Der Comic Cherry Blossoms after Winter (CBAW) erschien ab 2017 in vier Staffeln als Webtoon. Nach einer mehrjährigen Pause setzt die Künstlerin-Autorin Bamwoo die Geschichte seit Februar 2026 fort. Stand heute (September 2026) gilt CBAW als ongoing. Der Comic umfasst mittlerweile mehr als 180 Kapitel. Die siebenbändige deutsche Printausgabe, erschienen zwischen April 2023 und April 2024, enthält demzufolge nur den ersten Teil der Geschichte (Staffeln 1 bis 4). Es gibt Printausgaben in mehreren westlichen Sprachen. Die englische Ausgabe erscheint seit zwei Jahren beim Verlag Inklore. Der Text wurde für die Printausgabe neu übersetzt. Es gibt somit zwei englische Fassungen – Webtoon und Printausgabe. Band 1 umfasst die Kapitel 1 bis 15. Auf eine Kapiteleinteilung und ein Inhaltsverzeichnis hat der Verlag verzichtet. Die Kapiteleinteilung muss man sich als Leser anhand des Webtoons rekonstruieren.
Der erste Band enthält nichts, was mich bannt, fesselt, begeistert. Ich finde den Auftakt ausgesprochen schwach. CBAW fällt ins Genre der „Oberschulromanze“ (High-school romance). Die beiden gleichaltrigen Protagonisten besuchen den Abschlussjahrgang einer koreanischen Oberschule. Und mehr noch: Haebom und Taesung wohnen auch unter einem Dach. Haebom ist Waise; er verlor im Alter von sieben Jahren seine Eltern. Frau Ha, eine Freundin seiner Mutter, nahm ihn bei sich auf. Seitdem sind zwölf Jahre vergangen. Als Kinder waren Haebom und Taesung, Frau Has Sohn, eng befreundet, doch nach Haeboms Einzug verschlechterte sich das Verhältnis der beiden Jungen. Seit vielen Jahren schon herrschen Distanz und Sprachlosigkeit zwischen ihnen. An der Ausgangskonstellation irritiert mich mehrerlei. Es ist unglaubwürdig, dass zwei Jungen, die in einem Haushalt wohnen und aufwachsen, über Jahre hinweg keinen engeren Umgang haben. Da der Band keine Rückblenden enthält, ist momentan unklar, was sich in den zwölf Jahren seit Haeboms Einzug abgespielt hat. Taesung trägt den Familiennamen Jo, seine Mutter hingegen heißt mit Nachnamen Ha – und sie ist eine Miss (S. 4, 6, 26, 32, 35 und öfter). Das heißt, sie ist nicht mit Taesungs Vater verheiratet. Der Vater tritt in diesem Band nicht in Erscheinung; es wird nicht einmal über ihn gesprochen. Frau Ha entschied seinerzeit allein, Haebom bei sich aufzunehmen (S. 6). Vielleicht bringt Band 2 Klarheit in diese seltsame Familiensituation. Ein weiterer befremdlicher Punkt: In der Schule weiß niemand, dass Haebom und Taesung zusammenwohnen (S. 196). Was soll das? Wie kann das sein? Taesung hat, wie sich herausstellt, in der Schule mehrere Freunde (Kap. 2). Haben die Freunde ihn etwa noch nie zu Hause besucht und dabei festgestellt, dass Haebom bei ihm wohnt?
Hauptschauplatz der Handlung in Band 1 ist die Oberschule. Das neue Schuljahr beginnt. Die Klasse ist zum Teil neu zusammengesetzt. Zu seinem Schrecken trifft Haebom seine Mitschüler Joonseung und Sangwon wieder. Sie haben ihm im vergangenen Schuljahr arg zu schaffen gemacht. Die beiden Rüpel fangen sofort wieder an, Haebom zu triezen und zu schikanieren, als Lakaien und Laufburschen einzuspannen. Joonseung und Sangwon sind zwei unausstehliche Lausbuben: Sie pöbeln Mitschüler an, mausen Geld, schütten Schokomilch auf Lehrbücher – und rauchen heimlich hinter der Turnhalle. Auch Taesung ist in der Klasse. Zum ersten Mal überhaupt gehören er und Haebom einer Klasse an. Taesung erlebt nun täglich hautnah mit, wie Haebom von den beiden Schuften gepiesackt wird. Die Vorgänge in der Klasse machen den größten Teil der Handlung in Band 1 aus. Für Leser im Teenager-Alter mag das interessant sein – aber für erwachsene Leser? Das schulische Geschehen lässt deutlich werden, wie verschieden Haebom und Taesung sind. Der schmächtige, zartgliedrige Haebom, schiefergraue Augen und Haare, ist ein Grübler und Sensibelchen, körperlich und mental kaum belastbar. Bereits nach dem ersten Schultag leidet er an „Stress-Kopfschmerz“ (S. 29). Haebom verkörpert den Typus des „hilfe- und schutzbedürftigen Hascherls“. Er besitzt wenig Selbstbewusstsein, ist verzagt, unsicher, schreckhaft, leicht aus der Fassung zu bringen. Von Anfang an ist klar, dass er eine starke männliche Person an seiner Seite braucht, um im Leben bestehen zu können. Der hochgewachsene Taesung, platinfarbenes Haar, hellbraune Augen, ist ganz anders: Ruhig, ausgeglichen, selbstsicher, schlagfertig, unerschütterlich. Alle blicken bewundernd zu ihm auf, Jungs wie Mädchen, weil er attraktiv und ein Musterschüler ist. Haeboms Notlage weckt Taesungs Beschützerinstinkt. Es kommt zu einer zaghaften (Wieder-)Annäherung; zum ersten Mal seit langem wechseln die beiden Burschen ein paar Worte, verbringen Zeit miteinander. Joonseung und Sangwon registrieren das mit Argwohn und Missfallen.
Ich finde den Einstieg in die Geschichte läppisch. Die Protagonisten wecken keine Sympathie bei mir, denn sie wirken klischeehaft, nicht lebensecht. Die Künstlerin-Autorin scheint Geschichte und Figuren nach Ratschlägen aus einem Handbuch für BL-Comics konzipiert zu haben. Haebom begeht seinen 18. Geburtstag (nach traditioneller koreanischer Zählung ist er sogar schon 19, Kap. 5). Für einen Achtzehnjährigen legt er eine erschreckende soziale Unbeholfenheit an den Tag. Auch das Verhalten seiner Peiniger erscheint mir infantil, nicht altersgemäß. Wir haben es hier immerhin mit Zwölftklässlern zu tun, die sich dem Schulabschluss nähern und bald ins Leben hinaustreten werden (Wehrdienst!). Ich bin gespannt, ob die Figuren Haebom und Taesung in den Folgebänden besser ausgearbeitet werden (Sport, Hobbys und Freizeitbeschäftigungen, soziale Kontakte, Pläne für Studium und Beruf). Ich finde den Comic auch auf der künstlerischen Ebene mittelmäßig. Es dominieren die Farben Beige und Hellblau sowie Weiß und Grau (Schuluniformen!). Die übergroße Mehrzahl der Panels zeigt nur Personen und Gesichter. Der Comic ist flach und zweidimensional, besitzt kaum räumliche Tiefe. Räumlichkeiten, sei es im Hause von Frau Ha, sei es in der Schule, werden stark vereinfacht dargestellt, mit einem Minimum an Details. Da das Schuljahr gerade erst angefangen hat, steht zu befürchten, dass sich das Geschehen auch in Band 2 hauptsächlich in der Schule abspielen wird. Keine verlockende Aussicht! Nur drei Sterne.






















