Barbara Zoeke

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Die Stunde der Spezialisten

Die Stunde der Spezialisten

 (2)
Erschienen am 18.08.2017
Bewegliche Labyrinthe

Bewegliche Labyrinthe

 (1)
Erschienen am 24.01.2014

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Rezension zu "Die Stunde der Spezialisten" von Barbara Zoeke

Von Opfern und Tätern
VolkerKaminskivor 2 Monaten

Das dunkle Kapitel der Euthanasie im Dritten Reich ist in literarischer Form bisher selten aufgegriffen worden. Dass zahlreiche Ärzte, Wissenschaftler und ein williges Personal von Krankenhausangestellten dazu bereit waren, Menschen mit unheilbaren und erblich bedingten Krankheiten, behinderte oder seelisch kranke Menschen als „Schädlinge“ des Volkskörpers zu bezeichnen und allgemein als „unwertes Leben“ im wahrsten Sinne „abzustempeln“ und mit dem Tod zu bestrafen, gehört mit zu den grausamen Tatsachen in Deutschland zur Zeit des Dritten Reichs. Barbara Zoeke, von der zuletzt der Roman „Bewegliche Labyrinthe“ (2013) erschien, behandelt das Thema Euthanasie in ihrem in der Anderen Bibliothek erschienenen Roman „Die Stunde der Spezialisten“ auf eine ebenso fundierte wie stilistisch grandiose und ergreifend zu lesende Weise. Dabei richtet sie den Blick sowohl auf Opfer als auch Täter des tödlichen Vernichtungsapparates und macht reale Persönlichkeiten aus jener Zeit zu Protagonisten ihres Romans.

  Im ersten Teil lernen wir Max Koenig kennen, einen Altertumsforscher, der wegen einer erblich bedingten Muskelkrankheit, die ihn nach und nach am ganzen Körper lähmt, Krankenhauspatient ist. Während seines Martyriums in wechselnden Berliner und Brandenburger Kliniken, in dessen Verlauf sein körperlicher Zustand sich verschlechtert, bis er nicht mehr sprechen kann, schreibt Koenig Briefe an seine Frau, die im Laufe des Romans zusammen mit der Tochter aus Deutschland nach Italien flieht. Zoeke hält sich an die historischen Fakten, die sie genauestens recherchiert hat (ein ausführliches Glossar und Register im Anhang hilft dabei, die Protagonisten des Romans und ihre Beziehungen zueinander zu überblicken und einzuordnen). Doch es ist vor allem ihrem stilistischen Können zu verdanken, dass uns Koenigs Ausgeliefertsein an das grausame System so beklemmend nahe kommt und wir hautnah miterleben, was es heißt, einem mörderischen Apparat nicht mehr zu entkommen.

  Im zweiten Teil steht der junge Arzt Friedel Lerbe im Mittelpunkt, ein typischer Vertreter jener „willigen Helfer“, die ohne Skrupel Menschen in den Tod schicken, die in ihren Augen das Recht auf Leben verwirkt haben. Lerbe trägt unter seinem weißen Kittel immer seine schwarze Uniform der NSDAP. Auch hier vermeidet Zoeke das grobe Besteck und beschreibt Lerbe als durchschnittlichen Angestellten seiner Zunft, als Verlobten und beschränkten Durchschnittsmenschen, der von einer unbeschwerten Zukunft mit einer Schar blonder Enkel träumt und dabei nicht davor zurückscheut, täglich mehrmals den Gashahn in den Kellergeschossen des Krankenhauses aufzudrehen, um die Mördermaschinerie am Laufen zu halten.

  Der Roman ist großartig in seiner nüchternen Differenziertheit, die nirgends umschlägt in plakative Entrüstung und moralische Verurteilung. Statt Anklage gegen die Barbarei verblendeter Ärzte zu erheben, vertraut Zoeke darauf, dass das stille, ruhige Erzählen intensiver und nachhaltiger wirkt als der erhobene Zeigefinger. Dabei scheut sie nicht davor zurück die grausamen Vorgänge en détail zu beschreiben und die Akten und Todeslisten aus jener Zeit zu nutzen. Ein Wort wie "Backgeschwister", das im Zusammenhang der systematischen Vernichtung durch Gas und Feuer Verwendung findet, lässt uns aufhorchen und erschreckt uns durch seine zynische Metaphorik. So kommen wir den Mördern ebenso nahe wie den Ausgelieferten und die Lektüre lässt uns trotz ihrer Düsterkeit und inhaltlicher Schwere bis zur letzten Seite nicht los.

  Es ist offensichtlich, wie viel Recherchearbeit Barabara Zoeke geleistet hat, um sich diesem schwierige Thema künstlerisch zu nähern, aber vor allem ist es eben schwer auszuhalten, dass vor knapp 80 Jahren in Brandenburg, Berlin und vielen anderen Orten in Deutschland und Europa die kalte Mördermaschinerie funktioniert hat, unterstützt von Rassewahn und Führergläubigkeit. Die klare Struktur und einleuchtende Aufteilung ihres Romans gibt uns bei der Lektüre einen sicheren Halt. Aber wir wissen alle, dass es an vielen Orten der Welt immer noch unvorstellbar grausam zugeht und dass oft nicht viel nötig ist, um aus einem Menschen eine seelenlose Bestie zu machen.

Das Buch ist (im illustrierten Schuber) der Anderen Bibliothek erschienen, ästhetisch ansprechend, mit wertvoller Innenausstattung. 

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Rezension zu "Die Stunde der Spezialisten" von Barbara Zoeke

Die Stunde der Spezialisten
Susibellevor einem Jahr

„Die Stunde der Spezialisten“, in Orginalausgabe, nummeriert und limitiert.
Ich liebe die wunderschön gestalteten Bücher der „Anderen Bibliothek“.
Sie bieten die perfekte Verbindung von intellektuellem und visuellem Vergnügen.
Der Inhalt ist allerdings konträr zur Verpackung schrecklich, so schrecklich das ich mir die Frage stelle, kann ein Buch mit derart unfassbarem Inhalt überhaupt lesenswert sein? 
Ja, ich glaube schon, denn diese Literatur ist für die Vergegenwärtigung geschichtlicher Geschehnisse unabdingbar. 
Vor dem Inhalt dieser wunderschönen Ausgabe hatte ich dennoch Angst:
Barbara Zoeke erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven über die sogenannte Rassenhygiene und die Euthanasie in der NS-Zeit, die systematische Ermordung von mehr als 200.000 Kranken, sogenannten "Ballastexistenzen" durch Ärzte, die mit der Ideologie einer Reinigung deutschen Erbguts gerechtfertigt wurde.
Max Koenig ist Professor für Altertumsforschung. Die Diagnose eines ererbten Nervenleidens reißt ihn aus seiner Karriere und fort von seiner italienischen Frau und seiner kleinen Tochter „Püppie“. Er landet in der „Nervenheilanstalt“ von Dr. Lerbe, dem Mediziner mit dem weißen Kittel über der schwarzen SS-Uniform.
Die unbekannte Autorin, eine diplomierte und habilitierte Psychologin, schreibt in einer ganz eigenen atmosphärischen, kunstvollen und poetischen Sprache, die einen überwältigt. Der Protagonist ist ein emphatischer und charmanter Mensch, dem wir so unglaublich nah kommen, dass man ihn so schnell nicht mehr vergessen wird. Die ihm zur Seite stehenden Personen sind zauberhaft und liebenswert.
Ich musste, nachdem ich das Buch beendet habe, erst einmal tief durchatmen und einen Kamillentee trinken. 
Der Roman wurde 2017 mit dem Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau ausgezeichnet und hätte sich meiner Meinung nach durchaus in die Liste der für den Deutschen Buchpreis nominierten Titel einreihen können.

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Rezension zu "Bewegliche Labyrinthe" von Barbara Zoeke

Reise in die Vergangenheit
VolkerKaminskivor 2 Jahren



Die beweglichen Labyrinthe – titelgebend für Barbara Zoekes Roman – sind die verschlungenen Irrwege der eigenen Geschichte, die fernen, längst entschwundenen Orte der Kindheit, nach denen sich ihre beiden Helden gleichwohl auf den Weg machen: Eric, ein 70jähriger Kulturanthropologe aus New York, und Regine aus Frankfurt, bedeutend jünger als er, verabreden sich in Rodengrün, einer (fiktiven) Kleinstadt in Thüringen, um eine Erbschaft anzutreten. Sie besichtigen ein Haus, das ihnen zu gleichen Teilen ein alter Freund vermacht hat, ein Kunsthandwerker und Genießer kubanischer Zigarren. Der Verstorbene pflegte zu beiden Familien freundschaftliche Beziehungen und spielte sowohl für Eric als auch für Regine eine besondere Rolle in ihrem Leben. Doch so reizend das kleine Haus auch ist, ein wahres Schmuckstück im Bauhausstil in der Form eines Hufeisens, für Eric und Regine sind allein die Erinnerungen wichtig, die sich an Haus und Umgebung knüpfen, an den kleinen Ort in der thüringischen Provinz, mit dem sie zentrale Geschehnisse ihrer Familiengeschichten verbinden.
Während ihres kurzen Aufenthaltes ergreifen die Erinnerungen regelrecht Besitz von ihnen und lassen sie die Vergangenheit erneut durchleben. Vor allem Eric, der doch scheinbar in weitem Abstand von seiner Herkunft das gesicherte Leben eines Professors und Vaters zweier erwachsener Söhne führt, erfährt durch die Reise nach Deutschland einen regelrechten „Flashback“. Das Leid, das seine russischstämmige Familie durch Emigration und Vertreibung zuerst aus dem bolschewistischen Russland, dann durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg erfahren hat, wird durch das Schicksal Regines ergänzt, das ebenfalls recht dramatisch verlief: Sie wurde als fünfzehnjähriges Mädchen von ihrer Mutter aus dem Ostteil Deutschlands in den Westen gebracht, nur wenige Monate vor dem Mauerbau, was einen tiefen Einschnitt in ihrer Biografie hinterlassen hat.
  Es sind faszinierende Erinnerungswege, auf denen die zwei so unterschiedlichen Menschen bei ihrer „Sentimental Journey“ gemeinsam wandeln. Mit großer erzählerischer Raffinesse verschafft uns Barbara Zoeke unerwartete Einblicke in die bizarren Lebensläufe jener Emigranten und Entwurzelten, die von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts getroffen wurden. Der Autorin gelingen überzeugende Charakterzeichnungen: der eigensinnige, leicht knurrige und spürbar verletzte Eric tritt uns ebenso klar vor Augen wie die attraktive, etwas geheimnisvolle Regine. Man ist als Leser nicht einmal besonders verwundert darüber, dass sich zwischen den zwei altersmäßig getrennten Menschen eine Liebesbeziehung entspinnt, während sie durch die grünen Landschaften ihrer Kindheit flanieren und in sämtlichen verrauchten Kneipen der kleinen Stadt Station machen, um unermüdlich das Mosaik ihrer Erinnerungen zusammenzusetzen.
Geschickt werden fehlende Teile aus der Geschichte der zwei Erinnerungssucher in Form von aufgefundenen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen in den Roman eingestreut. Eine kluge Entscheidung der Autorin war es, dass sie sich nicht auf die Vergangenheit beschränkt, sondern auch aus Erics amerikanischer Gegenwart erzählt. Dessen Erlebnisse mit seinem besten Freund Henry und seiner getrennt von ihm lebenden Frau Ett, einer Kunstmalerin, sind nicht weniger spannend und schließen den Bogen des Romans. So ist es kein Zufall, dass es die Bilder Etts sind, in denen das Labyrinthische Programm zu sein scheint. Vor einem ihrer „gnadenlosen Bilder“ steht Eric rätselnd und etwas ehrfurchtsvoll, ehe er sich auf seine Odyssee in die Vergangenheit macht.
  Ein Roman voll plastischer, ergreifender Lebensbilder, der trotz seines bescheidenen Umfangs von 200 Seiten erstaunlich große Zeiträume zwischen der Epoche vor dem Zweiten Weltkrieg bis ins Jahr 1992 umfasst.

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