Hier treffen sich fünf Flüsse

von Barney Norris 
3,6 Sterne bei17 Bewertungen
Hier treffen sich fünf Flüsse
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (9):
tina317852s avatar

5 Leben die eigentlich nichts miteinander gemein haben treffen aufeinander...bewegend, düster, realistisch

Kritisch (3):
sursulapitschis avatar

Eine Ansammlung von sehr bemühten Dramen. Das macht auch ein schöner Schreibstil nicht erträglich.

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Inhaltsangabe zu "Hier treffen sich fünf Flüsse"

In Salisbury, einer Kleinstadt südwestlich von London, in der sich fünf Flüsse kreuzen, kommt es zu einem Autounfall. Ein Mann fährt eine Frau auf einem Motorrad an – und drei Menschen sehen zu. Fünf Schicksale kollidieren.
Diese fünf Personen erzählen: von dem Unglück, ihrer Stadt und den Kämpfen, die sie mit dem Leben ausfechten müssen. Eine Floristin, ein Schuljunge, ein verwitweter Farmer, die Frau eines Offiziers im Afghanistan-Einsatz, ein Nachtwächter – sie alle sind Einsame wie Suchende, die sich angesichts des Unfalls ihren eigenen, ganz privaten Katastrophen stellen müssen.
Der junge Brite Barney Norris schafft Figuren, die einem mit ihrer Trauer und ihren Ängsten außergewöhnlich nahe kommen. Die Dramen des Alltags überführt er in einen dichten, sprachmächtigen Roman. Dieser besondere und hochintelligent komponierte Text wirkt lange nach und ist bei aller Emotionalität nie pathetisch. ›Hier treffen sich fünf Flüsse‹ zeigt, dass Barney Norris zu den wichtigsten Stimmen seiner Generation zählt.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783832164485
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:320 Seiten
Verlag:DuMont Buchverlag
Erscheinungsdatum:16.04.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Queenelyzas avatar
    Queenelyzavor 10 Monaten
    Wie die Flüsse, so die Menschen

    "Ich würde ihm raten, so zu lieben, als bekomme er womöglich nie wieder die Möglichkeit dazu. Denn es vergehe kein Tag, an dem es nicht möglich sei, dass die Person, die man am meisten liebt auf der Welt, stirbt." (S. 147)

    Normalerweise beginnen meine Rezensionen nicht mit Buchzitaten, aber hier ging es einfach nicht anders. Dieses Buch beschreibt ganz normale Leben und hat vielleicht genau deswegen für jede Gelegenheit  und Stimmungslage das passende Zitat. Ach was, nicht nur eines. Hätte ich mir alles notiert, was mich an diesem Buch berührt hat, hätte ich die Hälfte davon abschreiben müssen. 

    Dabei ist die Geschichte völlig unspektakulär. In Salisbury passiert ein Autounfall, bei dem fünf Personen anwesend sind. Zwei davon sind direkt darin verwickelt, die anderen sind Beobachter des Ereignisses. Und irgendwie sind sie - genau wie die Flüsse Wylye, Ebble, Nadder, Bourne und Avon, die ineinander fließen - durch den Unfall miteinander verbunden. Dabei ist dieses Buch anders als Bücher, die sonst anhand eines Ereignisses aufzeigen, wie Personen miteinander zusammenhängen. Es ist leise, behutsam, und es geht viel mehr um das Schicksal der einzelnen Personen, als um das große "Aha, so war das also" am Schluss.

    Wir lesen von Rita, der einsamen Floristin, dies ich abends als Dealerin etwas dazu verdient. Wir begegnen einem Teenager, der zum ersten Mal verliebt ist - während sein Vater im Sterben liegt. George Street ist gerade zum Witwer geworden und weiß noch gar nicht, wie er je mit dem Verlust leben soll. Vierte im Bunde ist eine Frau, deren Mann auf Afghanistan im Einsatz ist und die so gar nicht mit ihrem Leben zurecht kommt. Und zum Schluss ein Nachtwächter, bei dessen Geschichte die Fäden dann zusammenlaufen. Er schließt sozusagen den Kreis von den fünf Personen zu den fünf Flüssen, von denen zu Beginn erzählt wird.

    Das Buch ist Großbritannien pur, denn während jede Person von ihrem Schicksal und ihrem Leben erzählt, erleben wir, wie es in der Gesellschaft Großbritanniens aussieht, wenn man nicht reich und schön ist und dann auch noch aus diversen anderen Gründen nur eingeschränkte Chancen hat, sich zu verwirklichen. Dabei tut das Buch trotz seiner leisen, behutsamen Erzählweise - oder gerade deswegen? - oft weh. Denn die Gefühle und Erkenntnisse, die die Protagonisten erleben und erfahren, sind lebensnah und authentisch. Liebe, Verlust, Trauer,  - all das veranschaulicht durch wunderbare Zitate wie das, das ich für den Beginn dieser Rezension ausgewählt habe. Ich habe so manches Mal in einen Spiegel gesehen, über Dinge gelesen, über die ich selber oft eher nicht nachdenken mag und die nun doch in meinem Kopf rumschwirren.

    Wer weiß, vielleicht geht es meinen Nachbarn, die ja auch irgendwie mit mir verbunden sind, ähnlich? Was weiß ich denn schon von den Menschen, mit denen ich Tür an Tür lebe? Von ihrem Sorgen, ihren Nöten, ihren Ängsten? Oft vergisst man doch im eigenen "Elend", dass auch andere Menschen mit ihren Problemen zurechtkommen müssen. Da rückt dieses Buch das Denken doch ganz gut wieder zurecht - mit mir hat es jedenfalls etwas gemacht. Mich zum Denken gebracht, zum Schmunzeln, ich hatte manchmal einen Kloß im Hals und manchmal war ich entsetzt - aber genau so muss gute Literatur für mich aussehen. Und man muss es erst einmal schaffen, unspektakuläre Geschichten so ergreifend zu erzählen wie Barney Norris. Ich ziehe meinen Hut.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr
    Barney Norris | HIER TREFFEN SICH FÜNF FLÜSSE

    INHALT: Im beschaulichen Salisbury, einer Kleinstadt im Süden Englands, fließen fünf Flüsse ineinander, und es sind die Schicksale fünf unterschiedlicher Menschen, deren Wege sich eines Abends in Salisbury kreuzen. Rita, die alternde Blumenhändlerin, deren Leben in Scherben liegt; der junge Sam, der in einem Gefühlschaos lebt, weil er zum ersten Mal die Liebe entdeckt während sein Vater im Sterben liegt; George, der Bauer, der gerade seine Frau verloren hat; Alison, die als Theaterschauspielerin Erfolge feiert, während sie an ihrer Einsamkeit fast vergeht; und Liam, der Nachtwächter, der nach irgendeinem Sinn in seinem Leben sucht.

    Diese fünf Menschen kennen sich – gemäß den Regeln der Kleinstadt – nur entfernt, werden aber, als George Rita bei einem Unfall überfährt und die anderen drei Zeugen werden, zu einer Gemeinschaft, bei der jeder an einem Punkt steht an dem sein Leben eine Wendung nehmen kann.

    FORM: Barney Norris (*1987) hat einen klug komponierten Episodenroman vorgelegt, in dem er sich für jede Figur ein Kapitel Zeit nimmt. Alle Protagonisten sind Ich-Erzähler, die Erzählweisen jedoch wechseln – während Sam seine innersten Wünsche und Ängste in Märchen und Fabeln ausdrückt, springt George zwischen Lebensbeichte und Polizeiverhör hin und her; bei Alison sind es dagegen Tagebucheinträge, denen wir als Leser folgen. So weit, so gut – ich mag Romane mit verflochtenen Geschichten und tragfesten Fundamenten, aber…

    So clever die Konstruktion hier auch sein mag, das schriftstellerische Können Norris‘ konnte mich nicht überzeugen. Der ganze Roman ist einfach zu gleichbleibend, es fehlen die unterschiedlichen Töne. Die fünf Charaktere kommen aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft, aber der Teenie Sam spricht genauso blasiert und geschwollen wie Theaterdiva Alison oder Treckerfahrer George vom Land. Da bleibt die Authentizität leider etwas auf der Strecke. Die einzige, die aus der Reihe fällt, ist Rita gleich zu Beginn, die – wohl aufgrund ihrer Vergangenheit – einen etwas rauheren Ton an den Tag legt. Ansonsten sind die Sätze oft verkrampft lang und manchmal auffällig holprig, was vielleicht auch an der Übersetzung liegt. Hier eines von vielen Beispielen, die mir wirklich unangenehm aufgefallen sind:

    Ich erinnere mich, dass, als ich Valerie das erste Mal mitnahm, um sie meinen Eltern vorzustellen, sie, als ich sie abholte, meinte, sie sei derart nervös, am liebsten wäre sie krank. (Seite 180)

    Um mal bei den Flüssen zu bleiben: Das fließt einfach nicht.

    Auch die ewig auf einem hohen Level gehaltene Melancholie wurde mir irgendwann zuviel. Alle klagen und jammern und quälen sich durch die über 300 Seiten, und obwohl ich mich auch gerne mal anrühren lasse, war mir das dann doch zu dauerhaft und vor allem zu gewollt tragisch.

    FAZIT: Bis zu einem gewissen Punkt hat mich der Roman mitgenommen – ich war erfreut über die Idee und gespannt auf die Umsetzung. Der Genickbruch kam spätestens bei Alisons schwafeligem Tagebuch, ab da an war ich raus.

    Gut konstruiert mit schmerzhaften Abzügen in der B-Note – Schade. Drei Sterne.

    *** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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    leserattebremens avatar
    leserattebremenvor einem Jahr
    Sehr bewegend und nachdenklich

    Ein Verkehrsunfall in der kleinen Stadt Salisbury in England verbindet die Leben von fünf Menschen miteinander. Sie sind alle völlig verschieden und haben unterschiedliche Leben, Träume und Vorstellungen und obwohl sie sich dessen selbst gar nicht bewusst sind, sind sie verbunden durch diesen Moment, in dem der Autofahrer den Motoroller trifft und die Fahrerin schwer verletzt wird. Fünf Flüsse kreuzen sich in Salisbury wie die Leben dieser fünf Menschen, in einem zentralen Punkt, bevor sie wieder auseinanderdriften, ohne die anderen wirklich zu bemerken.
    Barney Norris hat ein wunderbares und feinsinniges Buch geschrieben über die Zufälligkeiten des Lebens und unbewusste Verbindungen zwischen den Menschen, die man selber nicht wahrnimmt, mit denen man dennoch untrennbar verbunden ist. Ein winziger Moment, nur wenige Sekunden, verändern ihr Leben, mal mehr und mal weniger, doch auf jeden Fall haben sie Einfluss. Rund um diese Sekunden drehen sich die fünf Geschichten, die ansonsten völlig für sich alleine stehen und Ausschnitte aus dem Leben der Personen schildern, die sehr eingehend beschrieben sind und einem unweigerlich nahegehen. Norris erzählt mit einem großartigen Blick für Momente und Gefühle und die Geschichten sind kleine, einzelne Erzählungen die einen nicht wieder loslassen. Als Ganzes schafft er so ein großartiges Buch, das einen bewegt und gleichzeitig sehr nachdenklich stimmt.
    Mich hat Barney Norris Roman „Hier treffen sich fünf Flüsse” begeistert, sowohl die Struktur als auch den durchdachten Einsatz von Sprache und Form fand ich großartig. Dieser Roman hebt sich positiv von vielen anderen Büchern ab und bleibt einfach in Erinnerung. Genauso wie die fünf Personen, die man dort kennen gelernt hat. 

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    raven1711s avatar
    raven1711vor einem Jahr
    Einfühlsam und bewegend

    Klappentext:
    Eine Floristin, die nebenbei ein bisschen dealt, ein Junge, der sich das erste Mal verliebt, während sein Vater im Sterben liegt, ein verwitweter Farmer, eine Laienschauspielerin und ein Nachtwächter: fünf Menschen, deren Schicksale kollidieren, als es in Salisbury, einer Kleinstadt südwestlich von London, zu einem Autounfall kommt. Angesichts dieses Ereignisses stellen sie sich den großen und kleinen Tragödien ihres Lebens. Barney Norris versammelt hier Figuren, die einem mit ihrer Trauer und ihren Ängsten gefährlich nahe kommen, und verwebt ihre Stimmen zu einem bewegenden Roman, der lange nachwirkt.
    Meinung:
    Episodengeschichten faszinieren mich. Man lernt unterschiedliche Menschen und Leben kennen, die durch unterschiedlichste Ereignisse und Konstelationen miteinander verknüpft sind, was sich dem Leser nach und nach entfaltet. Hier sind es 5 Menschen, die jeder für sich unterschiedlich sind und auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Da wäre Rita, die Floristin, die ein unstetes Leben geführt hat und nebenbei dealt. Da ist der 15-jährige Sam, der sich zum ersten Mal verliebt, gerade als sein Vater schwer erkrankt. Da trauert der alte Landwirt um den Verlust seiner Frau und die Soldatengattin verliert sich in ihrer Einsamkeit. Und da ist der Nachtwächter, der an den Ort seiner Kindheit zurück gekehrt ist, um zu sehen, ob das Leben hier noch etwas für ihn bereit hält. All diese Figuren verbindet ein tragischer Unfall, dessen Hintergründe sich nach und nach aufklären.
    Ich muss zugeben, die ersten paar Seiten waren ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn man darf als Leser direkt die Floristin Rita kennen lernen. Da Rita in der Ich-Perspektive erzählt und einen sehr verrohten Wortschatz hat, fühlte ich mich erst etwas überrumpelt. Doch schnell entfaltete sich eine Faszination für Rita und ihre Geschichte. Und der Roman nahm mich mehr und mehr in seinen Bann. Denn nicht nur Ritas Geschichte berührte mich, auch die Geschichten der anderen Protagonisten gingen mir Nahe. Einzig der Nachtwächter Liam konnte mich nicht ganz so packen, hat er doch nicht ganz so viel zu erzählen und darf den Abschluss des Romans einläuten. Hier hat man dann leider ein wenig den Eindruck, dass der Autor versucht hat, möglichst alle offenen Fragen auf möglichst wenigen Seiten zu beantworten. So bekommt das Ende des Romans leider etwas Gehetztes und wirkt dadurch nicht mehr ganz so rund, wie die ersten 300 Seiten dieses Werks.
    Trotzdem hat mir dieser Roman mit seiner Vielzahl an Themen, wie Verlust, Trauer und Angst, sowie der berührende und fesselnde Schreibstil, übersetzt von Johann Christoph Maass, sehr gut gefallen. Barney Norris zeichnet ein schönes Bild über die Stadt Salisbury, seine Figuren und Szenen. Die einzelnen Schicksale sind schön und gekonnt miteinander verknüpft, so das gerade das Zusammensetzen der einzelnen Ereignisse und Schicksale mit dafür sorgt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte.

    Fazit:
    Hier treffen sich fünf Flüsse wäre fast zu einem Lesehighlight für mich geworden, wäre das Ende und vor allem der letzte Protagonist etwas anders ausgearbeitet gewesen. Doch nichtsdestotrotz hat das Buch eine tolle, einfühlsame Geschichte mit Charakteren, die mich tief bewegt haben.
    Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten.
    Vielen Dank an den DuMont Buchverlag für das Rezensionsexemplar.  

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    Nespavanjes avatar
    Nespavanjevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein komplexer Debütroman - der mit mal weniger mal besser gezeichneten Protagonisten glänzt. Gute Struktur und komplex!
    Fünf Flüsse - Fünf Geschichten

    In diesen Roman gibt es fünf Erzähler - eine einsame Blumenhändlerin, einen Schuljungen, einen Landwirt und einen Wachmann - allesamt haben sie etwas gemeinsam - dass Leben quält sie und alle sind auf der Suche, dass Beste aus ihrer Situation zu machen. Und alle kreuzen sich durch einen Verkehrsunfall in Salisbury.


    Mir hat dieser solide und anspruchsvolle Debütroman - trotz seiner Längen gut gefallen. Die komplexe Geschichte wird durch die nicht gewöhnliche Struktur gut unterstrichen. Einen sehr ähnlichen Aufbau - und etwas ausgereifter in der Erzählung war Alain Claude Sulzers Roman - Aus den Fugen. Hier enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten, denn Inhaltlich gehen beide sehr konträre Wege. Bei dem Einen dreht sich alles um einen Verkehrsunfall und beim Anderen um einen Pianisten der seine Karriere aufgibt. Die Protagonisten sind unterschiedlich gut gezeichnet - manche scheinen realistischer zu sein und manche eben nicht. In diesem bunten Reigen hat mir Rita, die drogenverkaufende Floristin, am besten gefallen. Sam, der Schuljunge, hatte auch seine Reize wobei er mir ein bisschen zu altklug daher gekommen ist - wahrscheinlich lag es daran, dass sich Barney Norris selbst in diese Figur gezeichnet hat. In einer Literatursendung wurde nun dem frischgebackenen Autor und überaus erfolgreichem Dramatiker - selbst Claus Peymann hat, als er in jener zu Gast war gemeint, dass er nach der Lektüre sofort mit dem Autor telefoniert hat und nun ein Stück von ihm sehen möchte, vorgeworfen mit Lebensweisheiten à la Paulo-Coelho-Kitsch umsich zuwerfen. Das ist von konstruktiver Kritik sehr weit entfernt und diese diskreditierenden Aussagen, disqualifizieren den Kritiker als eifersüchtigen Möchtegernschreiberling. Hoffentlich bleibt - Hier kreuzen sich fünf Flüsse - nicht der einzige Ausflug des Autors in das Land der Literatur. Kreativ genug wäre er.

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    Bris avatar
    Brivor einem Jahr
    Kurzmeinung: Beeindruckendes Debüt, mit leichter Schwäche, die wegen der großartigen Sprache und deren Wandlungsfähigkeit zu vernachlässigen ist. LESEN!
    Dem Gesang des Lebens lauschen

    Salisbury - oder auch New Sarum - entwickelte sich als Stadt rund um einen Kathedralenbau, wie es klassischer nicht sein könnte. Schon Ken Follett hat dieses Beispiel in seinem Mega-Bestseller Die Säulen der Erde verarbeitet. Doch dort, wo die Kathedrale heute steht, stand sie nicht immer. Nachdem der erste Bau einer Kathedrale in Old Sarum abgebrannt war, baute man das Gotteshaus zwar zunächst an derselben Stelle wieder auf, doch da Old Sarum ursprünglich eine Garnison war und somit zwangsweise viel Militär beherbergte, das sich nicht optimal mit dem Klerus verstand, suchte der Bischof einen neuen Standort. Und so wurde die Kathedrale versetzt. Wie der neue Standort tatsächlich gefunden wurde ist nicht verbrieft. Doch Geschichten sind es, die uns Menschen fast genauso lebenswichtig erscheinen, wie die Luft zum Atmen. Und so bildete sich um diese Leerstelle die Legende des Bischofs, der mit Pfeil und Bogen den neuen Standort seiner Kathedrale bestimmen wollte.

    "Er war natürlich von der gleichen Großspurigkeit befallen, welche die meisten Männer lähmt. Als er den Pfeil abschoss, schob sich wie ihn daran zu erinnern, dass nicht er über die Welt zu einen Füssen zu bestimmen habe, nie hatte und auch nie haben werde, ein weißer Hirsch zwischen Pfeilspitze und Boden, und der Bischof beobachtete, vielleicht geknickt, sicherlich aber gebannt, wie der Pfeil in dessen Lende eindrang. Das entsetzte Tier lief noch fast fünf Kilometer weiter, bevor es mitten in einer Talaue verendete, südlich von Old Sarum, dort, wo jene fünf Flüsse sich trafen.
    Nirgendwo wäre das Bauen beschwerlicher gewesen."


    Die Stelle an der der Hirsch starb und somit der Pfeil den neuen Standort markierte, hätte ungünstiger nicht sein können, wollte man dort ein großes Gebäude errichten. Zumal die Kathedrale den mit 123 Meter höchsten Kirchturm Englands bekommen sollte. Aber wenn Menschen sich etwas in den Kopf gesetzt haben, lassen sie sich häufig durch nichts mehr von ihrem Vorhaben abbringen. Und so steht die Kathedrale von Salisbury heute dort, wo fünf Flüsse zu einem werden.

    "Die Kathedrale von Salisbury ist das schönste Gebäude, das ich kenne. Damit meine ich gar nicht so sehr ihr Aussehen. Gebäude sind nicht aufgrund ihrer Formgebung oder Strukturen schön, der Ziegel oder Steine, aus denen sie bestehen. Wodurch sie bestechen, das sind die Ideen, die Träume und Sehnsüchte, die sie einschließen."

    In ihrem Schatten ereignet sich ein Unfall, der zwei Menschen ganz direkt, drei weitere nur insofern betrifft, dass sie dem Ereignis beiwohnen. Diese fünf Menschen lernen wir in Barney Norris Debutroman Hier treffen sich fünf Flüsse näher kennen und nach und nach wird klar, dass dieses Aufeinandertreffen der fünf Lebensflüsse nicht das erste ist ...

    Barney Norris ist ein Meister der Konzeption. Wie die Kathedrale von Old Sarum in New Sarum neu aufgebaut wurde, so erstellt Norris ein Gedankengebäude, dessen Zentrum die Idee der Verbundenheit darstellt. Die Idee setzt er um, indem er uns Leser die Punkte, an denen sich die fünf Beteiligten bereits trafen, früher erkennen lässt, als es die Protagonisten selbst tun. Das macht Spaß, das ist geschickt. Sprachlich beginnt er bestechend, dem Bau einer Kathedrale entsprechend, nur um die Schönheit die man sich gerade eben erlesen hat, durch die alltägliche Härte und Schnoddrigkeit einer Frau zu ersetzen, die ihr Leben nicht auf Rosen gebettet verbrachte, obwohl sie letztendlich mit Blumen und Gras handelt. Ersteres öffentlich, zweiteres natürlich, weil strafbar, nur im Geheimen. Ihr Leben fiel früh auseinander und sie selbst hat sich wohl nie so recht davon erholt.

    Neben der Gras dealenden Floristin lernen wir Sam kennen. Ein Teenager, der mehr als nur eine Sache mit sich trägt. Frisch verliebt, versucht er sich an Lyrik. Sein Vater, der ihm als Familienmitglied am nächsten steht ist eher schweigsam, aber anwesend. Unglücklicherweise aber ist er schwer erkrankt. Auch wenn er versucht, sich die Schwere seiner Krebserkrankung nicht anmerken zu lassen, ist klar, dass Sam seinen Vater verlieren wird. Er schwankt zwischen Glücksgefühlen und schlechtem Gewissen und das ist gerade für einen Teenager nicht einfach.

    Ebenso wie Sam seinen Vater gehen lassen muss, geht es einem Farmer aus der Gegend, dessen Frau kürzlich verstarb. Hier erfahren wir, wie die beiden sich kennen lernten und ihr Leben miteinander verbrachten. Ein Einschnitt, der schwer zu verkraften ist und alles verändern wird. Die vierte Person, die in diesen Unfall mehr oder weniger "verwickelt" ist, die Frau eines Soldaten, der sich im Feld befindet. Der gemeinsame Sohn besucht ein Internat und so fristet sie ihre Tage zwischen Beruf, Laienschauspiel und Tagebuch. Und dann gibt es noch den Turmwächter. Er, der alles aus der Höhe sieht, den Überblick hat, jedoch nicht auf sein eigenes Leben behalten kann, verwebt die Lebenswege der Protagonisten und füllt die Leerstellen, gerade so wie die Leserschaft es schon getan hat.

    Jede dieser Stimmen ist ganz eigen. Einer habe ich besonders gerne gelauscht, eine brachte mich fast dazu, das Buch zur Seite zu legen. Aber so ist das eben: Manchmal muss man auch etwas aushalten können. Die Stärke dieses außergewöhnlichen Debutromans liegt für mich tatsächlich in der hintergründigen Verknüpfung der einzelnen Leben. Wie bei einem bunten Stoff stechen hie und da die einzelnen farbigen Fäden heraus, verbinden sich an manchen Stellen an einem Punkt und schaffen damit einen Blickfang, nur um auseinander zu gehen und später vielleicht wieder zusammen zu finden. Sprachlich beginnt das Buch ungemein schön und poetisch, die einzelnen Stimmen aber bringen große Variation mit sich. Aber Vielfalt ist es, die unsere Geschichten prägt und so ist es auch weiter nicht verwunderlich, dass die Wahrnehmung des eigenen Lebens häufig stark von der Außenwahrnehmung abweicht.

    Barney Norris hat sich in Hier treffen sich fünf Flüsse einer wunderbaren und wie ich meine, wahren Idee angenommen. Kitsch, der ihm im letzten literarischen Quartett vorgeworfen wurde, konnte ich nicht finden, was daran liegen mag, dass ich alles im Zusammenhang betrachtet und nicht einzelne Sätze zerpflückt habe. Denn: Ein Ganzes ist doch immer viel mehr als seine Einzelteile.

    "Im Schatten des Bauwerks erblühte Leben, eine Stadt, die man zunächst New Sarum nannte, bis sie schließlich unter dem Namen Salisbury bekannt wurde. Ereignisse von historischer Tragweite blitzten in den Straßen auf, Paare fanden sich, heirateten und wurden zusammen alt, es gab gute Ernten oder sie blieben aus, Falken nisteten im Turm, und wegen der Erfindung des Flugzeugs musste immer eine Glühbirne in der Turmspitze brennen, weshalb hin und wieder jemand hinaufklettern und sie auswechseln musste. [...] Und immer war der Gesang zu hören. Fünf Flüsse flossen ineinander, und um das zu feiern, sang die Erde aus voller Kehle, eine Musik, die sich in den Kleinigkeiten des Alltäglichen versteckte, in den Schritten der Tausenden von Bewohnern, dem Klingeln der Registrierkassen, dem hoch aufragenden Traum des Turms."


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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor einem Jahr
    Hier treffen sich fünf Leben

    Vier Flüsse fließen rund um Salisbury in den River Avon. Es ist eine uralte Landschaft hier im „grünen Süden Englands“. Unweit wurden vor mehr als 4000 Jahren die hölzernen und steinernen Kultstätten von Woodhenge und Stonehenge errichtet, wurde Old Sarum zu einer der bedeutendsten Städte der Angelsachsen, nachdem schon die keltischen Druiden und Römer hier siedelten. Im Mittelalter wurde Salisbury, New Sarum, rund um die neuerbaute, prächtige Kathedrale ein bedeutender Mittelpunkt.
    Im Eingangskapitel von „Hier treffen sich fünf Flüsse“ wird der „Gesang der Erde“ beschworen, der hier zu hören sei, an diesem geschichtssatten Ort. Es ist eine Art Prolog, erst am Ende werden wir den jungen Mann, der ihn spricht, näher kennenlernen. Für ihn ist die offene Landschaft und die Erhabenheit der Kathedrale etwas, dass „uns auffordert, stehen zu bleiben und nachzudenken. Und von uns verlangt, den Blick von uns selbst abzuwenden.“
    „Hierin liegt die Bedeutung dieser kleinen Stadt, wo der Turm hoch in den Himmel ragt, wo Flüsse und Geschichten sich verweben und Lebenswege einander kreuzen.“
    Es sind fünf Lebenswege, die sich im Buch kreuzen. Der erste könnte nicht krasser im Gegensatz sein zu dem elegischen Prolog. Es ist Rita, bald 60 und Inhaberin eines kleinen Blumenstands auf dem Markt, Teilzeit-Drogendealerin und vom Leben völlig desillusioniert. In schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, vom Freund schwanger sitzen gelassen, in Alkohol- und Drogensucht abgerutscht, in unzähligen Männergeschichten etwas wie Zuneigung und Geborgenheit vergeblich suchend. Auch ihr Sohn lehnt jeden Kontakt mit ihr seit langem ab. Mit unbändiger Wut und Kratzbürstigkeit wehrt sie sich gegen die Zumutungen der Welt und merkt doch, dass sie sich selbst am meisten im Weg steht, von allen Möglichkeiten scheinbar immer die schlechteste wählt. Aber sie kann nicht anders. Sie erzählt laut, vulgär, verbittert. Sie ist es, die letztendlich die fünf Menschen, um die es im Buch geht, wenn auch nur für einen Augenblick, so doch verbindet. Sie wird auf einer verzweifelten Fahrt auf ihrem Moped Opfer eines schweren Verkehrsunfalls.
    Der alte Farmer, George Street, Fahrer des Unfallwagens, ist einer der anderen Personen, die zu Wort kommen. Er hat am Morgen seine geliebte Frau nach langer schwerer Krankheit verloren, ist noch ganz betäubt von dem Verlust, sieht nicht das Zweirad das ihm die Vorfahrt nimmt. Zwei Zeugen, ein 15jähriger Junge und eine Frau mittleren Alters werden ebenso Zeugen des Unfalls wie der Erzähler aus dem Prolog, der nach einer schmerzhaften Trennung aus London in seinen Heimatort zurückgekommen ist und als Nachtwächter auf Old Sarum viel Zeit zum Nachdenken hat. Auch die anderen beiden tragen ihre Probleme mit sich herum. Sam, der Junge, verliebt sich gerade in dem Moment zum ersten Mal, als sein Vater im Sterben liegt. Er ist hin und her gerissen zwischen seinen Gefühlen und dem schlechten Gewissen, dass er seinem geliebten Vater gegenüber hat. Die Frau wiederum leidet unter der Abwesenheit ihres Mannes, der als Soldat in Afghanistan stationiert ist, und ihren Ängsten um ihn, genauso wie um die Loslösung ihres pubertierenden Sohns, der seit Kurzem ins Internat geht. Trost in ihrem einsamen Dasein, „auf Abruf“, ist einzig das Theater, in dem sie, einst angehende Schauspielerin, als Platzanweiserin arbeitet und eine Laienspielgruppe, in der sie die „Ophelia“ spielt. Hier, in der liebevollen Beschreibung des Theatermilieus, spürt man die Herkunft des Autors Barney Norris. Er ist erfolgreicher Dramaturg. Man spürt es aber auch daran, wie sehr er sich bemüht, den Figuren je eigene, überzeugende Stimmen zu verleihen. Das gelingt meistenteils gut. Rita flucht und schmeißt mit vulgären Begriffen um sich, Sam ist überschwänglich und verträumt (seinen Abschnitt unterbrechen kleine „Es war einmal“ Abschnitte), George ist zutiefst traurig und niedergeschlagen (seine Reflexionen werden wiederum von den Fragen während des Verhörs unterbrochen, dem er sich nach dem Unfall unterziehen muss). Die Frau schließlich erzählt uns anhand ihrer Tagebucheintragungen.
    Das klingt ziemlich konstruiert und ist es tatsächlich auch. Trotzdem wächst alles zu einer wunderbaren Geschichte zusammen. So wie wir nach und nach erkennen, dass die Figuren auch abseits des Unfallgeschehens in der ein oder anderen Form miteinander verbunden waren, verweben sich auch die Geschichten dieser ganz „gewöhnlichen Menschen“ zu einem Buch über das Leben, die Frage, wie wir zu denen wurden, die wir sind, über die Entscheidungen, die jeder immer wieder treffen muss, die Weggabelungen, die sich bieten, das Vergehen der Zeit, die verpassten Chancen, die Möglichkeit oder aber auch Unmöglichkeit zu einem Neuanfang.
    Es ist aber auch ein Buch über Identität und Heimat, voll mit den großen Gefühlen, Liebe, Verlust, Trauer, Wut, Würde und Widerstandsfähigkeit, also auch voller Pathos, aber zum Glück auch ohne jeden Kitsch. Norris schreibt dicht und klar. Voller Mitgefühl und Empathie schafft er komplexe Figuren voller Menschlichkeit. Trotz der großen Melancholie, die über dem Buch und den Personen liegt, ist es aber kein schweres Buch, sondern immer eine große Freude, zu lesen.
    Es ist Barney Norris Debüt. Ich denke, auf sein nächstes Buch darf man gespannt sein.

    Kommentare: 1
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    tina317852s avatar
    tina317852vor 10 Monaten
    Kurzmeinung: 5 Leben die eigentlich nichts miteinander gemein haben treffen aufeinander...bewegend, düster, realistisch
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    Edition_Ss avatar
    Edition_Svor einem Jahr
    Kurzmeinung: Man muss sich drauf einlassen, aber dann legt sich die Geschichte wie eine warme Decke um die Seele!
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    hannipalannis avatar
    hannipalannivor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eigentlich eher sich überschneidende Kurzgeschichten als ein Roman. Sehr schöne Sprache, aber nicht ganz rund. Letztes Kapitel überflüssig.
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