Arta Ramadani

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Die Reise zum ersten Kuss

Die Reise zum ersten Kuss

 (2)
Erschienen am 27.02.2018

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Rezension zu "Die Reise zum ersten Kuss" von Arta Ramadani

Eindrucksvolles Portrait
aus-erlesenvor 7 Monaten

Wenn der, der seine Versprechen hält mit der Blume en Kind zeugt, ist es frei wie der Wind. Besnik und Lule haben Era in die Welt gesetzt. Sie wohnen in Prishtina, im Kosovo. Sie sind Kosovo-Albaner. In den 90ern kein Zuckerschlecken, vielmehr die Hölle auf Erden. Der Weg zur Schule wird von serbischen Milizen gesäumt, die je Lust und Laune die Bevölkerung drangsalieren dürfen. Ihr Vater ist politisch aktiv. Und zwar so sehr, dass er für zwei Jahre verschwindet. Oma Emine ist der ruhende Pol in der Familie. Für Era bäckt sie Schokoladenbrötchen. Daran kann sich die Kleine einfach nicht sattessen. Ein Jammer, wenn es Emine und ihre Schokoladenbrötchen nicht mehr geben würde. Unvorstellbar!
Doch das Leben hält eine Wendung für Era und ihre Familie parat. Sie folgen dem Vater, der nach zwei Jahren endlich wieder aufgetaucht ist, nach Berlin. Als politisch Verfolgter darf er in Deutschland bleiben. Und der Familiennachzug ist auch kein Problem. Nur Oma Emine will nicht weg. Nicht weg von ihrem angestammten Platz. Trotz des serbischen Milizenterrors. Drei Tage hat Era Zeit. Die Musik von Madonna und der Walkman sind das wichtigste. Die Kassette hat ihr Onkel Agim einmal bespielt. Er fiel dem Terrorregime zum Opfer. Damals sah Era ihren Vater zum ersten Mal weinen. 
Berlin ist kalt im November. Grau. Und es fällt der erste Schnee. Die Familie wird in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Alles kahl, kalt, unfreundlich, trostlos. Nach drei Monaten darf Era endlich zur Schule gehen. „Kaba, Autobahn und Tschüss“ kennt sie bereits. Ihr offenes, unschuldiges Wesen macht es ihr einfach Freunde zu finden. Auch ihr Deutschnachhilfelehrer Daniel erleichtert es die fremde Sprache und Kultur zu verstehen. Jetzt fehlen nur noch zwei Dinge: Karten für das bald anstehende Madonna-Konzert zu bekommen und einen deutschen Jungen zu küssen…
Arta Ramadani stammt selbst aus Prishtina. Sie hatte eine glückliche Kindheit im Kosovo und eine glückliche Jugend in Mannheim. Era und Arta sind zwei Frauen mit ähnlichen Schicksalen. Eras ist fiktiv mit realen Bezugspunkten. Mit echter Lebenslust beschreibt Arta Ramadani das Heranwachsen eines Mädchens, das früh lernen muss, dass Verlust schmerzhaft ist, im Gegenzug aber auch immer einen nächsten Schritt bedeutet. Die ungeschminkten (positiven wie negativen) Erinnerungen an Prishtina schnüren dem Leser fast die Kehle zu. Die unverblümt geäußerten Gedanken in Deutschland rühren zu Tränen. Era wird gezwungenermaßen in ihr neues Leben geschubst. Ehrlich und echt nimmt sie mit, was ihr beigebracht wurde und ist nun mittendrin im neuen Lernprozess des Lebens. Traditionen beißen sich in Berlin noch offener als in der beruhigend anmutenden Heimat im Süden. Doch Era weiß sich zu helfen und die besten Ratgeber der Welt hinter sich: Ihre Eltern.

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J

Rezension zu "Die Reise zum ersten Kuss" von Arta Ramadani

Mädchenmut
jamal_tuschickvor 7 Monaten

Arta Ramadani stammt aus einer Familie von Widerstandskämpfern. Ein Urgroßvater wurde wegen einer militant abweichenden Auffassung von den Staatszielen standrechtlich erschossen. Ein Großvater und der Vater gingen für ihre Überzeugungen ins Gefängnis.
„Meine Familie hat mit vielen Traditionen gebrochen“, sagt die Autorin an einem Sommernachmittag vor der Berliner Volksbühne. Sie beschreibt ihren Vater als Rebellen, stark in seinen Überzeugungen und sanft in ihren Darstellungen. Er habe auch der Tochter beigebracht, auf eine sanfte Weise energisch zu sein. Ramadanis Formulierung flippt: „Soft tough zu sein.“
So überlebt man als Dissident in robusten Regimen. Ramadani (Jahrgang 1981) stammt aus Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, so wie die Heldin ihres ersten Romans – einer Madonna Hörigen. Halb verschossen in Onkel Agim, der sie auf die Spur ihrer musikalischen Vorlieben setzt. Ein großes Kind in den Neunzehnhundertneunzigern, das „der Oma beim Weinen hilft“ und seine Stadt im Belagerungszustand erlebt. Serbische Polizisten kontrollieren die Bürger mitunter nur aus Langeweile oder um Frauen wie Eras Mutter einen Flirt aufzuzwingen. Era erkennt und beschreibt naiv Haltungsschäden: verursacht von der Duldungsstarre Unterworfener. Die Familie wandert schweren Herzens nach Berlin aus und landet in einem Kreuzberger Flüchtlingsheim.
„Das war bei uns aber anders“, erklärt Ramadani einen gravierenden Unterschied zwischen Roman und Wirklichkeit.
„Erstens sind wir nicht in Berlin, sondern in Mannheim gelandet. Und zweitens galt Deutschland in meiner Familie als Musterdemokratie und Hort eines guten Fortschritts. Ich habe mich auf den Umzug gefreut und meine Eltern auch.“
Immerhin gab es den wunderbaren Welterklärer in der Verwandtschaft, der im Roman Onkel Agim heißt. Von ihm lernte Ramadani, dass im Kosovo die Nation über der Religion steht. Drei Konfessionen existieren in spannungsarmer Koexistenz. Für Era ist Madonna „so jemand wie der liebe Gott für Oma“.
Ramadanis Eltern sind Atheisten. Ihre Integration vollzieht sich in reibungslosen Abläufen. Nach der Inspektion des unvermeidlichen Flüchtlingsheim und einem Stopover am sozialen Rand von Mannheim erreichen die Ramadanis ein bürgerliches Quartier. Der Vater findet als Heil- und Sozialarbeiter Anschluss in der ersten Liga. Er engagiert sich. Siehe: https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-mannheim-ramadani-im-landesbeirat-_arid,1186323.html
Die Mutter leitet die albanische Schule in Mannheim gleichsam vom Tag der Ankunft in Deutschland.
„Bei uns daheim drehte sich stets alles um Bildung und Selbstbestimmung, während konventionelle Lebensentwürfe und Rollenerwartungen kritisch betrachtet wurden. Ich wäre meinen Eltern als alleinstehende Mutter willkommen gewesen, aber nicht als Schulabbrecherin.“
Ramadani musste sich nicht emanzipieren, sondern bewähren, indem sie den hohen Emanzipationsstandard der Eltern nicht unterschritt. Eine Weile studierte sie in Amerika. Heute arbeitet sie als ZDF-Redakteurin.
Zum Schluss sagt sie: „Es ist schade, dass die Medien so sehr auf migrantische Problemfälle anspringen. Ist es nicht schön zu sehen, dass es auch Migrantinnen wie mich gibt? Denen das Leben gelingt. Ich möchte Mädchen aus muslimischen Familien dazu inspirieren, an sich zu glauben und ihren Weg konsequent selbstbestimmt zu gehen.“


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