Ayse

 4 Sterne bei 43 Bewertungen
Autor von Mich hat keiner gefragt, Scheherazades Tochter und weiteren Büchern.

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Cover des Buches Mich hat keiner gefragt (ISBN: 9783442367320)
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Rezension zu "Mich hat keiner gefragt" von Ayse

Als Kind Zwangsverheiratet
Ariusvor 10 Monaten

Ayse ist vierzehn Jahre alt, als sie verheiratet wird. Bei ihrem Mann Mustafa in Deutschland erwartet sie jedoch nicht das erhoffte Paradies, sondern die Hölle: Noch vor der Hochzeit vergewaltigt Mustafa sie. Entehrt geht Ayse in eine Ehe, die durch Ausbeutung, Schläge, und sexuelle Gewalt bestimmt ist. Sie bekommt vier Kinder und arbeitet bis zur Erschöpfung, ohne jedoch je selbst einen Cent zu erhalten. Denn Ayses Schwiegermutter behandelt sie wie eine Sklavin. Die grausamen Details ihrer Leidensgeschichte sind erschütternd: Männer halten ihre Frauen gefangen, prügeln und vergewaltigen sie regelmäßig. Erst nach neunzehn Jahren gelingt Ayse endlich die Flucht aus dieser Zwangsehe ...

In einer Ich-Erzählung, mit einer schlichten chronologischen Anordnung der Ereignisse und Dialoge berichtet Ayse über ihr Leben. 

Natürlich bin ich nach der Lektüre erschüttert.

Ist die türkische Kultur eine europäische? Passen die Vorstellungen über Ehe und Familie mit dem zusammen, was die europäische Tradition der Menschenrechte für unveräußerbar hält? Solche Fragen müssen wir uns stellen, angesichts der Tatsache, dass immer noch -- auch in Deutschland -- junge Türkinnen gegen ihren Willen von ihren Eltern zwangsverheiratet werden.

Hier stellt sich jedoch die Frage, ob dies ein rein islamisches Problem ist. Zwangsehen, Kinderehen und arrangierte Ehen finden sich in allen Kulturen. Auch in christlichen. Nur schon, wenn die Eltern dagegen sind, dass ihre Tochter sich in jemanden aus einer anderen Kultur verlieben könnte, wird beabsichtigt oder unbeabsichtigt Druck auf das Mädchen ausgeübt, so dass solch eine unerwünschte Beziehung nicht zustande kommt. Egal was die Betroffenen davon halten, aber solange eine Ehe nicht frei und willentlich von beiden Parteien aus eingegangen wird, solange sich die Brautleute vor der Hochzeit kaum kennen, ist ein glücklicher Ausgang dieser Verbindung in Frage zu stellen. 

Die von den Verwandten arrangierte und erzwungene Heirat ist ein Phänomen, das sich über Jahrhunderte in patriarchalischen Familienstrukturen und autoritären Gesellschaften des Nahen und Fernen Ostens sowie Afrikas herausgebildet hat. Nach Angaben der Frauenrechtsorganisation »Terre des femmes« sind auch Griechinnen, Italienerinnen oder Brasilianerinnen betroffen. In Deutschland stammen die meisten Leidenden aus der Türkei, weil Türken und Kurden die größte Gruppe unter den Einwanderern darstellen.

In Deutschland gilt Zwangsheirat als schwere Nötigung und wird strafrechtlich verfolgt. Doch ist die Ehe erst einmal im Ausland geschlossen, sind die Frauen dem dort geltenden Recht ausgeliefert.

Zwangsehe ist Strategie: Muslimische Familien sind in ihrem Einwanderungsland meist eine Minderheit. Nur durch verwandtschaftliche Bindungen innerhalb ihrer Sippe können sie ihre Basis in der »Fremde« stärken und den Familienbesitz sichern. Gleichzeitig erhalten sich die Eltern durch das Verheiraten der Kinder in die »Heimat« ein Zuhause, das, so glauben sie, sie im Alter auffangen kann.

Die meist minderjährigen Mädchen können in einem Herkunftsland wie der Türkei problemlos blutjung geehelicht werden. Die Eltern wissen: Je jünger die Töchter bei der Hochzeit sind, desto früher wird ihr Lebensunterhalt von ihrem neuen Versorger finanziert. Außerdem haben sie ihre Jungfräulichkeit noch nicht verloren. 

Schlimm, an der ganzen Sache ist, dass Frauen da mitmachen. War in der Türkei Ayses Vater grausam, so war es in Deutschland vor allem die Schwiegermutter, die ihr das Leben zur Hölle gemacht hat. Am meisten erschüttert hat mich jedoch, dass Ayse mit ihrer Tochter dasselbe gemacht hat. Als Birgül sechzehn war, ist Ayse mit ihr in die Türkei gereist, um sie mit einem älteren Mann zu verheiraten. Der Auserwählte war damals zweiundzwanzig. Also nur sechs Jahre älter als die Braut. In den Augen einer sechzehnjährigen war dies jedoch ein gewaltiger Altersunterschied. 

Wir kennen nur Ayse Sicht, die ziemlich stolz darauf war, das Richtige zu tun. Doch nur aus den wenigen Äußerungen Birgüls, die Ayse weitergab, war ersichtlich, dass das Mädchen zu diesem Zeitpunkt nicht heiraten wollte. Doch Ayse hat sich alles schöngeredet, und das Mädchen gegen ihren Willen verheiratet. Und dies nur, damit ihr nicht die Familie ihres Ex-Mannes zuvorkam, die von dieser Hochzeit nichts wusste. Dass sich Birgül aus eigener Kraft zwei Jahre danach aus dieser Ehe befreien konnte, war nur dem Zufall zu verdanken. Glücklich wäre sie mit ihrem Ehemann vermutlich nicht geworden.

So erschütternd solche Texte oft sind - fast immer fehlt es den Abrechnungen an differenzierteren Tönen und dramaturgischem Schliff. In beinahe jedem dieser Bücher sucht man vergeblich nach Passagen kühlerer Argumentation oder gar einer distanzierten Betrachtung der Misere.

Die Autorin hat ihre Geschichte mit Hilfe einer Journalistin geschrieben. Damit wollen sie ihre Leidensgenossinnen erreichen, um ihnen zu zeigen, dass es auch anders geht. Doch werden diese Frauen überhaupt erreicht?

Die meisten der Betroffenen dürfen oder wollen solche Bücher gar nicht in die Hand nehmen. So sind es vor allem deutsche Frauen, die diese Werke lesen. Die Leidensberichte versprechen gruseligen Unterhaltungswert, veredelt durch das Gefühl, am Kampf für die gute Sache teilzunehmen.

Doch ändert sich tatsächlich etwas?

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Cover des Buches Mich hat keiner gefragt (ISBN: 9783442367320)
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Rezension zu "Mich hat keiner gefragt" von Ayse

Spannend
eletroevor einem Jahr

Sehr spannendes, fesselndes und trauriges Buch. Hat mich sehr mitgenommen

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Cover des Buches Mich hat keiner gefragt (ISBN: 9783442367320)
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Rezension zu "Mich hat keiner gefragt" von Ayse

Sitten und Traditionen
Daniela_Leinwebervor 3 Jahren

Für mich persönlich war nicht nur die Geschichte Ayses unvorstellbar, sondern erschütterte mich auch, dass ihr dieses Schicksal in Deutschland, einem Land, das man als zivilisiert beschreiben kann, zuteil wurde.

 

Bestimmt ist es schwer, wenn man sich mit 14 Jahren, völlig ungebildet und damit auch ziemlich hilflos, in einem fremden Land in einer mehr oder weniger fremden Familie wiederfindet, die an einem starren familiären System festhält.

 

Es ist bemerkenswert, dass Ayse diese lange Zeit der Gewalt, der Ausbeutung und des Hasses verkraftet hat, dennoch ist es gleichzeitig schade, dass Ayse sich nicht aus den Traditionen befreien kann, nicht einmal von der Abhängigkeit zu ihrer Familie. Statt mutig gegen das Bild der Frau in ihrer Familie zu kämpfen, macht sie etwas, das für mich unglaublich ist: Sie verheiratet ihre eigene Tochter gegen ihren Willen an einen Mann, den sie kaum kennt. Die Gründe hierfür werden nicht wirklich aufgedeckt, ich denke aber, dass sie es wohl den Männern ihrer Familie „heimzahlen“ wollte und ihre eigene Tochter als Mittel zum Zweck benutzt hat. Für mich hat es den Eindruck hinterlassen, dass Ayse die Traditionen nicht wirklich in Frage stellt. Sie ist zwar traurig und auch bekümmert, aber sie nimmt vieles doch als gegeben hin. Reflexionsfähigkeit scheint nicht eine von Ayses Stärken zu sein.

 

Während sich das Buch zu Beginn noch in vielen Details wiederfindet und sehr genau beschrieben wird, hatte ich den Eindruck, dass es zum Schluss hin notwendig wurde, die Geschichte fertig zu erzählen und zum Schluss zu kommen. Es wirkt etwas gehetzt und abgehackt.

 

Grundsätzlich stelle ich die islamische Gesellschaft in der westlichen Welt in Frage. In diesem Buch wird deutlich, dass viele Immigranten einfach nur aus wirtschaftlichen, genauer gesagt aus finanziellen Gründen, in einem westlichen Land leben, hier insbesondere in Deutschland, dennoch bin ich sicher, dass es auch bei uns in Österreich nicht anders ist. Das Land an sich mit seinen eigenen Traditionen und Kulturen wird hier ziemlich ignoriert. Sie halten ihre eigenen Werte mehr als hoch und denken nicht daran, sich mit den Lebensweisen des „Gastgeberlandes“ auch nur in irgendeiner Form auseinanderzusetzen. Natürlich ist mir bewusst, dass nicht alle Familien so sind, ich kenne einige Muslimen, die den Balanceakt zwischen ihrer Herkunft und der westlichen Welt sehr gut hinbekommen haben. Durch meine Arbeit kenne ich aber leider öfter die andere Seite. Hier wird starr an Traditionen festgehalten, die jedes selbstständige Denken von vornherein ausschließen. Integrationen ist leider für viele ein Fremdwort und das finde ich an sich schon skandalös genug.

 

Alles in allem ist dies wohl kein Einzelschicksal, es reiht sich eher nahtlos in die vielen Bücher dieser Art ein. Dennoch bietet es einen spannenden Eindruck, wie das Leben zwischen zwei Welten und zwischen zwei Kulturen verlaufen kann.

 

Alles in allem habe ich das Buch gerne gelesen, es gab einen guten Einblick in Sitten und Traditionen der muslimischen Welt und das Buch las sich schnell und verständnisreich. Auch wenn ich Ayses Verhalten nach dem Martyrium grundsätzlich nicht verstehe, kann man hier nichts abziehen, für den zerfledderten Schluss allerdings schon, daher 4 von 5 Sternen.

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