Benjamin Stein Die Leinwand

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Inhaltsangabe zu „Die Leinwand“ von Benjamin Stein

Literarisch brillant und packend wie ein Krimi Der Psychiater Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. In Zürich begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Das Buch wird ein Erfolg, doch beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, Minskys Text sei reine Fiktion. Zehn Jahre später wird Wechsler, einem zum Judentum konvertierten Ost-Berliner, ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll. Doch er kann sich nicht erinnern, jemals dort gewesen zu sein ...

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  • Die Leinwand von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    FabAusten

    FabAusten

    27. March 2013 um 10:23

    Die Leinwand Jan Wechsler ist in der DDR aufgewachsen und lebt nun in München, wo er als Journalist und Verleger tätig ist. Eines Tages wird ihm ein Pilotenkoffer zugestellt. Ein handgeschriebene Schild am Gepäckstück weist ihn als Besitzer aus. Doch obwohl weder der Koffer noch sein Inhalt ihm bekannt erscheinen, steht alles in Bezug zu ihm. Jan beginnt zu zweifeln. An seinen Erinnerungen, seinem Leben und seiner Identität.... Amnon Zichroni stammt aus Israel. Später geht er in die Schweiz, studiert in den USA und kehrte schließlich als Psychiater nach Zürich zurück. Er hat eine besondere Gabe. Wenn er jemanden berührt, wird er in dessen Erinnerungen hineinversetzt. Eines Tages lernt Zichroni den Geigenbauer Minsky kennen. Der überlebte als Kind zwei Konzentrationslager, verlor seine Familie und wurde von einem Schweizer Ehepaar nach Kriegsende adoptiert. Minsky schreibt ein Buch über seine Erlebnisse, doch dann taucht Jan Wechsler auf und behauptet, Minsky habe dies alles nie erlebt. ..... Das Buch besitzt zwei Cover, hinter jedem verbirgt sich ein Handlungsstrang mit einem Protagonisten. Der Leser kann entweder mit Jan Wechslers Geschichte beginnen und das Buch dann wenden oder umgekehrt. Er kann auch zwischen den Kapiteln oder sogar innerhalb von Absätzen oder Sätzen wechseln. Die Entscheidung, welchen Weg er einschlagen möchte, ist ein persönlicher und wird dem Leser konstant abverlangt. Dadurch setzt er sich auf einer zusätzlichen Ebene mit dem Roman auseinander als es in einer linear erzählten Geschichte geschehen würde. Dies wird zumindest suggeriert.... Ob sich wirklich je nach individuellem Vorgehen eine andere Lesart ergibt wie es das Vorwort impliziert, mag angezweifelt werden. Es wirkt eher wie ein Verkaufsargument für den geneigten Käufer. Jede Geschichte folgt ihrem eigenen Verlauf. Was soll es für einen maßgeblichen Unterschied machen, ob erst der eine und dann der andere Abschnitt gelesen wird oder umgekehrt? Der einzige Unterschied ist, wann der Leser Kenntnis von etwas erhält. Erhält er eine Information durch Wechslers Perspektive, die danach Zichronis Erzählung in einem anderen Licht erscheinen läßt? Oder rückt Zichroni vielleicht etwas zurecht, was Wechsler berichtet hat? Verschiedene Lesarten ergeben sich daraus noch lange nicht. Denn beide Perspektiven existieren über weite Teile recht unabhängig voneinander. Anknüpfungspunkte sind rar. Erst zum Ende hin werden die lange geahnten Verknüpfungen wirklich wahrnehmbar, relevant und vorallem interessant. Leider wird eine sehr hohe Erwartung bezüglich des selbstgewählten Leseablaufs aufgebaut. So wird ständig ein Überraschungseffekt erwartet, der nicht eintritt. Kritisch gesagt, könnte es sich um Effekthascherei handeln. Wohlwollender könnte man sagen, es ist ein Angebot an den Leser, Eigenverantwortung zu übernehmen. Eine interessante Idee ist es allemal. ..... Erinnerung und Identität sind die zentralen Themen des Romans. Beide werden in Bezug gesetzt zum Jüdischsein. Wechsler und Zichronie repräsentieren zwei mögliche Weisen, den jüdischen Glauben zu leben. Es geht um ihre jüdische Identität und insbesondere um das Leben in der Diaspora. Mit Minsky wird die Frage gestellt, inwieweit der Holocaust identitätsstiftend sein kann. Der Leser erfährt viel über die Riten und Bestandteile des Judentums. Auch ein Glossar findet sich am Ende jedes Handlungsstrangs. Die Erinnerungen eines Menschen sind maßgeblich für seine Identität. Er ist die Summe seiner Erlebnisse und wie er sie wahrnimmt und deutet, sich ihrer erinnert, bestimmt sein zukünftiges Tun. Doch Erinnerungen sind wandelbar. Keinesfalls sind es objektive sondern individuelle Wahrnehmungen. Ein Erlebnis kann in der Erinnerung verschiedener Personen ebenso viele Versionen annehmen. Das macht Erinnerungen zu einem sehr trügerischen Phänomen. Dies soll wohl auch die Idee des individuellen Lesevorgehens widerspiegeln. So viele Leser es gibt, so viele Lesarten existieren auch. Jan Wechslers Geschichte läßt an Franz Kafkas Der Prozess denken. Etwas geschieht mit ihm, wofür er keine Erklärung finden kann. Hilflos scheint er einer fremden Macht ausgeliefert zu sein. Er hat einen Roman verfasst, der seine Familiengeschichte verarbeitet. Doch es ist fraglich, ob er seine Familienhistorie nicht aus dem gebastelt hat, was der Roman beschreibt. Möglicherweise hat er seine eigenen Erinnerungen ersetzt und sich damit eine neue Identität erschaffen. Irgendwann ist der Leser nicht mehr sicher, ob Jan Wechsler die Realität wiedergibt, wenn er aus seinem Leben berichtet. Minskys falsche Erinnerungen sind zu seiner Realität geworden. Als sie ihm duch Wechsler genommen werden, ist er haltlos. Hier stellt sich die Frage, ob falsche Erinnerungen besser sind als keine. ..... Benjamin Stein stellt in Die Leinwand zweifelsohne wichtige und spannende Fragen. Diese können den Leser durchaus noch nach der Lektüre beschäftigen. Die Umsetzung ist hingegen mäßig fesselnd. Wechslers Geschichte setzt unverzüglich mit der Zustellung des Pilotenkoffers ein, so dass der Leser gleich mit der Frage geködert wird, was es damit auf sich hat. Doch Zichronis Erzählung dümpelt recht lange vor sich hin bevor etwas wirklich Interessantes angesprochen wird. Auch später gibt es immer wieder langatmige Passagen. Dadurch steht man mitunter vor der Entscheidung, ob man überhaupt weiterlesen möchte. Insgesamt bleibt das Gefühl, dass es mehrere Ebenen innerhalb des Romans gibt, die sich jedoch nur schwierig bzw. gar nicht erschließen lassen. Und so bleibt der Zweifel, ob sie nur angedeutet werden oder tatsächlich vorhanden sind. Möglicherweise erschließen sich manche Lesarten und Ebenen erst, wenn man sich besser im Judentum auskennt. Leider hat der Roman die an ihn gestellten Erwartungen, die z.B. durch den individuell zu gestaltenden Leseweg geschürt wurden, nicht erfüllen. Es geht bei einem guten Roman eben nicht nur um die formelle Gestalt und die behandelten Fragen, sondern auch um ihre ansprechende und spannende Vermittlung. Diese soll durchaus anspruchsvoll sein, sollte das Interesse des Lesers aber stetig wachhalten.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Ricardo Caeiro Pessoa

    Ricardo Caeiro Pessoa

    10. April 2012 um 16:46

    Ein Roman, zwei Geschichten – und ein Irrgarten trügerischer Erinnerungen Es bleibt ins Belieben des Lesers gestellt, von welcher Seite des Buches aus er mit der Lektüre beginnen möchte. Denn Benjamin Stein präsentiert in seinem zweiten Roman auf souveräne Weise zwei Geschichten, zwei Lebensläufe heutiger jüdischer Diaspora. Es sind die Berichte von Amnon Zichroni und Jan Wechsler, deren Fäden sich nach und nach dichter ineinander verweben. Nachdem der junge Zichroni in einer streng orthodoxen Talmudschule in Jerusalem bei der Lektüre von Oscar Wildes „Dorian Gray“ erwischt wurde, sieht sich sein Vater gezwungen, ihn in die Obhut eines guten Freundes nach Zürich zu schicken. Schon bald macht Zichroni dort die wiederholte und ungeheure Erfahrung, dass er die Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben vermag. Um diese Gabe sinnvoll einsetzen zu können, lässt er sich zum Psychoanalytiker ausbilden. Bald darauf trifft er auf den alten Geigenbauer Minsky, welchen er ermuntert, seine Erinnerungen niederzuschreiben: die Erinnerungen an dessen Kindheitskatastrophe in den NS-Vernichtungslagern von Auschwitz und Majdanek. Doch Jan Wechsler, ein aus Ostdeutschland stammender jüdisch-orthodoxer Journalist und Autor, und ebenjener Erzähler der zweiten Geschichte, wird das erfolgreiche Erinnerungsbuch Minskys als Fälschung entlarven und ihn als verstoßenes Kind Berner Eltern enttarnen. Als Folge dieses Skandals zieht sich Minsky immer mehr zurück und Zichroni verliert seine Zulassung. Auch für Wechsler bleiben diese Ereignisse nicht folgenlos. Eines Tages wird ihm ein Koffer zugestellt, der ihm auf dem Flug von Tel Aviv nach München abhanden gekommen sein soll. Er kann sich jedoch partout nicht daran erinnern, obwohl das Adressetikett eindeutig seine Handschrift trägt. Als er auch noch von den israelischen Behörden mit dem Verschwinden eines gewissen Zichroni in Verbindung gebracht wird, von dem er noch nie etwas gehört haben will, beginnt er an sich selbst zu zweifeln. Auf der Suche nach den verschütteten Bruchstücken seiner Erinnerung muss er feststellen, dass auch seine eigene Identität trügerisch ist. Stück für Stück lässt Stein seine Figuren übermalte Schichten von der Leinwand des Selbst freilegen. Indem er dabei den realen Skandalfall um den Schriftsteller Binjamin Wilkomirski (alias Bruno Dössekker) aufgreift, führt er den Leser in ein raffiniertes Vexierspiel um Identität und Erinnerung hinein. Zugleich ist „Die Leinwand“ ein leichtfüßig und farbig erzählter Roman, der eine jüdisch-orthodoxe Lebenswirklichkeit in einer nichtjüdischen Umgebung auf ernste, skurrile und komische Weise thematisiert – von den kleinen Fallstricken des Alltags bis hin zu existenziellen Fragen.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    07. February 2012 um 11:57

    Dieser Roman des in München lebenden jüdischen Schriftstellers und Verlegers Benjamin Stein ist ohne jeden Zweifel eines der herausragenden Ereignisse auf dem Buchmarkt des Jahres 2010. "Die Leinwand" ist ein Buch, das einen lange nach dem Lesen noch weiter beschäftigt, ein Buch, das nachgeht, irritiert, ein Buch das begeistert und nachdenklich macht, das Rätsel aufgibt, das den Leser in einer permanenten Spannung hält, wie die Geschichte denn nun ausgehen wird. Und dabei ist es vollkommen gleich, auf welcher Seite dieses von vorne wie von hinten lesbaren Buches man beginnt. Benjamin Steins Roman ist ein Buch über das Leben orthodoxer Juden in Deutschland, das mit etwas spielt, was in der jüdischen Tradition etwas ganz Zentrales ist, mit der Erinnerung. Das Buch hat zwei Ich-Erzähler: Amnon Zichroni und Jan Wechsler. Zunächst einmal haben die beiden gar nichts miteinander zu tun. In beiden Romanteilen wird der Leser schon bald mit rätselhaften Details konfrontiert. Das jeweilige Leben der Protagonisten wird geschildert. Zwei jüdische Biographien, wie sie unähnlicher nicht sein könnten. Amnon Zichroni, in Israel geboren und aufgewachsen, ist schon früh mit der Gabe gesegnet, die Erinnerungen anderer Menschen wahrzunehmen. Er kommt zu seinem Onkel nach Zürich, und geht mit dessen Unterstützung später nach New York, wo er seine religiöse Ausbildung fortsetzt. Dort erst erlebt er eine Welt jenseits der Thora und des Talmuds und spezialisiert sich nach einem Medizinstudium auf Psychologie und Psychiatrie und lässt sich irgendwann als Psychoanalytiker in Zürich nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermutigt, seine furchtbare und traumatische Kindheit in einem Vernichtslager der Nazis aufzuschreiben. Hier verarbeitet Benjamin Stein kongenial den authentischen Fall des Schweizer Binjamin Wilkomirksi, der von sich erzählt hatte,er habe die Vernichtungslager der Nazis überlebt, und der dann als ein Schweizer entlarvt wurde, der die Lager nur als Tourist kennen gelernt hatte. Und da ist Jan Wechsler, ein jüdischer Verleger mit ostdeutschen Wurzeln, der viele biographische Züge des Autors trägt, und als orthodoxer Jude mittlerweile in München lebt. Eines Tages erhält Jan Wechsler am Sabbat einen Koffer, der angeblich auf seiner letzten Israelreise verloren gegangen ist. Nachdem er mit Hilfe des Nachbarn, der den schabbes goj gibt, den Koffer, an den er sich nicht erinnern kann, öffnet, findet er darin ein Buch mit dem Titel "Maskerade" von einem Autor mit dem Namen Jan Wechsler. In diesem Buch wird die Darstellung eines Herrn Minsky, der als Kind die Konzentrationslager der Nazis überlebt haben will, gnadenlos auseinandergenommen und als Fälschung entlarvt. Und dann beginnt eine Handlung, die einen nicht loslässt. Man muss beide Teile wirklich bis auf den letzten Satz gelesen haben, um ein Verständnis dafür zu bekommen, was eigentlich geschehen ist. Stein entwirft mit wunderbarer Erzählkunst eine Handlung, bei der viele Dinge sich als unerheblich herausstellen. Wo kam zum Beispiel der Koffer nun genau her ? Was ist mit den Kindern und der Frau Wechslers, die ihm im Laufe des Buches abhanden kommen ? War er nun in Israel oder nicht ? Nebenher, wie selbstverständlich, erfährt man eine Menge über den jüdischen Alltag und jüdische Glaubensriten, wobei das umfangreiche Glossar zwischen den beiden Buchhälften eine wichtige Hilfestellung gibt. Stein beschreibt die Herausforderungen und den Alltag jüdischen Anderseins mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Selten habe ich einen Schriftsteller erlebt, der mit seinem eigenen Glauben so spielerisch, stellenweise poetisch umgehen kann, wie Stein. Dabei hat er dem Leser eine Unzahl philosophischer und religiöser Gedankengänge und Überlegungen präsentiert, an denen der lange zu kauen hat. Auf einen, wie ich finde, zentralen Aspekt des Buches möchte ich noch hinweisen, auch deshalb, weil ich diesen Gedanken in keiner anderen der bisher schon zahlreich veröffentlichten Rezensionen zu diesem ungewöhnlichen Buch gefunden oder beschrieben sah. In beiden Teilen begegnen sich die beiden Protagonisten am Ende in Israel an einer alten Mikwe, jenem rituellen Bad, das den gläubigen Juden nicht nur reinigt von Schuld, sondern ihn heilt. In einem Eintrag auf seinem Blog schreibt Benjamin Stein , Rilke zitierend, kurz nach der Fertigstellung seines Romans Im Juli 2009: "Wie soll ich meine Seele halten, daß sie nicht an Deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen? Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Verlorenem im Dunkel unterbringen an einer fremden stillen Stelle, die nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand? O süßes Lied. Mit Tanja Warter (Presse C. H. Beck) sprach ich am Freitag über die Inkompatibilität zwischen orthodoxem Alltag und Literatur. Sie war überrascht. Ich habe darüber noch nie gesprochen, aber mich bewegt der Gedanke schon seit geraumer Zeit. Streng genommen ist er schon präsent, seit ich die Arbeit an der 'Leinwand' begonnen habe. Es ist sicher kein Zufall, dass ich Amnon Zichroni mit 15 Jahren in das verbotene Zimmer der Eltern führe und ihn dort auf die 'unpassende Liebe', nämlich die Dichtung stoßen lasse. Nun ist Amnons Konflikt nicht einmal der, orthodox zu sein und »verbotene Bücher« zu schreiben. Der erste wesentliche Wendepunkt in seinem Leben belegt aber, wie deutlich die 'Inkompatibilität' ist. Allein diese Bücher zu lesen, wird schon als 'bitul zman' (Zeitverschwendung) betrachtet. Um wie viel größer ist die Verschwendung, wenn man nicht nur liest, sondern diese Bücher auch noch schreibt? Es sind besonders die Folgen des Schreibens und Veröffentlichens, die im Kontrast stehen zu den Forderungen der Mussar-Lehrer, Demut zu üben, das Ego zurückzudrängen, in der Gemeinschaft aufzugehen, statt als Individuum hervorzustechen durch Talente und Fähigkeiten, die nicht in direktem Torah-Zusammenhang stehen. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand? Bei der 'Leinwand' hatte und habe ich das Gefühl, Werkzeug eines Tikkuns zu sein, indem ich eine tragische Geschichte auf das menschliche Fundament zurückstelle. Auch bei 'Diamond District' gibt es ein solches Element. Aber die Vorstellung, künftig auf 'jüdische Sujets' festgelegt zu sein und bei jeder Buch-Idee die obigen Rilke-Fragen beantworten zu müssen, ist mir nicht angenehm." Ich erwarte das nächste Buch von Benjamin Stein mit großer Spannung, bin aber mit seinem letzten noch lange nicht fertig.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Claudia-Marina

    Claudia-Marina

    Rot und blau. Blau und rot. Ergibt lila. Wie bei einem Hämatom - ausgelöst durch einen heftigen Zusammenprall in der Mitte – schmerzhaft für alle Beteiligten. Ein Vermischen von Welten und Erinnerungen. Rot. Jan Wechsler ist orthodoxer Jude und schon die Annahme eines Pakets am Samstag gestaltet sich schwierig. Ein schwarzer Pilotenkoffer mit merkwürdigem Inhalt. Angeblich hat er ihn auf einer Israelreise verloren. Er kann sich nicht erinnern. Blau. Amnon Zichroni, geboren in Israel, hat eine seltene Begabung: er kann die Erinnerungen anderer Menschen nacherleben. Er studiert in den USA und lässt sich zum Psychoanalytiker ausbilden um sich schließlich in Zürich niederzulassen. Rot und blau. Zwei Lebenswege, sehr verschieden, und doch miteinander verbunden. Und nun? Wie dieses Buch rezensieren? Ich stehe vor einer Wand und komme nicht weiter. Ich muss wohl ganz von vorne anfangen. Wie dieses Buch lesen? Erst die eine und dann die andere Seite, wobei, mit welcher Seite anfangen? Würfeln, losen? Eine Münze werfen? Zahl = rot und Kopf = blau? Oder dann lieber doch nach jedem Kapitel wechseln? Schon vor dem lesen stellt mich Die Leinwand vor eine schwere Entscheidung, denn wenn ich mich jetzt für eine Art zu lesen entscheide, verpasse ich vielleicht etwas. Ich will aber nichts verpassen. Vielleicht ist die Geschichte dann eine andere, fügen sich beide Seiten zu einem völlig anderen Bild zusammen. Also gut, es hilft ja nichts, sonst halte ich das Buch in zehn Jahren noch in der Hand, es von einer Seite auf die andere drehend – ich entscheide mich dafür nach jedem Kapitel zu wechseln, also brauche ich auch zwei Lesezeichen – kein Problem, davon habe ich ja genug. Ich beginne mit rot, denn diese Seite sieht für mich eher wie die Vorderseite aus, außerdem ist hier die Signatur des Autors. „Für gewöhnlich öffnen wir am Schabbes nicht die Tür, wenn es läutet.“ Ich genieße die ruhige Sprache, die Benjamin Stein gewählt hat, von ihr geht etwas sehr beruhigendes aus. Kapitel zu Ende, Lesezeichen rein und umdrehen. „ Ich glaubte lange Zeit, ich hätte so etwas wie einen sechsten Sinn.“ Hier wird es unruhiger, aufwühlender. Aber auch hier versinke ich in die Geschichte. Kapitel zu Ende, Lesezeichen rein und umdrehen. Nach jedem Kapitel. Bis zur Konfrontation in der Mitte. Durch Die Leinwand gibt es viele Wege, und jeder ist es wert, gegangen zu werden. Es macht auch keinen Unterschied, welchen man geht, denn am Ende erwartet einen unausweichlich der Aufprall. Und der ist äußerst schmerzhaft. Rot und blau. Blau und rot. Lila. Wie ein Hämatom eben.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Birgit_M

    Birgit_M

    04. January 2011 um 21:55

    Mit einem dumpfen Klappen schlägt das Buch in meinen Händen zu. Ich sitze da und lausche meinem Atem, langsam beginnt mein Herz wieder gleichmässig zu schlagen, doch noch immer wirbeln meine Gedanken ziellos umher. Ich versuche, das gerade Gelesene zu greifen, zu rekonstruieren, zu ordnen. Langsam, ganz langsam, entwirrt sich in meinem Kopf die Geschichte, die ich soeben zu Ende gelesen habe. Begonnen hat alles mit einem Koffer, der ausgerechnet am Schabbes bei Jan Wechsler, dem Inhaber eines kleinen Literaturverlages in München, eintrifft. Und wenn sein Nachbar nicht zufällig genau in dem Augenblick vorbei gekommen wäre und den Empfang quittiert hätte, hätte er ihn nicht entgegengenommen. Es handelt sich um einen kleinen, schwarzen Pilotenkoffer, und auf dem daran befestigten Etikett sind, in seiner eigenen Handschrift, sein Name und seine Anschrift vermerkt. Trotzdem ist er sich sicher, den Koffer noch nie gesehen zu haben. Doch das ist erst der Beginn einer Reihe von merkwürdigen Tatsachen. So findet er in dem Koffer, als er ihn schliesslich nach einigem Zögern öffnet, ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“. Der Autor: kein anderer als er selbst, Jan Wechsler! Allein, er kann sich nicht erinnern, jemals ein solches Buch geschrieben zu haben. Noch viel weniger, nachdem er es gelesen hat. Zudem behauptet der Klappentext, dass er, also Jan Wechsler, in Israel geboren und aufgewachsen sei, und nicht in Ostdeutschland, wie es seinen Erinnerungen entspricht. Anfangs glaubt er an eine Verwechslung, an einen Zufall, einen anderen Autor mit seinem Namen. Der Koffer und die darin enthaltenen Gegenstände lassen ihn jedoch nicht los und er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Damit beginnt eine Suche nach diesem „anderen“ Jan Wechsler. Je mehr er ihm auf die Schliche kommt, desto weniger erkennt er sich in ihm wieder und desto mehr deutet jedoch alles darauf hin, dass es sich dabei um niemanden anderen als ihn selbst handelt. Die zweite Hauptperson dieses Buches, Amnon Zichroni, wächst in einer orthodoxen jüdischen Familie in Israel auf. Mit Jan Wechsler gemeinsam ist ihm die Liebe zu Büchern. Die Leidenschaft am Lesen verbotener „goyischer“ Bücher soll schliesslich auch Amons Lebensweg nachhaltig beeinflussen. So waren die Entdeckung des im Elternschlafzimmer befindlichen Bücherschranks und die Entwendung des „Bildnis des Dorian Gray“ der Grund, aus welchem er von seinen Eltern mit 15 Jahren zu einem Ziehonkel nach Zürich geschickt wird. Dieser Ziehonkel ermöglicht ihm eine glänzende Ausbildung, zuerst an einer Schweizer Privatschule und später an einem College und einer Universität in den Vereinigten Staaten, wo er schliesslich Medizin studiert. Zu diesem Studium bewiegt ihn ein besonderes Gespür, wie er es nennt. Und zwar ist es ihm möglich, durch die Berührung eines anderen dessen Erinnerungen und Gefühle nach zu erleben und zu empfinden. Das erste Mal macht er diese Erfahrung als ihn sein Vater wegen des entwendeten Buches zur Rede stellt. Ein zweites einschneidendes Erlebnis mit dieser empathischen Fähigkeit hat er während seiner Collegezeit, woraufhin er beschliesst, diese zielführend einzusetzen und sich als Arzt auf die Psychiatrie zu spezialisieren. Nach dem Tod seines Ziehonkels, welcher ihm sein nicht unbeträchtliches Vermögen hinterlassen hatte, vertieft er seine Ausbildung auf diesem Gebiet noch, indem er sich in der Psychoanalyse weiterbildet und gleichzeitig im Bereich der klinischen Hypnose forscht. Mit der Zeit lernt er so, mit seiner Fähigkeit umzugehen und sie in seiner Arbeit als Therapeut einzusetzen. Jahre später schliesslich macht er aufgrund eines Erbstücks seines Ziehonkels, einer alten Violine, die Bekanntschaft eines Geigenbauers namens Minsky. Jener Minsky vertraut ihm schon bald die Erinnerungen an seine Kindheitserlebnisse in den Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek, den gewaltsamen Tod seiner Eltern und die Jahre in einem polnischen Kinderheim an. Ohne am Wahrheitsgehalt dieser Schilderungen auch nur den leisesten Zweifel zu haben rät er Minsky in seiner Eigenschaft als Therapeut, seiner Erinnerungen nieder zu schreiben. Dieser folgt seinem Rat und bietet seine Aufzeichnungen anschliessend einem Verlag an, der sie auch veröffentlicht. Minskys Geschichte findet grossen Anklang und stösst auf eine anteilnehmende Zuhörerschaft. Binnen kurzer Zeit wird sein Buch ein voller Erfolg und schon bald begleitet Amnon Zichroni ihn auf verschiedene Vorträge und Buchmessen. Allerdings ruft sein Bericht auch Zweifler auf den Plan, welche den Wahrheitsgehalt seiner Geschichte in Frage stellen. Einem jungen, ehrgeizigen Journalisten gelingt es schliesslich, zu beweisen, dass die angeblichen Erinnerungen Minskys nicht der Wahrheit entsprechen und diesem die von ihm geschilderten Erlebnisse niemals selbst widerfahren sind. In einem Buch veröffentlicht er seine Rechercheergebnisse und verreisst Minskys Geschichte. Der Titel dieses Buches lautet „Maskeraden“ und sein Autor heisst Jan Wechsler! Eine Besonderheit des Buches besteht, darin, dass es in zwei Teile geteilt und von der einen Seite Jan Wechslers Geschichte und von der anderen jene von Amnon Zichroni erzählt wird, bis sich diese in der Buchmitte treffen. Dem Leser steht es frei, die Geschichten der beiden Hauptpersonen getrennt voneinander zu lesen oder nach jedem Kapitel die Erzählperspektive zu wechseln. Anstatt einer Einleitung wird dies dem Leser mit folgenden Worten erklärt: „Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman. Hinter jedem Umschlag befindet sich je ein möglicher Ausgangspunkt für das Geschehen. Es ist Ihnen oder auch dem Zufall überlassen, wo Sie zu lesen beginnen. Sie können der Erzählung bis zur Mitte des Buches folgen, es dann wenden und am anderen Ausgangspunkt weiterlesen. Um einem der Nebenpfade zu folgen, wenden Sie einfach nach jedem Kapitel das Buch und lesen Sie am anderen Strang weiter, wo Sie zuvor unterbrochen haben. Sie können sich jedoch auch Ihren ganz eigenen Weg suchen.“ Persönlich habe ich bei Jan Wechsler begonnen und anfangs nach jedem Kapitel das Buch gedreht um am anderen Handlungsstrang weiter zu lesen. Gegen Ende habe ich das allerdings aufgegeben und schliesslich zuerst die Geschichte Jan Wechslers und dann jene Amnon Zichronis fertig gelesen. Man ahnt, nein weiss, während des Lesens, dass die beiden Geschichten irgendwo zusammen führen werden, dass die beiden Hauptpersonen einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt haben. Es ist greifbar während des gesamten Buches und beständig versucht man die beiden Handlungsstränge zu entwirren und die Lösung zu erahnen. Was mir zumindest bis zum Schluss nicht gänzlich gelang. Erst die letzten Kapitel der Geschichte Amnon Zichronis enthielten die Auflösung der Geschichte der beiden Protagonisten. Es ist ein ungewöhnliches Buch, nicht nur, weil man die Möglichkeit hat, es von beiden Seiten anzufangen. Auch die Art des Autors, seine Hauptpersonen zu beschreiben und deren Geschichte(n) zu erzählen, ist einzigartig. Meisterlich, wie er es versteht, die Spannung während des gesamten Buches aufzubauen und beständig aufrecht zu erhalten, um dem Leser dann schliesslich auf den letzten Seiten eine Auflösung zu präsentieren, die ihn überrascht und staunend zurücklässt. Unzweifelhaft eines des besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe!

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Thaila

    Thaila

    09. December 2010 um 13:19

    Schon äußerlich fällt Benjamin Steins Roman Die Leinwand auf, denn es lässt sich von zwei Seiten lesen, ist sozusagen zwei Bücher in einem. Auf der ersten Seite befindet sich eine Aufforderung an den Leser selbst einen Weg durch das Buch zu finden. Öffnet man zuerst die eine Seite des Buches bekommt man es mit der Geschichte von Amnon Zichroni zu tun. Amnon Zichroni wächst in Israel als Sohn einer orthodoxen Familie auf. Als er beim Lesen eines profanen Romans erwischt wird, wird er von seinen Eltern in die Schweiz geschickt, wo er bei seinem Onkel aufwächst. Er beschließt Psychologe zu werden und betreut unter anderem den schwer traumatisierten Holocaust-Überlebenden Minsky. Beginnt man auf der anderen Seite, begegnet dem Leser Jan Wechsler. Wechsler lebt in München mit seiner Frau und zwei Kindern und arbeitet als Verleger und Autor. Seine Kindheit und Jugend hat er in der DDR verbracht und bereits dort -unter schwierigen Bedingungen - sein verschüttetes Judentum wiederentdeckt. Jetzt lebt er nach dem orthodoxen Glaubensvorstellungen, was zu einiger Schwierigkeiten führt, als er eines samstags einen Koffer geliefert bekommt, denn jedoch weil Shabbat ist nicht annehmen kann. Um den Koffer ringt sich ein Geheimnis, er selbst hat ihn angeblich in Israel aufgegeben, ohne sich daran erinnern zu können. Außerdem gibt es da noch einen anderen Jan Wechsler, der ein Buch über den angeblichen jüdischen Holocaust-Überlebenden Minsky geschrieben, und aufgedeckt, dass dieser keinesfalls im Lager und auch kein Jude war. Grundlage von Steins Roman war ein wahrer Fall, wo ein Holocaust-Überlebender der mehrfach für seine Überlebensgeschichte ausgezeichnet worden war, später der Unwahrheit überführt wurde. Anfängliche Vorwürfe, er sei ein Betrüger, konnten jedoch entkräftigt werden. Der Mann litt tatsächlich unter schweren Traumata und war von seiner Version der Geschichte zutiefsts überzeugt. Stein nutzt diesen Vorfall für eine Geschichte über Erinnerung und Identität. Beides erscheint im Roman flüchtig und trügerisch. Ein bißchen vergleichbar mit Daniel Kehlmanns Romanen ist dieses Buch] ein Versteckspiel, dass die Frage, wer wir eigentlich sind und was uns ausmacht, immer wieder von neuem aufwirft. Verbunden mit Steins sprachlicher Sichherheit und seinem oft poetischen Stil macht es Die Leinwand zu einer ebenso unterhaltsamen wie anregenden Lektüre!

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    28. November 2010 um 10:59

    Und wieder ein Buch zu dem ich mich etwas außer Stande sehe es adäquat zu rezensieren. Dennoch soll es nicht ganz untergehen. Der Hauptgrund dafür liegt darin das ich mich kaum für Religion im allgemeinen so wie für eine Bestimmte im speziellen interessiere. Aber grade dies scheint der Autor Benjamin Stein, zumindest im Ansatz, vorauszusetzen. Im Buch geht es um zwei Juden. Der eine ist Ammon Zichroni und der andere Jan Wechsler. Jeder der Beiden nimmt eine Hälfte des Buches ein und je nachdem wie man das Buch dreht kann man zuerst mit der Geschichte Wechslers (rot) oder mit der Geschichte Zichronis (blau) beginnen. Laut der Beschreibung des Umschlags zeichnet jeder der beiden Teile das Leben der beiden Männer nach um in der Mitte des Buches zusammenzutreffen. Aber gerade hier liegt schon der erste schwerwiegende Fehler. Denn die beiden Handlungsstränge treffen nicht in der Mitte zusammen. Auf Grund eines Zeitlichen Unterschiedes von mehreren Monaten münden beide Erzählungen zwar am selben Ort bleiben aber voneinander unberührt. Viel mehr noch sind die beiden Geschichten hintereinander angesiedelt und entbehren somit, zumindest aus meiner Sicht, der angestrebten Logik des Autoren. So haben auch beide Geschichten nur leidlich wenig mit einander gemein. Lediglich 3 Kapitel sind es die sich gegenseitig tangieren. Zichroni wächst bei seinem Onkel auf, studiert, wird Psychologe und trifft nur ein einziges mal auf Jan Wechsler. Diese Erzählung ist staub trocken gehalten, durchsetzt von preesoterischem gehabe, eingetaucht in den süßen Honigtopf des jüdischen Glaubens. Man darf mich hier nicht missverstehen. Benjamin Stein weiss, als praktizierender Jude, ganz genau von was er schreibt. Federleicht bringt er die Bräuche und Ansichten jüdischer Gläubiger hervor und bringt dies auch in nüchtern schlichten Sätzen aufs Papier. Das macht er durchwegs gut verlangt aber eine gewisse Kenntnis und Bereitschaft sich auch auf den Glauben einzulassen. Zwar ist dem Buch auch ein Glossar mit allen gängigen ausdrücken des jüdischen Alltags angehängt aber wer sich mit Interesse und Vorwissen, in Bezug auf das Judentum, an das Buch setzt ist klar im Vorteil. Die Geschichte um Jan Wechsler gestaltet sich hier schon etwas spannender. Eines Tages bekommt Jan, Verleger von Beruf, verheiratet und Vater von zwei Kindern, einen geheimnisvollen Koffer zugestellt. Ein Koffer der angeblich bei seiner letzten Reise von Israel nach Deutschland verloren gegangen sei. Nur das Dumme ist das Jan ganz genau weiss das dies nicht sein Koffer ist. Er glaubt sich Opfer einer Verwechslung und nimmt mit einem anderen Verleger Kontakt auf. Exakt dem Verleger des Buches das er im Koffer findet. Einem Buch das wiederum er geschrieben haben muss da klar und deutlich sein Name, Jan Wechsler, auf dem Cover steht. Und noch einmal vergewissert sich der Mann das Er Er ist und nicht ein anderer mit einem schwarzen Pilotenkoffer voll zweifelhaften Inhaltes inklusive einem Buch das zwar seinen Namen trägt er aber noch nie im Leben gesehen hat. Diese Erzählung dreht und windet sich gekonnt um die Frage der eigenen Identität aber vielleicht noch mehr um die Erkenntnis wie weit man gehen würde um die eigene Identität zu verlieren, zu verleugnen ja sogar nicht zu bemerken wie jene einem abhanden kommt. Das ganze wird interessant erzählt und auch mit Rückblenden auf Jans früheres Leben garniert. Generell ist Wechslers Teil der Geschichte der interessantere und auch jener der die meiste Hoffnung darauf macht das sich auch in Zichronis Erzählung noch etwas tut. Aber leider bleiben diese Hoffnungen unerfüllt. Zu stur Schreibt Benjamin Stein seine Geschichten von A nach B. Lässt seinen Blick nicht über den Tellerrand schweifen und veranlasst nicht nur einmal den Leser dazu sich durch das eine oder andere Kapitel zu zwingen. Generell ist es kein schlechtes Buch. Handwerklich sauber mit guten Ansatz der aber wohl von Vornherein schon zum scheitern verurteilt war. Wie oben schon gesagt bin ich wohl der Falsche um dieses Buch zu rezensieren. Menschen die das Interesse für diese Materie mitbringen werden es ganz bestimmt mit anderen Augen lesen und auch ein anderes Verständnis dafür an den Tag legen.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    30. October 2010 um 15:51

    Benjamin Stein ist ein Meister der literarischen Verstrickungen und sein Buch “Die Leinwand” ein Fabulierspiel. Das besondere an diesem Buch ist sein Aufbau – man kann das Buch von beiden Seiten beginnen. Es ist dem Leser überlassen, ob er die beiden Teile über Jan Wechsler und Amnon Zichroni nach einander oder abwechselnd liest. Mit der Zeit versteht man dann, wie die zwei Handlungsstränge miteinander verbunden sind. Beide Protagonisten suchen nach der eigenen Identität, kämpfen nicht nur mit den eigenen Erinnerungen und versuchen ihr Leben entsprechend ihrer religiösen Überzeugung zu gestalten. Beide sind Juden und beschreiben, wie wichtig die Religion in ihrem Leben ist und war, wie sich ihr Leben gestaltet, weil sie Juden sind. Zugegeben, es ist kein leichtes Buch. Denn selbst wenn “Die Leinwand” witzig und unterhaltsam geschrieben ist, so sind die Themen ernst und berühren. Ich muss gestehen, dass es mir schwer fällt, den Inhalt dieses Buches zusammen zu fassen. Es wurde auch schon so viel darüber geschrieben, das ich das hier nicht wiederholen möchte. Stein selbst schreibt einen literarischen Blog auf dem man viele Informationen zu “Die Leinwand” finden kann. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich das Buch wahnsinnig gerne gelesen habe und für eine literarische Perle halte. Ich würde mich sehr freuen, wenn Benjamin Stein weiter Bücher schreibt, die so anders, so kreativ sind. Herr Stein, danke für die Zeit mit “Die Leinwand”.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    rallus

    rallus

    27. October 2010 um 13:02

    Schon das in die Hand nehmen und anfangen zu lesen dieses Buches stellt einen vor Probleme. Wo fange ich an, wo ist überhaupt der Anfang, wird sich die Geschichte verändern je nachdem wie ich anfange? Ich habe mich entschlossen bei Jan Wechsler zu beginnen und nach jedem Kapitel zu wechseln, wie es der Name mir schon vorgibt. Nachträglich muss ich bemerken, dass wenn ich anders entschieden hätte, die Geschichte in der Tat sich für mich in ihrem Wesen verändert hätte. Schnell saugt mich dieses Buch auf. In dichten intensiven Schilderungen wird der Gedächtnisverlust und das fragwürdige Leben von Jan Wechsler beleuchtet. Er bekommt an Schabbes einen Koffer der ihm gehören soll. Er kann sich an nichts erinnern. Auf der anderen Seite wird die Leinwand von Ammon Zichroni beschrieben, der eine seltene Gabe besitzt. Er kann Erinnerungen anderer Menschen nacherleben. Bald spürt man wie die Fäden der beiden Geschichten zusammendriften um in einem offenen Ende zu münden. Selbst das Buch wehrt sich gegen einen (Ver)Schluss, der im Buch mit dem Gedicht von Rilke treffend beschriebene Panther in seinem Gefängnis, die Buchdeckel klaffen vom Lesen auseinander. Es will sich kein Käfig mehr finden. Viele mir unbekannte Wörter des jüdischen Alltags sind erklärt, mir scheint es, nachdem ich die Autobiographie des Autors las, als hätte er viele selbst erlebte Erinnerungen untergebracht. Verständlich, da es hier auch hauptsächlich um Erinnerungen und das Ringen um seine eigene Identität geht. Ein ungewöhnliches, literarisch sehr anspruchvolles, sezierendes Buch.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    rumble-bee

    rumble-bee

    16. August 2010 um 12:29

    Gibt es ein "Perpetuum Mobile"? In der Physik und Mechanik muss diese Frage bislang verneint werden. Ein Ding, das sich unausgesetzt um die eigene Achse bewegt, kann nicht sein, da sich immerzu die Frage nach dem Anfang, dem ersten Energiestoß, stellt - und die Bewegung somit nicht ewig sein könnte. Doch bislang hat noch niemand gewagt, sich diese Frage in Bezug auf literarische Werke zu stellen. Eine ungewöhnliche Fragestellung, sicher. Aber für mich ist dieser Ansatz die bislang einzige Möglichkeit, das Buch "Die Leinwand" von Benjamin Stein auch nur annähernd zu beschreiben, zu fassen, und ihm einen Rahmen zur Reflexion zu geben. Denn es geht hier, zunächst einmal abgesehen von der eigentlichen Handlung, um zwei Bücher, zwei Geschichten gleichzeitig, die an den gegenüberliegenden Enden des Buches beginnen, und in der Mitte aufeinander treffen. Man kann sich das nur schwer vorstellen, wenn man das Buch noch nie in der Hand hatte. In der Tat ist schon allein der physische Eindruck kurios. Der Geschichte um "Jan Wechsler" ist die Farbe Rot zugeordnet, sowohl oberer Seitenschnitt wie Vorsatzblatt sind auf dieser Seite Rot. Wenn man das Buch nun genau einmal dreht, sozusagen von hinten nach vorne beginnt, trifft man nicht etwa auf das Ende, sondern auf die Geschichte um "Amnon Zichroni", der die Farbe Blau zugehört. Auch sie beginnt, auf ihrer Seite der physischen Einheit "Buch", wie eine eigene Erzählung. Genau in der Mitte treffen beide Geschichten aufeinander, stehen sich auf den Kopf gestellt gegenüber. Somit hat das Buch keinen eindeutigen Anfang, und, wenn man es gelesen hat, auch kein Ende. Beide Erzählstränge enden mit der gleichen Episode, doch es bleibt für den Leser absolut unentscheidbar, wer nun "Recht" hat, oder was die "Wahrheit" ist. Ich sagte ja: ein "Perpetuum Mobile" auf literarische Art, das den Leser noch weit über die Lektüre hinaus zum Nachdenken geradezu zwingt. Genau in diesem Umstand liegt auch für mich der Wert dieses Buches, und alle weiteren Fragen, wie Inhalt, Stilmittel, und Erzählperspektive, sind dem untergeordnet. Insofern möchte ich diese auch nur kurz anreißen. Für mich ist das Buch, wie gesagt, in erster Linie ein formales und erzählerisches Experiment, und erst in zweiter Linie eine Geschichte - eigentlich ja zwei Geschichten. Wagen wir einen kleinen Überblick. Jan Wechsler und Amnon Zichroni sind beide Juden - Jan Wechsler ist Journalist und Verleger und lebt in München, Amnon Zichroni ist Psychoanalytiker und hat seinen zuletzt bekannten Wohnsitz in Israel. Jeder erzählt seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht, wobei dem Leser spätestens beim Beginn der zweiten Geschichte vom anderen Ende her klar wird, dass sich ihre Lebenswege einmal gekreuzt haben müssen. Man kann das Buch natürlich auch "abwechselnd" lesen, von Rot nach Blau wechselnd, und dann macht man diese Entdeckung entsprechend früher. Ich finde die Namen sehr gut und vieldeutig gewählt. Denn, wie man im Laufe der Geschichte merkt, Jan Wechsler hat deutliche Erinnerungslücken, er hat offensichtlich einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit, den er zu ergründen versucht. "Wechsler" ist somit ein beziehungsreicher Name für ihn! Und "Amnon zichroni" hat es ebenso in sich; die Initialen machen es deutlich: A - Z. Zwar kenne ich mich im Hebräischen nicht so weit aus, dass ich die eigentliche Bedeutung des Namens erläutern könnte, doch schon allein die Initialen sind mir bedeutungsschwanger genug. Es geht um die Frage, was ein Leben "von A bis Z" eigentlich ausmacht. Was sind Erinnerungen, was ist Verantwortung. Somit ist auch dieser name, in Verbindung mit Jan Wechsler, gut gewählt. Es sei kurz erwähnt, was den eigentlichen Anstoß für die Handlung gibt. Jan Wechsler erhält eines Tages einen Koffer zugestellt, der ihm angeblich gehören soll. Doch darin sind lauter Gegenstände, die er noch nie gesehen hat. Durch das Misstrauen seiner Frau weiter unter Zugzwang gesetzt, versucht er, das Geheimnis des Koffers zu enträtseln. Und stößt dabei ganz zuletzt auf Amnon Zichroni, der sich als Schlüssel zum Ganzen erweisen wird - genauso wie Jan Wechsler der Schlüssel für die Erzählung von Amnon Zichroni ist... Nein, mehr erzähle ich nicht. Denn dann würde man jedem Leser das Vergnügen nehmen, das dieses Buch bietet. Jeder muss für sich entscheiden, wie er diese beiden Erzählungen bewertet, und wie er sie zueinander in Beziehung setzt. Eine "Lösung" an sich gibt es nicht, und ich denke, dies ist vom Autor auch gar nicht beabsichtigt. Er will Fragen stellen und zum Nachdenken anregen, und genau dies gelingt ihm hervorragend. Ich möchte noch einige Besonderheiten erwähnen, die sich als Würze des Buches erwiesen haben. Erstens hat mich fasziniert, wie sehr der Autor dem Leser die jüdische Lebensweise nahebringt, und zwar in beiden Geschichten. Jan Wechsler hat es als Jude in München nicht leicht. Jüdische Regeln und Traditionen sind komplex, und das ist nicht immer mit einer modernen Lebensweise vereinbar. Aber auch Amnon Zichroni ging es so. Er wurde zwar in eine recht orthodoxe Familie geboren, jedoch hatte er sich als Kind heimlich Zugang zu des Vaters verbotenem Bücherschrank verschafft, flog auf, und musste ins Exil geschickt werden. Sein Lebensweg führt ihn über Amerika und die Schweiz, bevor er wieder in Israel landet. Ferner ist das ganze Buch durchsetzt mit biblischer Symbolik. Amnon Zichroni macht als Kind die Entdeckung, dass er die Gedanken und Erinnerungen anderer Menschen "sehen" kann - und zwar, als er in einen Apfel beißt! Jan Wechsler wird hingegen, meiner Meinung nach, mit der Geschichte von Hiob in Bezug gesetzt. Ihm widerfahren schwere Schicksalsschläge, dennoch wird er gerade dadurch zu seinem Glauben zurückgeführt. Beide Erzähler lieben die Literatur und die Bücher, und diese Passagen gehören mit zu den schönsten des Buches. In beiden Lebensläufen gibt es Episoden des "Untertauchens", sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Denn das Untertauchen in einer "Mikwe", einer religiös als heilsam anerkannten Quelle, ist im Judentum eine alte Tradition. Und beide Erzähler müssen mehrfach fliehen, "Untertauchen", sei es vor Anderen oder vor sich selbst. Wenn ich noch mehr erzähle, zerrede ich das Buch, und das wäre schade. Ich möchte abschließend bemerken, dass es eine durch und durch lohnende Lese-Erfahrung war, die ich aber nur solchen Lesern ans Herz legen möchte, die die entsprechende Geduld und Ausdauer sowie Forschergeist mitbringen.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    lokoschade

    lokoschade

    Klappentext: Ein Spiegelkabinett mit zwei Eingängen: Hinter beiden Buchdeckeln beginnt je eine Geschichte. Genau in der Mitte kommt es zur Konfrontation, treffen die beiden Erzähler, Amnon Zichroni und Jan Wechsler, aufeinander. Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Analytiker nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion ... Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll - doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst ... Ein faszinierender, spannender Roman über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität. Meine Meinung: Zunächst einmal hat sich mir die Frage gestellt wie, dh. in welcher Richtung ich das Buch lesen werde und ich habe mich, nach Hilfestellung hier für Jan Wechsler entschieden. Und schon mit den ersten Seiten der Geschichte Jan Wechsler wird man neugierig und will natürlich wissen was es mit einem Koffer auf sich hat, der am Schabbes abgeben wird und der einem auf den ersten Blick ja garnicht gehört. Und dessen Inhalt Jan Wechsler sehr ins Grübeln bringt. Dass der Koffer da steht versehen mit einem Adressaufkleber seiner Handschrift und wohlwissend dass er ihm nicht gehört ist an für sich noch nicht bedenklich, aber warum fürchtet er sich nahezu vor dem Inhalt. Auf der anderen Seite des Buches lesen wir dann das erste Kapitel über Amnon Zichroni, geboren in Israel, ertappt in der Jeschiwa wie er in einem verbotenen Buch (Das Bildnis des Dorian Gray) liest und daraufhin vom Vater in die Schweiz zu einem Onkel geschickt wird. Dieser Umstand zahlt sich für ihn aus, den der Onkel ermöglicht ihm das Studium an angesehenen religiösen Schulen. Mit jedem Kaptiel erfährt man mehr von den beiden Männern und trotzdem bleiben viele Fragen offen, die sich auch dann wenn man in der Mitte (wie ungewöhnlich) das Buch beeendet nicht aufgeklärt haben. Fragen nach Identitäten, nach Wahrheiten, Empfindungen tun sich auf. Ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis, das manchmal meinen Kopf zum Qualmen brachte, das ich aber dennoch nicht missen möchte.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    phoebe caulfield

    phoebe caulfield

    GENIAL!
    Auf schlingernden Wegen begegnen sich letztendlich 2 Personen, über die der Leser im Verlauf des gesamten Buches immer wieder Neues erfährt. Und auch sie selbst stellen ihre Identitäten mehrmals in Frage.
    Spannende Lebensgeschichten durchwoben mit Fragen des jüdisch-orthodoxen Glaubens - nie hätte ich gedacht, dass mich dieses Buch so fesseln würde.

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    22. July 2010 um 13:06

    Zwei Welten prallen aufeinander Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Eine Berührung und er erlebt etwas aus der Vergangenheit einer anderen Person. Er wurde in Jerusalem geboren, wuchs jedoch in der Schweiz auf und studierte in den USA. Und in der Schweiz, der Heimat der Psychoanalyse, lässt er sich zum Psychoanalytiker ausbilden. Durch Zufall trifft er auf den Geigenbauer Minsky, der seine Kindheit in einem KZ-Lager verbringen musste. Eines Nachmittags überzeugt Zichroni Minsky davon, seine traumatischen Erlebnisse im KZ-Lager in einem Buch zu verarbeiten. Und nach dem Erscheinen von Minsky's Buch, findet der Journalist Jan Wechsler heraus, dass Minsky's Erlebnisse rein fiktiv sind und stellt damit Minsky und Zichroni an den Pranger. Zehn Jahre später wird Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, den er vorher noch nie gesehen hat. Im Koffer findet er einige Bücher, darunter auch das Buch „Maskeraden“ findet. Auf dem Cover des Buchs steht, dass er es selbst geschrieben hat. Thema des Buchs ist die Enthüllung Minsky's Geschichte, nämlich das sie ausgedacht ist. Doch Wechsler kann sich nicht daran erinnern, dass er das Buch geschrieben hat. Er sucht nach den fehlenden Erinnerungen und begibt sich auf eine Reise und besucht Israel. Dort erfährt er, dass er schon einmal in Israel war, und dass sein ehemaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, seit dem spurlos verschwunden ist. Benjamin Stein hat die Geschichte in zwei Bücher unterteilt, in zwei Seiten. Die eine Seite, nämlich die von Amnon Zichroni, hat mir unheimlich gut gefallen – von Anfang an hat mich die Geschichte verzückt und verzaubert. Ich war begeistert von Zichroni's Geschichte und habe sie verfolgt wie kaum etwas. Dagegen fand ich die Geschichte von Wechsler weniger gut. Natürlich war sie interessant, aber ich hatte Probleme mit dem Einstieg und als ich dann drin war, konnte ich die Geschichte einfach nicht mit voller Konzentration verfolgen. Doch trotzdem, insgesamt, hat mich dieses Buch sehr überzeugt! Der Schreibstil des Autors ist wunderbar und Stein bedient sich einer tollen und mitreißenden Sprache, die mich begeistert hat. Ich kann dieses Buch empfehlen – und hoffe, dass jeder zukünftige Leser sich besser in Wechsler's Geschichte zurecht findet. Erstveröffentlichung: http://literaturecosmos.wordpress.com/

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  • Frage zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Karin1970

    Karin1970

    Hallo ihr lieben Buchbegeisterten, mich würde mal interessieren wer von euch schon "Die Leinwand" von B. Stein gelesen hat. Und ob ihr einen Tip habt, wie ich es am besten lese. Rot? Oder doch Blau zuerst? Vielleicht aber doch eher abwechselnd? Wie habt ihr das Lesen empfunden? Liebe Grüße an euch

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  • Rezension zu "Die Leinwand" von Benjamin Stein

    Die Leinwand
    Mr. Rail

    Mr. Rail

    30. April 2010 um 14:52

    Rezension - "Die Leinwand" von Binea und Mr. Rail *** Mr. Rail: *** Die Leinwand von Benjamin Stein zu lesen ist mehr als eine Herausforderung aber auch Vergnügen zugleich. Ein Buch beginne ich normalerweise Vorne! Dieses Vorne ist bei Büchern gar nicht so schwer zu finden. Und ich beende es eigentlich auf der letzten Seite. Eine einfache Übung. Sollte man denken. Diese etablierte Vorgehensweise ist bei der „Leinwand“ nicht möglich, hat das Buch doch zwei unterschiedliche Frontseiten und damit auch verschiedene Lesewege, die zum Ende in der eigentlichen Mitte führen. Ich entschied mich schnell für meinen Weg. Ein Einstieg im „Jan Wechsler“ Teil und ein schnurgerades Befolgen dieses Weges - das sollte meine Richtung werden. Unterstützt wurde ich von Binea, die das „Pferd“ andersrum aufzäumte, damit wir gleichzeitig lesend doch von unterschiedlichen Erfahrungen berichten konnten. Jan Wechsler, orthodoxer Jude in München, erhält eines Tages einen Pilotenkoffer mit einem Inhalt der ihm nicht das Geringste zu sagen scheint. Ein Paar weiße Handschuhe Einige Bücher Eine Sammlung von Zeitungsausschnitten Ein Schmuckkästchen mit einem wertvollen Edelstein Eine medizinische Fallstudie Rituelle jüdische Kleidungsstücke Der Kurier bedauerte, dass es so lange gedauert habe, bis der Koffer seinen Besitzer schließlich, nachdem er auf einer Rückreise von Israel nach Deutschland verloren gegangen war, wieder gefunden hatte. Nur - Jan Wechsler war in letzter Zeit nicht in Israel gewesen, seine einzige Reise dorthin liegt mehr als zehn Jahre zurück, und er hatte niemals einen solchen Koffer verloren. Die Sichtung des Inhaltes lässt ihn aufschrecken. Neben dem Kofferanhänger mit seiner Adresse und in seiner Handschrift geschrieben findet sich auch ein Buch mit dem Titel Maskerade von Jan Wechsler. Dabei hat er nie ein Buch geschrieben. Maskerade handelt von der Enthüllung eines Betrugsfalles in dem ein gewisser Minsky angegeben hatte, als Opfer die Konzentrationslager Nazi-Deutschlands überlebt zu haben. Jener Jan Wechsel konnte das widerlegen und zerstörte damit die schriftstellerische Karriere Minskys. Aber Jan Wechsler kennt keinen Minsky. Was soll dies alles - was passiert gerade - diese zentrale Frage treibt Jan Wechsler um, als er sich entscheidet dem Verlag zu schreiben, der Maskerade herausgegeben hatte. Die Antwort ist beunruhigend, denn der Verleger bittet Jan in alter Verbundenheit, doch keine Späße mit ihm zu veranstalten, sondern auf dem Boden zu bleiben. Ist Jan Wechsler wirklich Jan Wechsler - warum erinnert er sich nicht an sein eigenes Buch - diese Frage beschäftigte mich eindringlich. Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche, reisen spontan nach Israel und ich erlebe, wie Jan Wechsler festgenommen und verhört wird. Hierbei geht es auch um den Verfasser der medizinischen Fallstudie, einen gewissen Amnon Zichroni, der nach einem Einbruch vor kurzer Zeit als vermisst gilt. Und als Binea mir im Telefonat erzählte, dass sie auf dem anderen Weg durchs Buch erfahren hatte, wer den Koffer an Jan Wechsler geschickt hat, da war ich endgültig gepackt - gebannt und getrieben durch das Labyrinth einer einzigartigen Geschichte um Identität und deren schmerzhaften Verlust. Und mich beschäftigte die Frage, warum Binea sprachlos war, als ich erzählte, dass ich mit der medizinischen Fallstudie Zichronis noch nichts anzufangen wisse. Nicht nur Jan Wechsler suchte - auch Rail und Binea. Ein einzigartiges Buch - ein Erlebnis und wir haben gefunden wonach wir suchten. „Und angesichts eines solchen Beweises bleibt dann von meinen Erinnerungen nicht viel mehr als ein literarischer Irrtum.“ *** BINEA: *** Wie liest man die Leinwand? Wo ist vorne? Wo ist hinten? Gute Frage. Als Benjamin Stein meine Leinwand signierte, kamen diese Fragen auf. Selbst er meinte, ja wo ist denn vorn? Letztendlich ist für mich selbst die Frage auch nicht geklärt und somit habe ich beide Seiten signieren lassen. Für mich ist die Leinwand kein normales Buch, eher ein Projekt, eher ein gemeinsames Hineinfühlen und Reinleben in zwei verschiedene Personen. Die absolute Leseerfüllung, zu zweit dieses Buch lesen und von verschiedenen Seiten beginnen. Also ich für meinen Teil begann mit der Geschichte des Amnon Zichroni und ließ mich darin gleich zu Beginn fallen. Nach den ersten Seiten Lesevergnügen war ich dennoch versucht, nach Gesprächen mit meinem Lesepartner, jetzt und sofort in die Geschichte des Jan Wechsler einzusteigen. Ich wollte auch wissen, wie er gerade lebt und denkt, wer er ist, gleichzeitig aber auch Seite an Seite die ersten Lebensschritte mit Zichroni gehen. Wo steckt der tiefe Sinn des Buches, was haben der schwarze Pilotenkoffer auf der einen, was die weißen Handschuhe auf der anderen Seite zu bedeuten? Dennoch kam für mich ein Springen zwischen den Kapiteln, zwischen den Leben der beiden Protagonisten nicht in Frage, ich wollte jeden Lebensweg einzeln gehen und nach und nach die Verbindungen erfühlen und mich jeweils mit dem Einen dem Anderen entgegen treiben lassen. Wer sind wir, was sagen unsere Erinnerungen aus und was können diese bezwecken? „Mit jedem Erinnern formen wir um, filtern, trennen und verbinden, fügen hinzu, sparen aus und ersetzen so im Laufe der Zeit das Ursprüngliche nach und nach durch die Erinnerung an die Erinnerung. Wer wollte da noch sagen, was einmal wirklich geschehen ist?“ Amnon Zichroni ist in Meah Shearim, Yerushalayim, geboren und hat in seinen jungen Jahren eine im wahrsten Sinne des Wortes, Schlüsselszene mit seinem Vater. Daraufhin wird er zu seinem Onkel Nathan Bollag nach Zürich in die Schweiz geschickt. Nicht der wirkliche Onkel ist es, sondern ein Steinschleifer und Juweliergeschäftbesitzer, bei dem Amnon nun fortan wohnte und dort die jüdische Jungen-Schule besuchte. Für ihn blieb kaum Zeit für Träume, sein Leben war oft lückenlos verplant. Sein weiterer Lebensweg verschlug ihn nach Pekesville, Baltimore, wo er Medizin studierte und ihm vor allem auf der psychologischen Ebene seine Begabung viel weiterhalf. Der Verknüpfungspunkt, die Verbindungsfigur zwischen den beiden Hauptprotagonisten, ist der jüdische Geigenbauer Minsky. Amnon Zichroni nimmt sich seiner an und arbeitet Schritt für Schritt Minskys Vergangenheit auf und animiert ihn zum Niederschreiben seiner Vergangenheit. Diese Erinnerungen Minskys lebt Zichroni teilweise mit, er spürt hautnah die Kindheit in der Nazizeit und in den Vernichtungslagern. Das Buch wird bekannt, ist in aller Munde und erste Preise sind gewonnen. Genau an diesem Punkt wendet sich das Blatt. Denn ein Journalist namens Jan Wechsler tritt auf die Bühne des Lebens und behauptet, das Buch sei frei erfunden. „Geduld, sagte er, sei auch eine der Übungen auf dem Weg der Frommen. Denn Ungeduld rühre immer von einem Ego her, das sich wichtiger nimmt als die Aufgabe, die ihm zugedacht ist.“ „Was ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“ Benjamin Stein gibt dem Leser tiefe Einblicke in die jüdische Kultur, in das Leben mit seinen Sitten, Bräuchen und Gewohnheiten. Er zeigt viele Facetten im damaligen wie auch im heutigen jüdischen Leben auf und bringt diese dem Leser durch den kontrastreichen Wechsel von humorvollem Schreibstil und ernsteren Themenhintergründen nahe. Mit dieser Leinwand werden viele Fragen aufgerufen, denen sich der Leser stellen muss und welche er nach diesen beiden Büchern weiterhin in sich trägt und ständig darüber nachdenken muss. Das Glossar im Anhang klärt viele Begriffe auf, dennoch enthalten beide Geschichten viele Fragen und diffizile Situationen, die nicht von jetzt auf gleich entwirrt werden können. Die weißen Handschuhe und der schwarze Pilotenkoffer tragen dazu wohl den größten Teil bei. Amnon Zichroni und Jan Wechsler sind für mich teils vergleichbar mit den Bewohnern auf dem Nordpol und auf dem Südpol. Der Pol ist die Gemeinsamkeit, dennoch ist ein Rollentausch oder die richtige Begegnung auf vorbeischwimmenden Schollen nicht möglich. Oder doch?

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