Rezension zu "Die Habsburger Reiche: 1555 - 1740 (Geschichte kompakt)" von Arno Strohmeyer
Andreas_OberenderIm 16. und 17. Jahrhundert waren die Habsburger eine Dynastie der Superlative, eine Klasse für sich im Kreis der europäischen Königs- und Fürstenfamilien. Die beiden Zweige des Hauses, der österreichische und der spanische, herrschten über halb Europa und ein riesiges Kolonialreich in Übersee. Die Geschichte des Hauses Habsburg in der Frühen Neuzeit ist eine anspruchsvolle und komplexe Materie. Sie stellt Historiker vor große Herausforderungen. Es ist kein Zufall, dass es in deutscher Sprache so wenige seriöse und wissenschaftlich fundierte Darstellungen zur Geschichte der Habsburger gibt. Das vorliegende Buch von Arno Strohmeyer wurde eigens für den universitären Seminarbetrieb geschrieben. Für Leser jenseits der Wissenschaft ist es nicht gut geeignet. Wer das Buch zur Hand nimmt, der sollte sich darüber im Klaren sein, was es nicht bietet: Es ist keine (erzählend angelegte) Dynastiegeschichte, wie man sie vom Kohlhammer-Verlag kennt, und es vermittelt auch keinen Überblick zur (Ereignis-)Geschichte der von den Habsburgern regierten Länder. Es ist daher ratsam, das Buch in Verbindung mit anderen Darstellungen zu lesen, sei es zur Geschichte der Habsburger, sei es zur Geschichte Spaniens und des Heiligen Römischen Reiches im 16. und 17. Jahrhundert. Strohmeyers Werk ist konsequent strukturgeschichtlich und analytisch angelegt. Der chronologische Rahmen - 1555 bis 1740 - umspannt den Zeitraum vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Tod Kaiser Karls VI., des letzten männlichen Habsburgers. Das Buch schließt chronologisch und thematisch an einen Band von Esther-Beate Körber an, der ebenfalls in der Reihe "Geschichte kompakt" erschienen ist ("Habsburgs europäische Herrschaft. Von Karl V. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts", Darmstadt 2002). Was die Geschichte der Habsburger im 16. Jahrhundert angeht, so kommt es zwischen beiden Werken zu einigen Überschneidungen.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil, der als Prolog zu verstehen ist, erörtert Strohmeyer einige Modelle und Konzepte, mit denen sich die Herrschaft der Habsburger in Europa und in der Welt erfassen und analysieren lässt: Zusammengesetzte Monarchie; Imperium; dynastische Agglomeration. Im zweiten Teil wird die Herrschaft der Habsburger unter politik- und strukturgeschichtlichen Gesichtspunkten erörtert. Die Reiche und Territorien der beiden Linien werden dabei gleichermaßen berücksichtigt, und auch die amerikanischen Kolonien werden einbezogen. Knapp porträtiert Strohmeyer die römisch-deutschen Kaiser und spanischen Könige aus dem Hause Habsburg. Er skizziert Aufbau und Arbeitsweise der politischen Institutionen in Wien und Madrid und geht auf das Zusammenspiel zwischen Herrschern und Ständeversammlungen ein. Weitere Kapitel sind der Religionsproblematik und den habsburgischen Höfen bzw. Residenzen als Zentren des politischen und kulturellen Lebens gewidmet. Der dritte Teil befasst sich mit der europäischen Mächtepolitik des 16. und 17. Jahrhunderts. Strohmeyer behandelt die Konflikte der österreichischen und spanischen Habsburger mit den Osmanen, Frankreich und England sowie den Dreißigjährigen Krieg und den Spanischen Erbfolgekrieg. Kaiser Karl VI. scheiterte mit seinem Vorhaben, die beiden habsburgischen Herrschaftskomplexe noch einmal zu vereinen. Mit Karls Tod 1740 wurde die Vision einer habsburgischen Universalmonarchie in Europa endgültig ad acta gelegt. Die innen- und außenpolitischen Aufgaben und Probleme, vor denen die beiden Linien standen, waren nie deckungsgleich. Gleichwohl teilten österreichische und spanische Habsburger bestimmte Prioritäten wie den Kampf gegen den Protestantismus und die Abwehr der Türken. Wie Strohmeyer immer wieder betont, verstanden sich die beiden habsburgischen Familienzweige über Generationen hinweg als Einheit, als ein Herrscherhaus, ja als Schicksalsgemeinschaft, etwa während des Dreißigjährigen Krieges. Zahlreiche innerdynastische Eheverbindungen festigten den Zusammenhalt des Hauses.
Strohmeyers Buch weist Stärken und Schwächen auf. Zu den Stärken gehört die umfassende Rezeption der deutsch- und fremdsprachigen Forschungsliteratur zur Geschichte der österreichischen und spanischen Habsburger. Der Text ist verständlich geschrieben und sehr gut lesbar. Dennoch ist das Buch nicht vollauf zufriedenstellend. Beim Lesen drängt sich mehrfach die Frage auf, ob Strohmeyer nicht einen zu großen Zeitrahmen gewählt hat. Kein Professor oder Dozent wird in einem Seminar zweihundert Jahre habsburgischer Geschichte behandeln, noch dazu die Geschichte beider Linien. Im Lehrbetrieb werden wohl eher einzelne Kapitel des Buches Verwendung finden, weniger das gesamte Buch. In den strukturgeschichtlichen Erörterungen des zweiten Teils werden qualitative Veränderungen im Laufe der Zeit nicht genug berücksichtigt. Strohmeyers Bild von der Herrschaft der österreichischen und spanischen Habsburger wirkt recht statisch. Verwundert stellt man als Leser fest, dass Strohmeyer nichts über die wirtschaftlichen und finanziellen Grundlagen habsburgischer Herrschaft sagt. Dabei waren die Finanzen die Achillesferse aller habsburgischen Kaiser und Könige. Unerwähnt bleibt, dass Philipp II. mit seiner ambitionierten Großmachtpolitik Spanien viermal in den Staatsbankrott trieb. Die "imperiale Überdehnung", ein Leitmotiv habsburgischer Herrschaft, wird nicht problematisiert. Es fehlt ein bilanzierendes Schlusskapitel, es fehlen Überlegungen, was die österreichischen und spanischen Habsburger für die von ihnen beherrschten Länder geleistet haben. Erfolge und Misserfolge - und ihre jeweiligen Langzeitwirkungen - werden nicht herausgearbeitet. Forschungsdebatten über Krise und Niedergang Spaniens im 17. Jahrhundert finden bei Strohmeyer kaum Widerhall. War die Herrschaft Philipps II. und seiner Nachfolger für Spanien nicht eher eine Belastung als ein Segen? Der Band enthält nur eine Weltkarte, aber keine Europakarte, auf der die habsburgischen Länderkomplexe eingezeichnet sind. Dessen ungeachtet hat Strohmeyer einen lesenswerten Band vorgelegt, der jedoch, wie bereits erwähnt, zusammen mit anderen Werken benutzt werden sollte.
(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Dezember 2016 bei Amazon gepostet)

