London, in den 60er Jahren. Die Ich-Erzählerin, die 18-jährige Katherine, ist eine junge Frau aus wenig betuchtem Elternhaus. Sie bewirbt sich für ein Philosophiestudium an der Uni. Ihre verwitwete Mutter hatte sie auf eine „bessere“ Schule geschickt, damit sie sich den „falschen“ Akzent abtrainiert und im engen Korsett des englischen Klassensystems Chancen hat aufzusteigen.
Beim Auswahlgespräch trifft sie auf Professor Jacob Goldman, der sich von den ungeschriebenen Gesetzen der englischen Gesellschaft nicht verbiegen ließ. Jacob verleugnet seine linken Ansichten und seinen Cockney-Akzent nicht und führt mit seiner Familie ein Bohème-Leben auf dem Land. Ihren schnoddrigen, ein klein wenig überheblichen, aber intelligenten und literaturkundigen Antworten, verdankt sie ihre Aufnahme: „Zu meiner rückblickenden Beschämung muss ich gestehen, dass ich [Jacob], unter anderem, erklärte, dass man Wordsworth ‚ein gewisses Talent nicht absprechen könne‘ […] und dass mir der Sex bei D. H. Lawrence nicht gefiele.“
Ihre unbekümmerte Art gefällt ihm. Sie gerät in den Dunstkreis seiner Familie. Es ist eine Umgebung, in der Duncan Grant und Vanessa Bell einst malten und Virginia Woolf zuhause war. Sie befreundet sich mit Jane, der Frau ihres Universitätsprofessors, verbringt in der Familie mit sechs Kindern während ihres Studiums sehr viel Zeit, gewöhnt sich an die derbe Umgangssprache, auch in Bezug auf Sexualität. Es ist das Jahrzehnt der sexuellen Befreiung, im Nachhinein betrachtet allerdings vor allem des männlichen Geschlechts. Katherine verliebt sich unglücklich in den ältesten Sohn der Familie, der sie verlässt, nachdem seine Erziehungsbestrebungen keinen Erfolg gezeigt haben. Sein Missfallen hatte erregt, dass sie zu viel lachte. Außerdem las sie „Vogue, und […] strickte in aller Öffentlichkeit. Es waren diese Schandmale weiblicher Unterdrückung, die Roger zu beseitigen bestrebt war, damit ich mit erhobenem Kopf als seine wackere und gleichberechtigte Weggefährtin durch die Welt gehen könnte.“ Der Sex fühlt sich trotzdem an wie Turnübungen.
Sie wehrt sich nicht gegen den sexistischen Umgang und ist todunglücklich, als er sie verlässt. Möglichst viel Abstand soll das Heilmittel sein. Sie geht nach Rom, arbeitet als Sprachlehrerin, verbringt sechs Jahre unter der chauvinistischen Knute eines offenbar unwiderstehlichen, knapp vierzigjährigen Italo-Faschisten und kehrt nach einem Schicksalsschlag zurück nach England, heim ins vertraute, kuschelige Milieu der Professorsfamilie. Dort findet sie dann auch den nächsten Partner fürs Leben – den zweitältesten Sohn. Der kanzelt sie nicht so ab wie sein älterer Bruder und scheint zumindest leicht feministisch angehaucht zu sein. Es sind schließlich schon die 70er Jahre. Das Stricken hat sie beibehalten. Im alternativen Leben im irischen Cottage soll es zum Lebensunterhalt beitragen: „Wir hatten das vor, was Jacob ‚ein bisschen Bohemeleben mit Mittelstandsrückversicherung‘ nannte.“ Mit Heirat und Baby, sehr traditionell.
Eine warmherzige und flotte Coming-of-Age-Geschichte, der man die Entstehungszeit anmerkt. Barbara Trapidos Roman erschien in England 1982 unter dem Titel „Brother of the More Famous Jack“ (womit W. B. Yeats gemeint ist). Er war ein großer Erfolg.
Für mich ein zwiespältiges Vergnügen. Ich mochte die Atmosphäre des Romans, die Szenerie in Sussex, London und Oxford, die witzigen Dialoge, die literarischen Bezüge und die freche Art der Protagonistin. Die sechs Jahre mit dem vollkommen empathielosen Italiener im Mittelteil des Romans habe ich der sensiblen Protagonistin (und der Autorin) nicht geglaubt. („Michele war ein Mann verminderter Zurechnungsfähigkeit. Das machte für mich einen Teil seines Reizes aus.“) Die teilweise recht zotige, selbstentlarvende Sprache der männlichen Figuren mag der Zeit geschuldet sein. Ein bisschen verstörend ist sie dennoch.











