Lügnerin

von Ayelet Gundar-Goshen 
4,3 Sterne bei22 Bewertungen
Lügnerin
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Dieses Buch nimmt einem vom ersten Augenblick an mit in die Welt der Lügen, die auch durch Schweigen entstehen kann.

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Ich habe mich mit diesem Buch gequält...

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Inhaltsangabe zu "Lügnerin"

Es gibt Leute, die schlagen mit der Faust auf die Theke, und es gibt Leute, die stehen dahinter und fragen: »Und was darf es für Sie sein?« Die Eisverkäuferin Nuphar Schalev gehört eindeutig in die zweite Kategorie: An dem Gesicht des Mädchens bleibt kein Blick länger hängen als notwendig. Doch als sie eines Tages ein Missverständnis zu einer Lüge formt, ändert sich alles, und sie rückt ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Im hellen Licht der Kameras blüht Nuphar auf, und mit ihr wächst und gedeiht die Lüge, und mit der Lüge wächst und gedeiht die junge Liebe zu Lavie Maimon, der im vierten Stock über der Eisdiele wohnt. Doch die Liebe ist etwas sehr Zartes, und die Wahrheit kann sie zertrampeln wie ein wildes Rhinozeros.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783036957661
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:336 Seiten
Verlag:Kein & Aber
Erscheinungsdatum:27.09.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    BeaSwissgirls avatar
    BeaSwissgirlvor 8 Monaten
    Lügnerin


    Mein Leseeindruck subjektiv, aber spoilerfrei ;)

    Anhand eines Buchtipps habe ich mir dieses Buch gekauft ohne mich vorher gross darüber zu informieren ;)


    Den Schreibstil empfand ich als sehr sachlich, distanziert, beschreibend, beobachtend, fast als würde ich einen Bericht oder eine Studie lesen, weshalb bei mir kaum bis gar keine Emotionen entstehen wollten. Vielleicht hat es aber auch etwas mit der auktorialen Erzählweise zu tun.
    Auffallend waren auch die wahnsinnig viele Metaphern, wobei ich einige extrem merkwürdig fand!

    Wir kriegen es hier mit einigen Personen zu tun, die sich gut unterscheiden lassen, mir aber alle total unsympathisch waren!
    Ich fühlte absolut keine Bindung zu den Charakteren, habe also weder mitgefiebert, noch mitgelitten, geschweige denn mitgefühlt.

    Trotz diesen bisher doch eher negativen Punkten habe ich das Buch nicht ungern gelesen ;)
    Alles dreht sich hier nämlich um die Lüge und das hat die Autorin wirklich raffiniert, faszinierend, durchaus fesselnd und psychologisch angehaucht dargestellt, ohne dabei aber Stellung zu beziehen oder den Moralapostel zu spielen. Diese unterschwellige Spannung und die Art der Umsetzung hat mich bei der Stange gehalten und ich wurde irgendwie reingesogen ;)

    Das Ende hingegen gefiel mir nicht, ich fand es total übereilt und banal, da hätte ich mehr erwartet.


    Ich vergebe hiermit 3,75 Sterne   


     

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    Snowwomans avatar
    Snowwomanvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Dieses Buch nimmt einem vom ersten Augenblick an mit in die Welt der Lügen, die auch durch Schweigen entstehen kann.
    "Wenn sich eine Lüge zur Eigendynamik entwickelt..."

    Dieses Buch nimmt einen vom ersten Augenblick an mit in die Welt der Lügen, die auch durch Schweigen entstehen können. Es wirkt real und kurzweilig durch die schöne Bildsprache. Der Autorin gelingt es mit dieser Geschichte, die eigene Zeit des Erwachsenwerdens herauf zu beschwören und man fühlt direkt das Unbehagen der jungen Menschen, die versuchen, aus dieser unglücklich verlaufenen Situation heraus zu finden und das eigene Gefühlschaos in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig erzählt uns die Autorin aus dem Alltagsleben Tel Avivs und auch dort - wie überall auf der Welt - scheint der Glamour am grössten, wenn die Scheinwerfer der Kameras darauf gerichtet sind und uns die Oberflächlichkeit und Banalitäten unseres "modernen" Lebens spiegeln.

    Eine fantastische Geschichte - unbedingt lesen...

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    leseleas avatar
    leseleavor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Die Dynamik einer Lüge. Psychologisch fein erzählt, jedoch nicht so dicht wie gehofft.
    Die Dynamik einer Lüge

    Denn so ist es nun einmal: Manche Menschen werden durch die Wahrheit schön, andere durch die Lüge. (S. 49)

    Es beginnt streng genommen nicht mit einer Lüge, sondern mit einem fehlenden Widerspruch. Herbeigeeilte Passanten bezichtigen den ehemaligen Castingshow-Gewinner Avischai Milner, die junge Eisverkäuferin Nuphar Schalev zu vergewaltigen versucht zu haben. Nuphar klärt dies zunächst nicht auf und ersinnt später eine Geschichte, die zwar nicht wahr ist, die Leute aber wahrhaben wollen. Von jetzt auf gleich steht Nuphar, bis dato ein unscheinbares Mädchen, die stets der jüngeren und schöneren Schwester unterliegt, im Mittelpunkt: die Medien reißen sich um ihre Story, sie wird in der Öffentlichkeit als neue Meinungsmacherin gefeiert, jeder will ihre Freundin sein und plötzlich findet sie sich unverhofft in einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte wieder…

    Ich habe im Sommer dieses Jahres bereits Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen gelesen, das mich aufgrund seines psychologischen Feinsinns und seinen moralphilosophischen Fragen sehr begeistert hat. Gundar-Goshens neuer Roman Lügnerin steht in dieser Hinsicht dem Vorgänger in nichts nach: Präzise, sezierend und unvoreingenommen legt die Autorin nicht nur die Motivation für das Lügengebäude, das Nuphar von Seite zu Seite höher errichtet, auf, sondern analysiert ebenso differenziert die Eigendynamik, die die einmal in die Welt gelassene Lüge schnell entwickelt, und dabei nicht nur Nuphar, die Lügnerin, vor sich hertreibt, sondern ebenso ihr Opfer, heimliche Mitwisse sowie Zweifler und Skeptiker. Gundar-Goshens Roman ist dabei zeitlos und modern zugleich: Immer wieder stellt sie das Grundbedürfnis des Menschen nach Sichtbarkeit und Gehörtwerden in den Mittelpunkt ihrer Geschichte – und vergisst dabei nicht, zu betonen, dass wir uns heutzutage in einer Gesellschaft bewegen, in der es dank des Internets ein jeder zu fünf Minuten Ruhm schaffen kann und in der Aufmerksamkeit zu einer teuren Währung geworden ist.

    Neben der gewählten Thematik überzeugt Gundar-Goshen in Lügnerin auch mit ihrer herausragenden Sprache: Ähnlich wie Nuphars Lüge treiben hier auch ungewöhnliche Bilder sowie schiefe und gerade deswegen passende Vergleiche Blüten. Gepaart mit der Nüchternheit und Objektivität ihrer Erzählhaltung entsteht so ein spannender, sich am Leser reibender Text, der spannende Fragen auf manchmal fast schon lyrische Weise transportiert.

    Bei aller Begeisterung ist Lügnerin meiner Meinung nach jedoch nicht frei von Schwächen: Leider fügt sich die geschilderte Teenager-Romanze nicht ganz rund in die Lügengeschichte ein, ebenso wie der Erzählstrang um die vermeintliche Holocaust-Überlebende im zweiten Erzählteil. Durch den Fokus auf diese Elemente bremst die Geschichte kontinuierlich ihr eigenes Tempo und schöpft die in ihr angelegten Möglichkeiten nicht vollends auf. Hier hätte ich mir einfach ein dichteres und stringenteres Erzählen gewünscht – so wie Ayelet Gundar-Goshen es in Löwen wecken bereits demonstriert hat. Daher reicht es zwar insgesamt nur für vier Sterne, Ayelet Gundar-Goshen hat mit Lügnerin jedoch den Sprung in die Kategorie „Lieblingsautoren“ eindeutig geschafft!

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    leserattebremens avatar
    leserattebremenvor 9 Monaten
    Die Macht der Lüge

    Nuphar Shalev ist ein unsicheres Mädchen, das in den Sommerferien als Eisverkäuferin arbeitet. Als aus einem Missverständnis eine Lüge wird und sie plötzlich im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit steht, scheint sie regelrecht aufzublühen. Doch die Lüge bleibt eine Lüge und sie lastet auf ihr. Kann sie wirklich damit durchkommen oder wird alles über ihr zusammenbrechen?
    Ayelet Gundar-Goshens Roman „Lügnerin“ ist ein spannendes und hochinteressantes Buch über eine Lüge, die durch die erfahrene Aufmerksamkeit immer weiter wächst und fast außer Kontrolle gerät. Mit einem feinen Sinn für die Psychologie der Menschen beschreibt die Autorin das junge Mädchen und die stattfindenden Veränderungen. Ihr ganzes Leben scheint sich plötzlich in einem besonderen Licht zu befinden, während andere, die bisher dort standen, in den Schatten vertrieben werden. Gundar-Goshen bleibt die ganze Zeit neutral, sie bezieht keine Position für oder wider der Hauptfigur. Sie berichtet und beobachtet und betont gleichzeitig die Rolle, die die Medien und die Öffentlichkeit bei der Verbreitung der Lüge spielen. Es braucht eine gute Story und schon wird nicht mehr hinterfragt, die Geschichte breitet sich aus und ist nicht mehr zu stoppen.
    In „Lügnerin“ legt die Autorin auf beeindruckende Weise dar, wie die öffentliche Aufmerksamkeit Menschen verändern kann. Nicht plump und offensichtlich, sondern psychologisch äußerst fein und raffiniert zeigt Gundar-Goshen die Anfälligkeit des Menschen für Interesse an seiner Person und den Wunsch nach Zuspruch. Nuphar tritt aus ihrer bisherigen Existenz heraus und erst durch die Lüge wird sie „jemand“.
    Ayelet Gundar-Goshen hat mit „Lügnerin“ einen eindrucksvollen psychologischen Roman geschrieben, der perfekt in die aktuelle Zeit passt und unbedingt gelesen werden sollte. 

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    killmonotonys avatar
    killmonotonyvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Wie kann eine Lüge dein Leben beeinflussen — und zu welchem Preis würdest du die Wahrheit niemals ans Licht kommen lassen?
    Rezension: Lügnerin

    „Lügerin“ von Ayelet Gundar-Goshen hat mich zuerst mit dem wunderbaren Cover angesprochen. Dann mit dem äußerst interessanten Klappentext – der auch wirklich hielt, was er versprochen hat! Dieser Roman hat mich sehr überrascht und ich war auch sehr erstaunt, wie fein Gundar-Goshen ihre Charaktere zeichnet. Doch worum geht es eigentlich? Nuphar ist ein unscheinbares Mädchen, nichts in ihrem bisherigen Leben erscheint ihr besonders. Sie hatte noch nie Sex und beginnt bald ihr letztes Schuljahr – nachdem diesen Sommer schon wieder nicht spannendes in ihrem Leben passiert ist. Nuphar hat das Gefühl, als würden die Menschen – und ganz besonders die Männer – einfach durch sie durch sehen, sie nicht wahrnehmen. Doch als eines Tages ein ehemals berühmter Sänger in ihre Eisdiele tritt, der sie aufs Übelste beleidigt und ihr dann auf die Toilette folgt, bricht etwas in Nuphar heraus – und sie schreit. Sie schreit, bis Polizei und Nachbarn in den Hinterhof kommen und das verstörte Mädchen fragen, was der Kerl ihr getan hätte. Als sie als Antwort in Tränen ausbricht, scheint die Sache geklärt. Avischai wird wegen versuchter Vergewaltigung von der Polizei festgenommen und Aussagen werden gemacht. Nuphar versucht zunächst, sich aus dem Missverständnis herauszuwinden, doch blüht im Licht der Lüge und der Aufmerksamkeit auf wie eine Blume, die nach dem Winter endlich Sonnenstrahlen einfängt. Immer tiefer verstrickt sich das Netz um die Lüge und Nuphar findet keinen Weg hinaus.

    Sucht dich das Schuldgefühl heim, hat es verschiedene Möglichkeiten. Es kann dich von hinten anspringen, dir die Klauen ins Fleisch hauen. Es kann einen Frontalangriff starten. Doch es kann dir auch wie eine Perserkatze um die Beine streichen, sich ein Weilchen auf deinen Schoß setzen und dann weiterhuschen, weil es nicht länger bleiben will.

    Ayelet Gundar-Goshen schafft hier einen Roman, dem es gelingt, eine Spannung aufzubauen, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt. Die Charaktere sind wahnsinnig ausgefleischt und die Autorin hat sich sichtlich Mühe gegeben, diese zu einem großen Ganzen zusammenzuweben. In „Lügnerin“ findet man keinen überflüssigen Satz, jeder noch so kleine Handlungsstrang trägt zum Gesamten bei und am Ende des Romans blickt man auf einen wunderschönen Flickenteppich zurück. Gerade die in Teil 2 neu eingeführten Personen und ihr Leben scheinen auf den ersten Blick keinen Bezug zum Hauptgeschehen zu haben, doch hat man die Charaktere erst einmal kennengelernt und hinter die Fassade geschaut, fällt es dem Leser wie Schuppen von den Augen.

    Die vollständige Rezension findet ihr auf dem Blog: https://killmonotony.de

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    W
    WinfriedStanzickvor 10 Monaten
    Viel Stoff zum Nachdenken nach hervorragender Unterhaltung



    Dieser Debütroman der studierten Psychologin Ayelet Gundar-Goshen wurde in ihrem Heimatland Israel mit den Sapirpreis für das beste Debüt Israels verdientermaßen ausgezeichnet.  Die Autorin verbindet in diesem Roman mit dem Titel „Lügnerin“ ihre psychologische Kompetenz mit ihrem literarischen Talent und beschreibt in vielen Facetten, was eigentlich geschieht, wenn im Leben von Menschen ein vorübergehendes Missverständnis zu einer veritablen Lüge wird, die dann wie ein Geschwür ihre Wirkung entfaltet.  Was passiert mit den Menschen, die die Lüge kolportieren, und was mit denen, die unter der Lüge zu leiden haben?

    Der Roman erzählt die Geschichte der Schülerin Nuphar, die durch ein Ereignis ganz plötzlich aus ihrem bisherigen Leben geschleudert wird. Sie jobbt in den Sommerferien in einer Eisdiele, als eines Tages ein von der Öffentlichkeit schon lange vergessener Showstar (Avischai Milner war Sieger des israelischen Superstarcontests) sie verbal angreift, weil er sich nicht schnell genug bedient sieht.  Frustriert über sein Schicksal macht er Nuphar nieder.  Der Vorfall hat Zeugen. Zeugen allerdings, die ihn als versuchte Vergewaltigung werten und publik machen. Nuphar  macht vom ersten Moment an bei dieser Inszenierung mit und kommt über die ganze Geschichte hinweg nicht mehr davon los.

    Innerhalb kürzester Zeit beginnt die Medienmaschine zu laufen. Der Showstar wird verhaftet und vorverurteilt, Nuphar wird zum im ganzen Land gefragten Medienstar mit zahlreichen Auftritten in Talkshows. Sie genießt diesen Zustand durchaus, spürt aber auch, was diese Lüge mit ihr macht.

    Ayelet Gundar-Goshen zeigt in etlichen Nebengeschichten, dass Nuphar nicht allein ist mit ihrer Lüge, sondern dass viele andere Begebenheiten sich der hartnäckigen Wirkung von Lügen verdanken.

    „Lügnerin“ ist eine feine und klug komponierte Geschichte menschlichen Handelns und seiner Abgründe, die den Leser an vielen Stellen sehr direkt zu einer eigenen Position herausfordert.  Wer hat Recht, wer hat Unrecht? Welches Handeln ist vertretbar, welches nicht? Was rechtfertigt eine Lüge? Wohin führt sie? Gibt es einen Ausweg?

    Viel Stoff zum Nachdenken nach hervorragender Unterhaltung. Von dieser Autorin würde man gerne mehr lesen.







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    buchstabentraeumerins avatar
    buchstabentraeumerinvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein beeindruckendes Buch, das die innersten Gefühle und Gedanken seiner Charaktere beleuchtet und in ausdrucksstarke Worte fasst. Top!
    Ein sehr gelungener psychologischer Blick auf das Lügen

    Auf „Lügnerin“ von Ayelet Gundar-Goshen aus dem Kein & Aber Verlag wurde ich beim durchforsten der Verlagsvorschauen aufmerksam. Die mit dem Sapir-Preis für das beste Debüt Israels ausgezeichnete Autorin studierte Psychologie und so ist es schon fast natürlich, dass sie ihre Charaktere bis in ihr Innerstes durchleuchtet. Was geschieht, wenn ein Missverständnis zu einer Lüge heranwächst, die das Leben einer jungen Frau von Grund auf verändert? Was geht in den Menschen vor, die von der Lüge wissen? Was geschieht mit den Menschen, die unter der Lüge zu leiden haben? Ayelet Gundar-Goshen geht diesen Fragen auf den Grund.

    Nuphar ist eine junge Frau, die völlig unerwartet aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen wird. War sie eben noch unscheinbar und zurückhaltend, entdeckt sie nach einem Ereignis eine ihr bis dato unbekannte Macht. Die Macht der Lüge. Sie wird auf einmal wahrgenommen, Menschen bewundern sie, beschenken sie, lieben sie. Vor allem einer liebt sie. Doch was sehen sie in ihr? Nuphar selbst, oder nur das Lügengespinst? Und welche langfristigen Folgen hat ihre unbedachte Lüge? Angesichts dieser Fragen wird das, was anfangs noch seinen spielerischen Reiz hatte, eine immer schwerere Last für das Mädchen und alle, die mit in die Geschichte verstrickt sind.

    Was so brisant klingt, wird von Ayelet Gundar-Goshen aus einer allwissenden und distanzierten Erzählperspektive beschrieben.  „Lügnerin“ liest sich daher trotz aller Emotionalität, die ein Thema wie dieses mit sich bringt, eher wie eine sachliche Beobachtung – es ist eine feine Studie menschlichen Handelns und Denkens. Die Autorin geht den grundlegenden Fragen nach: Wer hat Recht, wer hat Unrecht? Wessen Handeln ist vertretbar, welches nicht? Was rechtfertigt eine Lüge? Letztendlich bleibt alles relativ und der Leser ist gefordert, sein Urteil zu fällen.

    WAREN DIE UNENTDECKTEN LÜGEN NICHT ZAHLREICHER ALS DIE ENTDECKTEN? KLEINE, HARMLOSE GESCHICHTEN, DIE SICH IN DEN ALLTAG WEBTEN, BIS NIEMAND MEHR ZWISCHEN WAHR UND ERFUNDEN UNTERSCHEIDEN KONNTE. DIE ZEIT KNETETE ALLES ZU EINEM EINZIGEN TEIG ZUSAMMEN. GEWESEN ODER NICHT GEWESEN – WAS ÄNDERTE DAS SCHON GROSS? (SEITE 145)

    Was mich sehr positiv überrascht hat ist, dass sich Gundar-Goshen nicht nur auf den einen Erzählstrang und diese eine Lüge beschränkt, sondern weitere Charaktere und Lügen ins Spiel bringt. So werden alle Facetten des Lügens betrachtet. Es wird herausgearbeitet, was Menschen zum lügen bringt und was sie sich davon erhoffen. Vor allem aber wird erzählt, warum es so schwer ist, eine Lüge zuzugeben. Das können wir alle nachvollziehen, oder? Sei es auch nur eine Notlüge, es ist schwer, mit der Wahrheit herauszurücken. Hinzu kommen kleine Aha-Momente, wenn sich die Lebenswege dieser Charaktere miteinander kreuzen und sich auch wieder verlieren. Wunderbar vielschichtig.

    NACH EINEM FEINEN DESSERT MÖCHTE MAN NICHTS WEITERES KOSTEN, DAMIT DIE BESONDERE SÜSSE ERHALTEN BLEIBT. UND NACH KÜSSEN GIBT MAN EINSILBIGE ANTWORTEN, DAMIT SICH AUF DEN LIPPEN NICHT VERLIERT, WAS DER MUND NOCH GENIESSEN MÖCHTE. (SEITE 10

    Was mich am allermeisten beeindruckte, war die Sprache. Ayelet Gundar-Goshen verwendet enorm ausdrucksstarke Metaphern, die bemerkenswert gut zum sachlichen Ton passen. So werden Gedanken und Gefühle treffend ausgedrückt und werden für den Leser nachvollziehbar und erlebbar. Hier ist das Einfühlungsvermögen der Psychologin zu erkennen, die zielstrebig alles ans Licht bringt, was Menschen zum Lügen und auch generell im Leben bewegt. Das Lesen wird dadurch zu einem wahren Vergnügen.

    Fazit

    Ayelet Gundar-Goshen schreibt mit „Lügnerin“ eine präzise Beobachtung menschlichen Handelns. Was bewegt eine unscheinbare junge Frau dazu, eine ungeheure Lüge zu verbreiten? Die Autorin geht dieser Frage nach und beleuchtet die innersten und geheimsten Gefühle und Gedanken ihrer Charaktere und fasst sie in äußerst ausdrucksstarke Worte. Ich bin fasziniert von diesem Buch.

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    jamal_tuschickvor einem Jahr
    Kurzmeinung: In jeder Hinsicht überzeugend erzählt.
    Grundschwarz

    Nach kurzer Schonzeit bohrt Avischai Milner schon wieder lange dicke Bretter. Der Sänger ist nicht so vermessen, sich für verkannt zu halten. Er glaubt nicht, dass sich seine Begabung mit Ruhm und erstklassiger Bewirtung paaren muss. Er weiß, dass ihn Launen des Schicksals bewegen wie ein Vers den Geneigten. Doch hält er sich nicht für schlechter als viele, denen es besser geht. Er macht sich Luft und verschafft sich Erleichterung, indem er Leute anpöbelt. Das harmlose Vergnügen wird ihm zum Verhängnis. Das ist eine andere Geschichte.
    Ayelet Gundar-Goshen kümmert die Tel Aviver Randgestalt wenig. Die Psychologin und Bestsellerautorin konzentriert sich auf die märchenhaften Aufmerksamkeitsgewinne der schulpflichtigen Eisverkäuferin Nuphar Schalev. Ein Zusammenstoß mit Avischai macht das Mädchen zum Star. Seine Darstellung des Kontakts verwandelt eine Kränkung in einen Vergewaltigungsversuch. Die Lüge wird Nuphar nahelegt. Der Wahrheitswille legt Protest ein und unterliegt lediglich überlegenen Gegnern. In einer Fehlbesetzung als Wehrhafte kommt Gundar-Goshens Heldin zu allem, wovon sie vorher nur träumen konnte.
    Eine Lüge stößt das Tor zum Leben auf. Es erscheint Nuphar in der Gestalt des Lavie Maimon. Der Sohn eines Strategen hat selbst nicht viel zu bieten. Er hält sich mit Verrat und Beschiss über Wasser. Trotzdem sieht Lavie „wie ein guter Fick“ aus.
    Nuphar und Lavie haben ein Abonnement für verlorene Posten. So steht es geschrieben in ihren Lebensbüchern. Nuphars Aufstieg zur „Medienprinzessin“ kann nur ihre Fallhöhe vergrößern.
    Gundar-Goshen dokumentiert eine Reihe von Korrumpierungsprozessen. Sie berichtet von Unterschlagungen und Durchstechereien in der Sphäre öffentlicher Verkehrsteilnahme. Gerechtigkeit und Wahrheit sind einfach nicht zu fassen. Alle lügen, oft grundlos und gewohnheitsmäßig. Avischai drohen bis zu sechzehn Jahren Haft für zwei oder drei unangemessene Bemerkungen, die sich nach den Bedürfnissen der Bestien Öffentlichkeit und Eitelkeit zu einer erwiesenen versuchten Vergewaltigung auszuwachsen im Begriff stehen.
    Das Romanlicht erhellt schwach den grundschwarzen Abgrund Bigotterie. Eine überlastete Ermittlerin schüttelt ihre Bedenken ab. Zweifelnde Eltern begnügen sich mit den Attrappen des Selbstbetrugs. In der Zwischenzeit lernen Nuphar und Lavie den Liebeskummer kennen. Die neue Erfahrung dominiert ihren sozialen Ordnungssinn. Avischai hat einmal mehr das Nachsehen, die Welt zuckt vor seiner Not mit den Achseln.
    Der Roman versammelt eine Reihe von Konstellationen, die ihre Protagonisten dazu zwingen, in ein Dilemma zu investieren. Am deutlichsten zeigt sich das da, wo Mutterliebe mit anderen Gefühlen kollidiert. Der Wunsch, Schuld abzuwenden, vergrößert nur die Belastung.

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    naninkas avatar
    naninkavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein tolles Buch, ein merkwürdiges Ende
    Spannend und vielschichtig - ein absolutes Lesevergnügen!

    Nuphar arbeitet während der Schulferien in einer Eisdiele. Ihre Mitmenschen scheinen durch sie durchzuschauen. Nuphar wird kaum beachtet. Nuphar ist weder hübsch noch hässlich. Sie ist unbeliebt und wird von ihren Mitschülern gemobbt. 

    Nuphar hat eine wunderschöne Schwester, die jedermanns Liebling zu sein scheint. Sie heisst Maja. Maja ist beliebt, hübsch und viel beachtet. Die Schwestern stehen sich nah und doch nicht. 

    Eines Tages wird Nuphar von einem Kunden verbal aufs Übelste gedemütigt. Sie rennt schreiend und schluchzend in den Hinterhof. Zeugen tauchen auf und die Lüge nimmt ihren Lauf. Mit der Lüge kommt die Aufmerksamkeit - die Aufmerksamkeit von Familie, Mitmenschen, Fremden und der Medien. ...Und Nuphar blüht auf, denn noch nie waren Menschen so gut zu ihr. Sie wird hübsch und sie wird beliebt. Ihre Schwester wird zur Unscheinbaren und leidet darunter.

    Dinge verschieben sich, die Psychologie der Charaktere verändert sich, wird vielschichtiger und facettenreicher. Die Lüge eskaliert, moralische Bedenken tauchen immer wieder auf, was ist richtig, was ist falsch. Und alle Protagonisten sind mit Lügen behaftet oder sagen die Wahrheit, die nicht als solche wahrgenommen wird. Spannend wie Ayelet Gundar-Goshen ihre feinen und perspektivenreichen Geschichten geschickt webt, die vielen vielschichtigen Protagonisten in die Geschichte einbaut und uns immerzu zu mit einer subtilen Psychologie zu überraschen vermag. Spannend, nachdenklich stimmend, psychologisch raffiniert - ein wahres Lesevergnügen.  

    Fast 5 Sterne, einen halben Stern Abzug gibt es für das Ende.

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    Himmelfarbs avatar
    Himmelfarbvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Ich habe mich mit diesem Buch gequält...
    Kommentare: 1

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