Arthur Schnitzler

 3.8 Sterne bei 1.128 Bewertungen
Autor von Traumnovelle, Leutnant Gustl und weiteren Büchern.
Autorenbild von Arthur Schnitzler (©)

Lebenslauf von Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler ist das Älteste von vier Kindern. Er stammt aus einer angesehenen Arztfamilie. Sein Vater und Großvater waren beide Ärzte. Nach seiner Matura, die er mit Auszeichnung bestand studierte er an der Universität Wien ebenfalls Medizin. Bereits während dieser Zeit war er schriftstellerisch aktiv. Sein erstes Gedicht "Liebeslied der Ballerine" veröffentlichte er in der Zeitschrift "Der freie Landbote." Anschließend war er zunächst nur im Medizinischen Bereich, schriftstellerisch tätig. Er veröffentlichte Rezensionen zu Sachbüchern und medizinische Artikel. Schnitzlers Vater war Herausgeber der Zeitschrift "Internationalen Klinischen Rundschau" für welche Arthur Schnitzler zahlreiche Artikel verfasste. Nach dem Tod seines Vaters 1893 eröffnet Schnitzler seine eigene Praxis und wird schriftstellerisch immer mehr tätig. Gemeinsam mit seinen Freunden Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann zählt Schnitzler zu den Hauptvertretern des Jungen Wien. 1903 heiratet er die 21-jährige Schauspielerin Olga Gussmann, zu diesem Zeitpunkt hatten sie einen einjährigen Sohn zusammen. 1921 ließ er sich von seiner Frau scheiden und erzog die beiden Kinder Heinrich und Lilli alleine. Als seine Tochter 7 Jahre später sich Selbstmord beging, verfiel er in eine Depression. Zur Zeit des 1.Weltkriegs ging sein Ruhm zurück, da er die Kriegseuphorie der Menschen nicht teilte. Zu dieser Zeit zog er sich auch aus dem öffentlichen Leben zurück und verfiel in Depressionen. Er starb a, 21. Oktober 1931 in Wien und liegt auf dem jüdischen Friedhof begraben.

Neue Bücher

Reigen: Zehn Dialoge

 (3)
Neu erschienen am 19.06.2020 als Hardcover bei Nikol.

Leutnant Gustl

Neu erschienen am 03.06.2020 als Taschenbuch bei BoD – Books on Demand.

Fräulein Else

Neu erschienen am 25.05.2020 als Taschenbuch bei BoD – Books on Demand.

Frau Beate und Sohn

Erscheint am 01.09.2020 als Hörbuch bei Hierax Medien.

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Cover des Buches Traumnovelle (ISBN: 9783746767505)

Traumnovelle

 (354)
Erschienen am 04.10.2018
Cover des Buches Leutnant Gustl (ISBN: 9783746715162)

Leutnant Gustl

 (125)
Erschienen am 09.04.2018
Cover des Buches Fräulein Else (ISBN: 9783423417761)

Fräulein Else

 (109)
Erschienen am 23.08.2013
Cover des Buches Reigen (ISBN: 9783872912329)

Reigen

 (73)
Erschienen am 03.02.2012
Cover des Buches Liebelei (ISBN: 9783150181577)

Liebelei

 (26)
Erschienen am 01.01.2001
Cover des Buches Reigen / Liebelei (ISBN: 9783596270095)

Reigen / Liebelei

 (26)
Erschienen am 08.02.1989

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Neue Rezensionen zu Arthur Schnitzler

Neu

Rezension zu "Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler

Intrigen und Antisemitismus im Krankenhaus
awogflivor 2 Monaten

Vordergründig ist das Theaterstück von Schnitzler eine Art Grey's Anatomy um die Jahrundertwende aber ohne Sex. Viele männliche Ärzte auf unterschiedlichen Stufen (Institutsleiter der unterschiedlichen Abteilungen des Krankenhauses von Pathologie über Inneres und Gyn, Oberärzte, Fachärzte und Turnusärzte, die ihre Dissertation noch nicht fertig haben) parlieren, tratschen, schwurbeln, kriechen einander in den Arsch und intrigieren hinter dem Rücken.

Krankenhausalltag also, der durch einen spezifischen Fall zu einem politischen Drama hochstilisiert wird, als eine junge katholische Frau, die wahrscheinlich bei einer Engelmacherin war, an einer Sepsis so ernsthaft erkrankt ist, dass sie in den nächsten Stunden sterben wird. Durch das Fieber spürt sie aber den nahenden Tod nicht und glaubt zu genesen. Die nicht konfessionelle Krankenschwester holt ob der dramatischen Situation den Priester für die letzte Beichte und die letzte Ölung, der jüdische Institutsleiter Professor Bernhardi verweigert ihm aber den Zutritt, denn er will die euphorische Patientin nicht der Todesangst aussetzen, sondern als pragmatischer Arzt ist im wichtig, dass es der Patientin gut geht, bevor sie stirbt, anstatt die unsterbliche Seele der Sünderin für den lieben Gott zu retten. Da sich der Priester beschwert, wird diese Petitesse zum Politikum hochstilisiert, indem antisemitische Vorurteile auf den Professor niederprasseln, der als Jude die katholischen Notwendigkeiten verachtet und Religionsstörung betreibt.

In der vom Professor gegründeten Klinik hat er in seiner Funktion als Direktor mittlerweile die Bestellung von sehr vielen nicht-jüdische Ärzten abgenickt, die politisch das Spektrum von liberal bis deutschnational und massiv antisemitsch abdecken. Professor Bernhardi ist politisch völlig naiv und untalentiert, für ihn zählen nur die Sicht der Fachqualifikation des Arztes und ärztliche Entscheidungskriterien.

Neben mehreren Intrigen intern geht die Angelegenheit ins Gesundheitsministerium, wo Bernhardi auch auf Beamte bzw. Politiker als Beamte trifft, die nur ihre Karriere im Fokus haben und wie Wendehälse heute ihre eigentlichen Überzeugungen vertreten, aber morgen diese auf dem Altar der politischen Anbiederung und Koalitionsbildungen opfern. Der Professor glaubt den Beteuerungen dieser Beamten und agiert als Arzt und als Mensch so, als wäre er von Antisemitismus nicht betroffen, quasi als wäre er kein Jude, oder als gäbe es keinen Antisemitismus. Er verkörpert daher genau jene Figur und den Prototyp, den alle politischen Liberalen und die bürgerlichen Parteien in der Mitte lauthals fordern, die sagen, dass die Juden einen nicht-existenten Antisemitismus aus Paranoia herbeireden und sich ständig als Opfer fühlen. (siehe Der Weg ins Freie )

Mit dieser von allen Juden verlangten Stategie scheitert Bernhardi aber episch. Die Petitesse wird vors Parlament gebracht und von einer Appellation in eine Anklage umgewandelt. Bei der Gerichtsverhandlung lügen einige der an der Szene Beiteiligten, dass sich die Balken biegen, Entlastungszeugen werden auch korrumpiert und schweigen. Mittlerweile soll der Herr Professor sogar den Priester angegriffen haben. Schließlich wird Bernhardi als Direktor seines eigenen Institus von einem Antisemiten abgelöst, seine Approbation wird im vorläufig entzogen und er muss für ein paar Monate ins Gefängnis, obwohl wirklich alle wissen, dass er unschuldig ist. Er wird auf dem politischen Parkett geopfert, gerade weil er starrsinnig auf seinem Bürgerrecht beharrt, in die staatlichen Institutionen und in die Menschen vertraut, dass sich seine Unschuld herausstellen wird.

Er ist auf dem rassistischen Auge blind und will sich nicht ducken, was natürlich küger wäre. Insofern ist er der tragische halsstarrige Held, der unbeirrt seinen Weg geht und der letztendlich dafür bestraft wird. Aber die Geschichte spielt ja im K&K Zuckerguss-Österreich und auch die Bestrafung und der Antisemitismus sind nicht so dramatisch - typisch österreichisch inkonsequent. Nach ein paar Monaten Gefängnis, der Rückgabe der Approbation und der wahrscheinlichen Wiedereinsetzung als Institutsleiter haben sich alle wieder recht lieb und parlieren amikal miteinander. Alles Gut! Es lebe der Kaiser!

Abgesehen vom nicht unspannenden Plot war dieses verbale Gebuckel, Geschmeichel und um den heißen Brei Herumgeschwurbel in den Dialogen sehr schwer zu ertragen und lähmte die ganze Geschichte ziemlich. Ich spreche hier nicht von einer alten Sprache, sondern von diesem vertraulichen,, fraternisierenden, katzbuckelnden, amikalen Spezi-Ton, den die Ärzte und die Politiker miteinander zelebrieren. Wahrscheinlich gibt es den bis heute in den Parteizentralen, aber der nervte mich ungemein und machte die Handlung zäh wie Strudelteig. Befreit man manche Dialoge aber vom inflationär eingesetzten Beiwerk der fortlaufenden Schmeichelei, dann waren einige wirklich großes Kino.

So sagt der Politiker:
"Wenn man immerfort das Richtige täte, oder vielmehr, wenn man nur einmal in der Früh, so ohne sich's weiter zu überlegen, anfing', das Richtige zu tun und so in einem for den ganzen Tag lang das Richtige, so säße man sicher noch vorm Nachtmahl im Kriminal!"

Die angeschlossenen 60 Seiten Nachwort und Erläuterungen waren fast spannender als das Theaterstück selbst und drehen für mich das Werk noch von 2,5 auf gute 3 Sterne. Sie gaben einen großartigen Blick in den Hintergrund und eine detaillierte Analsyse der Situation der Wiener Krankenhäuser und der Medizin zu dieser Zeit. Es wird thematisiert, welche Kliniken hier gemeint sein könnten (die Analyse macht eine Kombination zwischen Poliklinik und einem anderen Krankenhaus aus), aber sie gab auch sensationelle Einblicke in die ärzliche Klinikpraxis dieser Zeit. Die Wissenschaft und die Krankenhäuser fokussierten sich anstatt auf therapeutische und hygienische Ansätze auf diagnostische Methoden, aber mangels großflächigem Einsatz von bildgebenden Verfahren war eine Diagnose ja nur ex-post also nach der Sektion möglich. Die Wahrscheinlichkeit, damals bei einer Krankheit zu überleben, war auf einer Pflegestation wesentlich höher als in einem Krankenhaus, in dem die Herrn Professoren nur darauf warteten, dass die Patienten starben, damit sie die Ursache herausfinden konnten. Zudem hielten die damaligen Ärzte auch wenig von den damals schon bekannten Hygiene-Maßnahmen. Das machte mich auf einige Kleinigkeiten aufmerksam, die ich ansonsten überlesen hätte. Auch im Theaterstück kommen viele von den Doktoren direkt aus dem Seziersaal hoch und keiner hat sich die Hände gewaschen. Ziemlich wahrscheinlich, dass die junge Frau die Sepsis erst durch die Untersuchung von einem Arzt bekommen hat.

Zudem wird die politische Situation der K&K Monarchie ausnehmend grandios analysiert. Antisemitismus den es qua Gesetz eigentlich gar nicht geben darf, weil ihn der Kaiser verboten hat, der sich aber strukturell durch alle Institutionen und durch das tägliche Leben zieht. Kommt uns bekannt vor oder, denn Antisemitismus ist genau dasselbe wie der heutige strukturelle Rassismus gegenüber PoCs?

Fazit: Theaterstück unterdurchschnittlich aber mit der Erläuterung kommt noch was Gutes dabei heraus, da bekommt der Stoff gleich neue spannende Aspekte. Mir hat das Nachwort wesentlich besser gefallen als das Werk selbst.

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Rezension zu "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler

Zeitloser Klassiker
awogflivor 2 Monaten

Es ist schon eine Kunst, wenn ein Autor einer sehr verstaubten Novelle, die ja schließlich die Moralvorstellungen nicht vom letzten sondern vom vorletzten Jahrhundert vertritt, diese so zu konzipieren vermag, dass die Nöte der Protagonistin, die auf Grund dieser Moral entstehen, so konsistent und genial vermittelt werden, dass wir sie auch heute noch nachvollziehen zu vermögen.

Zudem ist Fräulein Else wie schon der Leutnant Gustl stilistisch in Form eines ziemlich genialen inneren Monologs konzipiert. Man bedenke, dass diese Erzählform von Schnitzler VOR dem meiner nach total überschätzten James Joyce weitaus brillianter eingeführt wurde, da Schnitzlers Monologe erstens angenehmst kürzer, und viel tiefgängiger als jene des Ulysses verfassst wurden, die ja im Gegensatz zu Schnitzler keine substantiellen Probleme der Protagonisten sondern nur nichtiges Geschwätz beinhalten. Die Novellen von Leutnant Gustl und Fräulein Else stellen für mich ohnehin die Highlights aus Schnitzlers Werk dar, obwohl mir ein paar Theaterstücke und die Traumnovelle auch ganz gut gefallen haben.

Aber nun zum Inhalt:
Schnitzler wirft die Leserschaft in die Welt einer glorreichen Fassade hinter der alles verrottet ist. Das junge schöne Fräulein Else ist mit der guten Gesellschaft in der Sommerfrische im Ausland und bekommt einen unangehmen Expressbrief von Mama. Der Herr Papa hat Gelder von Mündeln veruntreut und gestohlen. Wenn sie nicht bis morgen 30.000 Gulden vom unsympathischen Herrn Dorsday bekommt, muss Papa ins Gefängnis. Bald stellt sich heraus, was der schmierige Herr Dorsday von dem 19-jährigen Mädl, das außer Schwärmereien noch gar keine sexuellen Erfahrungen hatte, verlangt. Sie soll sich um Mitternacht mit ihm im Wald treffen und sich ihm splitternackt präsentieren. Zwar schwört der alte Wüstling Stein und Bein, von ihr sonst nichts weiter zu verlangen, aber so einer Situation alleine mitten in der Nacht im Wald würde ich mich nicht einmal heutzutage aussetzen, aus Sorge, vergewaltigt zu werden.

In ihrem inneren Monolog wälzt die junge unerfahrene Else ihre Probleme und denkt sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Ist auch glaubwürdig, dass sie mit dem Tod kokettiert, wenn sie sich für die Ehre des Herrn Papa ihren Körper an den Herrn Dorsday verschachern muss und sich eben im Gegenzug zur Rettung des Vaters der lebenslangen Schande aussetzen muss und sich opfern sollte. Schlussendlich fordert der Vater in einer zweiten Depesche fast doppelt so viel Geld, also wird sie auch mehr geben müssen. Zudem ist sie ja mit 19 Jahren noch Jungfrau, da würde ich in der Situation und unter diesem enormen Druck auch mal an Schlaftabletten denken

Was für ein Arschloch von Papa, so etwas außerdem nicht einmal selbst zu erbitten, sondern dies indirekt über die sehr naive Mutter, die die Schuldkeule schwingt, zu verlangen. Anstatt dass der Vater für sein Versagen und für seine Taten geradesteht und die Schande des Diebstahls und des Gefängnisses annimmt, soll sich Else einer ganz anderen Schande opfern. So zahlen die Kinder die Schulden der Eltern. Else fragt sich zu Recht, warum eigentlich sie die Fehler des Vaters ausbaden soll und dem geilen Bock von Geldgeber zu Willen sein muss. Das Mädchen wäre lebenslang ruiniert, gesellschaftlich wie finanziell, denn Arbeit geht nicht, sie hat ja nix Gscheites gelernt und Ehe ist danach auch nicht mehr möglich, wenn sich der Dorsday im Wald am Mädl vergreift, denn er hat ja für die Nutte ordentlich bezahlt. Sie wird ohne eigentlich ursprünglich involviert zu sein, zwischen den beiden fordernden Männern und den gesellschaftlichen Konventionen zermalmt. Immer wieder konzipiert sie im Kopf Fluchtwege und Notausgänge aus dieser Situation.

Sehenden Auges wird auch eine andere Dramatik offenbar, denn der Vater ist ja nicht einzigartig und zufällig in einer derartigen Notlage, sondern die hoffnungslose Spielsucht des Papas und deren jahrelange und stetige Vertuschung mit den Auswirkungen wie Unterschlagung und Diebstahl hat auf die öffentliche Offenbarung der Schande der Familie ja nur eine kurze, aufschiebende Wirkung. Der Kater lässt trotz aller Beteuerungen das Mausen (das Spielen und das Prassen) nicht.

Letztendlich scheitert jeder Notausgang und Else opfert sich völlig unnotwendig einem verantwortungslosen Vater, einem geilen Bock und den gesellschaftlichen Konventionen, indem sie sich umbringt. Sie hat im Fieberwahn der Ausweglosigkeit das Versprechen eingelöst, sich nicht nur Herrn Dorsday, sondern der gesamten Gesellschaft nackt gezeigt und sich dann ob der Schande mit Veronal vergiftet. Na hoffentlich hat der Herr Papa wenigstens das Scheiß-Blutgeld bekommen und einen Aufschub seiner Schande erhalten, denn Else hat ihr Wort gehalten und die 50.000 Gulden redlich für die Familie verdient. Wenn sie auch diese Peinlichkeit nicht ertragen konnte und sich entleibt hat. Was für ein tragisches Opfer, das Else in den letzten Sekunden ihres Lebens auch noch bereut!

Fazit: Ein zeitloser Klassiker, der auch heute noch gut zu lesen und zu verstehen ist. Nicht deshalb, weil wir so etwas ohnehin heute auch noch verstehen können, sondern weil uns Schnitzler die Nöte und Ängste des Mädches derart nahezubringen vermag, dass das Mitfühlen und Verstehen ganz einfach gelingt.

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Rezension zu "Der Weg ins Freie" von Arthur Schnitzler

Handlung zäh wie Strudelteig
awogflivor 4 Monaten

Dieses Buch verstößt gegen mein erstes literarisches Gebot: "Du sollst nicht langweilen". Ich muss dazu sagen, es ist nicht schlecht geschrieben und hat mich ganz wenig genervt, aber das ist ja nun auch kein Qualitätskriterium für eine Geschichte. Jetzt kann man natürlich sagen, es bildet ziemlich treffsicher und jüdisches Leben in Wien um die Jahrhundertwende ab und hätte damit punktgenau Recht, aber wenn jüdisches Leben derart langweilig und ereignislos ist, dann will ich es nicht kennenlernen und es ist meiner Meinung nach nicht wert, erzählt zu werden.

Prinzipiell bin ich ja ein veritabler Schnitzler-Fan, seine kurzen und knackigen Novellen strotzen im Plot nur so vor rasanter Handlung und klugen Wendungen und Schnitzlers Theaterstücke sind auch meist gespickt mit interessanten Dialogen und überraschenden Ereignissen, aber bei seinem ersten Roman muss ich mit Bedauern feststellen, hat er sich eindeutig überhoben. Der Plot gibt fast nichts her, er ist zu platt, flach und kurz, als dass er einen ganzen Roman ergeben könnte. Die kaum vorhandene Handlung und die zähen Ereignisse ziehen sich sprichwörtlich wie ein selbstgemachter Wiener Strudelteig im rohen Zustand. Es fehlt der Kick und das Tempo. Zusammengefasst - und ich halte mich diesmal wirklich nicht kurz, sondern erzähle wirklich alles: Der arbeitscheue adelige Lebemann und Nichtsnutz Georg, der a bissi auf Künstler macht, schwängert eine anständige Frau namens Anna, vertuscht es, kümmert sich ein bisschen während der Schwangerschaft um sie, während er schon wieder nach dem nächsten Opfer Ausschau hält. Die feine adelige und jüdische Gesellschaft besucht sich gegenseitig und parliert. Am Ende stirbt das Kind bei der Geburt. Der Adelsspross zieht auf der Flucht nach seinen Gefühlen in die Deutsche Provinz ins Kaff Detmold und arbeitet erstmals in seinem Leben tatsächlich an einer Provinzoper als Kapellmeister. Anna, die anständige Frau, ist mit der Trennung einverstanden und akzeptiert die Erkaltung der Beziehung. Punkt.

Naja nun mag man ja einwenden, dass auch bei Dosojewski nicht viel passiert, aber diese Russen können einfach besser politisch philosophieren und an Weltschmerz leiden als diese satten und flachen Wiener der High Society. Vergleicht man Der weg ins Freie mit Doderers Strudelhofstiege, dann ist Schnitzlers Werk bei weitem besser, weil die Figuren besser entwickelt sind und wenigstens keine Redundanzen vorkommen. Jetzt ist der eine Stern Abstand zwischen Doderer und Schnitzler eigentlich ungerecht, und nur der Tatsache geschuldet, dass man hier in lovelybooks keine 0 Sterne vergeben kann, weil dann das Buch als nicht bewertet gilt. Insofern hätte nämlich der Doderer von mir mindestens einen Negativstern ausgefasst, so unterirdisch schlecht fand ich ihn. Ich kann aber auch nicht alles aufwerten, denn das würde die Abstände zu einigen anderen Büchern wieder falsch darstellen.

Einen positven Aspekt des Romans möchte ich aber dennoch anführen. Es sind die gut analysierten, subtil angesprochenen und im ganzen Plot verteilten Anfälle von Antsemitismus und die unterschiedlichen Reaktionen der jüdischen Figuren darauf, die die adelige, nicht betroffene Gesellschaft sehrwohl bemerkt und aus seiner privilegierten Sicht heraus teilweise sehr falsch beurteilt. Da werden grob antisemitische Äußerungen als Witz verharmlost, oder daran erinnert, dass der Verfasser doch sonst so ein anständiger Mensch sei und der berechtigte Ärger über den Antisemitismus als Verfolgungswahn diskeditiert. Erinnert mich an moderne Bücher wie "Warum ich mit Weißen nicht über Rassismus spreche". Zudem gibt es am Ende des ersten Drittel des Buches eine erschreckend prophetische Zukunftsvision zum Schicksal der Juden.



Was Sie Verfolgungswahnsinn zu nennen belieben, lieber Georg, das ist eben in Wahrheit nichts anderes als ein ununterbrochen waches, sehr intenisves Wissen von einem Zustand, in dem wir Juden uns befinden, und viel eher als Verfolgungswahnsinn, könnte man von einem Wahnsinn des Geborgenseins, des Inruhegelassenwerdens reden, von einem Sicherheitswahn, der vielleicht eine minder auffallende, aber für den Befallenen viel gefährlichere Krankheitsform vorstellt."



Das erklärt sehr viel, dass die Juden noch 1938 nicht kommen sahen, was sich zusammenbraute, sie wurden Jahrhunderte des Verfolgungswahns bezichtigt und in Sicherheit gewiegt, dass die gewalttätigen Reden eh nicht ernst gemeint seien. Deshalb konnten sie sich nicht vorstellen, dass Gewalt in der Sprache, der sie jahrhundertelang ausgesetzt waren, auch irgendwann in Gewalt in Taten münden kann. Bei den Deutschen und Östereichern war zudem die moralische Hemmschwelle gegenüber den Juden durch die antisemitischen Reden über die Jahrhunderte ohnehin schon herabgesetzt.

Fazit: Langweilige Handlung aufgeblasen auf Romanlänge und langweilige Figuren aber sehr tief beschrieben mit guter Einsicht in eine Gesellschaft, die für mich wahrlich in dem Fall total uninteressant ist. Ungefähr 2,4 Sterne, die ich abrunde, denn.... "Schnitzler, das könnens wirklich besser, nehmens Ihnen ein Beispiel an Ihren eigenen Novellen am Leutnant Gustl oder an der Traumnovelle. Für einen Roman braucht es auch einen Plot der was hergibt, ansonsten schreibt man eine Novelle."

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Zusätzliche Informationen

Arthur Schnitzler wurde am 14. Mai 1862 in Wien (Österreich) geboren.

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