"Aue“ ist ein tiefer Schmerz, der sich durch die Familiengeschichte der beiden Brüder Taukiri und Ari zieht, eine blutende Wunde und eine traumatisierte Seele, die geheilt werden will. Denn die Eltern der beiden neuseeländischen Jungen mit maorischen Wurzeln sind bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen, der beinahe auch Taukiri mit in den Tod gerissen hat. Doch nicht nur die Kinder müssen den Verlust verarbeiten, auch die Großeltern der Jungs sind von der Trauer erschlagen, mussten sie doch schonmal einen Sohn – Taukiris leiblichen Vater – beerdigen. Betäubt und verzweifelt können sie sich nicht um Ari kümmern, verfolgt von den eigenen Dämonen ertränkt der Großvater seinen Kummer im Alkohol, die Großmutter in Verbitterung und Kälte. Taukiri bringt seinen kleinen Bruder also zu seiner Tante Kat, deren Liebe und Wärme nicht ausreicht, aus dem kalten Farmhaus ein zu Hause zu machen. Beide Jungen sind auf der Suche nach einer Zukunft, ihrer inneren Stärke und einem Halt im Leben. Auch Taukiris Mutter suchte einst einen sicheren Hafen, nach einem Wechsel der Perspektive erfahren wir auch die Geschichte von Jade, Taukiris leiblicher Mutter, die in einem Ganghaus geboren wurde und dort mit Drogen, Gewalt, Abhängigkeit und Verbrechen aufwuchs und sich daraus zu befreien suchte. Durch die Augen der einzelnen Familienmitglieder – Taukiri, Ari, Jade und später noch Aroha, Aris Mutter – erleben wir die Suche nach Halt, Liebe und einem Zusammenhalt in der schwer traumatisierten Familie.
Während Taukiri mit Gitarre und Surfboard durch die Straßen der Stadt mäandert und von der Schuld, die er sich am Tod seiner Eltern gibt, verfolgt wird und nach seiner leiblichen Mutter Jade zu suchen scheint, kämpft Ari bei seiner Tante Kat mit dem Verlassen worden sein.
Der getriebene Taukiri findet kurzfristig Trost bei der Musik, bei Mädchen und Drogen, der sensible Ari bei seinen Nachbarn, dem Farmer Tom Aiken und seiner toughen Tochter Beth.
Taukiri muss erst fast alles verlieren, bevor er in sich die Kraft findet, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, den „Phantomsand“ abzuschütteln und Verantwortung für sich und Ari zu übernehmen.
Ari findet in Beth eine unerschrockene Gefährtin, die ihm seine eigene Stärke zeigt, die ihm dabei hilft, seine Ängste zu bezwingen und an dem schweren Trauma zu arbeiten. Bei einem Angelausflug mit Tom Aiken, Beth und Tante Kat findet er den Mut in sich, sich in eine tapferen Flusskrieger zu verwandeln und sich letztendlich auch dem gewalttätigen Onkel Stu in den Weg zu stellen.
Die Geschichte der Eltern Toko und Jade ist nicht weniger traurig und berührend. Toko, der Maorijunge und Musiker verliebt sich in Jade, das Mädchen aus dem Gang Haus, das nach dem grausamen Mord an ihrer Cousine durch den Anführer des Ganghauses ihre Vergangenheit hinter sich lassen will und mit Toko zusammenleben will. Und obwohl sie Coon nicht gehen lassen will, schaffen Toko und Jade es, sich loszusagen und ein Kind zu bekommen. Doch der kleinen Familie ist kein Glück beschert, Coon zettelt in einer Bar enen Streit an, den Toko nicht überleben wird. Die geschockte Jade lässt die kleinen Taukiri bei Aroha und ihrem Mann zurück und verschwindet.
Aue ist ein forderndes Buch, voller Schmerz, Leid und Gewalt. Die rassistische Ausgrenzung der Familie mit Maoriwurzeln, die eingestreuten Worte und Phrasen aus dem Te Reo Maori, die Perspektivwechsel der Erzählstimme, sind mitunter nicht ganz einfach zu lesen, sowohl sprachlich als auch inhaltlich.
Dafür belohnen die Autorin Becky Manawatu und Übersetzerin Jana Grohnert mit einer Klaviatur an sprachlicher Gestaltung, die sowohl kindliche Gedankenwelten, poetische ätherische Gefühle einer toten Mutter mit der Härte der Realität einer misshandelten, abhängigen Frau kombiniert und das ist unglaublich beeindruckend. Taukiris Verlorensein als Fast-Erwachsener in der Welt, in der er mit Verantwortung und seinem Schuldkomplex kämpft neben Aris Passagen, der als sensibles Kind jeden Schmerz mit einem Pflaster heilen möchte bis hin zur brutalen Gewalt und Totschlagszenen, die Jades Leben beherrschen, jeder Protagonist hat nicht nur seine eigene Perspektive und differenzierten Charakter, sondern auch seine eigene Tonalität. Becky Manawatu, selbst Maori, erzählt von dem Rassismus und der Anfeindung, denen sich Angehörige der Maori auch heute noch ausgesetzt sehen, von der Perspektivlosigkeit und dem Drogenmissbrauch, aber auch von ihrer Sprache, ihrer Spiritualität und der Naturverbundenheit, die sich durch den Roman zieht.
Der Roman ist komplex, vielschichtig und spannend, teils schmerzhaft brutal, dann wieder zart und poetisch. Eine Stück große Literatur über eine für mich unbekannte Kultur, weit entfernt von meinem Leben und doch in der Gegenwart und Realität verhaftet, im Guten wie im Schlechten. Wer sich der komplexen Struktur und den harten Themen stellen will, wird mit einer schimmernden Perle belohnt.