Panikherz

von Benjamin von Stuckrad-Barre 
4,0 Sterne bei69 Bewertungen
Panikherz
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Positiv (47):
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Sex, Drugs und Udo Lindenberg! Rasante, lustige Autobiografie.

Kritisch (8):
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Viel Lärm um nichts, der Shakespeare der neuen deutschen Literatur konnte wieder nicht überzeugen.

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Inhaltsangabe zu "Panikherz"

Abschied von der Nacht: Benjamin von Stuckrad-Barres Comeback.
Er wollte genau da rein: zu den Helden, in die rauschhaften Nächte – dahin, wo die Musik spielt. Erst hinter und dann auf die Bühne. Unglaublich schnell kam er an, stürzte sich hinein und ging darin fast verloren. Udo Lindenbergs rebellische Märchenlieder prägten und verführten ihn, doch Udo selbst wird Freund und später Retter. Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt eine Geschichte, wie man sie sich nicht ausdenken kann: Er wollte den Rockstar-Taumel und das Rockstar-Leben, bekam beides und folgerichtig auch den Rockstar-Absturz. Früher Ruhm, Realitätsverlust, Drogenabhängigkeit. Und nun eine Selbstfindung am dafür unwahrscheinlichsten Ort – im mythenumrankten 'Chateau Marmont' in Hollywood, in das ihn Udo führte. Was als Rückzug und Klausur geplant war, erweist sich als Rückkehr ins Schreiben und in ein Leben als Roman. Drumherum tobt der Rausch, der Erzähler bleibt diesmal nüchtern. Schreibend erinnert er sich an seine Träume und Helden – und trifft viele von ihnen wieder. Mit Bret Easton Ellis inspiziert er einen Duschvorhang, er begegnet Westernhagen beim Arzt und Courtney Love in der Raucherecke und geht mit Thomas Gottschalk zum Konzert von Brian Wilson. Andere sind tot und werden doch gegenwärtig, Kurt Cobain, Helmut Dietl.

Stuckrad-Barre erzählt mit seiner eigenen Geschichte zugleich die Geschichte der Popkultur der letzten 20 Jahre. 'Panikherz' ist eine Reise in die Nacht, eine Suche nach Wahrheit, eine Rückkehr aus dem Nebel.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783462048858
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:576 Seiten
Verlag:Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum:10.03.2016
Das aktuelle Hörbuch ist am 10.03.2016 bei tacheles! / Roof Music erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    ninaliestvor 7 Monaten
    Noch während des Lesens habe ich mir seine anderen Werke bestellt

    Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, dass ich jetzt erst auf den Autor mit dem außergewöhnlichen Namen aufmerksam wurde. (Spoileralarm: Noch während des Lesens von "Panikherz" habe ich mir seine restlichen Bücher bestellt)

    In "Panikherz" erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre seine Geschichte. Es  beginnt in seiner Jugend, in der ihn vor allem die Platten von Udo Lindenberg gerettet haben, denn seine Vater war Pastor und diese Tatsache verhilft einem Jugendlichen nicht zu Coolness. Das Käsebrot, was er in Butterbrotpapier von daheim als Pausenbrot mitbekommen hat, verhilft ihm auch nicht zu Ansehen bei den Kids, die Milchschnitten und Geld für den Bäcker dabei haben. Nach der Schulzeit flieht er in die Satd seiner Träume: Hamburg. Dort sammelt er, mehr oder weniger erfolgreich, Berufserfahrungen im Verlag und in der Musikbranche. Trotzdem ergeben sich immer wieder super Jobmöglichkeiten für ihn. Allerdings treibt ihn sein Wahn, immer dünner zu werden in die Magersucht. Um das Hungergefühl zu unterdrücken nimmt er Kokain. Hautnah liest man, wie er nach und nach aus einer Magersucht in die Drogensucht rutscht. Er probiert mehrere Therapien und landet letztendlich in Hollywood, wo er beginnt diese Autobiografie zu schreiben.

    Völlig unaufgeregt und trocken beschreibt er seine Begegnungen mit allen nur erdenkbaren Berühmtheiten. Dieses Buch ist durchweg ehrlich und unendlich amüsant. Von Stuckrad-Barre kann Menschen so wunderbar witzig und genau richtig beschreiben. Besonders macht seinen Schreibstil, dass er alle wichtigen Wört GROSS schreibt und für jede Lebenslage ein passendes Udo-Zitat vorhanden ist.

    Es macht großen Spaß Benjamin von Stuckrad-Barre zu lesen!

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    Tintenschoenvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Sex, Drugs und Udo Lindenberg! Rasante, lustige Autobiografie.
    Tolle Autobiografie!

    Sex, Drugs and Udo Lindenberg: PANIKHERZ von Benjamin von Stuckrad-Barre 🍸💓 —————————————— Ein Buch wie ein guter Gin Tonic - man möchte es sich am liebsten in einem Zug „reinziehen“. Das autobiografische Werk ist rasant, zuweilen beklemmend, sehr lustig und vor allem schockierend ehrlich. Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt von seinem Leben in der Musikszene, zwischen Rausch und Essstörung, aber auch von Freundschaft, Liebe und Selbstfindung. Sehr lesenswert!

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    Aliknechts avatar
    Aliknechtvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Beschreibung der tiefen Liebe zu einer Musik vermischt mit angeberischem Bericht über einen Weg an den Rand des Abgrunds.
    Wilder Musik- und Drogen-Cowboy

    Von Udo Lindenberg wurde er angeblich Stuckrad-Knarre genannt  und hat als wilder Musik- und Drogen-Cowboy lange Zeit mit überhöhter Geschwindigkeit gelebt. Er wäre wohl direkt in die Hölle eingefahren, hätten sie ihn am Ende nicht fast gegen seinen Willen gerettet. Seine Geschichte beginnt mit der frühen großen Liebe zu den Liedern Udo Lindenbergs. Der Pastorensohn besucht das Gymnasium in Göttingen und ordnet sich dort bei der Zeitschrift » Nighlife « in die Hierarchie der Coolen zunächst  ganz unten ein. Er klebt Plakate, schreibt Rezensionen und organisiert lokale Events. Musik und Literatur werden sein Leben.

    Nach dem Abitur zieht es ihn nach Hamburg. Er arbeitet bei der taz und beim Rolling Stone, lernt "Leute" kennen und konsumiert Alkohol und Kokain. Er hat Erfolg in den Medien und mit seinen Veröffentlichungen. Später lebt und arbeitet er in Berlin und in Zürich, rutscht immer weiter ab. Er leidet unter Essstörungen. Die größeren Erfolge liegen schon lange zurück. Schliesslich durchläuft er mehrfach Entzugs-Kliniken und scheitert immer wieder. Es geht weiter abwärts. Udo Lindenberg, inzwischen sein Freund, nimmt ihn mit nach Californien und Stuckrad-Barre beginnt wieder zu schreiben. Aber letztlich retten ihn seine braven, bürgerlichen Brüder, ein Arzt und ein Pastor, wie der Vater, und er "wusste plötzlich wieder,  wo ich herkomme, und wo ich, wenn gar nichts mehr ginge und niemand mehr mich aushielte, immer würde hinkönnen: nach Hause,  zu meiner Familie" (S. 440). 
     
    Benjamin Stuckrad-Barre berichtet großmäulig und angeberisch über ein oberflächliches und egozentrisches Leben. Er lässt eine lange Liste Prominenter aufmarschieren, mit denen er im Laufe seines aufregenden Lebens in engerem oder weiteren Kontakt stand. Die Bedeutung, die er diesen Berührungen zumisst, steht allerdings in lebhaftem Kontrast zum völligen Scheitern eines Lebenskonzepts, das im wesentlichen nur auf diesen losen Beziehungen beruht. Seine Sprache ist einfallsreich, witzig, offen und direkt, manchmal frech. Er kann präzise beschreiben und pfiffig und knallhart analysieren. Wenn die Dekadenz den Leser nicht zu sehr stört, macht es Spaß das Buch zu lesen.  
     
    Richtig gut an Panikherz ist die durchgängige Beschreibung der Liebe zur Musik. Sie ist am konkreten Objekt meist nur schwer vermittelbar, weil ein anderer eine spezielle Vorliebe weniger oder gar nicht teilt. Die konkrete Beschreibung der Eigenschaften und Momente, die eine Musik für einen Hörer großartig machen, kann deshalb oft nicht nachgefühlt werden. Benjamin Stuckrad-Barre schafft es, das tiefe Musikerlebnis und die Begeisterung auch für einen Leser spürbar zu machen, der Udo Lindenbergs Musik nicht mag. Anhänger von Blues oder von Schubert-Liedern empfinden wohl ähnlich berührende Gefühle, die aber einer völlig anderen Musik entspringen. Bei Jugendlichen kommt es oft zu tiefen Prägungen durch Musik. Unter Gleichaltrigen entwickelt sich fanatische Begeisterung für bestimmte Musikrichtungen, die Jüngere oder Ältere überhaupt nicht nachvollziehen können. Diese Vorlieben können ein Leben lang erhalten bleiben. Menschen in hohem Alter bekommen immer noch eine Gänsehaut bei einem bestimmten Song von Udo Lindenberg, der viele andere kalt lässt, die aber Erlebnisse dieser Art mit anderer Musik kennen. Musikempfindung und -Prägung in Sprache zu fassen ist Stuckrad-Knarre wirklich gelungen. 

    Ausgabe:  Benjamin von Stuckrad-Barre Panikherz
    Kiepenheuer & Witsch Köln 2016 Erstausgabe  ( gelesen März 2016)

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    JuLe_81vor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein großartiges Buch! Enthält so vieles und hat mich bereichert.
    Was für ein Buch!

    Ich habe lange nichts mehr von Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen – irgendwie hatte ich ihn aus den Augen verloren. Und das, obwohl ich viele Jahre seine Bücher gelesen und geliebt habe. „Panikherz“ musste es dann mal wieder sein. Ich war begeistert und bereue jetzt meine Stucki-Abstinenz.
    Zum Inhalt muss nicht viel gesagt werden, der ist bekannt.
    Bei dem Buch ging es mir wie bei einem richtig guten Song: man beginnt ihn zu hören (oder das Buch zu lesen) und plötzlich ist man mittendrin und völlig gebannt, gefesselt, mitgerissen. Ich fand zunächst mal alles darin, was ich von Stuckrad-Barre kenne: lustige Szenen, Tempo, und Formulierungen zum Niederknien, die eine Situation hundertprozentig beschreiben und in meinem Kopf entstehen lassen. Außerdem wirkte das Ganze sehr ehrlich auf mich, in vielen Momenten habe ich mitgelitten, gezweifelt und mich ständig gefragt, wie er aus dem tiefen Loch wieder heraus kommen kann… Stellenweise waren die Szenen wirklich heftig und für mich kaum zu ertragen, z.B., wie er in einer Wohnung ohne Lampen umherwandert oder kaum noch aufstehen kann. Auch die Bulimie-Schilderungen waren schlimm für mich. Auf solche Szenen folgte aber früher oder später immer ein Lichtblick oder wenigstens ein Zeitwechsel ins „heute“, so dass ich auch die schwierigen Passagen ganz gut lesen konnte.
    Am meisten begeistern mich die beiden herausragenden Talente von Benjamin von Stuckrad-Barre: einerseits seine hervorragende Beobachtungsgabe und andererseits die Fähigkeit, diese Beobachtungen so auf den Punkt beschreiben zu können. Das macht für mich einen guten Schriftsteller aus!
    Gefallen haben mir außerdem die vielen Songtext-Schnipsel und Andeutungen zu unglaublich vielen Themen, Autoren… Vieles davon hat mich auch geprägt, anderes war mit neu und ich war ständig damit beschäftigt, diesen oder jenen Song zu hören oder nachzusehen, was eigentlich aus … geworden ist.
    Fazit: Ein großes Buch von einem großen Autor, Danke dafür, lieber Benjamin!

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    Bris avatar
    Brivor 2 Jahren
    Musik für schwere Zeiten

    Auf ein Wort vorab: Dies ist keine Buchbesprechung im üblichen Sinne, zumindest empfinde ich es nicht so. Was genau es ist, kann ich auch nicht sagen. Aber holistisch gesehen hat das hier sicher einen Grund.

    Literatur und Musik sind die beiden Spielfelder meines Lebens, die ich am liebsten betrete. Häufig verschmelzen sie zu einem, wenn Musikstücke meine Lektüre begleiten. Soundtracks bilden zu dem, was während des Lesens in meinem Kopf- und Gefühlskino passiert. Manchmal ist ein bestimmter Song, der die Atmosphäre des aktuellen Buches über die Sprache, den Stil vertont – wie zum Beispiel Cold Waters (von Jesper Munk) im Falle der Zwei Schwestern von Dorothy Baker. Ab und an gibt es einen kompletten Soundtrack, der mir teils von den Autoren als untermalender Klangteppich ausgelegt wird – die Playlist, die für Nickolas Butlers großartigen Roman Shotgun Lovesongs quasi mit dem Buch geliefert wurde – , teils die Autoren selbst beim Verfassen des Werkes begleitet und inspiriert hat. Last but not least sind da noch die Bücher von Musikern, über Musiker, autobiographisch, biographisch oder fiktional, die dann auch immer dazu führen, dass ich mich mit der entsprechenden Musik beschäftige und somit meinen Horizont häufig nachhaltig und sehr zuverlässig weite.

    2016 erschienen kurz nacheinander ein Album, das ich nicht mehr erwartet hatte und ein Buch, das mich ehrlich gesagt auf den ersten Blick eher kalt ließ. Das Album Härter als die Zeit von Udo Lindenberg, in seinem 70. Lebensjahr acht Jahre nach der letzten Scheibe, war eine Überraschung. Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre wurde in der literarischen Szene mit großer Ungeduld erwartet – hatte der Popliterat doch schon lange nichts mehr von sich hören lassen, obwohl sehr jung sehr erfolgreich und hochgejubelt.

    Eigentlich wollte auch Stuckrad-Barre Rockmusiker werden – wie sein großes Idol Udo Lindenberg, den er im zarten Alter von 12 Jahren entdeckte. Doch aus dem Wunschberuf wurde nichts, so fing er an über die Musikszene zu schreiben und auf MTV Central eine eigene Literatursendung zu moderieren. Da war sie wieder die Verbindung von Musik und Literatur, die offensichtlich nicht selten ist. Eigene Bücher schlugen ein, selbstbewusst reklamierte er einen Platz in der Literatur für sich und sah die Zukunft dieser in seinen Händen liegen. Ob das damals ironisch gemeint war, vermag ich nicht zu sagen, mich schreckte es eher ab. Panikherz rückte deshalb in mein Blickfeld, weil sich das als Roman etikettierte, autobiographische Werk eben auch stark mit Udo Lindenberg beschäftigt. Und der ist tatsächlich auch einer der musikalischen Helden meiner Jugend. Aber Lindenberg ist und war nie Pop, sondern immer Rock und so siegte meine Neugierde auf eine mögliche Wandlung des Popliteraten. Ich mag Pop, aber langfristig gesehen brauche ich etwas handfesteres, sowohl in literarischer, als auch musikalischer Hinsicht.

    Panikherz wurde bereits vorab mit Begeisterung überschüttet, durch Erwartungen gehypt und als der große Lebensroman verkauft, den man in der Szene offensichtlich schon lange von Stuckrad-Barre erwartet hatte. Der Titel selbst ist augenscheinlich bewusst doppeldeutig gewählt. Einerseits beschreibt er eine körperliche Auswirkung eines reichhaltigen Drogenkonsums und andererseits bedeutet er eine Reminiszenz an den Musiker, der Stuckrad-Barre bereits seit frühester Jugend an begleitet. Zunächst nur über seine Musik, später in persona.

    Das konnte ich nachvollziehen, war für mich Udo Lindenberg doch die Fleisch gewordene Coolness. Er mischte sich politisch ein, kuschte vor niemandem – schon gar nicht vor irgendwelchen Staatsoberhäuptern – und sah jeden Menschen als das was er war: als Individuum mit eigenen Problemen, keiner besser oder schlechter als der andere. Was also hatte Stuckrad-Barre mit diesem Menschenfreund zu tun, außer dass er sich, wie viele andere auch, von den Texten seiner Songs angesprochen fühlte? Nach den ersten Seiten war klar, Stuckrad-Barre kann schreiben, keine Frage, doch irgendwie war der Lebensroman mit unglaublich viel autobiographischen Details angereichert. Für meinen Geschmack etwas zu viel Information, was leicht in eine gewisse Art der Nabelschau abdriften konnte. Offensichtlich schrieb sich hier jemand psychoanalytisch motiviert oder auf der Suche nach Gründen für seine Drogenexzesse und andere selbstzerstörerische Taten von der Seele. Wollte ich das wirklich alles so genau wissen?

    Was es bedeutet, sich gewissen Substanzen auszuliefern, haben schon andere eindringlich beschrieben – man denke nur an Rohstoff von Jörg Fauser. Was also wollte Stuckrad-Barre mit diesem auch als Bekenntnisroman bezeichnetem autobiographischen Geständnis nun tatsächlich? Eine Frage, die mir seit geraumer Zeit nicht aus dem Kopf ging und die eigentlich ja bei Literatur nicht unbedingt sinnvoll ist. Eines kann ich also schon mal sagen: Gedanklich beschäftigt hat mich das Buch nachhaltig. Nur zu einem für mich befriedigenden Ergebnis kam ich nicht.

    Wollte er Zeugnis ablegen, Warnungen aussprechen, sich sein Leben von der Seele schreiben – oder zumindest einen Teil davon – wieder auf die literarische Bühne zurück, war es Marketing – ich habe neulich erst wieder die Meinung lesen müssen, dass Autoren doch gewisse eigene Lebensumstände marketingwirksam ausschlachten würden, was ich persönlich nicht glaube – oder wollte er doch vom Pop ins Rockfach wechseln? Aber weshalb mache ich mir über Monate hinweg Gedanken über ein Buch, das mir nicht wirklich am Herzen lag und mich so unzufrieden zurückließ. Das zeitnahe Erscheinen von Lindenbergs Album kann man wohl nicht wirklich als Zufall betrachten, spielt Udo doch eine zentrale Rolle in Panikherz und liefert sogar die einzelnen Kapitelüberschriften und inhaltliche Bezüge. Und so denke ich in dieser Frage mit Douglas Adams und Dirk Gently ganz holistisch: Nichts geschieht ohne Grund.

    Und hier kam sie dann wieder für mich ins Spiel, die Musik. Sie brachte mir die persönliche Auflösung in Form dieser Interpretation des Lindenberg Songs Durch die schweren Zeiten, der mich im Original zwar bereits durch den Text für sich einnehmen, durch die gewohnt nonchalante, schnoddrige Art der Interpretation durch Lindenberg jedoch nicht vollkommen überzeugen konnte. Plötzlich war da aber eine Stimme, die diesem Song etwas mitgab, das mich buchstäblich umhaute und den Worten ganz unerwartet eine Dimension verlieh, die ich vorher nicht wahrnehmen konnte. Die Worte entwickelten eine Tiefe, durch die ich mich in der Musik getragen und aufgehoben fühlte. Universelle Dankbarkeit war es, was ich empfand – das mag sich jetzt groß und pathetisch anhören, ist aber einfach die Wahrheit.

    Und so ist es wohl Benjamin von Stuckrad-Barre mit all den Liedern, die er in Panikherz anspricht, auch ergangen, höchstwahrscheinlich nicht nur mit den Songs, sondern mit dem Gesamtpaket Udo Lindenberg, den er zu einem seiner engsten Freunde zählen kann. Der ihm vielleicht sogar das Leben gerettet hat. Wenn das kein Grund ist, ein Buch zu schreiben … man muss es ja nicht mögen.

    Und so hat die Musik mich dieses Mal nicht nur begleitet, sondern mit einer für mich problematischen Lektüre versöhnt, mir einen nicht unkritischen aber auf jeden Fall sanfteren Blick ermöglicht, auf ein Buch, das polarisiert.

    Mit Dank an die Musik und deren Interpreten, heute insbesondere an Jonny vom Dahl, den jungen Mann mit DER Stimme und DEM Ausdruck, der mir die Straßenverkehrsordnung singenderweise verkaufen könnte. In der Hoffnung, dass ich mir bald von ihm ein Soloalbum zulegen kann.

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    huckelberrys avatar
    huckelberryvor 2 Jahren
    Beeindruckend

    Das Buch hat mich auf eine emotionale Berg- und Talfahrt geschickt. Von der Ehrlichkeit und Echtheit der beschrieben Drogen- und Essstörungserfahrungen wurde ich manchmal so mitgerissen, dass ich das Buch zur Seite legen musste - doch aus dem Kopf ging es mir seither nicht mehr.
    Was gestört hat: immer diese GROSSBUCHSTABEN!
    Und leider verliert es sich in den letzten 40 Seiten in irgendwie sinnleerem Geplänkel, das nichts mehr für die Handlung tut.

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    Julinovor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein witziger und wilder Ritt durch die Musik- und Medienlandschaft der letzten dreißig Jahre. Sprachlich allerdings nichts Besonderes.
    Ein wilder Ritt durch die Musik- und Medienlandschaft

    Wenn man mich fragt, welche Autoren ich in meiner frühen Jugend geliebt habe, würde auf jeden Fall der Name Benjamin von Stuckrad-Barre fallen. Ich habe Soloalbum verschlungen und geliebt, den Roman als auch die Verfilmung. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir in der Schule mit einer Freundin stets Zitate aus dem Film zugerufen habe. Uuuuh, ist das nostalgisch-schön! Umso aufgeregter war ich, als ich nun, mehr als zehn Jahre später, Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz (Kiepenheuer & Witsch) in die Hand nahm.

    Ich hatte im Vorhinein bereits viel gehört und gelesen über das neue Buch des einstigen Medienstars Benjamin von Stuckrad-Barre. Vor allem die Besprechung im Literarischen Quartett hat mich umso neugieriger auf das Buch gemacht. Allerdings hatte ich auch einige Bedenken: Stuckrad-Barre war mein Autoren-Held der Jugend. Trotz aller Arroganz, die er ausstrahlt, ich fand ihn toll. Vielleicht gerade deswegen. Sollte mir diese schonungslose Biographie vielleicht meine Jugendillusionen nehmen? Oder noch viel schlimmer: Schreibt Stuckrad-Barre jetzt anders als früher? Ich erinnere mich, dass vor allem sein ironischer und lapidarer Schreibstil mich in seinen frühen Werken so beeindruckt hat. Das war eben Popliteratur, frech und hingerotzt, oberflächlich und blasiert. Ich fand das genial.

    Na gut, ich traute mich also heran an diesen 576 Seiten dicken Wälzer und war vor allem gespannt auf die angekündigten Eskapaden und Drogensuchtszenarien des Autors. Doch zunächst beginnt das Buch ganz brav chronologisch mit der Kindheit von Stuckrad-Barre. Der Autor kommt aus einer gut situierten „Öko-Familie“, Vater Pastor, Stuckrad-Barre das jüngste von vier Geschwistern. Seine Kindheit verbringt er zwischen Hamburg und Bremen, seine Jugend dann in Göttingen. Sein Antrieb war schon immer die Popmusik und irgendwie schaffte er es, genau in diesem Bereich ordentlich mitzumischen. Schon während der Schulzeit in Göttingen wie auch im späteren Verlauf seines Berufslebens ist Stuckrad-Barre zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

    Nach dem Abitur verlässt Stuckrad-Barre Göttingen. Sein Weg führt ihn hinaus in die große Welt der Medien. Er arbeitet beim Rolling Stone, für die Harald Schmidt Show, in einer Plattenfirma und schreibt seine ersten Romane. Die Erfolgskurve geht steil nach oben und ich bin wirklich erstaunt, wie dieser Mensch das alles vor allem mit einer gigantischen Portion Frechheit und Dreistigkeit erreicht hat. Er lernt so ziemlich jedes seiner Jugendidole kennen und lebt in Hamburg, Berlin und Zürich.

    Doch dann kommt der große Absturz. Als Autor und Entertainer, der ständig im Rampenlicht steht, fängt Stuckrad-Barre an, sich für diese Branche zu fett zu fühlen. Er wird bulimisch. Als der Autor bemerkt, dass Kokain den Hunger ganz wunderbar unterdrückt, kommt eine weitere Sucht hinzu: die Kokainabhängigkeit. Vier Jahre lang geht das so. Drei Entzüge macht der Autor und wird jedes Mal kurz darauf rückfällig. Nach dem vierten, da ist er mittlerweile schon 31 Jahre alt, schafft er es schließlich und ist bis heute clean. Bei allem steht ihm, sei es physisch anwesend oder durch seine Songtexte, sein großes Idol seit Kindheitstagen zur Seite: Udo Lindenberg.

    Ausführlich beschreibt der Autor, wie es ihm in den Jahren der Sucht erging. Diese Beschreibungen sind unglaublich detailliert und erschütternd, aber kommen ganz ohne bereuenden Pathos aus. Hier kommt dem Schriftsteller sein wohl größtes Talent zu Gute, das ich schon in seinen früheren Romanen so bewunderte: Er beherrscht Ironie sowie Sarkasmus und webt beides ganz leicht in die Handlung ein. Stuckrad-Barre nimmt sich selbst nicht zu ernst und kann mir als Leserin selbst in der erbärmlichsten Szene noch ein Schmunzeln abgewinnen:

    Ich wusste gar nicht, wie das geht: wohnen. Das merkte man zum Beispiel daran, dass ich noch immer keine Lampen hatte. […] Das war nun schlecht, weil ich ja im Kokain-Jetlag lebte, tagsüber vor mich hindämmernd, nachts aber immer wach. Also nahm ich die Stehlampe mit von Zimmer zu Zimmer, ich besaß nur diese eine, die Wohnung aber hatte drei Zimmer, und die Hauptbeschäftigung eines Drogenabhängigen ist es nun mal, beständig im Kreis zu gehen […].

    Neben diesen sehr ehrlichen Ausführungen ist Panikherz übersät von Udo-Song-Zitaten. Für Stuckrad-Barre sehr wichtig, für Udo-Fans sicherlich interessant, für mich als Nicht-Udo-Fan (Jetzt ist es raus!) oft nervig und leseflusshemmend. Aber gut, das sei ihm verziehen, schließlich ist dies Stuckrad-Barres persönliche Geschichte und kein fiktiver Roman.

    Was ich ihm allerdings nicht verzeihen kann, ist die sprachliche Umsetzung seiner Lebensgeschichte. Beim Lesen der ersten Kapitel stellte sich bei mir ein Wohlfühlmoment ein: Sprachlich ist Panikherz immer noch sehr nah an Soloalbum dran. Doch nach der Hälfte des Buches verfliegen die verklärenden Nostalgieanwandlungen und bestimmte Stilelemente fangen an, mich zu langweilen. Über die extrem hohe Verwendung von Ellipsen, langen Schachtelsätzen und scheinbar wahllos in Versalien gedruckten Wörtern (Gibt es da ein System?!) sehe ich einmal hinweg.

    Die Angewohnheit des Autors, witzige Komposita zu bilden, wird spätestens nach der Hälfte des Buches zu einer einfallslosen Masche. Die Wörter bestehen dann aus mindestens drei Komponenten: Handlungsreisendentistesse, Staatsbürgertrivialitäten, Glamoursimulationsverrenkungen. Diese Komposita sind an sich schon schwer zu erfassen, aber so richtig kompliziert wird es erst, wenn diese Mammutwörter an ungünstigen Stellen getrennt werden: Minibarerd-nussfatalismus oder Bühnenener-giezauberer musste ich dreimal lesen, bevor sich mir eine Bedeutung erschloss.

    Auch der Satzbau des Autors ist oft nur schwer zu begreifen:

    Als ich verzweifelt in meinem Kulturbeutel rumrührte auf der Suche nach irgendwas, das wirkt, egal wie und was, Hauptsache stark, da fiel mir auf, dass ich mein Antidepressivum zu Hause vergessen hatte, weil natürlich meine Abreise wie immer nicht anders als überstürzt hatte genannt werden können.

    Nicht, dass der Satz sowieso schon ziemlich verworren ist durch die zahllosen Teilsätze, nein, am Ende benutzt Stuckrad-Barre auch noch vier (!) Verbformen hintereinander. Komplizierter und steifer ging es wohl nicht. Versucht der Autor hier seine Sprache künstlich aufzublasen oder schafft er es einfach nicht, den Gedanken in einen verständlichen Satz zu packen? Erstere Vermutung scheint bestätigt, wenn ich mir die teilweise sinnlosen Wortwiederholungen im Buch anschaue:

    Es ist die schönste Zeit, hier entlangzufahren, Abendsonne, die Palmen am Straßenrand, wirklich Palmen!, man vergisst das immer, Palmen also, die so besonders gut aussehen […].

    Zweimal Palmen hätte hier wirklich ausgereicht. So wirkt der Satz zwar voller, vielleicht auch näher an der Alltagssprache, aber eben auch redundant. Mich hat diese Technik aufgeregt beim Lesen, weil sie die Handlung künstlich aufhält.

    Ein ähnlicher Effekt entsteht, wenn Stuckrad-Barre eine von Harald Schmidt erzählte Geschichte nacherzählt – eine Story aus zweiter Hand sozusagen. Das ist genauso, als würde meine Mutter mir ein Erlebnis ihrer Nachbarin erzählen. Da ist die Distanz zum Erlebten so groß, dass mich solche Beschreibungen anöden. Der einzige Unterschied zwischen der Nachbarin und Harald Schmidt ist der allgemeine Bekanntheitsgrad, welcher wohl die einzige Berechtigung für eine solche Nacherzählung darstellt.

    Sprachlich erinnert Panikherz immer noch an Stuckrad-Barres erste Romane, die ich als Jugendliche so verehrte. Doch anscheinend bin ich wohl älter geworden. Stilistisch überzeugt mich Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie nämlich nur gering. Davon abgesehen ist Panikherz ein wilder und ironisch-komischer Ritt durch das Leben des Autors und Entertainers, aber auch durch die deutsche Musik- und Medienlandschaft der letzten dreißig Jahre. Wer also auf Namedropping und ungehemmten Sarkasmus steht, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

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    Heldentenorvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine sich selbst gegenüber oft schonungslose Introspektive.
    Echt jetzt?

    Der Inhalt dürfte bekannt sein: Stuckrad-Barre schreibt über sein Leben und seine Drogensucht.

    Ich hatte mich nie groß mit Stuckrad-Barre befasst. Er galt ja immer als Popliterat, Stimme seiner Generation und so weiter. Fand ich alles wenig oder gar nicht interessant. Nur Oberfläche. Und eigentlich will ich nie viel über den Schriftsteller an sich lesen und wissen.

    Sei es wie es sei, da ich viel Positives über das Buch gelesen hatte und es mir persönlich empfohlen wurde, entschloss ich mich, es doch zu lesen.

    Und es hat mich sehr positiv überrascht. Klar ist er ein kleiner Aufschneider und Schnellschreiber. Aber durchaus nicht unsympathisch beschreibt er seinen Abstieg in die Sucht schonungslos sich selbst gegenüber und ohne nach Mitleid zu heischen. Es gibt keine Suche nach irgendwelchen Ursachen, keine Schuldzuweisungen. Alles beruhte auf eigenen Entscheidungen und hat das alte Sprichwort des Drugs and Sex and Rock’n’Roll voll ausgekostet.

    Spannend sind die Ausflüge in die Popkultur, seine Sicht auf Ereignisse, die man selbst nur als Zuschauer miterlebt hat. Seine Sicht auf Bands, die man selbst geliebt oder nur gehört hat. All die Großen der 1990er kommen ja vor. Oasis, Rammstein, Stereo MC’s, Lexa & K-Paul etc. Und am Ende ist es auch ein Buch über die Freundschaft und die Familie. Über Menschen, die einfach da sind, helfen und am Ende auffangen. Aus einer solchen Episode stammt auch die Überschrift: Echt jetzt? fragt sein älterer Bruder, nachdem Stuckrad-Barre, kurz nachdem er vom Bruder aus seinem Drogenloch geholt wurde, von den 50-Euro-Taschengeld zwei Bücher und eine Schachtel Kippen gekauft hat. Als Büchernarr für mich eine tolle Szene.


    Durch das ganze Buch zieht sich seine spezielle Beziehung zu Udo Lindenberg. Kann man, muss man aber auch nicht nachvollziehen. Für mich macht es das Ganze aber zutiefst menschlich und an dieser Stelle wird er vom Klischee zum Mensch. 

    Fazit: Lesenswert. Auch wenn es im dritten Viertel ein paar Längen hat. 

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    calivor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine Szene ist fantastisch, der Rest naja... ok...
    Ich hatte gehofft, mehr über Udo Lindenberg zu erfahren

    Da ich Udo Lindenberg Fan bin, habe ich mich durch 13 Std. Audiobuch gequält, schließlich ist das Buch ja als Bestseller ausgezeichnet und die Beschreibung klingt vielversprechend, denn sie schließt außer Udo auch ein paar andere meiner Jugendlieblingsstars ein.

    Das erste Kapitel, wo Stucki mit Udo durch die Passkontrolle in den USA geht, ist so köstlich, dass ich es gleich mehrmals gehört habe. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie Udo mit Hut und ohne Schuhe in seiner unverwechselbaren Art mit locker-flockigen Sprüchen durchmaschiert ist, wo bei jedem deutschen Touristen der Angstschweiß ausbricht. Das ist wirklich super genial und hochgradig lustig.

    Danach hätte ich aufhören können, denn es kam so gut wie nichts mehr über Udo oder die anderen Stars. Dafür um so mehr über Stuckis Drogenabhängigkeit, wovon mir 300 Seiten dicke gereicht hätten - das Buch hat leider fast doppelt so viele.

    Es ist mir ein Rätsel, warum dies ein Bestseller ist. 600 Seiten über einen koksenden Looser, der hier und dort mal einen Star getroffen hat, sind mir persönlich zu viel!

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    letusreadsomebookss avatar
    letusreadsomebooksvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Tragikomisch, schockierend, beeindruckend, Stuckrad-Barre 2.0. Wie früher, aber auch nicht. Wahrscheinlich ein bisschen besser.
    Stuckimann auf seinem Höhepunkt

    Aufgewachsen in einer Ökofamilie, immerzu unverstanden und unangepasst, wendet sich Benjamin von Stuckrad-Barres Dasein plötzlich völlig: Steile Karriere, Essstörung und Drogen, ganz viele Drogen, Klinikaufenthalte – ein Leben wie ein Formel 1-Rennen, das muss ja etwas mit dem Menschen machen. Und Udo, immer Udo. Jahre später, endlich clean, steigt er im berühmt berüchtigten Hotel Chateau Marmont in Los Angeles ab, trifft Bret Easton Ellis, Thomas Gottschalk, Elvis Costello und natürlich den Mann, der ihn seit seiner Jugend immer wieder prägt und der jetzt sein guter Freund ist – Udo Lindenberg.

    Benjamin von Stuckrad-Barre ist zurück. Erwachsener denn je, schonungsloser denn je. Aber immer noch genau so musikverrückt wie damals in Soloalbum. Stuckrad-Barre war schon damals jemand, der stark polarisiert hat, daran wird sich auch mit seinem neuen Roman nichts ändern. Doch nun gibt er uns Lesern eine Chance, ihn zu verstehen. Wer ihn früher arrogant fand, lernt hier, warum er damit gar nicht so falsch lag, aber auch, warum man dem Überflieger-Autor dies vielleicht ja doch verzeihen könnte.

    Nach einem ruhigen Start mit Rückblenden in die Kindheit und Jugend, die er wohlbehütet verbrachte und in welcher er die Liebe zu Udo Lindenberg entdeckte, geht es dann deutlich rasanter voran. Seine Essstörung und Drogensucht werden meiner Meinung nach schon recht heftig geschildert, gerade wenn man nicht mit einer solchen Thematik in der Literatur vertraut ist. Ich fand es sehr schockierend, dass er immer wieder die Klinikaufenthalte abbrach und es ihm so dermaßen schlecht ging. Dennoch kommentiert er diese Zeit mit gewohntem Humor, der ihm trotz all der schlechten Erfahrungen, die er machen musste, glücklicherweise nicht abhanden gekommen ist.

    Ich hatte haufenweise Drogen und fand, es sei doch schade drum, die wegzuschmeißen. Bis zum Erreichen der Deutsch-Schweizer Grenze müsste ich mich ihrer entledigt haben, aber bis dahin war es ja noch eine gute Strecke, und ich könnte ja mal sehen, wie viel ich reinbekäme.

    Mittags schlich ich mich vom Klinikgelände, kaufte in einem Supermarkt tütenweise Eis und Schokolade, und dann setzte ich mich in den Wald, fraß die Tüten leer, steckte mir den Finger in den Hals, kotzte ins Laub und ging zurück in die Klinik. Dort musste ich dauernd meine Kindheit töpfern und im Stuhlkreis mit den anderen darauf warten, dass wenigstens einer von uns anfing zu weinen, damit der Therapeut zufrieden war. Die Therapie lief super.

    Witzig schreibt Stuckrad-Barre, ja, aber auch gleichzeitig anrührend. Ich hätte ihn am liebsten des Öfteren an den Schultern gepackt und mal kräftig geschüttelt, damit er zur Vernunft kommt. Im starken Kontrast zu diesen Szenen steht allerdings die Zeit im Hotel in Los Angeles, als wirklich kaum noch etwas passiert, da der Autor nun ein nüchternes und in seinen Worten langweiliges Leben verbringt.

    Findest du es auch so toll, dass in den öffentlichen Pissoirs oben in der Lobby EISWÜRFEL in der Abflussrinne liegen und man die dann kleiner pisst?
    Ja, da hat man das Gefühl, man hat was geschafft heute.

    Was neben dem Humor und all den erschreckenden Bekenntnissen ebenfalls nicht zu kurz kommt, ist Udo. Im gesamten Roman ist er omnipräsent, sei es durch Zitate aus seinen Songs, Erinnerungen an die alten Konzerte oder Treffen mit ihm als menschlicher, fürsorglicher Freund, der seinen „Stuckimann“ unbedingt vor dem Totalabsturz bewahren will. Das Udo-Fieber hat mich nicht gerade gepackt, ich interessiere mich jetzt genau so wenig für seine Musik wie vor dieser Lektüre. Aber Udo ist einfach unglaublich gut dargestellt, seine Sprache, Gestik, Präsenz werden phänomenal von Stuckrad-Barre eingefangen. Natürlich ist dieses Buch auch ein Stück weit Liebeserklärung an sein Idol, an seinen Freund, an diese Legende.

    Benjamin von Stuckrad-Barres autobiografischer Roman Panikherz hat mich komplett überzeugt. Es war ein tolles Leseerlebnis: spannend, unterhaltsam, wirklich witzig, schockierend und ergreifend. Einen Lindenberg-Fan hat es zwar nicht aus mir gemacht, dafür aber einen Stuckrad-Barre-Versteher. Ich habe mir wirklich viele Stellen rausgeschrieben, die ich besonders erinnerungswürdig fand, weil sie so tiefgehend oder tragikomisch waren. Also los, rein in eure neongrünen Paniksocken und ab auf den Panikdampfer, Stuckimann und Udo legen gleich ab!

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