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Miamou

vor 2 Monaten

(65)

Nachdem ich vor wenigen Wochen Arundhati Roys neuesten Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ gelesen habe (was mich übrigens als begeisterte Leserin zurückgelassen hat), war es nur eine Frage der Zeit, dass auch „Der Gott der kleinen Dinge“ (der schon eine Ewigkeit auf meiner Wunschliste stand) bald seinen rechtmäßigen Platz in meinem Gedächtnis einnehmen durfte. Und ich kann schon mal so viel verraten, dass dieses Buch mit seiner Handlung und seinen Personen dort für eine lange, lange Zeit eingenistet bleiben wird.

Es ist die Geschichte der Zwillinge Estha und Rahel. Sie wachsen in einer gutbürgerlichen Familie in Kerala auf. Ihr Onkel hat in England studiert und ist der Leiter der Konservenfabrik, die die Familie betreibt. Er ist geschieden und hat eine Tochter in England zurückgelassen, die die Familie mitsamt ihrer Mutter in den letzten Dezembertagen des Jahres 1969 besuchen soll. Mit fatalen Folgen! Die Mutter der Zwillinge, Ammu, hat sich von ihren gewalttätigen Mann getrennt und lebt in Schimpf und Schande. Sie hat keinen Platz im indischen Gesellschaftsdenken, weil sie eine alleinerziehende Mutter ist. Sie verliebt sich in Velutha…eine verbotene Liebe mit fatalen Konsequenzen! Der grausame Höhepunkt des Buches wird an einem einzigen Tag erreicht, ein Tag der alles verändert. Die Familie zerbricht und als Rahel nach vielen Jahren wieder in ihr Heimatdorf zurückkommt, erinnern nur noch Schatten an diesen verhängnisvollen Tag.

Ein forderndes Buch. Ein Buch voller Symbolik. Ein Buch voller sprachlicher Magie. Arundhati Roy hat nicht umsonst schon unzählige Preise für dieses Buch abgesahnt und es steht auch nicht umsonst ziemlich hoch in den Verkaufsrängen.

„Der Gott der kleinen Dinge“ trotzt dem „Gott der großen Dinge“. Einer Kastengesellschaft, die „Ordnung“ über Verstand und Gerechtigkeit stellt. Er setzt ich über politische Systeme hinweg und darüber, wer wen lieben darf und wie sehr. Veltuha ist in der Kaste der Unberührbaren aufgewachsen. Ammus Familie erkennt jedoch sein Talent und fördert es, bis zu dem Tag, an dem sie ihn gegen das Gesellschaftssystem demonstrieren sehen. Und doch geht ein ungewöhnlicher Zauber von ihm aus, dem nicht nur Ammu und ihre Kinder, sondern auch der Leser, erliegt. Im Grunde ist er nur eine Randfigur, aber seine Person per se ist der Dreh – und Angelpunkt der gesamten Geschichte. Einer Geschichte, die sehr dunkel erscheint und auf einen traurigen Höhepunkt zusteuert, der ab der Mitte des Buches zum Greifen nah ist. Vorher muss sich der Leser mit kleinen Häppchen von Möglichkeiten zufrieden geben.

Trotzdem wird die Geschichte sehr lebendig und liebevoll erzählt, manches Mal sogar mit einem kleinen Augenzwinkern. Mit rührend viel Gefühl auf der einen Seite und auf der anderen auch mit verstörender Grausamkeit. Sehr ungeschont macht Roy ihre Gesellschaftskritik an ihren Figuren fest und man leidet mit ihnen bis in die letzte Phase. Dabei verwendet sie eine sehr bildhafte Sprache, die mitunter sehr magisch wirkt. Ein besonderer Reiz dieses Buches, der aber gleichzeitig das Lesetempo angibt. Eine wahre Herausforderung…

Eine weitere Herausforderung sind die zahlreichen, oft kaum merkbaren Wechsel in der Erzählperspektive und Erzählzeit. Oft weiß man als Leser erst nach einigen Sätzen, wer in welcher Zeit erzählt. Der Überblick über die Gesamtheit der Handlung wird dabei aber nicht gestört. Zum Schluss, und das ist eine Sache, die mir auch bei „Das Ministerium des äußersten Glücks“ aufgefallen ist, schließt sich alles zu einem großen Ganzen. Auch wenn bei „Der Gott der kleinen Dinge“ die Geduld des Lesers nicht auf eine so harte Probe gestellt wird, wie bei Roys neuestem Roman.

Wunderschön (neben vielem anderen) gelungen ist der Autorin das letzte Kapitel. Das Unmögliche wird möglich, auch wenn es nur für 13 Tage geht.

Ein einzigartiges Buch, für das ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung ausspreche.


Autor: Arundhati Roy
Buch: Der Gott der kleinen Dinge

Betsy

vor 2 Monaten

Wow, was für eine Rezi! Bislang hab ich der Autorin keine Aufmerksamkeit geschenkt, dass sollte ich vielleicht ändern, deine begeisterte Rezi lädt nämlich definitiv auf das Buch ein 😀

Milagro

vor 2 Monaten

Das Buch steht schon lange auf meiner “muss ich bald wieder mal lesen“- Liste. Vielleicht dann in Kombination mit dem neuen von ihr, das auch so schön war. In Indien....seufz....

Naibenak

vor 2 Monaten

@Miamou

Wunderschöne Rezi! Vielen Dank! Ich habe das Buch schon seit Ewigkeiten ungelesen im Regal *seufz*.... es wird langsam Zeit es zu ändern ;)

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