Neuer Beitrag

FabAusten

vor 3 Jahren

(73)

Edward wächst in einer jüdischen Familie in Berlin auf, in der jedes Mitglied eine kantige Persönlichkeit ist. Über allem schwebt der Geist der Vergangenheit und besonders der von Adam. Adam ist Edwards Großonkel. Er ist nicht anwesend, von ihm spricht man nicht. Doch Edward sieht Adam zum Verwechseln ähnlich. Beider Leben ist verbunden und Edward wird lernen, warum.

Ein Roman, der dem Herzen gleichermaßen Flügel wie Betonfüße anlegt. Ein Roman, der sich ebenso herrlich wie schmerzlich anfühlt.

Der Stil kommt leicht daher und es werden ebenso humorvolle wie leise Töne angeschlagen. Astrid Rosenfeld hat luftig leichte und gleichzeitig bedrückende Sätze geschaffen. Viele davon sind wahrhaftig und stehen so selbstverständlich auf dem Blatt Papier, dass man es gar nicht glauben kann. Der Stil ist lebensecht aber auch von feiner Poesie durchwoben. Doch immer wieder bricht die Härte unvermittelt ein und wirkt dadurch umso stärker auf den Leser.

Die grausamen Aspekte der Geschichte werden meist subtil vermittelt. Die Autorin provoziert das Entsetzen des Lesers nicht mit detaillierten Beschreibungen grausamer Taten. Diese geschehen vereinzelt und wirken dadurch wie Stiche, die umso tiefer gehen. Der Schrecken entsteht in erster Linie durch den Verlauf der Geschichte und die Auswirkungen auf ihre Figuren.

Der Leser darf wunderbare Charaktere kennenlernen, die man in sein Herz schließen muss. Sie sind so lebensecht, dass man glaubt und hofft, dass sie wirklich einmal existiert haben. Es gibt nur wenige Charaktere, die für immer im Herzen des Lesers fortleben. Adam und Edda Klingenberg gehören auf jeden Fall dazu. Adams Erzählstrang entwickelt einen so starken Sog, dass er magische Kräfte entwickelt. Man möchte den Roman nicht mehr weglegen oder schlägt ihn in Zeitnot dennoch kurz auf, nur um ein paar Zeilen zu lesen. Während man immer mehr erfahren will, wächst gleichzeitig der Wunsch, es möge niemals enden.

Es gibt Aspekte, die man kritisieren könnte. Der Vollständigkeit halber sollen sie nicht unerwähnt bleiben. Doch das Gefühl, das man den Romanfiguren entgegenzubringen beginnt, überdeckt sie. Sie fallen einfach nicht mehr ins Gewicht.

Es erschließt sich nicht ganz, warum Edward soviel von seinem Leben berichtet. Ja, man kann annehmen, dass er sich durch Adams Beispiel motiviert fühlte, seine eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. Obwohl man wichtige und spannende Einblicke in die Familienstruktur der Cohens erhält, schlägt Edward auch viele verschlungene Pfade ein bevor man Adams Leben betreten darf. Im Grunde möchte der Leser aber von der ersten Seite an erfahren, was es mit dem totgeschwiegenen Onkel auf sich hat. Hierum dreht sich im Grunde der ganze Roman, hier finden sich die stärksten und ergreifendsten Momente. Folgerichtig wird Edwards Erzählung davon im Verlauf völlig in den Hintergrund gedrängt. Glücklicherweise nimmt Adams Teil auch die meisten Seiten ein.

Es wird immer wieder betont, dass Edward seinem Onkel äußerlich sehr ähnlich ist. Auch ihrer beider Leben weisen erstaunlich viele Parallelen auf. Manchmal wirkt dies etwas merkwürdig und unnötig. Die Geschichte hat ohnehin ausreichend Glanzpunkte.

Sowohl Edward als auch Adam richten ihre Erzählungen an die Frau ihres Herzens. Während dies bei Letzterem wahrhaftig und anrührend ist, wirkt es bei Edward etwas unangebracht. Er hat Amy selten gesehen und wirklich viel Resonanz hat er dabei nicht von ihr bekommen. Auch bei Adam fragt man sich manchmal, warum er soviel zu tun bereit ist für Anna. Sie hatten ebenfalls nur wenige gemeinsame Momente. Doch so wie Adam spricht und agiert, ist es in sich schlüssig und nicht anfechtbar.

Manche Fragestellungen werden in Worte gefasst anstatt sie subtil in den Raum zu stellen und den Leser selbst entdecken zu lassen. Störend ist das Vorgehen aber nicht.

Astrid Rosenfeld hat einen Brillanten geschaffen. Egal aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet, er schimmert wunderschön. Gleichzeitig fordert er die Aufmerksamkeit des Betrachters, er kann sich in den Facetten verlieren und tut dies mit Freude.

Doch es ist auch ein sehr schmerzlicher Roman und so wie man die Figuren liebt, so leidet man mit ihnen. Am Schluss meint man, das Herz würde einem gebrochen und so ist es auch ein bisschen. Auch nach dem Zuklappen sind Figuren und Geschichte gegenwärtig. Man ist beseelt von ihnen und kann nicht sofort das nächste Buch lesen.

Adams Erbe ist ein Schatz. Man möchte das Buch immer bei sich tragen. Es öffnen können und Adam und Edda Klingenberg wiedertreffen.

Autor: Astrid Rosenfeld
Buch: Adams Erbe
Neuer Beitrag