Barbara Demick ist eine amerikanische Journalistin, die viel Erfahrung mit China hat und auch die Sprache in Grundzügen beherrscht. In diesem Buch erzählt sie von den dramatischen Auswirkungen der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik in China und davon, wie die repressive Diktatur in diesem Land nicht nur Frauen bis kurz vor der Geburt zu gewaltsamen Abtreibungen gezwungen und Menschen zwangssterilisiert hat, sondern außerdem auch Familien ihre Kinder gewaltsam entrissen, diese in Waisenhäuser gebracht und nichtsahnenden amerikanischen und europäischen Paaren als vermeintliche von ihren Familien verlassene Waisen zur Adoption angeboten hat.
Dabei geht die Autorin detailliert auf die Hintergründe der Ein-Kind-Politik in China ein und erzählt dann von einem besonders berührenden Schicksal: eine Familie, die nach zwei Mädchen - schon für das zweite davon musste eine hohe Strafe bezahlt werden - weitere zwei Zwillingsmädchen auf die Welt brachte und alles unternahm, um diese vor den Behörden geheim zu halten. Doch das klappte leider nicht auf Dauer und eine der beiden wurde mit knapp zwei Jahren, in einem Alter, in dem das intelligente Mädchen schon gehen und sprechen konnte, von den Behörden gewaltsam der Tante, bei der sie sich gerade aufhielt, entrissen, in ein Waisenheim gebracht und nach einigen Monaten dort an eine sehr gläubige evangelikale amerikanische Familie aus Texas vermittelt, die keine Ahnung hatte, dass dieses Kind nicht freiwillig von den Eltern aufgegeben worden war. Alle Versuche der verzweifelten Eltern, ihr Kind wiederzubekommen, blieben lange erfolglos.
Barbara Demick lernt diese Familie kennen, als die verbleibende Zwillingsschwester neun Jahre alt ist, und sie macht sich an die Arbeit, um die nach Amerika verbrachte Zwillingsschwester aufzuspüren. Sie findet sie, aber erst einmal will die Adoptivfamilie nichts von einem Kontakt wissen, zu groß sind die befürchteten Wunden, die das aufreißen könnte. Doch später finden die Zwillinge wieder zusammen und es passiert eine vorsichtige Annäherung zwischen zwei Mädchen, die sich als eineiige Zwillinge so sehr gleichen, doch keine gemeinsame Sprache haben und in ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen aufgewachsen sind.
Sehr berührend ist dieses Schicksal, an dem uns die Autorin mit zahlreichen Details, Bildern und anschaulich geschilderten Begegnungen teilhaben lässt. Interessant ist auch, wie sie aufzeigt, dass es sich dabei keinesfalls um einen Einzelfall handelte, sondern die gewaltsame Entführung chinesischer Kinder aus ihren Familien durch die staatlichen Behörden und deren Vertreter System hatte und es zahlreiche Betroffene gibt, die bis heute versuchen, mit Hilfe von Selbsthilfeorganisationen und Gentests ihre leiblichen Verwandten wiederzufinden.
China hat erst vor wenigen Jahren die Programme zur Auslandsadoption gestoppt, doch in Bezug auf die Vergangenheit wurde und wird viel vertuscht, gelogen und liegt bis heute im Dunkeln, was es den Betroffenen schwer macht. Nach einer Phase der Hoffnung auf mehr Demokratie und Öffnung in den 2010er Jahren ist es insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie und danach zu großen Rückschritten in den Bereichen Transparenz, Demokratie und Menschenrechte gekommen, was sich auch auf diesen Bereich auswirkt.
Es handelt sich also um ein sehr interessantes, persönlich geschriebenes Sachbuch, das ich jenen, die sich für die Thematik internationale Adoptionen oder Ein-Kind-Politik interessieren, sehr empfehlen kann. Jedenfalls ist es Augen öffnend in Bezug auf Auslandsadoptionen und die mit ihnen oft verbundene ethischen Probleme.









