Wegen des Umfangs meiner Buchvorstellung setze ich mein Fazit an den Anfang. Immerhin betrachte ich eine fünfteilige Ausgabe mit einem Umfang von über 430 Seiten. Für die Schnellleser und jene, die nur kurz hier verweilen möchten, kommt also hier meine Quintessenz zu dieser opulenten Reihe.
Fazit
Die Graphic Novel „Gung Ho“ überzeugt vor allem durch eine gelungene Verbindung aus Coming-of-Age-Erzählung, Gesellschaftskritik und postapokalyptischem Szenario. Zwar bleiben einige Hintergründe zur Welt und den Raubtieren bewusst im Dunkeln, dafür stehen die zwischenmenschlichen Konflikte, die Entwicklung der Figuren und die Frage nach Menschlichkeit in Krisenzeiten umso stärker im Mittelpunkt. Zusammen mit Thomas von Kummants beeindruckender, kontrastreich inszenierter Bildsprache entsteht eine ebenso spannende wie nachdenklich stimmende Geschichte, die weit mehr ist als eine klassische Monster-Dystopie.
Nun zur ausführlichen Version
Gung Ho ist eine fünfbändige postapokalyptische Graphic Novel Reihe vom Autor Benjamin von Eckartsberg und Zeichner Thomas von Kummant, die nun als Gesamtausgabe veröffentlicht wird. Ganz zu Beginn wird zwar erläutert, was es mit dem Begriff Gung Ho auf sich hat, einen Bezug zur Geschichte habe ich allerdings nicht entdecken können, aber das ist auch zweitrangig.
Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Dystopie, in der Europa von einer Raubtierspezies verwüstet wurde und die Menschheit sich in befestigte Siedlungen und Städte zurückziehen musste. Woher diese neue Spezies gekommen ist und weshalb die Menschheit ihr derart machtlos gegenübersteht, wird nicht erklärt. Ein ehrlich gesagt für mich unbefriedigender Umstand. Es wurden also die Rahmenbedingungen geschaffen, dass die Menschen sich hinter hohen Mauern verschanzen müssen, um sich gegen die Raubtiere zu wehren. Dabei werden kleinere Siedlungen von den Städten versorgt. Innerhalb der jeweiligen Gemeinschaften herrschen strenge Regeln, was das eigentliche Grundgerüst für die Geschichte ist.
Diese handelt von den verwaisten Brüdern Zack und Archer Goodwoody, die wegen ihres problematischen Verhaltens aus einem Waisenhaus in die Grenzsiedlung Fort Apache geschickt wurden. Dort erhalten sie eine letzte Chance, sich zu bewähren, bevor sie andernfalls außerhalb der Mauern verbannt werden, was praktisch einem Todesurteil gleichkommt.
Die Brüder sind denkbar unterschiedlich, denn während Zack versucht, sich anzupassen und seinen Platz in der Gemeinschaft zu finden, lehnt sich der rebellische Archer gegenüber Autoritäten auf und lehnt Regeln kategorisch ab. Seine Konflikte mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen lösen eine Kette von Ereignissen aus, die das Gefüge der Gemeinschaft innerhalb der Siedlung in Frage stellen und destabilisieren. Als Folge davon wachsen Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen und es kommt vermehrt Korruption und Machtmissbrauch ans Licht, während die ständige Bedrohung durch die Raubtiere jede Entscheidung verschärft.
Schon im ersten Band bzw. ersten Teil der Gesamtausgabe wird deutlich, dass der Coming-of-Age-Aspekt eine wesentliche Rolle einnehmen wird. Bevor der Leser überhaupt erfährt, wovon überhaupt eine Gefahr ausgeht, wird er mit den jugendlichen Bewohnern der Siedlung konfrontiert. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass es sich weniger um eine Erzählung handelt, in der sich die Menschheit gegenüber Monstern behaupten muss, sondern um eine Coming-of-Age-Geschichte, in der die Entwicklung Jugendlicher innerhalb sehr starrer Grenzen im Vordergrund steht, die sich unsterblich fühlen und bei denen die Hormone und Gefühle durchgehen. Aber auch die Gemeinschaft zeigt zunehmend, wie korrupt sie ist und wie Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und sexuelle Ausbeutung einen langen Schatten werfen.
Innerhalb der Reihe tauchen die essentiellen Fragen auf. Wie menschlich bleiben unsere Gesellschaften in Extremsituationen? Wie gehen sie mit Generationskonflikten um? Während die Erwachsenen um Sicherheit und Ordnung bemüht sind, strebt das Jungvolk nach Freiheit und Selbstverwirklichung und lehnt sich zunehmend gegen Autoritäten auf.
Ein besonderes Augenmerk gilt der visuellen Umsetzung von Thomas von Kummant. Ich lese zwar eine Dystopie, erhalte aber ein farbenfrohes und freundlich gestaltetes Szenario, das überhaupt nicht nach Endzeitstimmung ausschaut, sondern nach Sommerfrische und jugendlicher Unbeschwertheit. Dadurch entsteht ein starker Kontrast zur permanenten Gefahr, die im Hintergrund lauert und den durchaus blutigen Szenen, wenn die Raubtiere angreifen und eliminiert werden. Die Erde und ihre Natur sind weiterhin wunderschön, aber dennoch tödlicher als nie zuvor.























