„Böse“ war Bentley Littles zweiter Roman und drehte sich bereits um das bei ihm so bekannte Motiv einer Institution, welche für die Charaktere zur Inkarnation des Horrors wird. Die Protagonisten Doug, Trish sowie ihren Sohn Billy fand ich auf Anhieb sympathisch, die Kleinstadt Willis war klassisch amerikanisch mit einigen interessanten Nebenfiguren.
Mich erinnerte der Roman von der Atmosphäre her an Littles „Furcht“, mein absolutes Highlight des letztens Sommers über einen Hauseigentümerverband. Einerseits wegen der sommerlich-paradiesischen Naturbeschreibungen, andererseits wegen der Dynamik des im Fokus stehenden Ehepaars. Doug und Trish spürten beide, dass irgendetwas nicht stimmte, berichteten sich zunächst dennoch gegenseitig nicht von allen merkwürdigen Vorkommnissen und taten sie mitunter als Einbildung ab.
Leider war „Böse“ für mich nicht ganz auf dem Niveau von „Furcht“, irgendwann flachte der Plot nämlich ein wenig ab. (SPOILER) Die Isolation, welche die Einwohner Willis' durch gefälschte Briefe und damit einhergehende in ihren Mund gelegte hasserfüllte Worte erfuhren, konnten sie recht schnell durch Kommunikation überwinden und der Postbote stellte sich als machtlos heraus, sofern niemand seine Post las. Er konnte keinen physischen Schaden zufügen, die Menschen höchstens mit dem Inhalt seiner Briefe mental in den Suizid treiben, was bei mir kein wirkliches Bedrohungsgefühl aufkommen ließ. (SPOILER ENDE)
Das Finale war nicht herausragend, eher in Ordnung, allerdings konnte mich keines von Littles Enden bisher vollends überzeugen. Eine zentrale Stelle hat hier zudem aufgrund der deutschen Übersetzung nicht recht funktioniert: (SPOILER) Doug befand sich allein in der Wohnung des langsam zugrunde gehenden Postboten, als dieser einen letzten Versuch startete, dem Tod zu entfliehen. In einer Ecke des Zimmers lag ein totes Mädchen zu einem Paket eingewickelt; dieses begann plötzlich um Rettung zu flehen, wodurch Doug in das Dilemma geriet, es entweder im Stich zu lassen oder mit dessen Körper einen Teil der Post zu berühren, was dem Postboten bereits neue Kraft verliehen hätte. Schließlich durchschaute er indes, dass sein Widersacher aus der Leiche des Mädchens sprach, weil dieses im Satz „Sie sind der Einzige, der wo mich retten kann“ ein falsches Relativpronomen verwendete. Am Anfang der Geschichte hatte ebenjenes Mädchen, eine Schülerin Dougs, noch stolz berichtet, durch seinen Unterricht in dieser Hinsicht grammatisch sicher geworden zu sein, ich habe diese Verunglimpfung gleichwohl noch nie gehört. „Der Einzige, wo mich retten kann“ wäre mir regional-umgangssprachlich noch bekannt, die Doppelung aus „der“ und „wo“ ist mir hingegen neu. Ich nehme an, im Englischen ging es hier um die Unterscheidung von „that“, „who“ und „which“, allerdings hat der Postbote widersprüchlicherweise vorher mit seiner unpersönlichen Geschliffenheit geglänzt, weshalb ein solcher Lapsus im Allgemeinen kaum zu seinem Charakter passen würde und auch an keiner anderen Stelle vorgekommen ist. Insgesamt also eher hanebüchen und konstruiert. (SPOILER ENDE)
Fazit: „Böse“ konnte mit typischer Little-Atmosphäre punkten, die Handlung erinnerte mich dagegen stellenweise an sein späteres, deutlich spannenderes Werk „Furcht“. Ein böser Postbote ist nicht ganz so innovativ wie ein sektenähnlicher Hauseigentümerverband, dennoch kann man mit „Böse“ nichts falsch machen, falls man ein Fan des Autors ist.
Noch eine kleine Anmerkung: Auf Seite 44 steht bei „Er kein kein Spieler, kaufte aber gelegentlich ein Los“ zweimal „kein“ statt „war“, auf Seite 232 bei „Sie war nun volljährig, dass wusste er“ „dass“ statt „das“ und auf Seite 352 fehlt bei „Doch der Arzt sagte ihr kurz angebunden, dass sie den Mund halten das später erledigen solle, während […]“ entweder ein „und“ oder ein Komma. Zudem wunderte sich Doug auf Seite 111 darüber, dass der Postbote am Schalter seinen Namen kannte, und das, obwohl dieser bereits mehrmals Briefe an ihn ausgetragen hatte, was man als kleinen Logikfehler werten könnte.













