Avram Kantor

 4.7 Sterne bei 6 Bewertungen
Autor von Schalom und Die erste Stimme.

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Avram KantorSchalom
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Schalom
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 (4)
Erschienen am 24.09.2012
Avram KantorDie erste Stimme
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Die erste Stimme
Die erste Stimme
 (2)
Erschienen am 08.03.2008

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Rezension zu "Die erste Stimme" von Avram Kantor

Ein Roman über einen bemerkenswerten Jungen
WinfriedStanzickvor 3 Jahren



Der 1950 in Haifa geborene Verleger und Übersetzer Avram Kantor ist ein in Israel seit vielen Jahren sehr geschätzter Autor von zahlreichen Romanen und Jugendbüchern. In dem hier vorliegenden, von Mirjam Pressler wieder einmal hervorragend übersetzten Jugendbuch setzt sich Avram Kantor in einer auch für die deutschen jungen Leser sehr verständlichen Weise mit einem innerisraelischen Problem auseinander und verbindet es gleichzeitig mit dem Thema eines Jungen, der nicht sprechen kann, selbst aber sehr wohl seine Stimme hört und versteht.

Er ist ein Junge, von dem alle seit seinen Kindertagen glauben, dass er nicht hören könne und auch nicht sprechen. Seine Eltern, beide sehr gebildet und der oberen Mittelschicht angehörend, so wie viele in Israel religiös eher indifferent, aber mit Feuer und Flamme für den eigenen Staat einstehend, wobei die Armee selbstverständlich vor allem für seinen Vater eine fast unantastbare Rolle spielt, wollen sich damit nicht abfinden. Vor allem die Mutter des Jungen hat fast alles gelesen, was es zu diesem Thema auf dem Büchermarkt gibt, hat alle Ärzte abgeklappert und alle besonderen Therapien ermittelt, die ihrem Sohn helfen könnten. Dem Vater wird das oft etwas zu viel, doch im Prinzip ist er immer dabei, wenn die Mutter etwas neues entdeckt, was ihrem Sohn vielleicht zum Hören und Sprechen verhelfen könnte.

Was sie alle seit Jahren nicht wissen: Er kann sehr wohl hören. Er kann sogar seit langem verstehen, worüber die Erwachsenen und sein großer Bruder Kobi sich unterhalten. Und er hat sich über die Zeit bei seinen Geschwistern das Lesen und Schreiben abgeschaut. Dabei hat auch geholfen, dass er zu den Zeiten, wenn Kobi nicht zu Hause in seinem Zimmer ist, dessen Computer für Spiele benutzten darf. Was niemand weiß, ist allerdings, das der Junge sich langsam in die Programme einlernt, und den Links nachgeht, die sein Bruder Kobi benutzt.

Mit diesem Kobi versteht sich der Junge, der die ganze Geschichte in der Ich-Form erzählt, sehr gut. Kobi kann ihn verstehen, auch ohne Worte. Deshalb ist der Junge auch sehr besorgt, als er als erster durch seine enorme Sensibilität die ersten Veränderungen an Kobi bemerkt. Kobi ist im Internet auf eine Website einer ultraorthodoxen jüdisch-messianischen Sekte gestoßen, und beginnt sich dafür zu interessieren. Er konfrontiert seine Eltern mit bestimmten jüdischen Regeln und Geboten für den Haushalt und das gemeinsame Leben, aber die begreifen noch nichts und halten es für eine vorübergehende Marotte ihres  ältesten Sohnes. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Junge, durch das Aufrufen der Seiten, die Kobi besucht hat, schon sehr wohl, womit dieser sich beschäftigt und er spürt, wie es das Wesen seines Bruder verändert. Er kann es intellektuell noch nicht richtig beurteilen, aber er spürt genau, dass Kobi da in eine Richtung unterwegs ist, die ihm nicht gut tut.

Und als Kobi eines Tages zum ersten Mal verschwindet, und nach einem Besuch bei den Ultrarorthodoxen sehr verändert zurückkommt, begreift der Junge als erster in der Familie, dass etwas  unternommen werden muss, um Kobi dort zurückzuholen. Und obwohl der Junge sich in seinem Kokon sehr wohl fühlt, und die Vorteile genießt, die es mit sich bringen, dass die anderen nicht wissen, was er eigentlich kann, beschließt er, diesen Schutzraum zu verlassen, aus seiner stillen Welt auszubrechen und Kobi zu helfen.  Er folgt ihm in ein Ferienlager der Orthodoxen, dem die Eltern zähneknirschend ihre Zustimmung gegeben haben und konfrontiert Kobi auf eine bewundernswerte Weise mit sich selbst.

Sie behalten aber danach ihr kleines Geheimnis. Erst nach über einem Jahr, als das Buch, das der Junge danach über seine ganzen Erlebnisse  geschrieben hat, mit Hilfe Kobis veröffentlicht worden ist und auf dem Tisch der Eltern liegt, wird es gelüftet.

Ein Roman über einen bemerkenswerten Jungen und ein Buch über die besondere Rolle der Religion in Israel. Nach Gila Almagors „Alex, Dafi und Ich“ wieder ein hervorragender Jugendroman aus Israel bei Hanser.


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Rezension zu "Schalom" von Avram Kantor

Ein wunderbares Buch mit einer wundervollen Botschaft
WinfriedStanzickvor 6 Jahren

Avram Kantor, Schalom, Hanser 2012, ISBN 978-3-446-24014-8

 

Die Vergangenheit ist in Israel nicht vergangen. Für die Menschen- sie werden immer älter und weniger- die wie auch immer die Lager der Nazis und den Holocaust überlebt haben und nach Israel gekommen sind, sind die Deutschen und alles was mit Deutschland zusammenhängt, der Inbegriff des Bösen und erinnern sie täglich neu an das, was sie „dort“ erlebt haben.

 

Die Überlebenden  haben in ihrer neuen Heimat Familien gegründet und Kinder groß gezogen, nur eines haben sie nie getan: über das, was sie „dort“ erlebt haben, zu sprechen. So geht es auch der alten Nechama, der Hauptperson dieses bewegenden Jugendbuches von Avram Kantor. Der in Israel lebende Sohn Avri denkt an einer Stelle zu Beginn des Buches über dieses Schweigen nach, dass auch sein Leben und das seines Bruder Jaki überschattete:

„Wieder fragte er sich, wie es geschehen konnte, dass es ihnen nie in den Sinn gekommen war, ihre Eltern zu fragen was mit ihnen passiert war, bevor sie hierherkamen. Als wäre das alles in einer anderen Welt geschehen, an der Jaki und er keinen Anteil hatten. Dass sie von sich aus nichts erzählt hatten, konnte Avri inzwischen verstehen, aber wie war es möglich, dass er und sein Bruder überhaupt keine Fragen gestellt hatten? Zu Hause wurde nie ausdrücklich darüber gesprochen, aber es hing immer etwas Seltsames in der Luft. Niemand hatte ihnen verboten etwas zu fragen, sie hatten es einfach nicht getan, Gott weiß warum.“

 

Jaki hat irgendwann eine deutsche Frau kennengelernt, die in Israel ein Praktikum machte. Als sein Vater Menachem ihm daraufhin sein Haus verbot („es kommen keine Deutschen in mein Haus!“) geht er mit ihr nach München. Den Sohn, der geboren wird, geben sie den Namen Gil.

 

Als Gil in das Alter kommt, in dem er seinen Zivildienst in Deutschland ableisten soll, entscheidet er sich dafür, das in Israel zu tun, das er als seine zweite Heimat ansieht. Er möchte bei seiner Großmutter Nechama wohnen, die über dieses Ansinnen völlig aus dem Häuschen gerät. Sie fühlt sich dem Diktum ihres Mannes verantwortlich und weigert sich standhaft, sowohl Gil als auch seine Mutter zu sehen. Als es aber dann doch zu einer Begegnung kommt, ist Nechama von dem freundlichen Gil ins innerste Mark getroffen und sie spürt , wie ihre Widerstände davonschwimmen wie Felle in einem Fluss. Gil sieht aus wie ihr geliebter Mann,  mit dem sie sozusagen täglich in innerer Verbindung steht.

 

Es ist nicht zuletzt die weise und kluge Zurückhaltung von Jakis deutscher Frau, die Nechama immer nur „die da“ nennt, die schlussendlich die Mauern brechen lässt und das Eis schmilzt:

„Nechama spürte die Wärme der anderen Frau, auch die Arme, die sich um ihre Hüften legten, und sie schreckte nicht zurück.“

 

Ein wunderbares Buch mit einer wundervollen Botschaft: Nur durch Offenheit, Respekt und Herzlichkeit können die entsetzlichen Wunden überwunden werden, die der Holocaust den Völkern, den Familien und den Einzelnen geschlagen hat. Es hätte für dieses Buch keine geeignetere Übersetzerin geben können als Mirjam Pressler, die schon Avram Kantors berühmten Roman „Die erste Stimme“ ins Deutsche übertragen hat.

 

 

 

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Rezension zu "Schalom" von Avram Kantor

Rezension zu "Schalom" von Avram Kantor
LaLecturevor 6 Jahren

Eine eigenwillige, alte Dame; eine traurige Vergangenheit, die die Familie gespalten hat; ein Enkel, der alles durcheinanderbringt - Genau der richtige Stoff, für einen berührenden Familienroman

Inhalt

Als junge Frau überlebte Nechama nur knapp das Konzentrationlager der Nazis. Nun, etliche Jahre nachdem sie nach Israel ausgewandert ist, ist sie noch immer nicht gut auf Deutsche zu sprechen - auch nicht auf Frau und Kinder ihres eigenen Sohns. Doch dan kündigt Jaki ihr an, dass sein ältester Sohn Gil sich in den Kopf gesetzt hat, ein Jahr in Isreal zu leben und Nechama ist gezwungen, ihre Werte zu überdenken...


Meinung

Man braucht Geduld, um dieses Buch zu lesen, aber wenn man die Ruhe und die Zeit hat, versteht man wie klug und witizg es ist und das der Autor ein wahrer Meister sein muss

Auf den ersten Seiten verwirrte "Schalom" mich erst einmal. Der Schreibstil ist ungewöhnlich und wechselt ständig zwischen banalen Altäglichkeiten und kleinen, aber wichtigen Andeutungen, was die Vergangenheit und die Charaktere betrifft. Insofern braucht man etwas Geduld für die Lektüre, da man nicht erwarten darf, dass einem sofort alle Informationen vor die Nase gelegt werden.
Da der personale Erzähler es vermeidet, Namen zu nennen, muss man sich zunächst "einlesen" und herausfinden, um wen es geht, doch dann bemerkt man, dass Avram Kantor scheinbar ein wirklicher Menschenkenner ist. Er versteht es, sich in die verschiedenen Figuren (in diesem Falle Nechama, ihr Nachbar Professor Sad und ihre Söhne Jaki und Avri) hineinzuversetzen und ihren gut ausgearbeiteten, nicht fehlerfreien, aber dafür sehr authentischen Charakter darzustellen, dass der Leser die sie beinahe vor Augen sieht. Zudem beschreibt er Nechamas Alltag so genau und so realistisch, dass der Leser des öfteren schmunzeln muss, weil man sich vorstellen kann, dass die Geschichte genau so passiert sein könnte.
Kantor schreibt unterhaltsam ohne sich über die Charaktere lustig zu machen, benutzt poetische Beschreibungen, ohne schwülstig oder unverständlich zu wirken und erwärmt mir mit seiner Geschichte das Herz.

Die schrullige, alte Nechama habe ich auf den knapp 230 Seiten sehr in's Herz geschlossen. Sie hatte eine schwere Vergangenheit, auf die der Autor nicht näher eingeht und ist schon sehr alt (mind. 80), weshalb man ihr ihre Schroffheit und ihre manchmal etwas verdrehten Gedankengänge nicht übelnehmen kann. Man kann sich über sie amüsieren, ohne sie auszulachen und sie in's Herz schließen, obwohl sie nicht unbedingt sympathisch ist. Leid tut sie dem Leser auch des öfteren, wenn sie mit ihrem verstorbenen Mann Menachem redet, dem sie auch nach seinem Tod noch treu ergeben ist und von dem sie glaubt, dass er noch immer bei ihr ist.

Auch die Nebencharaktere Avri und Jaki, ihre beiden Frauen, und ihre Ansichten lernen wir im Laufe des Romans kennen. Besonders unterhaltsam ist es, Gespräche und Konflikte zwischen Nechama und ihren Söhnen aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, denn gerade dann kommt erst die ganze Schrulligkeit der alten Dame zum Vorschein.
Auf Gil konzentriert sich der personale Erzähler nie, sodass er, obwohl er an praktisch der ganze Handlung "Schuld" ist, eher eine geheimnisvolle, aber sympathische Nebenfigur bleibt.
Am mysterösisten ist wohl Professor Sad, offenbar auch ein Deutscher, der ein seltsames, angespanntes Verhältnis zu Nechama hat. Zu Beginn glaubte ich noch an ein Geheimnis, das eventuell ihrer beider Leben verbindet, doch gegen Ende hin muss sich wohl jeder selbst um die Bedeutung des seltsamen alten Mannes für das Buch Gedanken machen.

Als Nechama ihren Enkel Gil kennen lernt, erinnert dieser sie sofort an Menachem und das Buch entwickelt sich zu einer Familien-Tragikomödie vom feinsten. Gil verschwindet kurz darauf und bringt alles durcheinander. Plötzlich ist die Großmutter, die sich noch nie so um eines ihrer Enkelkinder gesorgt hat, in Aufruhr, ruft dauernd bei ihren Söhnen an, statt auf deren Anrufe zu arbeiten und überdenkt sogar noch einmal ihre Einstellung gegenüber Deutschen.
Die Handlung ist amüsant, berührend, traurig und findet schließlich das passende und befriedigende Ende. Gleichzeitig bleiben, wie es im Leben nun mal so ist, auch einige Fragen unbeantwortet. Manch einer würde sicherlich sagen, dass viele Handlungsstränge einfach unbeendet gelassen werden, aber ich persönlich bin vollkommen zufrieden.


Fazit

Ein ungewöhnlicher, kluger und komischer Roman, den man sicherlich als "literarische Kunst" bezeichnen kann. Mit einfachen und doch großen Worten erzählt Avram Kantor die Geschichte einer alten Dame und ihrer gespaltenen Familie, die schließlich doch wieder irgendwie zusammenwächst. Dabei findet vor allem sein feinfühliger Schreibstil und seine Art, sich in seine Proagonisten hineinzuversetzen bei mir Gefallen.
Ich vergebe 4, 5 Sterne, da das Buch sich doch manchmal etwas zu lange mit Alltagsbeschreibungen aufhält und empfehle diesen Roman jedem, der Lust auf eine geniale und wunderschöne Familiengeschichte hat.

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