Barbi Markovic schreibt also ein Buch übers Schreiben? Als ich davon erfuhr, war mein spontaner Gedanke: Wer könnte für solch ein Unterfangen WENIGER qualifiziert sein als ausgerechnet sie? Mit bemerkenswerter Konsequenz unterstreicht jedes ihrer Bücher von neuem ihre Talentlosigkeit als Autorin. »Deine Romane wirkten wie Skizzen für echte Romane. Du hast kein Wissen über irgendwas. Dein Talent ist dubios, armselig, du hast keine Begabung, hör auf, dich selbst anzulügen Tag für Tag. Du weißt: Die «Superheldinnen» sind nicht so gut. Und werden immer nicht so gut bleiben. «Ausgehen» ist abgeschrieben. «Die verschissene Zeit» vulgär. «Minihorror» eine Anbiederung.« So Frau Markovic selbst zu Beginn dieses Buches. Dem könnte ich noch einiges hinzufügen, aber wozu …
Gleichzeitig ist nicht zu leugnen, dass Markovic offenbar vom Schreiben leben kann, dass sie inzwischen mehr Preise bekommen hat, als Bücher auf dem Markt sind.
Wie kann das sein?
Einerseits dürfte sich hier der Clemens-J.-Setz-Effekt bemerkbar machen, der bewirkt, dass viele Leser+innen (und insbesondere Kritiker+innen) für Stilwillen halten, was in Wirklichkeit Unvermögen ist. Aber das kann kaum die ganze Antwort sein. Auf der Suche nach Erklärungen für jenen (scheinbaren?) Widerspruch habe ich mir also »Stehlen, Schimpfen, Spielen« besorgt und durchgelesen; glücklicherweise ist das Buch ja (wie alle Werke der Autorin) eher schmal. Und tatsächlich lohnte sich die Lektüre – wenn auch kaum auf die intendierte Weise.
Meine erste, durchaus überraschende Erkenntnis: Aufgrund der Schwächen ihrer Bücher hätte ich Barbi Markovic für eine (vorsichtig ausgedrückt) mäßig intelligente Person gehalten. Falsch! Sie ist vielleicht kein Genie, aber nicht unklug – insbesondere, was die Planung ihrer Karriere als Schriftstellerin betrifft. Denn Autor+in zu sein, das ›passiert‹ einem genau wenig, wie man Papst wird. (Vielleicht keine sonderlich naheliegende, aber zeitlich sich aufdrängende Parallele.) Und der erste Schritt war womöglich gleich der wichtigste: »Ja, ich arbeitete mit 21 in einem Verlag.« Damit war sie schon reingekommen, »durch gläserne Decken hindurch, in die Literaturszene, wo man dann drinnen ist und schreibt und veröffentlicht.«
Der nächste Schritt: Anknüpfen an einen bereits ausreichend prominenten Namen der Literaturszene – in ihrem Fall Thomas Bernhard, dessen »Gehen« in Markovics »Ausgehen« sozusagen variiert wurde.
Weiter wichtig: Kontakte knüpfen und pflegen, naturgemäß eben v.a. in der Literaturszene. »Jemand musste mir empfehlen, mich für das Stadtschreiberstipendium in Granz zu bewerben, um mich dort meiner Kunstidee zu widmen.« Der Rest ist, großspurig formuliert, (Literatur-)Geschichte. Und so wird sie schließlich sogar gebeten, die nach Stefan Zweig benannte Poetik-Vorlesung an der Uni Salzburg zu halten, so wie vorher immerhin Autor+innen wie Ilija Trojanow, Terézia Mora, Maja Haderlap, Doron Rabinovici, Anna Kim und andere. Schlägt man im Internet nach, so findet man rasch, dass ALLE bisherigen Poetik-Vorlesungen als Buch-Reihe bei Sonderzahl erschienen sind – außer der von Barbi Markovic. Eine verbrämte Erklärung dafür findet sich am Anfang von »Stehlen, Schimpfen, Spielen«: »Eine frühe Fassung dieses Texts wurde im Mai 2024 als Stefan Zweig Poetikvorlesung an der Paris Lodron Universität Salzburg gehalten.« Das bringt mich zu meiner ersten Regel, die ich für mich aus Markovics Buch gewonnen habe:
Regel 1: Vermeide Prokrastinieren!
Im ersten Kapitel berichtet die Autorin, wie zwei Jahre Vorbereitungszeit ruckzuck zu zwei Wochen zusammenschnurrten. Dann erst macht sie sich an die Arbeit, und das Ergebnis ist dementsprechend: »Es entstehen unfassbar schlechte Sätze, aber ich muss alle nehmen, sonst geht sich das nicht mehr aus.«
Und so geschieht es! Klar, dass bei solch kurzer Frist kein sauber durchgearbeiteter Text mehr möglich ist. Zusätzlich schindet sie Platz und Zeit, indem teils seitenlang zitiert wird – zumeist aus den eigenen Büchern. Das bringt die Autorin zum nächsten Kapitel – Stehlen.
Regel 2: Niemals stehlen!
Man hört oft das Zitat (?), dass kleine Künstler leihen, große Künstler aber stehlen. Nun, korrekterweise geht die Aussage wohl auf W. H. Davenport Adams zurück, der sagte: »Great poets imitate and improve, whereas small ones steal and spoil.« Nun mag es ein fließender Übergang sein vom Imitieren zum Stehlen. Interessant freilich ist Markovics Bericht von der Entstehung ihres Thomas-Bernhard-Remix »Ausgehen«: denn dass sie erst wegen des Copyrights beim Verlag (Suhrkamp?) nachfragt, deutet auf ein gewisses Unrechtsbewusstsein hin – und ebenso die Antwort des Verlages: »500 Exemplare, keine weiteren Auflagen, keine Übersetzungen, und die Autorin soll sich in Zukunft von solchen Projekten fernhalten.«
Dass es anders kam, ist wiederum eine andere Geschichte, was (auf Umwegen) zum Thema Schimpfen führt. Auch hier trat Markovic gewissermaßen in Bernhards Fußstapfen; der war ein großer Schimpfer, und um sich vor seinen Invektiven zu schützen, wurde ihm manche Eigenmächtigkeit nachgesehen. Markovic hat eigene Gründe für ihr Schimpfen: »In der Literatur aber lebe ich alles Verbotene aus.« Ob das eine gute Grundlage für Literatur ist … Es mag für Autor+innen befriedigend sein, auf dem Papier sich verbal (und ev. auch physisch) auszutoben. Ob es für Leser+innen ebenso befriedigend ist, bezweifle ich. Daher meine nächste Regel:
Regel 3: Mit kühlem Kopf schreiben!
Eine Sache, die mir bei den Markovic-Büchern besonders befremdet hat, sind die flachen Figuren, die ich kaum Charaktere nennen möchte. Umso überraschender fand ich, dass ein Großteil der Romanfiguren in Markovics Büchern nach Angaben der Autorin auf realen Personen basieren. Sie führt das anhand einer Figur aus »Superheldinnen« aus, die auf ihrer Freundin und Übersetzerin Mascha basiere: »Wenn ich diese Stelle lese, lachen sich Menschen, die Mascha kennen, tot. Mascha ist immer zu spät, aber sie macht so viel.« Erhellend, wenn auch wohl anders als gewollt! Für Leser+innen, die Mascha NICHT kennen (und das sind naturgemäß fast alle), bleibt von der geschilderten Figur nur eine Ansammlung von Macken und Manierismen zurück. Der Rest der Persönlichkeit von Mascha schwingt bei deren Bekanntenkreis beim Lesen offenbar mit, wurde aber von der Autorin nicht zu Papier gebracht und erschließt sich somit für den Rest der Leserschaft auch nicht. Daher:
Regel 4: Niemals reale Personen direkt in literarische Figuren umsetzen!
Wie man Figuren auf gelungene Weise beschreibt, kann man etwa in Mithu Sanyals neuem Roman »Anti-Christie« studieren. Hier hat man es wirklich mit Charakteren zu tun!
Regel 5: Spielen – aber richtig!
Auf das Kapitel »Stehlen« kommt Markovic erst zwei Tage vor Toresschluss zu sprechen. Offenbar läuft ihr dann endgültig die Zeit davon, denn sie füllt viele Seiten durch Beschreibung von Walkthroughs, einem Begriff aus der Gamer-Szene. So was mag für Youtube & Co. ergiebig sein, aber sicher nicht für Literatur; da spare ich mir weitere Kommentare.
Der spielerische Umgang mit Regeln kann sicher literarisch fruchtbar und ergiebig sein. Das begann schon im alten Griechenland, wo die ersten Dramatiker ihre (noch junge) Gattung erweiterten, indem sie die Regeln ihrer Vorgänger brachen: Aischylos führte einen zweiten Darsteller ein, Sophokles einen dritten … Wie man literarische Regeln biegen, brechen und zugleich benutzen und damit einen tollen Roman ›zimmern‹ kann, kann man wiederum bei Mithu Sanyal in »Identitti« studieren; im deutschen Sprachraum etwa noch bei Wolf Haas; im Englischen ist (aus meiner Sicht) George Saunders der Spiel-Meister. Diese drei haben in jedes ihrer Bücher sicher mehr Arbeit investiert als Frau Markovic in ihr bisheriges Gesamtwerk. Daher:
Regel 6: Sei fleißig!
Diese Regel knüpft direkt bei Regel 1 an, sollte aber nicht missverstanden werden: Natürlich zeugt es von Disziplin, wenn man sich wie Thomas Mann (angeblich) täglich von 9 bis 12 an den Schreibtisch setzt, um zu schreiben. Das bringt die Gefahr mit sich, dass man halt ins Schwatzen verfällt, wenn einem gerade nichts Besseres einfällt; dementsprechend geschwätzig sind die Mann-Wälzer. Aber ein gewisses Maß an Fleiß ist sicher vonnöten, und hoffentlich haben das auch die Student+innen erkannt, die Markovics Poetik-Vorlesung lauschen konnten (oder mussten). Denn zu einem taugt die Autorin allemal: Als abschreckendes Beispiel.