Spinner

von Benedict Wells 
4,0 Sterne bei242 Bewertungen
Spinner
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Beeindruckendes Erstlingswerk mit dem der damals 19-jährige Wells bereits zeigte: Er kann es.

Kritisch (17):

belanglos - langatmig - deprimierend

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Inhaltsangabe zu "Spinner"

»Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.«
Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin. Ein tragikomischer Roman über Freundschaft, das Ringen um seine Träume und über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783257243840
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:320 Seiten
Verlag:Diogenes
Erscheinungsdatum:24.08.2016

Rezensionen und Bewertungen

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    nicigirl85s avatar
    nicigirl85vor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Leider nicht so umwerfend wie "Vom Ende der Einsamkeit"
    Von der Schwierigkeit des Erwachsen-Werdens...

    Benedict Wells hat mit "Vom Ende der Einsamkeit" meinen absoluten Lieblingsroman geschrieben und weil mir dieser so gut gefiel, musste ich auch endlich mal etwas anderes von ihm lesen, weshalb "Spinner" und ich zueinander gefunden haben.

    In der Geschichte geht es um den 20 jährigen Jesper, der eine Woche lang orientierungslos durch Berlin wandert. Das Leben ist kein Ponyhof, jede Entscheidung muss gut durchdacht sein. Ist Schreiben das Richtige für den Zwanzigjährigen? Oder sollte er doch wieder ein Studium aufnehmen?

    Das Buch ist in sieben Teile untergliedert, von Montag bis einschließlich Sonntag und Jesper führt uns als Ich- Erzähler durch die Handlung. Er erlebt reichlich in der Hauptstadt und nicht alles ist leicht zu verdauen.

    Das Besondere an Jesper ist wahrscheinlich, dass man sich als Leser nicht so recht entscheiden kann, ob man ihn mag oder nicht. Oft ist man genervt von seinen Gedankengängen und möchte ihn des Öfteren schütteln, damit er endlich mal aus der Hüfte kommt. Doch im Verlauf der Geschichte spürt man, dass mit ihm etwas nicht stimmt und daran ist der Tod seines Vaters nicht ganz unschuldig. Seine nicht vorhandene Entscheidungsfreude führt ihn gerade deswegen immer tiefer in den Untergang seiner selbst, da sein Leben stagniert und er einfach nicht vorankommt.

    Auch wenn die Darstellung von Depressionen sehr verwirrend, mitunter bedrückend und beängstigend ist, so ist sie genauso wie der Autor sie beschreibt: wirr und kaum zu begreifen. Gerade die Halluzinationen der Hauptfigur erschrecken beim Lesen ein ums andere Mal.

    Jespers Freunde Gustav und Frank haben zwar auch ihre Päckchen des Lebens zu tragen, wirken auf den Leser aber vergleichsweise normal und nicht ganz so verzweifelt wie ihr Freund.

    Das Lesen des Romans ist mir oft nicht leicht gefallen, eben weil die Handlung nicht gerade leichte Kost ist. Das machte es für mich auch schwer zu entscheiden, wie gut mir das Geschriebene gefallen hat oder eben nicht.

    Jaspers Leben ist etwas für Leser, die sich von der Düsternis des Lebens nicht abschrecken lassen und auch in der Trauer einen tieferen Sinn sehen. Leser, die selbst Erfahrungen mit Depressionen gemacht haben, in welcher Form auch immer, könnten von der Handlung zu sehr in eine negative Stimmung gesogen werden.

    Fazit: Traurige Lektüre, für die man als Leser gemacht sein muss. Keine leichte Kost. Ich kann daher nur bedingt eine Leseempfehlung aussprechen. Mir erschien alles um Jasper etwas zu düster und wenig lebensbejahend.

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    wortmeers avatar
    wortmeervor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Beeindruckendes Erstlingswerk mit dem der damals 19-jährige Wells bereits zeigte: Er kann es.
    Freischwimmen im Großstadtchaos

    Der Rezension voranstellen möchte ich ein großes Dankeschön an Sarah vom Blog Studierenichtdeinleben, die mir im letzten Herbst des Öfteren von Benedict Wells vorgeschwärmt hat, den ich bis dahin kaum kannte. Dann habe ich mich im Dezember mit den ersten drei seiner bisher vier veröffentlichten Romane eingedeckt und prompt alle hintereinander gelesen. Hier stelle ich nun sein erstes Werk „Spinner“ vor. Veröffentlicht wurde es erst nach seinem Roman „Becks letzter Sommer“, geschrieben hat er es aber schon davor, mit 19 Jahren.

    Wenn man nach Informationen zu Benedict Wells sucht, erfährt man meist zuerst, dass er seine gesamte Schulzeit in Internaten vebracht hat. Bei weiteren Nachforschungen liest man dann, dass er seinen urspünglichen Nachnamen „von Schirach“ in „Wells“ änderte, um sich von seiner Familiengeschichte zu distanzieren. Wenn es beim Namen „von Schirach“ klingelt, dann kann ich bestätigen: Wells ist der Cousin des Schriftstellers Ferdinand von Schirach, seine Schwester Ariadne von Schirach arbeitet ebenfalls als Autorin. Der Name Wells ist eine Hommage an Homer Wells aus dem Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag von John Irving. Ansonsten hält sich Wells zu seinem Leben eher bedeckt, ich lese noch, dass er nach einer Zeit in Barcelona nun wieder in Berlin lebt. Viel mehr nicht. Er möchte keinen Hype um seine Person, seine Bücher sollen für sich und nicht durch ihn vermittelt sprechen.

    Geprägt von eigenen Erlebnissen

    „Spinner“ ist das am meisten autobiografische Werk von Wells, die Hauptperson Jesper Lier hat einige Parallen mit ihm selbst: Wie Jesper zog Wells nach dem Abitur aus Süddeutschland nach Berlin. Anstatt zu studieren, schlug er sich mit Nebenjobs durch, wohnte sehr spartanisch und verbrachte die Nächte schreibend. Vier Jahre lang ging das so, als sein zweiter Roman „Becks letzter Sommer“ fertig war, wollte ihn zunächst keiner verlegen. Er fühlte sich damals manchmal als Versager, aber dennoch stand eines für ihn fest: Er würde weiterschreiben. Dann der Glücksfall: ein Anruf von dem 2011 verstorbenen Diogenes-Gründer und Verleger Daniel Keel, der seinen Roman verlegen wollte. Der Grundstein für seinen Erfolg war damit gelegt und sollte sich fortsetzen.

    Nun zurück zu Jesper Lier, dem „Spinner“. Der Leser begleitet ihn im Buch durch eine Woche in Berlin. Man merkt dabei, wie wenig er dem Sog der Großstadt entgegensetzen kann. Jesper schreibt an seinem Erstlingsroman. Er schreibt vor allem nachts, inzwischen auch nur noch betrunken und sein Werk ist schon auf über 1000 Seiten angewachsen. Er schläft kaum noch, isst nicht mehr, verwahrlost zunehmend. Und dann kommt noch eine Schreckensmeldung: sein Mentor und Freund, ein ehemaliger Germanistik-Professor, ist verstorben. Das wirft ihn noch weiter aus der Bahn und reißt auch alte Wunden verbunden mit dem zwei Jahre zurückliegenden Tod seines Vaters wieder auf. Jesper zieht sich zunehmends zurück und leidet unter dieser Einsamkeit, die er mittlerweile auch in Gesellschaft spürt. Er merkt selbst, wie unglücklich er ist, alle Versuche das zu ändern, scheitern aber. Und dann erweist sich auch sein Roman als Pleite. Jesper ist am Tiefpunkt und fühlt sich zunehmends im Abseits. Zum Glück, denkt man als Leser, gibt es da auch noch Menschen, die an seiner Seite stehen. Wie sein Freund Gustav, der dank des Vermögens seines Vaters in Berlin auf großem Fuß lebt und sein bester Schulfreund Frank, den Gustav und Jesper vor seiner Familie retten.

    Stillstand und Bewegung

    Alle drei sind sie in Findungs- und Umbruchsphasen. Und alle drei haben sie Angst als Verlierer und Außenseiter dazustehen. Auf ihnen lastet ein großer gesellschaftlicher Erwartungsdruck, der auch mir bekannt vorkommt. Jesper erlebt, wie sich ehemalige Mitschüler für den vermeintlich „sicheren“ Karriereweg entscheiden, anstatt ihren Träumen nachzujagen. Jespers größter Alptraum sieht so aus: „Ich wachte mit einem Gefühl von kalter Angst auf. Sah mich in einem Studienfach, das ich hasste, in einem Büro, das mich einengte, in einem Beruf, der mich auffraß und mir egal war“. Auch ich kenne aus meiner Schulzeit Beispiele von ehemaligen Mitschülern, die klar auf Sicherheit und/oder Karriere setzten. Und beim bald anstehenden 10-jährigen Abiturtreffen werde ich vielleicht auf weitere solcher Geschichten stoßen. Jedoch kann man von außen meist nicht beurteilen, wie die Person selbst ihre Situation erlebt. Denn jeder hat nun mal andere Vorstellungen von einem guten Leben. Letzlich muss, darf und sollte jeder etwas finden, das für ihn selbst passt.

    Aber um das „passende“ Leben tatsächlich zu finden, muss man sich selbst auf die Suche machen und aktiv werden. Das merkt auch Jesper zum Ende des Buches: „Wichtig war nur, dass ich nicht mehr stillstand, dass ich mich den Dingen wieder stellte, egal, was aus mir werden würde. Denn alles andere wäre falsch, denke ich, unecht, irgendwie so, wie wenn man verrauchte Luft einatmet. Man kann damit leben, aber es ist nicht das Wahre, man atmet nicht so tief ein, wie man könnte.“

    Fazit

    Ein beeindruckendes Erstlingswerk, das Benedict Wells mit nur 19 Jahren geschrieben hat. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass er sich mit diesem Buch „freigeschrieben“ hat, es ist noch einigermaßen nah an seiner eigenen Biografie, wenn auch mit anderen Wendungen, und verpackt sicher einige Gedanken des damaligen Benedict Wells in die Gedanken von Jesper Lier. Wells beweist mit diesem Werk auf jeden Fall schon, dass er es kann: Er kann Geschichten schreiben, den Charakteren Leben einhauchen und er kann dazu verleiten, weiterlesen zu wollen.

    DIese Rezension habe ich auch auf meinem Blog veröffentlicht: https://wortmeer.blog/2018/01/04/rezension-spinner-von-benedict-wells/

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    ahukaders avatar
    ahukadervor einem Jahr
    Spinner


    Alle hatten Angst vor Lücken in ihrem Lebenslauf. Aber niemand schien Angst davor zu haben, seine Träume zu verraten.

     

    Jesper Lier ist 20 Jahre alt und ist vor genau einem Jahr von München nach Berlin gezogen. Zu seinem kaum vorhandenen Freundeskreis gehört der schwule Gustav, der an einer Filmhochschule studieren möchte und sein Jugendfreund Frank, den er mit Hilfe von Gustav von seiner schrägen Familie entführt hat.

    Jesper absolviert ein Praktikum beim Berliner Merkur und ist offensichtlich mit nichts zufrieden. Gut gelaunte Menschen regen ihn auf. Er hasst alles, was es überhaupt gibt.

    Nebenbei versucht er sein Buch „Der Leidensgenosse“, welches über 1000 Seiten hat an einen Verlag abzugeben, der das Buch auch noch druckt.  Dieser Traum scheint hoffnungslos, da er das Buch im besoffenen Zustand und unter Drogen nachts zusammenschreibt.

    Der Tod seines Vaters hat ihn sichtlich mitgenommen. Er erwähnt immer wieder, dass sein Vater ihn in Stich gelassen hat. Das Buch „Spinner“ beginnt am Bahnhof in Berlin. Jesper hat seine Koffer gepackt um nach München zu fahren, da er seiner Mutter helfen möchte, die Wohnung zu räumen. Sie kann sie sich nach dem Tod seines Vaters nicht mehr leisten.

    Er schafft es nicht in diesen Zug einzusteigen und fährt wieder in seine Wohnung in Berlin, welches immer noch das Namensschild des Vormieters an der Klingel hat. Sogar das hat er nicht geändert.

    Seine Nummer hat kaum jemand. Die Mutter ruft er von einer Telefonzelle an und kann dann behaupten, dass das Geld ausgegangen ist und dass er auflegen muss.

    Wir begleiten Jesper durch eine komplette Woche in Berlin. Er ist depressiv. Hat immer wieder mal Abstürze. Isst kaum etwas und lügt sich selbst und alle in seiner Umgebung an. Somit erfindet er gegenüber seiner Mutter sogar eine fiktive Freundin Sandra, die er auf jeden Fall mal mit nach München bringen wird.

    Immer wieder tauchen seine Charaktere aus seinem Buch auf und bescheren ihm unglückliche Vorfälle. Er lebt zwischen Fiktion und Realem. An manchen Stellen im Buch ist der Übergang zu seinen Halluzinationen so gut dargestellt, dass man als Leser kurz überlegen muss, ob das nun zu Jespers Leben gehört, oder ob die Personen aus „Der Leidensgenosse“ wieder mal auferstanden sind.

    Gegen Ende des Buches hat Jesper einen Zusammenbruch, welches dazu führt, dass er in ein Krankenhaus kommt. Dieser Zusammenbruch führt dazu, dass er sich über seine Lebensweise Gedanken macht. Genauso wird er sich darüber klar, dass er in dem letzten Jahr in Berlin nichts erreicht hat.

    Wenn ich schlecht drauf war, tauchten auf einmal von irgendwoher so scheißfröhliche Menschen auf.

     

    Fazit:

    Ein sehr interessantes Buch über die Angst vor dem Erwachsen werden. Jeder der sein Abitur gemacht hat, steht vor der gleichen Situation wie Jesper. Was studieren? Oder überhaupt studieren?

    Soll ich mich in eine von der Gesellschaft vorgekaute Kategorie hinein quetschen lassen, oder doch meinem Traum hinterherlaufen und am Ende eventuell eine Niederlage erleiden?

    Danke Diogenes für das schöne Buch.

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    M
    Minoovor einem Jahr
    Spinner von Benedict Wells

    „Spinner“ war mein erster Roman des Autors Benedict Wells und dessen Debüt, das er im Alter von neunzehn Jahren schrieb. Protagonist ist der 20-jährige Jesper Lier, der nach dem Abitur von München nach Berlin zieht um seinen Roman, ein Meisterwerk wie er selbst immer wieder behauptet, zu beenden. Während des Schreibens verliert er sich selbst. Hatte er sich überhaupt je gefunden? Jespers Roman umfasst weit mehr als tausend Seiten. Verteilt ist dieser in der ganzen Wohnung, denn Jesper genießt den Eindruck, den sein Werk in seiner kleinen Wohnung vermittelt. Den Eindruck, dass hier ein Genie, ein kleiner Dostojewski, lebt. Umso weiter der Leser in den Roman abtaucht, umso mehr wird ihm bewusst wie verloren Jesper ist. Wir begleiten Jesper durch verschiedene Momente, in welchen er über sich und sein Leben nachdenkt, sich selbst beschimpft oder auch gegenüber seinen Freunden völlig ausrastet. Jesper hat jegliche Orientierung verloren. Durch Alkohol und Lügen hält er sich immerhin gerade so auf den Beinen. Er hat Träume. Vor nichts hat er mehr Angst, als davor zu scheitern und zu enden, wie alle anderen.

    „Ich wachte mit einem Gefühl von kalter Angst auf. Sah mich in einem Studienfach, das ich hasste, in einem Büro, das mich einengte, in einem Beruf, der mich auffraß und mir egal war. Sah, wie ich mir abends ein Fertiggericht zubereitete und mich und meine gescheiterte Existenz verurteilte.“ (S. 223)
    Der Schreibstil des Autors ist einfach zu lesen und sehr authentisch, wohl auch, weil Benedict Wells in Jespers Alter war, als er den Roman schreib. Das Buch ist sehr melancholisch und vermittelt die Gefühle, wie sie wohl viele junge Erwachsene in Jespers Alter kennen dürften: Orientierungslosigkeit, Druck der Gesellschaft (und der eigene Druck), das „mehr wollen“, Angst. Dadurch wirkt der Roman sehr authentisch und glaubwürdig und geht umso tiefer. Doch auch witzige Stellen gibt es in diesem Roman zu Genüge. Hierfür fällt es mir immer schwer Beispiele zu nennen, da Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen, deutlich weniger komisch wirken. Dennoch eine kleine Kostprobe. Auf der langweiligen Geburtstagsparty seiner Tante, beobachtet Jesper, wie sein Freund Gustav es wieder einmal schafft alle Leute um sich herum zu unterhalten und für sich zu gewinnen.

    „Normalerweise hätte ich mich abgewendet und wäre gegangen, aber der Alkohol im Blut flüsterte mir zu, dass auch ich etwas Wichtiges sagen sollte. Die anderen unterhielten sich gerade über ein Kaninchen, das eine Tochter als Haustier bekommen hatte, als ich laut dazwischenredete: „Wir hatten auch mal ein Haustier, eine Katze namens Whiskey, aber die hat sich umgebracht!“, sagte ich.“ (S. 44)
    Doch hinter Jesper steckt viel mehr, als ein Lügner und selbst überschätzter Schriftsteller. Er leidet unter dem Tod seines Vaters und darunter, sich selbst viel zu schlecht einzuschätzen. Auch wenn er sich gerne als den großen Künstler darstellt, merkt man beim Lesen schnell, dass er von sich selbst viel weniger überzeugt ist, als er immer behauptet.

    Das Thema des Buches ist das jung sein. Wie geht es nach der Schule weiter? Wie fühlt man sich, wenn man das erste Mal selbst entscheiden muss und einem so unglaublich viele Wege offen stehen? Wie soll man sich bei solch wichtigen Entscheidungen überhaupt entscheiden? Und wie schafft man es, dennoch seine Träume zu verwirklichen? Zugleich wird der Druck, der auf jungen Menschen dieses Alters lastet thematisiert. Nicht alle schaffen es, sich im Alter von 18 Jahren (oder auch 20, 25, …) richtig zu entscheiden und einen geraden, perfekten Weg einzuschlagen.

    Lang ist es noch nicht her, dass ich selbst 20 Jahre alt war. Und in diesem Alter war ich Jesper gar nicht so unähnlich. Selbst heute, kann ich noch einige Parallelen erkennen und mich gut in den Protagonisten hineinversetzen. Dementsprechend berührt war ich von diesem Buch. Durch den lockeren Schreibstil und die spannende Handlung (die übrigens deutlich überraschender und abwechslungsreicher, als man zunächst vermuten mag) las ich „Spinner“ innerhalb eines Tages. Beim Zuschlagen eines Buches, kann man meist einschätzen, ob es sich dabei um ein Buch handelte, das im Gedächtnis bleibt oder das man recht schnell wieder vergisst. An „Spinner“ werde ich mich sicher noch lange zurück erinnern, insbesondere an die unten zitierten Textstellen (und noch ein paar mehr).

    Fazit: „Spinner“ ist ein Buch, das vor allem für junge Leute in Jespers Situation geschrieben ist, weshalb ich mir gut vorstellen kann, dass Leser außerhalb dieser Zielgruppe mit dem Buch nicht viel anfangen können. Mir jedoch hat es enorm gut gefallen, weshalb ich es sicherlich das ein oder andere Mal verschenken werde.

    „Gustav hatte natürlich Recht. Und mir war auch klar, dass die Leute jemanden wie mich für einen Spinner hielten, weil ich noch immer an meine Träume glaube.“ (S. 18)

    „Alle hatten Angst vor Lücken in ihrem Lebenslauf. Aber niemand schien Angst davor zu haben, seine Träume zu verraten.“ (S. 99)

    „Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass es mir scheißegal wäre, aber insgeheim interessierte es mich sogar wahnsinnig, was andere von mir hielten.“ (S. 100)

    „Ich hatte den Tod ohnehin nicht verdient, ich konnte ihn doch gar nicht bezahlen, denn er kostete das Leben, und davon hatte ich noch viel zu wenig.“ (S. 128)

    „Es ist der Fluch der Jugend, dass man glaubt, ständig zu leiden. Doch wenn diese Zeit vorbei ist, stellt man verwundert fest, dass man sie geliebt hat. Und dass sie nie mehr zurückkommt.“ (S. 315)

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    Niccitrallafittis avatar
    Niccitrallafittivor einem Jahr
    Kurzmeinung: Chaotische & emotionale Suche nach Orientierung im Prozess des Erwachsenwerdens.
    Chaotische & emotionale Suche nach Orientierung im Prozess des Erwachsenwerdens.


    Ich mag die schlichte Gestaltung der Bücher aus dem Diogenes Verlag sehr gerne, sie besitzen definitiv einen Wiedererkennungswert. Und auch das Cover von Spinner gefiel mir auf Anhieb. Während des Lesens klappte ich gerne mal das Buch zu und ließ mich von dem dargestellten Mann inspirieren, der meiner Meinung nach sehr gut zum Protagonisten passt.


    Zu Beginn lernte ich den Protagonisten kennen, Jesper Lier, sowie einige Details über ihn und sein Leben, die man scheinbar wissen sollte. Beim Verfassen einer Rezension lese ich übrigens erneut die ersten sowie die letzten Seiten des jeweiligen Buches. Hier fiel mir erneut der literarisch gelungene Rahmen auf, der mich jetzt im Nachhinein zum Schmunzeln bringt.


    Der Schreibstil war angenehm locker, direkt und schonungslos ehrlich. Wells nimmt in seinem facettenreichen Roman kein Blatt vor den Mund, was ich hier sehr passend und wichtig fand. Es erleichterte mir die Identifikation mit Jesper, seinen Gedanken und seiner Lebenssituation. Interessant fand ich insbesondere seine persönliche Entwicklung, die durch äußere Faktoren beeinflusst und mit eigener Kraft seinerseits angetrieben wurde. Zunächst verzweifelt, unfassbar selbstkritisch und deprimiert wirkend, konnte Jesper sich nach und nach seinen Freunden, die ihn auf seinem Weg begleiteten, öffnen und dadurch ehrlich zu sich selbst sein. Im Verlauf der Geschichte stellte er sich seinen inneren Dämonen und traute sich zu, über selbst geschaffenen Grenzen zu springen.


    „Ich hatte den Tod ohnehin nicht verdient, ich konnte ihn doch gar nicht bezahlen, denn er kostete das Leben, und davon hatte ich noch viel zu wenig.“


    Ich begleitete Jesper gerne auf seiner chaotischen und ereignisreichen Reise, die geprägt war von Zukunftsängsten, Freundschaft, Liebe, Verzweiflung und Hoffnung. Zwischendurch musste ich schmunzeln, teilweise laut lachen, auch habe ich getrauert. Aber vor allem habe ich mir zahlreiche beeindruckende Zitate markiert. Auch stellte ich mir immer wieder die Frage nach den autobiografischen Anteilen in der Geschichte.


    Die Nebencharaktere mochte ich in ihrer Diversität sehr gerne. Besonders im Gedächtnis blieben mir sein immerzu ehrlicher und loyaler Freund Gustav und der weise Haller.


    Spinner ist kein gewöhnliches Buch. Es ist ein Buch, das tiefgehende Emotionen beinhaltete und ebenso auslöste. Es ist ein Buch, das von mir mit einem Seufzer zusammengeklappt wurde, nachdem ich es beendete, und eigentlich am liebsten direkt von vorne begonnen hätte. Ich weiß nicht, wie oft ich zustimmend nickte und dachte, dass es auch mir mal so ergangen ist, vermutlich ebenfalls zahlreichen anderen jungen Erwachsenen auf der Suche nach Orientierung und der eigenen Person, mit allen damit einhergehenden Aspekten. Benedict Wells bezeichnet seinen selbst Roman als „kleine Jugendsünde“, ich bezeichne ihn als kleine Hilfe zur Selbstfindung. Spätestens nach der Lesung zu Vom Ende der Einsamkeit am Messefreitag in Leipzig weiß ich, dass ich jedes Buch von ihm lesen werde. Meinerseits somit eine absolute Leseempfehlung! 


    Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

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    dominonas avatar
    dominonavor 2 Jahren
    Stil klar, Message anstrengend

    Mal wieder hat der Autor mich mit seinem Stil gefesselt und das hat ausgereicht um den mir unsympathischen Protagonisten nicht im Stich zu lassen. Immerhin hat er Probleme, die nachvollziehbar sind. Wenn bei einem selbst im Leben nichts so richtig läuft, bei allen anderen aber schon, ist das frustrierend.
    Mich hat gestört, dass der Protagonist zwischendurch immer wieder den Leser direkt anspricht, was hier meiner Meinung nach nicht gepasst hat. Außerdem hatte ich lange auf eine Art Twist gewartet, der aber nicht kommt. Ich wusste also schon, worauf das ganze hinauslaufen würde. Deshalb fand ich dieses Buch nicht so gut wie seine späteren Sachen.

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    buchmagie88s avatar
    buchmagie88vor 2 Jahren
    Beeindruckendes und besonderes Debüt.


    Jesper Lier ist jung, wohnt in Berlin und schreibt momentan an seinem ersten Roman. Erst einmal ziemlich viele beeindruckende Bezeichnungen, doch in Wahrheit ist Jesper einsam, hat das Gefühl, dass die Stadt ihn erdrückt und taumelt irgendwo zwischen geringem Einkommen und viel zu vielen Selbstzweifeln. Jesper ist klar, dass er sein Leben radikal ändern muss, aber das ist nicht so einfach, wie es zunächst klingen mag. Er erlebt eine turbulente Woche und auf einer wilden Odyssee durch Berlin erkennt er den Wert von Freundschaften, was es bedeutet die richtigen Entscheidungen zu treffen und alte Angewohnheiten abzustreifen, um diesen Leben einen größeren Wert zuzuschreiben.

    Es ist eine altbekannte Liebe.
    Es ist, als ob man irgendwo jemanden zufällig anrempelt, ihn ansieht und dann merkt, dass dieser Mann dir schon einmal die Tränen in die Augen getrieben hat, dein Herz zum Rasen brachte, es gebrochen hat, es wieder geheilt hat, um dich dann mit einem verletzten und vollkommen verwirrten Herzen alleine zu lassen.
    Benedict Wells hat mich im letzten Jahr mit "Vom Ende der Einsamkeit" umgehauen. Es war eines dieser Bücher, die Stellen in deiner Seele berühren, von denen du noch nicht einmal wusstest, dass sie existieren.
    Und nun ging es weiter mit "Spinner". Benedict Wells erstem Roman. Die Geschichte, mit der alles begann. Und der Geschichte, mit der er sich nicht nur wieder in mein Herz schrieb, sondern mit der er nun zweifellos zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört.
    Dabei ist "Spinner" düster, es ist traurig und melancholisch. Es ist eine Geschichte, von der ich zwischendurch sogar gedacht habe, dass ich sie noch nicht einmal jedem weiter empfehlen würde, obwohl ich sie auf jeder Seite gefeiert habe. Ich glaube sogar, dass sich nicht jeder mit Jesper, dem Protagonisten, sofort anfreunden würde. Er ist so jemand, den man heutzutage wohl als Misanthropen bezeichnen würde, mit einem ewig negativem Blick auf die Welt und einem unrealistischen und ständig wechselndem Selbstbild. Gerade im Hinblick auf sein erstes Buch, das er schreibt, wechselt die Meinung zwischen Versagen und exzellenter Selbstüberschätzung fast stündlich. Jesper hat große Probleme im Umgang mit sozialen Kontakten und bloß wenige Freunde. Und trotzdem war er mir von der ersten Seite an sympathisch, ich habe mich sooft in seinen Denkweisen wiedergefunden und vor allem seine schonungslose Ehrlichkeit bewundert. Auch wenn er nicht ehrlich zu sich selbst war, war er es doch im Umgang mit seinen Mitmenschen. 
    Und so wurde "Spinner" zu einem Buch für mich, das ich verflucht habe. Ich habe es verflucht, weil es nur 315 Seiten hatte. Ich wollte jede Seite begierig aufsaugen, aus Angst irgendetwas zu verpassen. Ich wollte nicht, dass es vorbei war, dass die Geschichte endet und ich wieder zurückgelassen werde. Denn das ist es, was ich bei Benedict Wells Büchern noch nie so stark empfunden habe, das Gefühl zurückgelassen zu werden. Du hast das Glück kurz dabei sein zu dürfen, einen Blick über die Schulter der Protagonisten zu werfen, und dann ist es plötzlich, als würde jemand auf einer verlassenen Landstraße halten, um dich an einer Raststätte rauszuwerfen und dir zu sagen, dass du jetzt wieder alleine klar kommen musst.
    Aber warum habe ich zuerst gedacht, ich würde "Spinner" nicht jedem weiter empfehlen können? Weil ich dachte, es wäre ein Buch hauptsächlich für junge Menschen, die das Gefühl haben, als würde sie das Leben manchmal an eben jener Raststätte aussetzen. Die keinen bestimmten Plan im Leben folgen, die Träume haben und so naiv und hoffnungsvoll an ihnen festhalten, obwohl sie zerbrechlich sind. Obwohl das Leben zerbrechlich ist.
    Aber im Endeffekt ist "Spinner" für jeden da. Für die Träumer, für die, die den Sinn und die Ordnung im Leben suchen, für diejenigen, die sich gerne an Raststätten aufhalten, um herauszufinden, wer sie als nächstes mitnimmt und was das Leben ihnen sonst noch bieten kann. Aber auch für diejenigen, die vielleicht sogar mit einer gewissen Nostalgie auf Jesper blicken und sich daran erinnern, dass das Leben nicht immer einem strikten Plan folgt. Dass es macht, was es will.
    Ein unglaublich besonderes und tolles Buch und ein neues Jahreshighlight für mich. 

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    Lit-Trips avatar
    Lit-Tripvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Solides Erstlingswerk mit packendem Schreibstil. Sternenabzug für den unglaublich anstrengenden Protagonisten und ein unbefriedigendes Ende.
    Sehr anstrengender Protagonist, aber überzeugender Schreibstil

    "Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart."
    Fast jeder kennt die Situation, an einem Punkt im Leben angelangt zu sein, an dem man nichts mehr zu wissen scheint - weder über sich, noch über das Leben.  Was soll ich tun? Was wird von mir erwartet? Wohin soll ich gehen? Wer bin ich und was möchte ich eigentlich? Diese Fragen bestimmen den Alltag, lassen den Kopf schwirren und den Körper wahllos durch das Leben irren.
    Jesper Lier, 20, geht es im Moment genauso. Nach seinem Abitur und einigen harten Rückschlägen in seiner Familie flüchtet er aus Sehnsucht nach Freiheit und Entfaltung von München nach Berlin. Er möchte mit seinem Buch "Der Leidensgenosse" die Menschheit bewegen und widmet sich voll und ganz dem Schreiben. Dabei verliert er den Boden unter den Füßen und zieht sich immer weiter in sich selbst zurück, verfällt in eine ewige Mir-ist-alles-egal-Stimmung.  Die Geschichte beginnt, eine Woche bevor Jesper zum ersten Mal seit seinem Abitur wieder nach München zurückkehren muss, um seiner Mutter beim Umzug zu helfen. Eine ganze Woche lang begleiten wir Jesper auf seiner Odyssee durch sein heruntergekommenes und wirres Leben.

    Der moderne, angenehme Schreibstil hat mich im Rausch von einer Seite auf die andere fliegen lassen. Wells hat nicht mit langen Ausschmückungen um den heißen Brei geredet, sodass ich nicht von unpassenden Längen in meinem Lesefluss gestört wurde. Er hat es verstanden, den Kern seiner Geschichte mit nur wenigen, aber dafür geschickt gesetzten Details zu vermitteln.  Aber so sehr mir auch der Schreibstil gefallen hat: der Protagonist konnte mich in keinster Weise überzeugen. Damit möchte ich nicht unbedingt sagen, dass Wells den Charakter schlecht oder gar unauthentisch gestaltet hat, denn solche Menschen wie Jesper soll's ja tatsächlich geben. Aber würde ich Jesper im echten Leben begegnen, wäre ich fast schon angewidert.  Er ist ein nototrischer Lügner, der seine sehr starken Stimmungsschwankungen oft und gerne an seinen Mitmenschen auslässt, dabei förmlich im Selbstmitleid zerfließt und zu allem Übel auch noch dem Reiz von Schlaftabletten verfallen ist. Stellt er in einer Sekunde fest, dass er sich selbst im Weg steht und dass etwas geändert werden muss,sucht er schon in der nächsten Sekunde die Schuld bei anderen. Seine Übellaunigkeit war für mich als Leser unerträglich. Umso nervenaufreibender war es, dass auf Seite 250 noch immer keine Entwicklung seiner Person zu erkennen war. Ganz im Gegenteil: Seine Handlungen wurden immer weniger nachvollziehbar und schwachsinnig - selbst für seine teilweise traurige Situation. Glücklicherweise konnten seine zwei einzigen Freunde mit ihrem Charakter überzeugen. Gustav ist ein Socializer und Partytier während Frank eher schüchtern ist, als Neuberliner aber langsam aus sich herauskommt und im Nachtleben der Großstadt aufblüht. 
    Das Ende konnte mich leider auch nicht überzeugen. Jesper hat sich meiner Meinung nach bis Seite 250 kaum bis gar nicht weiterentwickelt und alles was danach kam, wirkte auf mich zu abrupt und damit ziemlich unrealistisch. 
    Insgesamt war das Buch nicht das, was ich erwartet hatte. Ich wollte eine Geschichte über das Gefühl der neueren Generationen, nicht zu wissen wer man ist und was man machen soll. Über Zukunfts- und Verlustängste. Dann aber auch über den Selbstfindungsprozess und die Lösung zum Problem.  Tatsächlich bekam ich zwar eine gute Geschichte, aber auch einen Extremfall, der mit seinen depressiven und selbstsüchtigen Ego definitiv kein Spiegel der jüngeren Generationen ist - zumindest nicht meiner Erfahrung nach.

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    eileen_richies avatar
    eileen_richievor 2 Jahren
    Kurzmeinung: interessant, witzig, schockierend und wachrüttelnd
    Ein Buch, das einen versteht, mit einem Protagonisten, der verstanden werden will.


    Ich habe zu Weihnachten dieses Buch bekommen, das mich aufgrund des Themas sehr interessiert hat. Ich war mir aber nicht sicher, wie es mir gefallen würde.
    Was ich an dem Buch mochte und was nicht, erfahrt ihr im Folgenden.
    Spoiler sind enthalten.


    Schaut gern auch auf meinem Blog vorbei: eileensbuecherblog.wordpress.com


    Meine Meinung:

    Wie schon in der Einleitung erwähnt, hat mich das Thema wahnsinnig interessiert. Ich selbst habe letztes Jahr Abitur gemacht und kenne daher diese Phase, in der man keinen Plan hat, was man mit seinem Leben anfangen soll. Deshalb war ich auch so gespannt auf das Buch, ich hatte das Gefühl es könnte 'Leidensgenossen' helfen.
    Bevor ich aber auf Charaktere und Geschichte genauer eingehen werde, möchte ich an diese Stelle den tollen Schreibstil des Autors erwähnen! Die 315 Seiten lasen sich super flüssig und angenehm leicht. Durch die direkte Anrede des Lesers („Ich weiß nicht, ob mich jemand versteht.“), die hier und da eingestreut wurde, war man einfach in dem Buch drin und wurde zum Nachdenken und Mitdenken angeregt. Das hat mir sehr gut gefallen und hat viel zum Lesegefühl beigetragen.
    Die Charaktere, die Benedikt erschaffen hat, waren toll. Sie waren nicht die typischen Helden, die fehlerlos sind oder einem bestimmten Klischee entsprechen Sie waren echt. Echte Menschen, wie man sie auch in der echten Welt finden kann. Menschliche Charaktere mit all ihren Abgründen.
    Mit Jesper hatte ich oft Mitleid, manchmal aber auch nicht. Denn er war an seinem Schicksal auch selbst schuld. Und auch gegenüber seinen Freunden war er ziemlich unfair. Trotzdem mochte ich ihn. Ich konnte seine Unsicherheit nachvollziehen und seine hier und da eingestreuten witzigen Bemerkungen fand ich klasse. Herzlich gelacht habe ich bei dem Bericht, wie seine Katze Whiskey Suizid beging.
    Gustav war einfach ein guter Mensch, hier und da hatte er seine Fehler, aber ihr war so froh, dass Jesper ihn als Freund hat. Ohne ihn wäre es wohl schon vor Monaten mit ihm zu ende gegangen.
    Frank war natürlich ein ganz anderer Charakter zwischen dem Depressiven und dem Extremen. Das ewige schüchterne Muttersöhnchen, das sich versteckt. Doch ich mochte ihn umso mehr, als er endlich aus sich rauskam und glücklich wurde.
    Die Geschichte war auch interessant. Es gab keinen großen Spannungsbogen, aber diesen brauchte dieses Buch auch nicht. Viel kann ich also auch gar nicht dazu sagen. Gut fand ich den Werdegang des „Leidensgenossen“. Dieses Projekt loszulassen hatte eine große Bedeutung. Er ließ damit endlich dieses schreckliche Jahr hinter sich und begründete einen Neuanfang. Aber es brauchte diese Phase wohl einfach in seinem Leben, denn dieses Buch zu schreiben, war wohl die beste Therapie für ihn.
    Borns Tod tat mir sehr leid für Jesper. Aber ich bin auch froh, dass er diesmal wohl ganz gut mit dem Tod umgehen kann. Die Wahrheit über seinen Vater hat mich schockiert und ich hätte zu gern noch erfahren, was in seinem Abschiedsbrief stand.
    Was mich am Ende etwas enttäuschte war, dass viele Erlebnisse im Buch offenbar nur Halluzinationen waren. Irgendwie fühlte ich mich veräppelt. Aber eigentlich ist das auch ganz gut so, denn dies waren wirklich keine schönen und sehr beängstigenden Erlebnisse.
    Alles in allem bin ich von der Entwicklung des Protagonisten überzeugt, sie war wirklich glaubhaft und ich freue mich einfach für Jesper, auch wenn das natürlich erst der Anfang eines langen „Genesungsweges“ ist. Und ich hoffe für ihn, dass es mit Hannah klappt. Und natürlich, dass er zusammen mit Frank eine tolle WG in Gustavs Wohnung gründet. Ich denke das wird ihm gut tun und Berlin hat von ihm auf jeden Fall noch eine Chance verdient.


    Zitate:
    „Die Nacht ist keine Zeit. Die Nacht ist ein Ort!“ ~ Gustav, S. 33


    „[I]ch konnte [den Tod] doch gar nicht bezahlen, denn er kostete das Leben, und davon hatte ich noch viel zu wenig.“ ~ S. 127/128


    „Mir […] stand alles offen, doch ich nutzte es nicht.“ ~ S. 145


    „Ich will keine Entscheidungen mehr treffen, ich hab das so satt.“ ~ Jesper, S. 167


    „Es ist immer besser, etwas zu bereuen, was man getan hat, als etwas, was man nicht getan hat...“ ~ Born, S. 234


    „Wichtig war nur, dass ich mich den Dingen wieder stellte, egal, was aus mir werden würde.“ ~ S. 316


    Fazit:
    Ein interessantes Buch mit „echten“ Charakteren. Flüssig zu lesen und für alle zu empfehlen, die gerade in einer ähnlichen Lebenssituation sind wie der Protagonist.



    Danke fürs Lesen!!!

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    Janine2610s avatar
    Janine2610vor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Benedict Wells zeigt uns anhand von Jesper Lier, was es heißt, ein sich in Selbstmitleid suhlender Träumer und notorischer Lügner zu sein.
    In Selbstmitleid suhlend und notorisch lügend

    Die Buchrückseite:

    »Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.«
    Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin.
    Ein tragikomischer Roman über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen.

    Meine Meinung:

    In vorliegendem Roman geht es um den 20-jährigen Jesper Lier, der seit ungefähr zwei Jahren in einer Berliner Kellerwohnung haust. Wir erleben hierin eine Woche seines Lebens mit, die allerdings ganz und gar keine gewöhnliche ist, sondern eine, die sich "gewaschen" hat. Denn es passieren Dinge, also Jesper gerät in Situationen, die entweder sehr beschämend oder unfassbar, richtig traurig, gefährlich, aber irgendwie auch lustig sind. Ja, es passiert in meinen Augen sogar so viel in diesen sieben Tagen, dass es von den aufwühlenden Gefühlen her bestimmt auch für ein ganzes Jahr gereicht hätte.

    Einer, der an seine Träume glaubt

    Den Protagonisten Jesper Lier zu beschreiben, fällt mir ziemlich leicht, da der Autor ihm recht eigene Charakterzüge zugeschrieben hat. Erstens fällt mit zunehmender Seitenzahl auf, dass Jesper gerne und viel lügt. Schnell erkennt man auch, dass er ein von Wehmut geplagter Typ mit Komplexen ist, der eine große Portion Unsicherheit (Frauen gegenüber) mit sich herumschleppt. Jesper ist Einzelgänger und beschreibt sich selbst als langweilig und traurig. Er verabscheut Menschen, die mutlos sind, ihre Träume aufgegeben haben und nur mehr dem Geld hinterherjagen; Traum- und Phantasielosigkeit kann und will er nicht akzeptieren.

    ~ Alle hatten Angst vor Lücken in ihrem Lebenslauf. Aber niemand schien Angst davor zu haben, seine Träume zu verraten. ~
    (S. 99)

    Jespers Alltag und sein aktuelles Leben wirkten auf mich wirklich sehr deprimierend und negativ. Der Protagonist war auch recht gut darin, gewisse Dinge zu ignorieren und einfach wegzuschauen, wenn es um seine Gesundheit und seinen Körper ging, was ein deutliches Zeichen dafür ist, dass er sich selbst überhaupt nicht wichtig nimmt. Erhärtet wird das durch Situationen, in denen er deutlich sein Selbstmitleid und seinen Selbsthass ausspricht - nein, nicht nur ausspricht, sondern sogar ausschreit, so sehr, dass es sogar mir als Leserin weh getan hat.
    Und obwohl er den (für mich absolut nachvollziehbaren und wundervollen) Traum hegt, als Autor sein Geld zu verdienen, und mit Der Leidensgenosse, an dem er gut zwei Jahre gearbeitet hat und von dem er vollkommen überzeugt ist, bereits etwas vorzuweisen hat, habe ich für den jungen Mann trotzdem kaum Sympathie aufbringen können. Denn ich empfand Jesper einfach nur als bemitleidenswertes armes Würstchen. Nein, nicht mal liebenswert fand ich ihn, auch nicht zum Ende hin ...

    ~ Wie so viele vor mir hatte ich versucht, in meinem Leben das zu tun, was ich mir am meisten wünschte, und wie so viele vor mir war ich damit gescheitert. ~
    (S. 268)

    Ich habe mich, besonders das erste Drittel, gefragt, was mir der Autor mit Jespers kläglichem Dasein eigentlich vermitteln will. Worum genau soll es in dieser Geschichte denn gehen? Worauf soll das Ganze hinauslaufen? Nun, Jespers Leben wird von Ängsten und Niederschlägen eingenommen und es kristallisiert sich nach und nach heraus, dass es um nachhaltige Lebensveränderungen gehen soll, die getroffen und angegangen werden müssen, denn ansonsten droht ihm der vollständige Bachhinuntergang seines Lebens ...
    Ob und wie Jesper sein Leben endlich in die Hand nimmt, will ich an dieser Stelle nicht vorweg nehmen, aber so viel sei gesagt: das, was in weiterer Folge passiert, hat mich auf alle Fälle wieder etwas versöhnlicher gestimmt, was die Hauptfigur betrifft.

    ~ Doch es gibt Fehler, die notwendig sind. Manchmal muss man ein kleines bisschen sterben, um wieder ein wenig mehr zu leben. ~
    (S. 314)

    Jespers Person umgibt soviel Negativität und immer wieder, in den unterschiedlichsten Situationen, hatte ich ein ganz unheilvolles Gefühl, dass ganz bald etwas Schlimmes passieren wird ... Es hängt fast über der gesamten Geschichte dieses Nachdenkliche, ein wenig Depressive und das hat das Buch für mich nicht gerade zum Highlight gemacht. Nichtsdestotrotz kommt der eine oder andere komische Auflockerungs-Satz ebenfalls vor, sodass das Lesen zu einer ziemlich erträglichen Angelegenheit geworden ist.

    Kommentare: 1
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    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu
    Jule89s avatar
    Hallo lieber Leser und Lovlybooker,

    ACHTUNG: In dieser Leserunde gibt es KEINE Bücher zu gewinnen. Wer also teilnehmen möchte, braucht ein eigenes Buch, egal ob geliehen oder gekauft.

    Diese Leserunde findet im Rahmen des "Diogenes Buchclub" statt, den ich auf meinem Blog "Jules Leseecke" ins Leben gerufen habe. Der Austausch funktioniert hier jedoch unkomplizierter und schneller. Und ein Einstieg ist schneller und jederzeit möglich.

    Klappentext:
    »Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.«
    Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin. Ein tragikomischer Roman über Freundschaft, das Ringen um seine Träume und über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen.

    Alle weiteren Informationen zum Buch findet ihr hier auf der Seite des Diogenes Verlags.

    Alle Teilnehmer bitte ich Spoiler stets entsprechend zu kennenzeichnen. Funktioniert bei Lovelybooks ja zum Glück recht einfach. ;)

    Die Leserunde beginnt am 01.04. und endet am 30.04. Ein Einstieg ist jederzeit möglich.

    PS.: Jeder Mitleser ist herzlich willkommen!
    schokokaramells avatar
    Letzter Beitrag von  schokokaramellvor einem Jahr
    Dazu wars ja auch nicht gedacht :P
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