Cover des Buches Löwen wecken (ISBN: 9783036959405)U
Rezension zu Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen

Wie hätten wir gehandelt?

von ulrikerabe vor 3 Jahren

Review

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ulrikerabevor 3 Jahren
Etan Grien ist eigentlich kein schlechter Mensch. Doch als er entdeckt, dass sein Vorgesetzter und Mentor korrupt ist, lässt sich der Neurochirurg lieber versetzen, als die unlauteren Vorgänge anzuzeigen. Unzufrieden ist er in Beer Sheva, das Kleinstädtische, Provinzielle engt ihn ein. Doch bei einem halbherzigen Versuch, abenteuerlustig zu sein, überfährt er mit seinem Jeep einen Mann in der Wüste. Etan fühlt sich unbeobachtet, weiß als Arzt, dem Mann, einem eritreischen Einwanderer, ist nicht mehr zu helfen und so verlässt er den Tatort. Doch am nächsten Tag steht die Witwe des Toten vor Etans Tür und Etans geordnetes Leben beginnt von nun an völlig aus den Fugen zu geraten.

Welchen Wert, welchen Rang haben Menschen in unserer Zeit, die weiße Ober- und Mittelschicht gegenüber den entrechteten illegalen Einwanderern. Welchen Unterschied hätte es wohl für Etan gemacht, wäre es ein weißes Kind und nicht ein schwarzer Illegaler gewesen, den er überfahren hätte.

Sind wir bereit die Konsequenzen für unser Tun in vollem Umfang zu tragen? Können gute Taten eine schlechte aufwiegen. Juristisch gesehen eventuell sogar ja, tätige Reue, ein tadelloser Lebenswandel vor und nach der Tat kann sich durchaus schuldmindernd auswirken. Aber Moralisch? Wenn aus einer unbewussten Fehlleistung eine bewusste Entscheidung gegen Recht und Moral folgt, bleibt nicht doch das Unvermögen mit dieser Entscheidung zu leben, so viel Wiedergutmachung auch zu leisten versucht wird? Etan muss mit seiner Entscheidung bis zur physischen und psychischen Erschöpfung leben. Wahrscheinlich hat er in seinem Leben noch nie zuvor so viel Gutes bewirkt, wenn man die Ursache seiner Beweggründe wegdenkt. Kann man die Frage nicht noch weiterspinnen: Wie viele gute Taten entstehen denn aus rein altruistischen Gründen? Oder sind es nicht oft Versuche, sich von einer seelischen Last, kleineren und größeren, zu befreien, das Gewissen wegen eigener Unzulänglichkeiten zu beruhigen, sich freizukaufen durch Spenden und Ehrenamt?

Und die bedeutendste Frage, die die Autorin sich uns stellen lässt: Wie hätten wir gehandelt? „Wir“, das moralische Kollektiv, wir würden wohl alle sagen: Nein, wir sind integer, wir hätten uns gestellt, wir hätten doch so nicht leben können. Und wie viele hätten sich dann doch sehr wohl wie Etan entschieden. Denn Etan ist nicht anders wie wir. Er ist gut situiert, gebildet, familiär. Karriere, Familie, gutes Auskommen, Ansehen sind ihm wichtig. Sein gutes Leben will er, kann er gar nicht aufs Spiel setzen, zu viel hinge daran, nicht nur sein Leben, auch das seiner Frau, seiner Kinder. Seine Entscheidung, so falsch sie auch ist, kann er gar nicht anders treffen. Und weil Etan ist wie wir, würden auch wir so leben, auch wenn wir nicht damit leben könnten, weil der Teufelskreis aus Schuld, dem Verlangen nach Vergebung, Angst vor der Entlarvung und dem Wunsch, weiterhin gut zu leben uns, so wie Etan, immer mehr durcheinander wirbeln würde. Und wenn wir den Ausgang des Buches kennen würden uns vielleicht sogar in unserer Entscheidung bestätigt fühlen. Heilfroh bin, ich dass ich diese Überlegungen alle nur theoretisch anstellen muss.

In Löwen wecken prallen Welten aufeinander, Gut und Böse, Opfer und Täter werden vermischt. Dieser Roman ist großartig in seiner Eindringlichkeit und zutiefst menschlich. Ayelet Gundar-Goshen hat einen Roman von Brisanz und allgemeiner Gültigkeit vorgelegt. Es ist eine universelle Geschichte, die jeden von uns treffen könnte.

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