Bernard Maris Michel Houellebecq, Ökonom: Eine Poetik am Ende des Kapitalismus

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Inhaltsangabe zu „Michel Houellebecq, Ökonom: Eine Poetik am Ende des Kapitalismus“ von Bernard Maris

Der Journalist und Ökonom Bernard Maris wurde bei dem Terroranschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo getötet. Er war ein guter Freund von Michel Houellebecq. In seinem letzten Buch hat Maris unser profitorientiertes Wirtschaftssystem am Beispiel der Werke von Houellebecq untersucht – und kritisiert. Seine These: Durch das Lesen von Houellebecqs Büchern lernt man, dass der Klebstoff, der uns in unserer gesellschaftlichen Beweglichkeit einschränkt, ökonomischer Natur ist. Das houellebecqsche Universum ist eines, in dem sich Individuen in stetiger Konkurrenz zueinander befinden. Allein das (schwindende) Ideal der Liebe könnte uns aus diesem auf Dauer für alle unbefriedigenden Kreislauf befreien. Bernard Maris’ Buch bietet nicht nur eine fundierte Gesellschaftskritik, sondern auch einen Schlüssel zum Verständnis des Werks eines der wichtigsten Autoren der Gegenwart.

Kein "Muss", aber ein deutliches "Kann", sofern man einige Voraussetzungen in französischer Literatur, Philosophie und Soziologie mitbringt

— Joachim_Tiele

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    Michel Houellebecq, Ökonom: Eine Poetik am Ende des Kapitalismus

    Joachim_Tiele

    11. December 2015 um 18:55

    Ich glaube, es war ein Beitrag in der "Kulturzeit" auf 3Sat, der mich auf dieses Büchlein aufmerksam gemacht hat. Der Titel leuchtete mir unmittelbar ein, denn ich hatte gelegentlich in Gesprächen und Mails Beispiele für ökonomische Zusammenhänge aus Houellebecqs "Karte und Gebiet" verwendet und üblicherweise dazu gesagt, dass es sich dabei zwar "nur" um einen Roman handle, die Beschreibungen darin aber gute Beispiele aus der "wirklichen Welt" repräsentieren. Den Romancier Houellebecq als "Ökonomen" zu betrachten, machte für mich daher sofort Sinn. Dass der Verfasser dieser "Poetik am Ende des Kapitalismus", so der Untertitel, beim Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo ermordet worden war, stellte für mich auf jeden Fall kein Hindernis dar, das Buch zu bestellen und ungelesen - obwohl mir die Buchhändlerin angeboten hatte, es zu öffnen - zu kaufen, für mich in diesem Moment tatsächlich so etwas wie ein Stück persönliche "Trauerarbeit" nach einer Tat, die mich bis heute fassungslos macht. Hätte ich das Buch tatsächlich in der Buchhandlung angelesen, hätte ich es vermutlich nicht gekauft, denn es liest sich sehr sperrig und macht eine ganze Reihe von Vorausetzungen, weniger in Sachen Literatur und Literaturwissenschaft, als bei den Klassikern der ökonomischen Grundlagenliteratur (Marx, Fourier, Schumpeter, Keynes und einigen mehr) und in der Debattenliteratur der französichen Intellektuellen, zumindest zurück bis in die fünziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In diese wird nicht eingeführt, sondern sie werden beim Leser voraussgesetzt. Überblickskenntnisse zu Sartre, Camus, Bourdieu oder Forrestier, wie sie auch bei deutschen Intellektuellen vorausgesetzt werden können, reichen nicht wirklich aus, um dem Buch an jeder Stelle mit Genuss folgen zu können; jede seiner Seiten verweist auf ganze Bibliotheken ungelesener Bücher und auf in Frankreich geführte Debatten in ihrer Nachfolge. Ein Buch als "Pamphlet" zu bezeichnen, hat in Deutschland eine eher negative Konnotation, nicht so in Frankreich, und das Buch ist tatsächlich ein schneidendes Pamphlet gegen den ökonomischen Liberalismus, insbesondere gegen die mit ihm verbundene Konsequenz, dass es weltweit etwa dreihundert Milliardäre sind, die von ihm profitieren, zum Nachteil einiger Milliarden Menschen. Letztere werden dadurch nicht nur ökonomisch geschädigt, sondern um humane Lebensentwürfe gebracht, wenn sie sich den Regeln des marktliberalen Kapitalismus unterwerfen, dem Konkurrenzdenken, dem Konsum als Ausweis eines scheinbar gelungenen Lebens, dem Verzicht auf Liebe zugunsten des zwischenmenschlichen Kalküls. Um dies argumentativ zu vertreten, hätte es des Hinweises auf Houellebecq und seine Werke nicht bedurft. Fast sind sie nur Anekdoten in einem auf Buchlänge angewachsenen journalistischen Debattenbeitrag. Das Buch ist kurz, 142 Seiten, und diese Länge hat es auch nur, weil es im Drucklayout einem Prinzip folgt, das man getrost als "Seitenschinden" bezeichnen kann. Jedes Kapitel beginnt mit der Kapitelüberschrift auf einer ganzen Seite, gefolgt von einer Leerseite, gefolgt von kurzen Vorabzitaten, auch hier wenige Zeilen auf eine ganze Seite verteilt, gefolgt von einer weiteren Leerseite, bis der eigentliche Text des Kapitels beginnt. Dabei kann sich der Verdacht einschleichen, dass der Verlag den Schein über das Sein gestellt hat, gekoppelt mit dem tragischen Tod des Verfassers als Verkaufsargument. Die Redensart von den Revolutionen, die ihre Kinder fressen, ist weithin bekannt. Hier kann man sie in dem Sinn abwandeln, dass der Kapitalismus durchaus in der Lage ist, seine Kritiker zu fressen, in dem er ihre Gedanken so weit wie möglich dem kapitalistischen Verwertungsmechanismus ausliefert. Und dieser zielt zunehmend auf die höchstpersönlichen Gefühle der "Marktteilnehmer". Zumindest mein Gefühl der Trauer und mein Bedürfins nach Trauerarbeit wurde mit 18 Euro 99 für 142 Seiten Text auf, aus der Perspektive des Verlags, gelungene Art "kapitalisiert". "Zwiespältig" ist mein verbleibendes Gefühl nach der Lektüre. Den Verfasser posthum für die Verwertung seines Textes durch einen Verlag durch eine schlechte Bewertung meinerseits zu "bestrafen", liegt mir allerdings fern. Der Text ist "sehr gut", aber nicht "überragend", zumindest wenn man die Ansprüche diesseits des Rheins an ein Sachbuch anlegt. Daher "nur" vier und keine fünf Sterne. Joachim Tiele

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