Wenn die Kunstfigur nicht mehr Kunstfigur sein möchte
„Verpfändetes Leben“ beginnt schon recht verheißungsvoll mit einem Anruf bei der Polizei, es wird ein Schuß auf den Rundfunkstar (wir befinden uns im Jahr 1946) Marylynn gemeldet. Auf die Frage „Wissen Sie, wer’s getan hat?“ antwortet die Anruferin freimütig: „Ja. Ich. Ich selber.“
Ausgehend von dieser geständigen Täterin Elizabeth – Bess – Poker und ihren Verhören bei der Polizei deckt Vicki Baum nun die Verwicklungen zwischen den beiden so ungleichen Frauen Bess und Marylynn auf. Die knapp 24 Stunden nach dem Schuß bilden die Rahmenhandlung, von der aus wir in mehreren Zeitebenen – vorwiegend in Bess‘ Erinnerung – zurück in die vergangenen Jahre reisen. Die Beziehung zwischen Bess und Marylynn ist das hauptsächliche Thema, aber wir erfahren auch viel darüber, wie die Gewalttat auf die zahlreichen Männer in Marylynns Leben wirkt.
Marylynn ist Mitte der 1930er eine von vielen jungen Frauen, die mit der Hoffnung auf eine Karriere im Showgeschäft nach New York kommen. Sie hat ein nettes, dünnes Stimmchen, nicht sonderlich viel Talent, ist blond und hübsch. Wie man durch eine andere dünnstimmige Blondine namens Marilyn weiß, schadet geringes Talent beim Berühmtwerden nicht, wenn die richtigen Leute einen fördern und einen als Marke aufbauen. In „Verpfändetes Leben“ sind diese richtigen Leute Bess und der Komponist Luke. Bess hat den Geschäftssinn und das Gespür, die erforderlich sind, um Marylynn dem Publikumsgeschmack entsprechend zu formen, Luke hat das musikalische Talent, die richtigen Lieder für Marylynns beschränkten Stimmumfang zu schreiben. Gemeinsam schaffen sie eine Art Kunstfigur, machen Marylynn als Nachtklub- und Rundfunksängerin berühmt. Bess sieht Marylynn als ihr Werkzeug, um endlich die finanzielle Sicherheit zu erlangen, nach der sie sich sehnt. Sie ist sich der eigenen äußeren Unscheinbarkeit nur zu bewußt und betrachtet Marylynn mit einer Mischung aus Neid und Herablassung. „Es war meine Karriere, die Marylynn gemacht hat, und es waren meine Erfolge, die sie hatte, und meine Liebesaffären und mein Leben,“ erklärt Bess an einer Stelle.
Es wird gut beschrieben, wie Marylynn nicht nur von Bess, sondern auch von anderen dazu eingesetzt wird, um eine vorbestimmte Rolle zu erfüllen. Marylynn selbst ist zu träge, um sich groß dagegen zu wehren, sie macht es fast bis zum Ende mit. Ihre zuckrig-unbedarfte Art fand ich ziemlich schnell ziemlich anstrengend zu lesen und die Szenen mit ihr sind immer ein wenig flach und nicht annähernd zu interessant wie die Einblicke in Bess‘ Seelenleben und die geschickte Art, in der hier eine kleine kurzfristige Berühmtheit geschaffen wurde. Am Ende wird auch klar: Marylynn selbst ist austauschbar. Jedes hübsche, halbwegs talentierte Mädchen kann mit richtigem Management ihre Rolle ausfüllen. Auch die Szenen mit denen ihr so reihenweise verfallenen Männern sind etwas langweilig – interessant wird es dann, wenn diese Männer und ihren unterschiedlichen Eigeninteressen aufeinanderprallen.


