STORY
Der Reporter Peter Maydell, der in der Regel über langweiliges Lokalgeschehen berichtet, erhält immer wieder außergewöhnlich gut geschriebene Reportagen des jungen Hobbyjournalisten Johannes Kielland, die er für seine Zeitung aufarbeitet und veröffentlicht. Im jüngsten Paket des Hamburgers befindet sich ein sehr persönliches Manuskript, das Maydell nach den ersten Sätzen fesselt und mit fortschreitender Lektüre zunehmend alarmiert:
Kielland berichtet darin, dass im Spätsommer 2005 auf dem kleinen Sylter „Friedhof der Heimatlosen“ erstmals seit 100 Jahren wieder eine Beerdigung stattfand. Der Leichnam des jungen Mannes, der am Strand angespült wurde, konnte nicht identifiziert werden. Daher entschloss man sich, ihn auf diesem Gottesacker, der unbekannten Schiffbrüchigen vorbehalten ist, beizusetzen. Das einzige vage Indiz zur Identität des Toten ist ein dünner Handschuh aus einem ungewöhnlichen Material an seiner linken Hand.
Nach dem Erscheinen von Kiellands Artikel in der örtlichen Zeitung meldet sich wiederholt eine Frau bei ihm, die er zunächst ignoriert, letztendlich aber doch zu einem Treffen mit ihr bereit ist. Die Frau, Helma Marie Brandt, gibt sich als Freundin des Verstorbenen zu erkennen. Sie beginnt eine Liebesbeziehung mit Kielland und erzählt ihm von ihrer Zeit mit dem verstorbenen Martin Uhlmann. Gemeinsam hatten sie ein abgelegenes Haus in der Lüneburger Heide gekauft, wo Uhlmann eines Tages im Keller den seltsamen Handschuh fand und anlegte, was zu einer merklichen Veränderung seines Wesens führte. Uhlmann wurde zu einem besessenen Handwerker, wortkarg und rau, bis er eines Tages spurlos verschwand.
Kielland hegt jedoch den Verdacht, dass Helma selbst hinter Martins Verschwinden stecken könnte, und verlässt sie. Nach einigen Tagen beschließt Kielland, Helma einen Brief zu schreiben. Bei der Suche nach ihrer Adresse erhält er die merkwürdige Auskunft, dass Helma seit einigen Monaten nicht mehr in dem beschriebenen Haus wohnt. Neugierig forscht er weiter in ihrer Vergangenheit und stößt auf verstörende Informationen.
MEINUNG
Es dürfte eine Premiere innerhalb der „Gruselkabinett“-Reihe sein, dass nicht eine klassische Schauergeschichte vertont wurde, sondern ein moderner phantastischer Kurzroman.
Die Erzählung des „Crazy“-Autors Benjamin Lebert ist mit ihren wechselnden Zeit- und Handlungsebenen recht barock konstruiert und fordert vom Hörer einiges an Aufmerksamkeit. Dabei ist lange Zeit unklar, wohin die Geschichte eigentlich steuert. Das Geschehen bleibt unvorhersehbar, doch stets interessant genug, um den Zuhörer zu fesseln.
Erst als Johannes Kiellands Nachforschungen immer unglaublichere Details über Helma Marie Brandt ans Licht bringen, schwenkt „Mitternachtsweg“ auf die Bahn einer klassischen Geistererzählung ein,. Bald muss er sogar seine eigenen Erlebnisse mit ihr hinterfragen. Beim Kreisschluss der Geschichte wird zwar stark auf den Zufall gesetzt, doch rundet dies die Erzählung auf ansprechende Weise ab.
Insgesamt muss man Autor Lebert zugestehen, dass er hier eine moderne und eigenständige Schauererzählung im Geiste der großen (Schwarz-)Romantiker geschaffen hat, die nicht selten ebenfalls eine bedachtsame Weitschweifigkeit pflegten.
Wie vom „Gruselkabinett“ gewohnt, bietet die Folge viele beeindruckende Hörspielmomente und -dialoge, wie etwa eine wunderbare, unaufgeregte Szene zwischen Eckard Dux und Cathlen Gawlich in der Zeitungsredaktion, die von den erstklassigen und hervorragend besetzten Sprecherinnen und Sprechern auf äußerst natürliche Weise dargeboten werden.
Die Umsetzung ins Hörspiel ist insgesamt großartig gelungen. Dem Titania-Team kann man neidlos zugestehen, dass es selbst nach über 100 Folgen immer wieder Neues bietet. Hier trägt beispielsweise die ungewohnte Verwendung moderner elektronischer Musik der zeitgenössischen Vorlage Rechnung.






















