hölle gewagt, den er wie auf Zehenspitzen durchschreitet … Was bei dieser Erkundung der späten Kriegsmonate herauskommt, ist eine beeindruckend genaue und hellhörige Erzählung über dramatische Verluste und über verlorene Jahre." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 06.01.18
    "Arno Geiger ist immer anders. Manchmal sehr gut, manchmal noch besser. Jetzt der bisher beste … Man will das Buch nicht vorzeitig weglegen, auch wenn's drei in der Früh ist." Peter Pisa, Kurier, 05.01.18
    "Ein großartiger und in jeder Zeile überzeugender Roman." Kristina Pfoser, Ö1, 05.01.18

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