"Sie lebten (auch) in Farbe" - die Überschrift des Vorworts (und Übersetzung des französischen Originaltitels) fasst das Buch passend zusammen. Die Kolorierung der hier gezeigten Ereignisse ermöglicht einen viel unmittelbareren Bezug zu den hier gezeigten Epochen, als ihn Schwarzweißbilder liefern könnten. Der Vorhang fällt, die Vergangenheit wird lebendig, die Protagonisten wirken wie aus dem Leben gegriffen statt wie Darsteller aus einem uralten Historienfilm.
Die Triggerwarnung auf Seite 2 kündigt an, dass dieser Band trotz des stilvollen Covermotivs nicht für Nostalgiker gemacht ist sondern die tatsächliche Bandbreite menschlichen Erlebens diese Epoche zeigen will. Das Kapitel "Erotik" kann man noch amüsiert weglächeln, von der Bandbreite heutiger Pornos sind die Aufnahmen von Prostituierten und Kurtisanen, egal wie (un)bekleidet, meilenweit entfernt. Die Fotos von Kinderarbeit sind da schon eher schockierend, erst recht durch die ergänzenden Informationen zu den entsprechenden Arbeitsbedingungen.
Der Abschnitt "Kriegskunst" zeigt erstmals dutzende Tote, "Erster Weltkrieg", "Das Grauen" und "Nazizeit" gehen noch weiter. Man sollte sich gut überlegen, ob man diese Bilder wirklich im Kopf haben will, seien es Aufnahmen von Menschenfleisch-Verkäufern während einer Hungersnot, von öffentlichen Hinrichtungen, von Mussolinis eingetretenem Schädel, Pogromen, abgetrennten Köpfen, halb kremierten Leichen in Konzentrationslagern und dergleichen.
Eine Ernüchterung nach all den Stadtpanoramen, Retro-Berufen und schnittigen Verkehrsmitteln dieser Zeit aber eine wichtige Ergänzung ohne die das umfassende Verständnis von Geschichte zu kurz käme. Respekt, dass die Herausgeber hier das Risiko eingehen in Erinnerungen schwelgende Zeitgenossen zu verprellen und stattdessen ihr wahres Anliegen zur Geltung kommen lassen.
Originaltitel: "Ils vivaient en couleurs"
mehr als Nostalgie


