Unter der Drachenwand

von Arno Geiger 
4,2 Sterne bei6 Bewertungen
Unter der Drachenwand
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Berührende Schilderung verschiedenster Schicksale im Kriegsjahr 1944. Mit leisen Tönen wird das Grauen eindringlich vermittelt.

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Tolle Sprecher, die den Text durch ihre Lesart noch vertiefen

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Inhaltsangabe zu "Unter der Drachenwand"

Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom ›Brasilianer‹, der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783957131201
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Audio CD
Verlag:Hörbuch Hamburg
Erscheinungsdatum:12.01.2018
Das aktuelle Buch ist am 10.01.2018 bei Hanser, Carl erschienen.

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor 13 Tagen
    grandioser Roman

    »Bald ein ganzes Jahr trieb ich mich in Mondsee herum, indessen der Krieg kein Ende nahm. Der Jahrestag meiner Verwundung war verstrichen, und ich wunderte mich selbst, dass es mir gelungen war, mir den Krieg so lange vom Leib zu halten. Als ich Ende November aus Wien eine Beorderung bekam, durfte ich mich nicht beklagen, jedenfalls nicht laut, denn in Wahrheit war es mir bisher vergönnt gewesen, einen unauffälligen Mittelweg zu gehen, der lag, sagen wir, zwischen dem allergrößten Glück mancher und dem härtesten Schicksal vieler.«

    Veit Kolbe, Wehrmachtssoldat, wird im Jahr 1944 an der Ostfront durch einen Granatsplitter schwer verwundet und muss zunächst nach einem Hospitalaufenthalt nach Hause zurückkehren. Bei seinen Eltern in der Possingergasse in Wien fühlt sich der Vierundzwanzigjährige eingeengt, bittet den Onkel, ihm ein Zimmer bei ihm in Mondsee am Mondsee zu besorgen, wo dieser als Postenkommandant arbeitet. Die Quartiersfrau ist knurrig, hinterhältig und geizig. Margot aus Darmstadt, Mutter eines Säuglings, ist Veits Nachbarin, von den anderen Reichsdeutsche genannt, Veit nennt sie die Darmstädterin. Frisch mit einem Linzer verheiratet, weil alle schnell heirateten, bevor sie in den Krieg zogen, Darmstadt ist zerbombt, sitzt sie nun hier, korrespondiert mit dem Ehemann an der Front. Der Brasilianer ist der Bruder der Quartiersfrau, der Gärtner. Man nennt ihn so, weil er viele Jahre in Brasilien gelebt hat, hier am Mondsee von Wärme und Freiheit im fernen Land träumt. Während des Krieges wurden Kinderlandverschickungen organisiert, so landet eine Mädchenschulklasse aus Veits Wiener Nachbarschaft am Mondsee, inklusive einer sehr strengen, jungen Lehrerin. Zurück zu Veits Nachbarschaft in der Possingergasse, hier finden wir den jüdischen Zahntechniker Oskar Meyer, der mit seiner Familie versucht, aus Wien zu flüchten, alle Kontakte durchgeht. Zunächst gelingt die Flucht nach Budapest, wo es der Familie noch schlechter geht.

    »Wie schlecht eine Zeit ist, erkennt man daran, dass sie auch kleine Fehler nicht verzeiht.« (Oskar Meyer)

    Veit hat im Krieg Schlimmes erlebt, er beschreibt, wie die Armee ganze Dörfer in Schutt und Asche zerlegte, zwischen den Toten nur noch ein paar zerzauste Hühner herumgerannt seien. Er schreibt Tagebuch, die Gedanken abzuarbeiten und langsam erholt sich sein Bein, sein Kiefer, sein Geist. Er lernt die sehr zugeknöpfte Lehrerin kennen, einige Schülerinnen, freundet sich mit der Darmstädterin an und mit dem Brasilianer. Alle Protagonisten stehen in Briefkontakt mit Familie und Freunden. So erfährt man nicht nur etwas vom Mondsee, sondern auch aus Wien, Darmstadt, von der Front. Junge Menschen, alte, verzweifelte, hoffnungsvolle, versuchen, aus ihrem Leben das Beste zu machen. Oskar Meyers Familie lebt in der Illegalität, gerät immer mehr in die Hoffnungslosigkeit. Die Darmstädterin zweifelt an der Liebe zu ihrem Mann und Veit, der nicht an die Front zurückwill ahnt, das Ende des Krieges ist nah, er trickst mit seiner Verletzung, bloß nicht zurück.

    »Tante Emma und Onkel Georg sind schon acht Tage begraben und sind zu siebzehnt in einem Sarg«,

    berichtet die Mutter der Darmstädterin, Oskar Meyer schreibt alle Bekannten und Verwandten an, sucht nach Lösungen, Geld, Fluchtwegen. Mit großer erzählerischer Kraft bringt Arno Geiger ein Zeitdokument des letzten Kriegsjahrs auf Papier.

    »Die Drachenwand macht im Süden eine breite Brust.«

    Die Drachenwand, eine Metapher für das Böse im Osten, für die Eroberer im Westen, für die Bedrohung des Krieges, für alles Böse und Ungewisse, denn davon gibt es eine Menge zu berichten. Trotz allem Schlechten bleibt der Ton von Veit plaudernd, im Großen und Ganzen zuversichtlich. Am Mondsee ist die Welt noch ein wenig in Ordnung, trotz überfliegender Bomberflotten. Der Erzähler Veit hat es nicht immer einfach, aber was sind diese Schwierigkeiten schon gegen die Front? Gegen seine immer wieder auftauchenden Panikattacken schluckt er Pervitin. Geheilt wird er durch Margot. Kleine Sätze sind eigenständige Randgeschichten, wenn berichtet wird, dass Schnüre zum Hochbinden von Tomaten fehlen, weil alle Bindfäden für die Pakete an die Front benötigt werden. Für Veit haben Schaufensterpuppen Soldatenhaltung, er berichtet von Hakenkreuzwimpeln, die auf den Gräbern der Alten flattern.

    »Einmal in Russland fanden Kameraden und ich auf einer Wiese einen Totenkopf, ein beunruhigender Anblick, wir spielten mit dem Totenkopf Fußball, ich weiß auch nicht. Ich glaube, wir taten es aus Respektlosigkeit gegen den Tod, nicht aus Respektlosigkeit gegen den Toten. Der Tote hätten wir selber sein können. Wir traten den Totenkopf im hohen Bogen über die Wiese, und für einige Minuten gab der Krieg uns frei.«

    Die Idylle des Erzählers wird immer wieder durchbrochen. Ein verliebter Bengel aus Wien vermisst seine Freundin, die mit der Schulklasse am Mondsee weilt … Die Mutter der Darmstädterin berichtet von zerstörten Städten, der Ehemann schreibt der Darmstädterinvon der Front, und Oskar Meyer schreibt verzweifelte Briefe aus der Possingergasse, später aus Ungarn, sodass man tief Luft holen muss. Ein wundervoller literarischer Kniff, den Leser immer wieder aufzuscheuchen, wenn er es sich am Mondsee gerade wieder eingerichtet hat, blauer Himmel, ein warmer Tag, kichernde Mädchen am See. Arno Geiger schafft es, allen Figuren Leben einzuhauchen, den Leser mitzunehmen. Die Quartiersfrau ist eine boshafte Hexe, nun, sie hat einen verklemmten Nerv, der zwickt. Ihr Ehemann, ein Lackierer, ein Nazi-Scherge, der zuviel Terpentin geschnüffelt hat, ist ihr verfallen. Recht geschieht ihm. Und der Brasilianer ist ein wenig anders als alle anderen, hört Villa-Lobos in seinem Haus, er ist ein Rebell, ein Exot, vor dem die anderen sich fürchten, einer der sich wehrt, der sich was traut, der das NS-Regime als »Firma« bezeichnet. Mit Erzählkunst schafft Arno Geiger Bilder, seine Protagonisten zeigen dem Leser die Kunst des Überlebens, berichten über das letzte Kriegsjahr, jeder aus seiner Sicht, humorvoll, sarkastisch, verzweifelt. Unprätentiöse kleine Geschichten machen diesen Roman zu einem großartigen Ganzen, Sprachrhythmus, Metaphern, Symbole, gewollte Einbrüche in den Erzählrhythmus, ein Roman voller Kraft. Einer der besten Roman für mich in diesem Jahr.

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    Pongokatervor einem Monat
    Authentisch

    Unglaublich authentisch wirkt die die Collage von Ich-Erzählungen aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt stehen die Erzählung von Veit Kolbe, einem verwundeten Wehrmachtssoldaten, der sich in der österreichischen Provinz, dem Salzkammergut, von seinen Verletzungen erholen will. Nach und nach entsteht durch seine Berichte ein kleiner Kosmos, der das Ganze spiegelt: Ein Österreich mit unverbesserlichen Nazis und Kriegstreibern, aber auch mit Widerständlern und Unwissenden. Einesder anderen Erzähl-Ichs ist ein Jude, der von der beginnenden Verfolgung in Wien berichtet, von der Flucht nach Budapest und schließlich vom spurlosen Verschwinden von Frau und Kindern, vermutlich deportiert nach Auschwitz. Geiger hat Großes geleistet in einer Zeit, in der die Geister wieder erwachen, die die damalige Misere verschuldet haben.

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    schillerbuchvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Tolle Sprecher, die den Text durch ihre Lesart noch vertiefen
    Hörvergnügen mit Anlaufschwierigkeiten

    Auf den neuen Roman von Arno Geiger war ich gespannt, denn „Der letzte König in seinem Exil“ war ein Buch von ihm, das mir sehr gut gefallen hatte!

    Daß das neue Buch ganz anders sein würde, war mir klar und ich hatte es auch schon gehört. Trotzdem war ich überrascht, daß es mir ziemlich schwer gefallen ist, mich in den Roman einzufinden. Die ganz hervorragenden Sprecher hielten mich jedoch bei der Stange und irgendwann wollte ich dann auch wissen, wie es weitergeht.

    Doch erst einmal kurz zum Inhalt: Veit Kolbe (gelesen von Torben Kessler) ist 24 Jahre alt und Soldat in Russland. 1944 wird er an der Front schwer verletzt und verbringt einige Monate am Mondsee, um sich von den körperlichen und seelischen Verletzungen zu erholen. In seinem Quartier lebt eine Frau, die er zu Beginn nur „die Darmstädterin“ nennt. Sie ist verheiratet mit einem Soldaten aus Linz und hat eine kleine Tochter. Am Mondsee gibt es das Kinderheim „Schwarzindien“, in dem Mädchen aus Wien leben, die hierher in die Sicherheit des Landlebens geschickt wurden. Eines davon ist Nanni, der Veit Kolbe zweimal begegnet: Beim ersten Mal hält sie seine Hand, als ihn ganz plötzlich einer seiner Angstzustände überkommt, das zweite Mal sieht er sie auf einem Weg, von dem sie nicht mehr zurückkehrt. Aus der Darmstädterin wird irgendwann Margot und mit ihr erlebt er eine Liebe, wie er sie nie kannte. Über allem schwebt die Sicherheit, daß dieser Lebensabschnitt, in dem er beginnt, zu sich selbst zu finden, irgendwann zu Ende gehen wird mit seiner Rückkehr an die Front.

    Eingestreut in diesen Haupthandlungsstrang sind die Briefe 3er Menschen, im Hörbuch von 3 weiteren Sprecher*innen gelesen: Die Mutter der Darmstädterin (gelesen von Cornelie Niemann), die ihrer Tochter Briefe schreibt, in denen sie vom Alltag des Bombenkrieges in Margots Heimatstadt erzählt. Ein junger Mann, Kurti (gelesen von Torsten Flassig), der Cousin von Nanni, der ihr rührende Liebesbriefe schreibt und ihr Verschwinden nicht begreift. Und Oskar Meyer (gelesen von Michael Quast), ein Jude aus Wien, der mit seiner Familie zu spät ernst nimmt, was passiert und es versäumt, sich mit seiner Familie in Sicherheit zu bringen.

    Ich gebe zu, zu Beginn tat ich mich sehr schwer mit diesem Roman. Ich bin eine Leserin, die auch eine spannende Handlung zu schätzen weiß und Handlung im klassischen Sinne gibt es recht wenig in diesem Roman. Vielmehr ist es die Zustandsbeschreibung des letzten Kriegsjahres aus der Perspektive der ganz normalen Menschen. Als ich das begriffen hatte, habe ich mich auch viel besser auf das Buch einlassen können. Man merkt, daß Arno Geiger sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat und wie wichtig es ihm ist, seine Protagonisten direkt aus der Zeit heraus sprechen zu lassen. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk Kultur sagt er, daß er ganz kaum Sachbücher, dafür aber unendlich viele Briefe und Tagebücher aus dieser Zeit gelesen hat. So scheinen seine Figuren direkt aus ihrer Zeit zu uns zu sprechen. Dabei jedoch in einer schnörkellosen Sprache, die oft wunderbare Bilder findet und zeichnet.

    Die exzellenten Sprecher*innen machen dieses Buch darüber hinaus auch zum einem tollen Hörvergnügen. Mir hat besonders gut Cornelia Niemann gefallen, für fie Briefe von Margots Mutter den richtigen Tonfall trifft: Eine Mischung aus Sorge um die Tochter, Ungeduld mit deren vermeintlichen Unverständnis über die Sitation der Mutter und Entsetzen über das, was den Menscchn in den Bombennächten wirderfährt. Aber auch die anderen Sprecher geben diesem Hörbuch durch ihre Lesart eine Vielstimmigkeit, die den Eindruck des Textes noch vertieft.

    Ein Hörbuch, für das man sich Zeit nehmen sollte. Dann wird man mit einem eindrücklichen Hörerlebnis belohnt!

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    Snordbruchs avatar
    Snordbruchvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Berührende Schilderung verschiedenster Schicksale im Kriegsjahr 1944. Mit leisen Tönen wird das Grauen eindringlich vermittelt.
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    lesemausvor 2 Monaten
    TinaHerrs avatar
    TinaHerrvor 8 Monaten

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