Benjamin Moser

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Clarice Lispector

Clarice Lispector

 (1)
Erschienen am 13.07.2015
111 Gründe, Alba Berlin zu lieben

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 (0)
Erschienen am 01.06.2018

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Rezension zu "Clarice Lispector" von Benjamin Moser

Hommage an eine Literaturikone
alascavor 5 Jahren

Hommage an eine Literaturikone
Clarice Lispector (sprich: Clarißi, mit langem i und scharfem s), in Deutschland weitgehend unbekannt und anlässlich der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, bei der Brasilien Gastland war, vom Schöffling Verlag neu aufgelegt, ist eine Ikone der brasilianischen Literatur, ja mehr als das: Sie ist eine Nationalheldin Brasiliens. Ihr Werk entzieht sich der Einordnung; es ist sprachlich eigentümlich, sehr persönlich, schwer zugänglich. Trotzdem übt es eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann. Ihr Roman „Nahe dem wilden Herzen“ hat mich verwirrt, gefesselt, irritiert, fasziniert – und neugierig auf die Frau gemacht, die ein solches Werk geschrieben hat. So kam ich zu Benjamin Moser und seiner Biografie.

Während seiner Lesung im Literaturhaus Bonn sagte Benjamin über seine Arbeit an der Biographie: „Ich habe mich in Clarice verliebt. Je mehr ich über sie erfahren habe, umso mehr habe ich mich in sie verliebt.“ Schaut man die Fotos an, auf Cover, Vorsatzblatt und auf den 16 Bildseiten in der Mitte des Buches, dann kann man das verstehen. Schon ihr Äußeres ist außergewöhnlich, ihre schrägen Augen, ihre Eleganz, die Anmut ihrer Figur.

Um die komplexe Persönlichkeit seines Objektes zu erschließen, schlägt Moser einen weiten Bogen. Die Biographie setzt ein mit ihren Großeltern, lange vor Lispectors Geburt, vor der Wende des 20sten Jahrhunderts, in dem typischen osteuropäischen jüdischen Schtetl von Tschetschelnik und beschreibt die Umstände, die ihre Eltern zur Auswanderung nach Brasilien zwangen. Lispector wird in ein Höllenszenario aus Hunger und fortlaufenden Pogromen hineingeboren. Endlich gelingt die Ausreise, aber auch der Anfang in Brasilien ist für die Familie nicht leicht. Lispectors Vater, ein begabter Mathematiker, bleibt zeitlebens unter seinen Möglichkeiten. Ihre Mutter wurde während einem der Progrome in einer Gruppenvergewaltigung mit Syphilis angesteckt; als Kind muss Clarice hilflos mit ansehen, wie sie über Jahre hinweg daran zugrunde geht. Moser weist glaubhaft nach, dass dies ein Schlüssel zu ihrem Leben und Werk sein wird. Ebenso weiten Raum nimmt der geschichtliche und politische Kontext in Brasilien ein. Man erhält mit der Lektüre der Biographie ganz nebenbei einen Grundkurs in neuerer brasilianischer Geschichte und Literaturgeschichte, ohne die Lispectors Lebenslauf nicht verständlich würde. Ein Stammbaum der Familie Lispector verbildlicht die komplizierte Familienstruktur; Landkarten der Westukraine und Brasiliens helfen bei der geografischen Verortung. Ein etwa 80seitiger Anhang mit akribischen Quellennachweisen und Anmerkungen illustriert die Gründlichkeit, mit der der Autor zu Werke gegangen ist.

Besonders gefielen mir die Passagen, in denen Moser Lispectors Werke interpretiert. Er beweist ein beeindruckend tiefes Verständnis für Lispectors Romanwelten, die ihrem inneren Kosmos entsprochen haben müssen und bei denen es schwerfällt, sie mit ihrem „äußeren“ Leben zusammen zu bringen. Ihre Themen sind Freiheit, Transzendenz, Tod, die Mystik im Geiste Spinozas. Mosers Zuneigung zu seinem Forschungsobjekt ist bei jedem Satz fühlbar. Manchmal geraten ihm seine Formulierungen fast schwärmerisch: „“Der Held des Widerstands gegen die deutsche Besatzung musste sich in der Konfrontation mit Clarice Lispector geschlagen geben.“ Dann wieder gelingen Moser knappe Formulierungen, die ähnlich überraschend anmuten wie die von Lispector, etwa wenn er anmerkt: „Die Schweiz war weniger, als sie ertragen konnte.“ Moser tastet sich an die Befindlichkeiten einer hochintelligenten, widersprüchlichen, hypersensiblen Frau heran, indem er ihr Leben in Bezug zu ihren Texten und ihre Texte in Bezug zum Ungelebten, Ersehnten, nie Erreichten setzt.

Er greift dabei auf eine Vielzahl von Quellen zurück: Ihre Schwestern, Mitglieder des Diplomatencorps, Literaten und Journalisten Brasiliens, Freunde, Dienstboten, ihre eigenen Notizen und Briefe. Anhand dessen rekonstruiert er den Weg von der übermäßigen Angepasstheit einer Diplomatengattin („Ich versuche, zu tun, was man tun soll…, um den Preis meines inneren Gleichgewichts, das spüre ich…“) zur egozentrischen Einsiedlerin, die an sich und der Welt mehr und mehr leidet. „Sie spürte, was sie empfanden, bevor es ihnen selbst bewusst wurde“, sagt Lispectors Schwägerin Eliane über Clarice und ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen. „Alles trifft mich – ich sehe zu viel, ich höre zu viel, alles verlangt mir zu viel ab“, notierte sie selbst über sich. Ihre Landsleute, vielfach auch ihre Freunde empfanden sie als rätselhaft; Journalisten verzweifelten ob ihrer Reserviertheit.

Bringt Moser es nun fertig, das brasilianische „Monstre sacré“ zu enträtseln? Er bewirkt gleichzeitig weniger und mehr, denn die immer noch unerklärte Faszination überträgt sich auf den Leser. Moser lässt die verletzliche, furchtlose, in ihrer Besonderheit einsame Frau ahnen, die sich hinter ihrer öffentlichen Fassade verbarg und bietet einen möglichen Schlüssel zu ihrem inneren Raum an. Gleichzeitig kann man die Verwirrung, aber auch Verehrung nachfühlen, die ihre Persönlichkeit bei ihren Zeitgenossen ausgelöst hat. Mosers Begeisterung und Zuneigung für sein Forschungsobjekt wirken ansteckend; das macht sein Buch zu einer inspirierenden Lektüre. Dazu beeindruckt sein Fachwissen und die Fülle des Materials, das er zusammengetragen hat.

Mir hat die Lektüre große Lust gemacht, mich auf ein weiteres Abenteuer in Clarices Romankosmos einzulassen.

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