Mit den Worten, „die Welt ist meine Vorstellung“, steigt Arthur Schopenhauer (1788 - 1860) provozierend in das erste Buch des ersten Bandes von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ ein und fährt dann fort: „dies ist eine Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektirte abstrakte Bewußtsein bringen kann: und thut er dies wirklich; so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung da ist, d. h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist.“
Wie er einige Zeilen später schreibt, knüpft er mit seiner Erkenntnislehre an René Descartes (1596 - 1650) als Vertreter des Rationalismus, George Berkeley (1685 - 1753) als Vertreter des Empirismus, vor allem aber an Immanuel Kant (1724- 1804), der Rationalismus und Empirismus zu vereinen suchte, an.
Auch Schopenhauer teilt die Welt in das „Ding an sich“, zu welchem nach Kant kein Zugang möglich ist, und dessen „Erscheinungen“, welche durch die Sinne und den Verstand geformt werden.
„es ist die Maja, der Schleier des Truges, welcher die Augen der Sterblichen umhüllt und sie eine Welt sehen läßt, von der man weder sagen kann, daß sie sei, noch auch, daß sie nicht sei: denn sie gleicht dem Traume…“
Bereits bei Kant sind Raum und Zeit keine Eigenschaften der Welt, sondern „reine Anschauungsformen“, die die Wahrnehmung strukturieren. Sie sind als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis vor aller Erfahrung gegeben.
An seine Dissertation mit dem Titel „Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ anschließend erklärt Schopenhauer nun die Kausalität zum Prinzip, das die Veränderung in Raum und Zeit ermöglicht. Denn bei den Phänomenen, die dem Subjekt erscheinen, würde dessen Verstand sie immer als Wirkung einer vorausgegangenen Ursache betrachten, womit automatisch Raum und Zeit entstehen. A priori sind also nicht nur Raum und Zeit, sondern vor allem Kausalität.
„Ursach und Wirkung ist also das ganze Wesen der Materie: ihr Seyn ist ihr Wirken. Höchst treffend ist daher im Deutschen der Inbegriff alles Materiellen W i r k lich k e i t genannt…“
Zwischen Objekt und Subjekt aber bestehe keine Beziehung von Ursache und Wirkung betont der Autor unter dem Paragraphen 5. „Eben auf jener falschen Voraussetzung beruht der thörichte Streit über die Realität der Außenwelt, in welchem sich Dogmatismus und Skepticismus gegenüberstehen und jener bald als Realismus, bald als Idealismus auftritt. Der Realismus setzt das Objekt als Ursach, und deren Wirkung ins Subjekt. Der Fichte'sche Idealismus macht das Objekt zur Wirkung des Subjekts. Weil nun aber, was nicht genug eingeschärft werden kann, zwischen Subjekt und Objekt gar kein Verhältniß nach dem Satz vom Grunde Statt findet: so konnte auch weder die eine, noch die andere der beiden Behauptungen je bewiesen werden…“
Die Frage ist, welches Verhältnis besteht dann zwischen Subjekt und Objekt? Schopenhauer hat die Antwort bereits in seinen einleitenden Worten zum Buch gegeben. Später wiederholt er: „Sonnen und Planeten, ohne ein Auge, das sie sieht, und einen Verstand, der sie erkennt, lassen sich zwar mit Worten sagen: aber diese Worte sind für die Vorstellung ein Sideroxylon.“ Das heißt, ohne Bedeutung.
Was Schopenhauer der Verstand ist, wurde bereits angedeutet. Im Paragraphen 8 ist zu lesen: „Wie der Verstand nur e i n e Funktion hat: unmittelbare Erkenntniß des Verhältnisses von Ursach und Wirkung… Zur Vernunft schreibt der Philosoph Folgendes: „so hat auch die Vernunft e i n e Funktion: Bildung des Begriffs…“
„Die Vernunft ist weiblicher Natur: sie kann nur geben, nachdem sie empfangen hat“, heißt es ein paar Seiten weiter. „Die Reflexion ist nothwendig Nachbildung, Wiederholung, der urbildlichen anschaulichen Welt, wiewohl Nachbildung ganz eigener Art, in einem völlig heterogenen Stoff. Deshalb sind die Begriffe ganz passend Vorstellungen von Vorstellungen zu nennen.“
Damit werden die Gewissheit der Urteile, das Wissen und die Wissenschaft fast lächerlich. „W i s s e n also ist das abstrakte Bewußtseyn, das Fixirthaben in Begriffen der Vernunft, des auf andere Weise überhaupt Erkannten.“
Vernunfterkenntnis sei keine Erweiterung des Erkennens, „sondern giebt ihm bloß eine andere Form.“
Die intuïtive Erkenntnis dagegen „gilt immer nur vom einzelnen Fall, geht nur auf das Nächste, und bleibt bei diesem stehen, weil Sinnlichkeit und Verstand eigentlich nur ein Objekt zur Zeit auffassen können.“
Welchen enormen Vorteil das hat, erläutert der Autor folgendermaßen: „Darum führen Wilde und rohe Menschen, die sehr wenig zu denken gewohnt sind, manche Leibesübungen, den Kampf mit Thieren, das Treffen mit dem Pfeil u. dgl. mit einer Sicherheit und Geschwindigkeit aus, die der reflektirende Europäer nie erreicht, eben weil seine Ueberlegung ihn schwanken und zaudern macht…“
Im zweiten Buch wendet sich der Philosoph der Metaphysik zu. Aus Kants „Ding an sich“ wird jetzt der blinde, hungrige, grundlose und freie Wille, der die Welt und auch den Menschen antreibt.
Damit nimmt er einerseits Sigmund Freud (1856 - 1939) vorweg und tönt andererseits mit Buddha im Duett: Das Leben ist Leiden.
Schopenhauer greift Platons (428/427 v. Chr. - 348/347 v. Chr.) Ideenlehre auf und meint, dass sich der Wille in verschiedenen Stufen objektiviere, angefangen bei den einfachen Naturkräften bis hin zu den komplexen Lebewesen und schließlich dem menschlichen Bewusstsein.
„Der Wille, der bis hieher im Dunkeln, höchst sicher und unfehlbar, seinen Trieb verfolgte, hat sich auf dieser Stufe ein Licht angezündet, als ein Mittel, welches nothwendig wurde, zur Aufhebung des Nachtheils, der aus dem Gedränge und der komplicirten Beschaffenheit seiner Erscheinungen eben den vollendetesten erwachsen würde.
Denn: „Jede Stufe der Objektivation des Willens macht der andern die Materie, den Raum, die Zeit streitig.“
Schopenhauer schließt sich Thomas Hobbes (1588 - 1679) an und ruft: „Homo homini lupus.“ Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.
Trotz fortbestehendem Kannibalismus auf dieser höchsten Stufe könne sich der Mensch aber nun von zwei Seiten betrachten: „Dies kann ich darum, weil mein Leib das einzige Objekt ist, von dem ich nicht bloß die eine Seite, die der Vorstellung, kenne, sondern auch die zweite, welche Wille heißt.“
Im ästhetischen Teil seines Werkes, im dritten Buch, wendet sich Schopenhauer dem Zwischenglied zwischen dem Willen und der Vorstellung zu. Es geht um die Ideen.
Sie seien weniger vergänglich als die einzelnen Dinge, da sie nicht der Kausalität unterliegen und nicht dem ständigen Wandel der Welt der Erscheinungen unterworfen sind. Sie besitzen eine höhere Realität, weil sie unmittelbare Objektivationen des Willens seien.
Durch Kontemplation könne sich der Mensch für einen kurzen Moment dem Sklavendienst des Willens entziehen und so die Ideen hinter den Vorstellungen fühlen. Das Mittel, mit dem dies erreicht werden kann, sei die Kunst, vorrangig die Musik.
„Der, wie gesagt, mögliche, aber nur als Ausnahme zu betrachtende Uebergang von der gemeinen Erkenntniß einzelner Dinge zur Erkenntniß der Idee geschieht plötzlich, indem die Erkenntniß sich vom Dienste des Willens losreißt, eben dadurch das Subjekt aushört ein bloß individuelles zu seyn und jetzt reines, willenloses Subjekt der Erkenntniß ist, welches nicht mehr, dem Satze vom Grunde gemäß, den Relationen nachgeht; sondern in fester Kontemplation des dargebotenen Objekts, außer seinem Zusammenhange mit irgend andern, ruht und darin aufgeht.“
Von hier ist es nicht mehr weit bis zur Sankskrit-Formel: „‚Tat twam asi‘, das heißt: ‚dieses Lebende bist du‘“, und noch ein kürzerer Schritt bis zu Schopenhauers Ethik, dem vierten Buch.
Wer erkannt hat, dass im Gegenüber derselbe Wille waltet wie in einem selbst, der empfindet nicht nur Mitleid, sondern richtet auch sein Handeln danach aus.
Schopenhauer verwirft Kants Pflichtethik samt dem kategorischen Imperativ und schreibt stattdessen:
„Was daher auch Güte, Liebe und Edelmuth für Andere thun, ist immer nur Linderung ihrer Leiden, und folglich ist was sie bewegen kann zu guten Thaten und Werken der Liebe, immer nur die Erkenntniß des fremden Leidens, aus dem eigenen unmittelbar verständlich und diesem gleichgesetzt. Hieraus aber ergiebt sich, daß die reine Liebe (αγαπη, caritas) ihrer Natur nach Mitleid ist…“
In seiner Wirkungsgeschichte übte Schopenhauer großen Einfluss auf Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) aus. Dieser folgte Schopenhauer zunächst, wandte sich aber in seiner letzten Schaffensperiode deutlich von ihm ab. Das Mitleid betrachtet er als “Infektion“ und in „Jenseits von Gut und Böse“ schreibt er: „Willenslähmung: Wo findet man nicht heute diesen Krüppel sitzen.“
Schopenhauer jedoch bleibt bei der buddhistischen Lehre und formuliert: „Die Basis alles Wollens aber ist Bedürftigkeit, Mangel, also Schmerz, dem er folglich schon ursprünglich und durch sein Wesen anheimfällt.“ „Die unaufhörlichen Bemühungen, das Leiden zu verbannen, leisten nichts weiter, als daß es seine Gestalt verändert.“
Die einzige Möglichkeit, die Zähne nicht mehr ins eigene Fleisch zu schlagen, sieht er in der Askese. „Der Wille wendet sich nunmehr vom Leben ab: ihm schaudert jetzt vor dessen Genüssen, in denen er die Bejahung desselben erkennt. Der Mensch gelangt zum Zustande der freiwilligen Entsagung, der Resignation, der wahren Gelassenheit und gänzlichen Willenslosigkeit.“
Sogar der Tod verliert seine Bedeutung: „Auch sei es mir vergönnt, um auszudrücken, wie nach dem Absterben des Willens, der Tod des Leibes (der ja nur die Erscheinung des Willens ist, mit dessen Aufhebung er daher alle Bedeutung verliert) nun nichts Bitteres mehr haben kann, sondern sehr willkommen ist…“
Wer sich jetzt bereits im Nirwana meint, irrt sich: „Indessen dürfen wir doch nicht meynen, daß, nachdem durch die zum Quietiv gewordene Erkenntniß, die Verneinung des Willens zum Leben einmal eingetreten ist, sie nun nicht mehr wanke, und man aus ihr rasten könne, wie auf einem erworbenen Eigenthum. Vielmehr muß sie durch steten Kampf immer aufs Neue errungen werden.“
Die Herausforderungen, die Schopenhauer auf 689 Seiten an den, in „Neusprech“ (George Orwell [1903 - 1950]) denkenden Europäer des 21. Jahrhunderts richtet, sind hoch. Der „Pelagianischen Hausmannsverstand“ und die Vernunft werden ordentlich geschult, womit man sich besser behaupten, also in die Fußstapfen von Nietzsches Übermenschen treten könnte, was in einer, vom Kapital geprägten Gesellschaft auch nichts nützt oder aber frau entsagt der Welt, wählt den kleinen Tod, und versenkt sich in die Meditation. Das letzte Wort des Hauptteils ist „Nichts.“
Zuletzt sei bemerkt, dass der Anhang mit der Überschrift „Kritik der Kantischen Philosophie“ nicht nur Kritik enthält, sondern auf 146 Seiten mit Kant vertraut macht. Es ist also nicht Voraussetzung, ein Kantianer zu sein, wie es in den Vorworten heißt. Grundkenntnisse über die Philosophie Immanuel Kants sind ausreichend, um Freude an den Gedanken Schopenhauers zu finden.
Diese Rezension soll einer Freundin und ihrem Enkel Arthur gewidmet sein.
V.S.