Astrid Dehe

 4.6 Sterne bei 16 Bewertungen

Alle Bücher von Astrid Dehe

Auflaufend Wasser

Auflaufend Wasser

 (10)
Erschienen am 01.06.2015
Nagars Nacht

Nagars Nacht

 (2)
Erschienen am 30.09.2014
Kafkas komische Seiten

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 (1)
Erschienen am 01.11.2011
Kafkas dunkle Augen

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 (0)
Erschienen am 30.01.2015
Der flüchtige Ruhm des Herrn Neubronner

Der flüchtige Ruhm des Herrn Neubronner

 (0)
Erschienen am 07.04.2017

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Rezension zu "Unter Schwalbenzinnen Florenz, Frühling 1442" von Astrid Dehe

Ein geheimnisvolles Manuskript
karatekaddvor 3 Jahren

Ein Kopist und eine junge Patriziertochter,    gezeichnete Visionen eines fantasievollen Mädchens, rudimentäres Wissen über ein geheimnisvolles Buch, eine unidentifizierbare Schrift. Die Visionen könnten politische Brisanz enthalten im Florenz des Jahres 1442, es regiert Cosima Medici.
Was bleibt? Ein geheimnisvolles Manuskript mit geheimnisvollen Bildern und einer bis heute nicht entschlüsselten Schrift.

Präsentiert vom Autorenpaar Astrid Dehe und Achim Engstler im Steidl-Verlag Göttingen.



* * *
Matteo Fini ist der Stammhalter einer Familie, die ein geheimnisvolles Buch bewahrt welches niemand entziffern kann. Lediglich einige Verse sind es, die Matteo auswendig gelernt hat und diese Verse und das Buch an seinen Sohn weitergeben soll. Matteo arbeitet als Kopist, er schreibt Bücher ab. Eines Tages erhält er einen Auftrag: Er soll die Visionen von Evelina di Adimaris aufzeichnen. Fortan eilt er für einen imensen Lohn in deren Palast und skizziert ihre visionären Beschreibungen.

Matteo kommt mit seinen Notizen kaum hinterher, mühevoll vervollständigt er nachträglich immer diese Skizzen. Ein Bild kehrt wieder, das Bild von der Burg mit den Schwalbenzinnen.
"Ich sah eine Burg, die sich wandeln wollte, die mehr war als Stein. Zinnen hat sie wie die Schwänze von Schwalben, die das Licht durchpflügen im schnellen Pflug. Verzweigen will sich die Burg, sie treibt Gärten und Wälder, Seen und Sterne. In Kreisen blühen neue Länder auf. Mond und Sonne sind Eins, weder trennt sie Tag noch Nacht." [1]
Ketzerisch erscheinen die Gedanken zuweilen, im Geiste der Fraticelli, im Geiste der Catari. Ist Matteos Buch, das Libre di C, in diesem Geiste geschrieben? Mit der Zeit sieht er sich im Florenz des Cosima de´ Medici Verfolgungen ausgesetzt. Kann er beides retten, das übereignete Buch und die Zeichnungen der wunderschönen, klugen und manchmal entrückten Evelina?
"Das Zeichen der Fische. Sie sind ein Paar. Hell wird das Wasser, in dem sie schwimmen durch das Licht des Sterns, den jeder von ihnen steigen lässt, an einem langen Band. sie halten es zwischen den Kiemen. Kaum erst geboren sind ihre Frauen, liegen in Zubern, tauchen auf aus den Wassern. Auch sie haben einen Stern, aber noch ist er fern. Die Sterne, sie streben empor, mit einem Band an den Zuber geknüpft.  Alles strebt dann empor, alles richtet sich darum auf. Die Zuber, die Frauen. Schon greifen sie nach dem Band, Schon grüßen sie mit der freien Hand. Innerer Ring. Verwundert geht ihr Blick nach links. Äußerer Ring. Staunend schauen sie nach rechts." [2]
* * *
Er quält sich, der Kopist, er müht sich, er hat die Worte im Kopf: wie bildet er sie nach? Kerzenfarben nimmt er, zeichnet und zeichnet. Tierkreise, Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen, Tiere, Kräuter, eine Menge nackter Frauen, Seite um Seite, Bild um Bild.  Er vernachlässigt andere Aufgaben und plötzlich ist Schluss. Fürstlich der Preis, wenn er alle Seiten aushändigt dem Sekretär. Schon sucht man nach dem unverständlichem Buch...

* * *
Was ist das für ein Buch, welches Astrid Dehe und Achim Engstler so detailreich beschrieben haben? Poetisch der Text, mit dem sie die Bilder eines über 500 Jahre alten Manuskripts beschreiben. Die Beschreibungen legen sie der Evelina in den Mund. Das sogenannte Voynich-Manuskript liegt dem Roman zugrunde.  Ein mysteriöses Werk und einer Schriftsprache, die bis heute nicht wirklich entschlüsselt werden konnte. Dehe und Engstler liefern eine literarische Erklärung für etwas, an dem sich fast schon Generationen von Wissenschaftlern die Zähne ausbissen.  
"Der sowohl rätselhafteste als auch faszinierendste Abschnitt des Manuskripts stellt auf fast jeder Seite Gruppen nackter Frauen mit gewölbten Bäuchen dar, die in Becken oder Wannen sitzen, die durch Leitungen oder Röhren verbunden sind. Die Leitungen münden häufig in teils organisch, teils mechanisch wirkende End- und Verbindungsstücke. Diese Ambivalenz führte dazu, den Inhalt des Abschnitts sowohl mit anatomischen Gegenständen (z. B. der menschlichen Reproduktion) zu verknüpfen, als auch (dem Augenschein folgend) ihn schlicht als „bäderkundlichen“ (balneologischen) Abschnitt zu bezeichnen." [3]
"Aha!", möchte man meinen. Und rätselt weiter. Es empfielt sich, die Bildersammlung unter Wikipedia Commons gelegentlich anzusehen. Die Suche nach dem jeweiligen Bild, welches Evelina gerade dem Matteo ausbreitet, ist ebenso interessant wie die Lektüre selbst. Finden wir den Text in den Bildern wieder? Ein Kreislauf von Werden und Vergehen, vom Kosmos, dargestellt in den Tierkreiszeichen.Manchem mag es vorkommen, wie ein "Apotheker Buch", eine botanische und kräuterkundliche Sammlung. Oder eine häretische Erörterung der Weltenordnung, in Geheimschrift verfasst und nur Eingeweihten verständlich. Der Hinweis auf die Katharer und die Pairfaits unter diesen, kommt nicht von ungefähr. 

Auf der Verlagsseite erklären die Autoren in einem Video dass der Text sie "spontan inspiriert hat". Ach so, der Text. Sie haben ihn "übersetzt" und dabei dessen Illustrationen  "abgemalt".


Wenn es wahr ist, was ein gewisser Torsten Timm annimmt, dann hat ein Autokopist einfach verschiedene Zeichenketten erfunden, diese aneinander gereiht und immer wieder abgewandelt.[4] Begibt sich der Leser auf die Spuren des Manuskripts, dann erscheint dies eine sehr interessante Erklärung zu sein. Jedoch ist die von Astrid Dehe und Achim Engstler viel schöner, finde ich.
* * *
Nun haben sie also einen historischen Roman geschrieben. Der Umgang mit Farben, Tinte und Pergament wird beschrieben, ein paar Einblicke in die politischen Gegebenheiten im Florenz des Jahres 1442 geben sie auch. Aber es sind die Bilder, die sie schreibend malen, das Bild des jungen Kopisten, der einer schönen jungen träumenden Erzählerin gegenüber sitzt und die von ihr erzählten Bilder, rätselhaft und vielfältig, mal mehr - mal weniger bunt, welche den Roman ausmachen.

Mir bleibt nur noch, Achim Engstler für den Roman zu danken und euch einen letzten Tipp dazu zu geben.
Legt ein Tablet neben euch und sucht die Bilder zum Beispiel auf Voynich Manuscript Manager. Auf Leseprobe 1, 2 und 3 könnt ihr schon mal probelesen.


* * *
DNB / Steidl - Verlag /  Göttingen 2015 / ISBN: 978-3-95829-046-4 / 304 S.


Bebildert gibt es den Text hier

 © KaratekaDD

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miss_frys avatar

Rezension zu "Auflaufend Wasser" von Astrid Dehe

Du stehst auf einer Plat. Bei auflaufend Wasser. Im Nebel.
miss_fryvor 3 Jahren

Nach einer wahren Begebenheit erzählt "Auflaufend Wasser" die Geschichte vom Baltrumer Navigationsschüler Tjark Evers, am 23. Dezember 1866 auf dem Weg von der Navigationsschule auf dem Festland auf die Heimatinsel. Aber weder er noch die Ruderer, die ihn morgens in tiefem Nebel am Oststrand Baltrums absetzen und sofort wieder verschwunden sind, bemerken im ersten Moment ihren Fehler: Sie haben nicht die Insel erreicht, sondern nur eine Sandbank. Tjark hat keinen Kompass mitgenommen. Es ist neblig. Und die Flut kommt.
Um die im Januar 1867 in einer Zigarrenkiste auf Wangeroog angespülten Tagebuchaufzeichnungen herum, die Tjark Evers an seine Familie richtete, hat das Autorenduo Dehe/Engstler die letzten Stunden des EInundzwanzigjährigen rekonstruiert. Das ist auf 120 Seiten beklemmend real und so intensiv, dass man den Geruch des Meeres förmlich aus den Seiten saugen kann. Dabei ist der Text nie dramatisch, nie zu fantastisch, nie abgehoben. Er skizziert vielmehr das Inselleben des 19. Jahrhunderts, klar und häufig fast nüchtern und erfasst eindrucksvoll das Leben an und mit der See: Respekt vor einem Element, gegen das der Mensch machtlos war und es immer noch ist, das drei Viertel unseres Planeten bedeckt und "kommt nicht und geht, sondern atmet, ein urzeitliches, über die Erde hingestrecktes Tier".
"Auflaufend Wasser" wird dabei zu einem Kammerspiel: der junge Mann und das Meer, das hier beinahe den zweiten Protagonisten darstellt; die See als Tier, als zornvoller Dämon, unberechenbar, unersättlich, von Menschen nicht kontrollierbar.
Dehe und Engstler umschiffen hierbei geschickt die Klippe zu Kitsch und Tränendrüse. Ihr Tjark tobt und wütet nicht gegen sein Schicksal, sondern ist ihm ergeben. Respektiert die See, der er als Seemann und Insulaner ohnehin gehört, und ob sie ihn nun früher oder später zu sich holt, überlässt er letztendlich ihr, muss er ihr überlassen, kann sich ihr nicht widersetzen, findet sich mit seinem Schicksal ab. Den Fehler hat er gemacht, und er sieht ihn ein: kein Kompass, keine Bitte des Wartens an die Ruderer, bis er die Dünen des Oststrandes erreicht hat. EIn Gefühl von Sieg, es ohne Hilfsmittel nach Hause geschafft zu haben. Gegen die See, gegen den Nebel. Bei auflaufend Wasser.

Bis ans Ende des Buches halten sich die Autoren an ihre schlichten, klaren Schilderungen, spekulieren realistisch und nachvollziehbar über Tjarks Innenleben und seine Gedanken, aber überzeichnen ihn nie.
Die nachdrücklichsten Aussagen überlassen sie ohnehin seinen eigenen  Aufzeichnungen: "Ich habe das Wasser jetzt ans Knie. Ich will mich gleich ertränken, denn Hilfe ist nicht mehr da. Es ist 9 Uhr. Ihr geht gleich zur Kirche. Betet nur für mich Armen, daß Gott mir gnädig sei. Ich grüße euch zum letzten Mal".

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Rezension zu "Auflaufend Wasser" von Astrid Dehe

Tragisch, mitreißend, authentisch
Ein LovelyBooks-Nutzervor 3 Jahren

Das Autorenduo Dehe/Engstler präsentiert in diesem Text die Geschichte des Navigationsschülers Tjark Evers, der 1866 auf dem Weg in sein Heimatdorf auf der Insel Baltrum auf tragischste Weise zu Tode kommt. An einem nebeltrüben Tag, kurz vor Weihnachten wird der junge Evers in einem Boot zu einem Stück Land gebracht, welches er irrtümlich für seine Heimatinsel hält. Dabei handelt es sich aber lediglich um eine Sandbank, welche die Ebbe entstehen ließ und die Flut bereits wieder zu sich nimmt. Schnell erkennt Tjark seinen Fehler, kann dem drohenden Schicksal aber nicht mehr entgehen. Die steigende Flut leckt schon an seinen Stiefeln, und mehr und mehr ergreift die Verzweiflung Besitz von ihm. In einem kleinen Taschenbuch hinterlässt er ein paar Zeilen, die seinen Verwandten Aufschluss über sein Schicksal geben sollen. Phasen des Traumes, in denen Erzählungen und Erinnerungen aus seiner Vergangenheit an die Oberfläche seines Geistes treten, wechseln mit jenen harter Einsicht und Resignation. Schließlich, versöhnt mit dem Meer, gibt sich Tjark Evers dem Wasser hin, als dessen Teil er sich als Schiffer und Inselbewohner ohnedies bereits fühlt.
Die Geschichte des jungen Mannes, der im Meer zu Tode kommt, ist eine von vielen. Dehe/Engstler verstehen es, durch exzellente Recherche und mit Hilfe präziser, schnörkelloser Sprache und Stilistik dem Werk eine Tiefe zu geben, die es für jeden Leser zu einem Erlebnis werden lässt. Unwillkürlich fühlt man den Wind auf der Haut und das Salz auf der Zunge. "Auflaufend Wasser" besticht auch dadurch, dass es sich hierbei um die Rekonstruktion eines echten Unglücksfalles handelt. Dadurch erhält der Text den wichtigen Faktor der Authentizität. Nicht für jeden Leser-Typ geeignet, aber durchaus eine Perle im weiten literarischen Ozean.

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