Artur Weigandt

 4,5 Sterne bei 8 Bewertungen

Lebenslauf

Artur Weigandt wurde 1994 in Uspenka (Kasachstan) geboren, studierte in Frankfurt am Main Ästhetik, verbrachte aber auch längere Zeit in Prag, Kyjiw und Tbilissi. Er absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. 2021 wählte ihn das Medium-Magazin zu den Top-30-bis-30-Journalisten. Journalistische Stationen unter anderem bei F.A.Z., ZEITmagazin, ZEIT und WELT. Bei Hanser Berlin erschien 2023 sein Debüt "Die Verräter".

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Artur Weigandt

Cover des Buches Die Verräter (ISBN: 9783446275904)

Die Verräter

(6)
Erschienen am 20.03.2023
Cover des Buches Für euch würde ich kämpfen (ISBN: 9783406840166)

Für euch würde ich kämpfen

(2)
Erschienen am 15.10.2025

Neue Rezensionen zu Artur Weigandt

Cover des Buches Für euch würde ich kämpfen (ISBN: 9783406840166)
Eternal-Hopes avatar

Rezension zu "Für euch würde ich kämpfen" von Artur Weigandt

Eternal-Hope
Persönliche Geschichte eines Gesinnungswandels

Artur Weigandt hat eine interessante Lebensgeschichte: geboren in Kasachstan, ist er im Alter von einem Jahr mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, ist hier in die Schule gegangen, wurde als "Russe" (obwohl er mit seinen russlanddeutschen, kasachischen, ukrainischen und belarussischen Wurzeln genau genommen keiner ist) ausgegrenzt und verprügelt, legte das Abitur ab und fand sich auf der Universität von anderen jungen Menschen umgeben, für die Pazifismus das höchste Ziel war - so wie auch für ihn zu dieser Zeit. Gewalt, auch zur Selbstverteidigung, sah er als Relikt der Vergangenheit an, und führte gemeinsam mit anderen jungen Menschen engagierte theoretische Debatten über Pazifismus.

Bis der Ukrainekrieg und insbesondere seine Entscheidung, an der ukrainischen Front freiwillig als Dolmetscher tätig zu werden, und all das, was er dabei erlebt hat, zu einem Umdenken führten, sodass er heute sagt, er finde es wichtig, als Land wehrfähig zu sein und als Einzelperson sich für das eigene Land einzusetzen, denn ansonsten sei unser aller Frieden gefährdet, denn Aggressoren würden sich durch eine pazifistische Haltung des Gegenübers nicht beschwichtigen lassen.

Es ist ein sehr persönliches Buch, eine Geschichte eines Menschen, der uns mit auf seine Reise in die Ukraine nimmt, zu Gesprächen mit Menschen, die verzweifelt darum kämpfen, dass ihre Heimat und die ihrer Kinder nicht von einem als unterdrückerisch wahrgenommenen Regime übernommen wird. Der Ton ist sehr entschieden, aufrüttelnd bis anklagend, der Autor meint, viele von uns in Westeuropa würden es uns mit der Ablehnung von Waffenlieferungen an die Ukraine sehr bequem machen. Und neben der moralischen Verpflichtung, für ein anderes europäisches Land einzustehen, wären wir dadurch auch selbst gefährdet, denn in Russland gäbe es schon lange Vorbereitungen auf Angriffe auch auf weitere europäische Länder und selbst Raketenangriffe auf Berlin seien etwas, das dort immer wieder als Drohszenario erwähnt werde. 

In einem kurzen fiktiven Exkurs ins Jahr 2033 zeichnet der Autor auch ein sehr erschreckendes Szenario von einem Deutschland, das nicht wehrfähig genug war und nun unter russischer Herrschaft ist. 

Man muss dem Autor nicht in jedem einzelnen Punkt zustimmen, um seine Erfahrungen interessant zum Reflektieren des eigenen Standpunktes zu finden. 

Das Buch ist eine interessante Perspektive eines Menschen, der den Ukrainekrieg miterlebt hat und aus dieser Perspektive zum Beispiel folgendes sagt: "Wehrhaftigkeit beginnt nicht an der Grenze. Sie beginnt in uns. In der Entscheidung, nicht zu schweigen, wenn Unrecht geschieht. Nicht zu erstarren, wenn andere kämpfen. Nicht zu delegieren, was wir selbst tun könnten - auch wenn es nur die Verteilung einer Packung Orangen ist." (S. 88)

Cover des Buches Für euch würde ich kämpfen (ISBN: 9783406840173)
Schnicks avatar

Rezension zu "Für euch würde ich kämpfen" von Artur Weigandt

Schnick
Geht unter die Haut: ein Plädoyer für wehrhaften Pazifismus

"Freiheit ist kein Geschenk, sie wird erkämpft. Ich hatte das verdrängt, weil ich es mir leisten konnte, in Sicherheit zu leben."

Anfang des Jahres 2014 überfiel Russland die ukrainische Krim und annektierte diese. Im Februar 2022 startete Russland den Angriffskrieg auf den Rest der Ukraine. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Die Ukrainer*innen wehren sich standhaft. Derweil reden wir in Deutschland. 

Wenn ich mich zwischen Krieg oder Frieden entscheiden müsste, würde ich mir natürlich Frieden wünschen. Die Idee des Pazifismus ist selbstverständlich wunderbar und ich kann verstehen, dass man sich selbst als Pazifist sieht. Jedoch - und das arbeitet Artur Weigandt in "Für euch würde ich kämpfen" auf sehr persönliche und gut nachvollziehbare Weise heraus - sind Frieden und Freiheit Privilegien und keine Selbstverständlichkeiten. Das bekommen in Europa gerade vor allem die Ukrainer*innen zu spüren: Natürlich wollen sie auch in Frieden leben. Sie haben keinen Krieg begonnen. Sie wurden allerdings von Russland angegriffen und schon war es das mit dem Frieden und der Freiheit. 

"Pazifismus bedeutete nicht nur, gegen Krieg und Gewalt zu sein - sondern auf der <richtigen> Seite zu stehen. Auf der Seite der Guten, der Verletzlichen."

Artur Weigandt erzählt aus seiner Sicht und sehr persönlich. Da gibt es nichts Abstraktes, sondern viel Handfestes - was die Erfahrungen, die Weigandt beschreibt, für uns Leser*innen sehr viel nachvollziehbarer macht. Er erzählt von seinem pazifistischen (jüngeren) Ich und ich würde wetten, dass sich viele Menschen, vor allem solche, die sich eher links positionieren, gerade diese Passagen sehr gut nachvollziehen können. Zumindest mir ging es so. Aber dann der Cut durch den russischen Angriff auf die Ukraine und damit einhergehend die Fragen: "Was würde ich tun? Würde ich kämpfen?" 

Weigandt entschied sich, als Dolmetscher zu arbeiten, als Ukrainer in Deutschland an Panzern geschult wurden. Was er dort erlebt hat, hat offensichtlich Spuren hinterlassen. Er hat Bekanntschaften mit den Soldaten geschlossen, hat erlebt, wie sie mit der Bedrohung - keine abstrakte, sondern eine ganz konkrete - umgehen. Es sind diese Passagen - die Passagen, in denen die betroffenen Menschen dank Weigandt ein Gesicht bekommen -, die mir besonders nah gegangen sind. Denn es sind ganz normale, die einfach nur in Frieden leben woll(t)en, die durch Russlands Angriff aus ihrem "normalen" Leben gerissen wurden, die nicht mehr in Frieden leben können, sondern stattdessen in einem Krieg, den sie sich weder gewünscht noch begonnen haben. Menschen wie du und ich. 

"Die Ukraine zeigt uns, was passiert, wenn ein Land keine Wahl hat. Sie kämpft, weil Kapitulation Auslöschung bedeutet."

Wie zynisch ist es, wenn selbsternannte Pazifist*innen oder Politiker*innen von der Ukraine fordern, doch bitte endlich aufzugeben, damit wieder Frieden einkehren kann? Ist das noch Pazifismus oder ist es nicht eher Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit unter dem Deckmantel des Pazifismus? Und was ist ein Frieden wert, der faktisch eine Kapitulation vor den Russen darstellt? Wollen wir wirklich, dass die Ukrainer*innen einmal mehr der potenziell tödlichen Willkür russischer Besatzer ausgesetzt sind? Und selbst wenn man zynisch genug ist, dies zu bejahen, glaubt wirklich irgendjemand, dass Russland dann zufrieden wäre? Nach allem, was Putin und Konsorten geäußert haben, wird Russland NICHT aufhören, wenn es sich die Ukraine einverleibt hat. 

Mir hat sehr gut gefallen, dass Artur Weigandt eben NICHT blinde Kriegstreiberei, sondern einen "wehrhaften Pazifismus" fordert. Soll heißen: Nein, wir wollen keine Kriege beginnen. Wir wollen Kriege verhindern. Aber wenn es darauf ankommt, verteidigen wir unsere Freiheit mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln: mit Worten, mit Taten und - wenn es nicht anders geht - auch mit Waffen. Mehrfach weist Weigandt in seinem Buch darauf hin, dass Pazifismus vom lateinischen Pax (Frieden) und facere (machen) kommt, dass man also Frieden macht. Insofern ergibt die Idee des wehrhaften Pazifismus auch Sinn.

"Ich frage mich, ob er nicht recht hat - und ob das, was wir so oft als Friedensliebe bezeichnen, in Wahrheit oft nichts anderes ist als fehlende Verantwortung."

Am Ende geht es auch um Wertschätzung. Wie wichtig ist mir Freiheit? Wie wichtig ist mir Frieden? Ehrlich gesagt: Mir sind Freiheit und Frieden wichtig. Sie sind für mich nicht nur Worte, sondern sie sind für mich essentiell. Ich gönne jedem Menschen Frieden und Freiheit und ginge es nach mir, gäbe es keine Kriege (mehr). Nur manchmal ist es so, dass Worte mit Leben gefüllt werden müssen. Genau da setzt "Für euch würde ich kämpfen" an. Weigandt lässt uns teilhaben an seiner Suche nach Antworten, er erweckt die Menschen, denen er begegnet, zum Leben, macht sie und ihre Schicksale für uns nah- und erlebbar.
Wer nach der Lektüre dieses Buches immer noch meint, Pazifismus schließe (militärische) Unterstützung für die Ukraine aus, der hat meiner Meinung nach kein Herz, kein Mitgefühl und hat das Wesen des Pazifismus und der Freiheit nicht verstanden. Wer dem sich wehrenden Angegriffenen Kriegstreiberei vorwirft, weil dieser partout nicht aufgeben will, dem geht es nicht um die Sache (Frieden und Freiheit), sondern darum, die Augen zu verschließen, um weiter in seiner selbstherrlichen Blase schwimmen zu können. 

Wir leben in schwierigen Zeiten. "Für euch würde ich kämpfen" ist ein wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt. Das Leben ist eine Reise. Manchmal muss man Überzeugungen (und ihre Motive) zumindest hinterfragen, gegebenenfalls anpassen oder sogar über Bord werfen. "Für euch würde ich kämpfen" ist eine Einladung, die Realität anzuerkennen. Man muss nicht zu den gleichen Schlüssen gelangen wie Artur Weigandt, aber zumindest mal nachzudenken, ob das, was in dem Buch geschrieben steht, nicht seine Berechtigung hat, ist meiner Meinung schon viel wert.

"Solange du noch entscheiden kannst, ob du kämpfst oder fliehst - bist du frei. Aber wenn du es nicht mehr kannst, wenn der Krieg dich einholt, egal wo du bist - dann bleibt dir nur noch eins: Dann kämpfst du für deine Freiheit."

CN: Tod, Vergewaltigung, Verstümmelung

Cover des Buches Die Verräter (ISBN: 9783446275904)
beccariss avatar

Rezension zu "Die Verräter" von Artur Weigandt

beccaris
heimatlos und verraten

Artur Weigandt erzählt seine eigene Lebensgeschichte. In seinem noch jungen Leben hat er die östliche und westliche Welt bereits gesehen und erlebt täglich, was es heisst, im Grunde genommen heimatlos zu sein. Seine Eltern, Grosseltern und Verwandten haben ganz verschiedene Identitäten, seine Generation nennt sich die postsowjetischen Migranten bzw. PostOst. Sie alle haben Bezug zu dem geografischen und kulturellen Raum Russlands und den postsowjetischen Staaten.

Ich habe das Buch mit grossem Interesse und Respekt gelesen. Der Autor schreibt sehr eindrücklich, was es heisst, zwischen zwei Lebenswelten aufgewachsen zu sein. In Deutschland ‘der Russe, der Fremde, der Ausländer’ und in Kasachstan ‘der Deutsche’ zu sein, erzeugt unter anderem eine Heimatlosigkeit, die schwer zu ertragen ist. So spürt man beim Lesen eine grosse Machtlosigkeit und Melancholie.

Neben allen Sachberichten zum aktuellen Krieg in der Ukraine, sind es gerade die persönlichen Lebensberichte, die uns zeigen, was dieser Krieg mit den Menschen macht und geben tiefgreifende Einblicke in eine Gesellschaft, Kultur und Geschichte, die unserem westlichen Verständnis nicht fremder sein könnten. Ein wertvolles Buch, dem ich sehr viele Leser/innen wünsche.

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