Bernd Ziesemer

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Ein Gefreiter gegen Hitler

Ein Gefreiter gegen Hitler

 (3)
Erschienen am 22.02.2012
Pioniere der deutschen Wirtschaft

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 (1)
Erschienen am 01.08.2006

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Rezension zu "Ein Gefreiter gegen Hitler" von Bernd Ziesemer

Er wollte helfen, diesen wahnsinnigen Krieg zu beenden!
Bellis-Perennisvor 3 Jahren

"Aber die Chance, etwas aus erster Hand von meinem Vater über sein eigenes Schicksal in der nationalsozialistischen Diktatur zu erfahren, wurde von mir verspielt. Ich fragte auch damals nicht nach."

Bernd Ziesemer, Journalist und Autor, macht sich auf die Suche nach den Geheimnissen im Leben seines Vaters.

Wie viele Männer, die den Zweiten Weltkrieg als Soldaten miterlebt, mitgemacht haben, spricht Karlheinz Ziesemer nicht über seine Erlebnisse, weder mit seiner Frau noch mit seinen Kindern. Doch in einem unterscheidet er sich: er hinterlässt, als er 62-hährig plötzlich stirbt, wenn auch nur fragmentarisch, Schriftstücke. Auf knapp 25 Seiten hat er einiges notiert. Dazu kommt noch eine Vielzahl von Zettelchen.
Anhand dieser spärlichen Notizen versucht der Autor die Lebensgeschichte seines Vaters zu rekonstruieren – für seine (Ur)Enkel, wie er sagt. Er, Bernd Ziesemer, selbst hat es verabsäumt, seinem Vater zu Lebzeiten die richtigen Fragen zu stellen. Damit ist er nicht allein. Auch ich habe meinen Großeltern keine oder die falschen Fragen gestellt. Nun, da es zu spät ist, sind wir auf Archive und Sekundärquellen angewiesen.

Behutsam nähert sich der Autor seinem Vater. Er eilt von Archiv zu Archiv, versucht die Wege des jungen Wehrmachtsangehörigen, der Schriftsteller werden möchte, nachzuvollziehen.
Was treibt ihn an, den einfachen Soldaten vom kleinen Rädchen der Vernichtungsmaschinerie zum Widerstandskämpfer zu werden?
Sehr schön herausgearbeitet wurde, dass es eine breite Widerstandsbewegung gegen Hitler und seine Schergen gab. Es sind nicht nur die adeligen Generäle rund um Stauffenberg, die mit diesen Gemetzel aufhören möchten. Viele kleinste und kleine Gruppen organisierten heimlich und stets von der Enttarnung bedroht Widerstand. Hier möchte ich stellvertretend nur zwei nennen: die „Schwarze Kapelle“ (Vertreter und Geistliche aller Kirchen) und die „Rote Kapelle“ (Vertreter der sozialistischen Gesinnung).

Bernd Ziesemer räumt mit einigen, sich hartnäckig haltenden Standardfloskeln wie „der war ja nur bei der Wehrmacht, die haben ja nichts mit der Judenvernichtung zu tun gehabt, usw.“ auf. Wie inzwischen bekannt, war die Wehrmacht sehr wohl an der Ermordung von tausenden Menschen beteiligt.

Interessant ist auch das Leben des Heimkehrers Karlheinz beschrieben. Er muss erkennen, dass sein Heimatdorf nach wie vor judenfeindlich eingestellt ist, dass die örtlichen Nazi-Größen recht bald rehabilitiert werden und wieder zu Ansehen kommen.

Der Titel gefällt mir ausnehmend gut, ist er doch eine Anspielung auf ein Zitat Hindenburgs, der Hitler immer wieder abfällig als „Böhmischen Gefreiten“ bezeichnet hat. Einen höheren Rang hat der Diktator im Ersten Weltkrieg nicht erreichen können. Wobei Hindenburg das oberösterreichische Braunau am Inn mit dem in der damaligen Tschechoslowakei liegendem Broumov verwechselte.

„Auf der Suche nach meinem Vater habe auch ich mir mehrmals die Frage gestellt, wie ich mich an seiner Stelle verhalten hätte. Doch am Ende meiner Reise durch sein Leben kann ich diese Frage nicht besser beantworten als am Anfang. Aber ich weiß jetzt ehr denn je, wie ich mich in der gleichen Situation hätte verhalten sollen“ (S. 269)

Fazit:

Eine lesenswerte Hommage, stellvertretend, an alle jene, die einzeln und beinahe unbekannt gegen Hitlers Terror auftraten.

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Rezension zu "Ein Gefreiter gegen Hitler" von Bernd Ziesemer

Rezension zu "Ein Gefreiter gegen Hitler" von Bernd Ziesemer
Gospelsingervor 6 Jahren

In den Familien der Nachkriegszeit wurde wenig über die Kriegserlebnisse geredet. Über die Zeit von 1933 bis 1945 wurde der Mantel des Schweigens gelegt. So auch in der Familie des Autors, und dieses Schweigen wurde leider nicht in Frage gestellt. "Aber die Chance, etwas aus erster Hand von meinem Vater über sein eigenes Schicksal in der nationalsozialistischen Diktatur zu erfahren, wurde von mir verspielt. Ich fragte auch damals nicht nach."
Nach dessen Tod findet der Autor aber heraus, dass sein Vater immerhin einige Erlebnisse auf einer Vielzahl von Zetteln aufgeschrieben hatte. Diese paar Seiten Material nimmt Bernd Ziesemer zum Ausgangspunkt, um die Geschichte seines Vaters zu rekonstruieren, ergänzt um Dokumente aus Archiven, Forschungsergebnisse und Recherchen auf eigenen Reisen.
Karlheinz Ziesemer wurde 1939 als Gefreiter eingezogen und hat gleich zu Beginn in Polen miterlebt, dass der so genannte Blitzkrieg in Wirklichkeit keiner war, sondern erhebliche Verluste forderte und zwei Wochen länger dauerte, als angegeben. Auch die ersten Gräuel wurden schon hier verübt.
In Stalingrad musste Ziesemer erleben, wie um ihn herum ständig Kameraden starben, die von neuen Rekruten ersetzt wurden, die kurz darauf ebenfalls tot waren. Fatal war, dass die Generation Hitlerjugend in das Offizierskorps drängte, Fanatiker ohne Lebens- und Fronterfahrung. Aus Stalingrad ist Ziesemer 1943 gerade eben noch entkommen.
Seine Einstellung zum Krieg macht Karlheinz Ziesemer in einem seiner Gedichte deutlich:
„Das ist der Krieg, vergesst es nie,
wer Unrecht sät, ruft nur den Tod,
kein Wort ist wahr vom Heldenmut –
der Frieden ist das höchste Gut.“
Ziesemers Entscheidung, der Bitte seines Majors zu entsprechen und sich am Widerstand zu beteiligen, war eine einsame, wie bei allen. Denn politischer Widerstand, Befehlsverweigerung und Desertation waren Einzelentscheidungen, ein gemeinschaftlicher Widerstand kam nicht auf. „Die äußere Uniformität führte stets zur inneren Uniformität.“
Karlheinz Ziesemer transportierte Papiere, aber es ist unklar, welcher Art und für wen diese Papiere waren. Die zeitliche Nähe zum 20. Juli 1944 lassen jedoch vermuten, dass sie mit dem Attentat auf Hitler in Zusammenhang standen.
Wie auch immer, Ziesemer wird in Nordfrankreich verhaftet und nach Breslau gebracht, höchstwahrscheinlich gefoltert, zunächst zum Tode verurteilt und schließlich zu einer Zuchthausstrafe begnadigt. In den letzten Kriegswochen gelingt ihm die Flucht und es beginnt eine abenteuerliche Odyssee, die ein bisschen an die Geschichte von Schwejk erinnert, denn auch der Gefreite Ziesemer kann sich aus fast jeder gefährlichen Situation herausreden. Mit viel Glück und mit Hilfe einiger Zufälle schafft er es nach Hause. Anerkennung erfährt er, wie die Mehrheit der Widerständler, jedoch nie, allzu schnell sind die Altnazis wieder in Amt und Würden.
Dieses sehr persönliche, aber dennoch gründlich recherchierte Buch liest sich flüssig und spannend. Aufzuzeigen, dass es neben der Gruppe des Grafen von Stauffenberg auch noch ganz normale, namentlich nie genannte, Menschen gab, die Widerstand geleistet haben, ist ein großer Verdienst dieses empfehlenswerten Buches.

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M

Rezension zu "Ein Gefreiter gegen Hitler" von Bernd Ziesemer

Rezension zu "Ein Gefreiter gegen Hitler" von Bernd Ziesemer
michael_lehmann-papevor 7 Jahren

Ein einfacher Soldat im Widerstand

„Es ist die Geschichte eines ganz normalen Gefreiten, der 1939....durch Polen marschiert, 1940 an der Maas kämpft und im Januar 1943.......Stalingrad entkommt. Die Geschichte eines Kradmelders, der sich im Frühjahr 1944 auf seiner BMW in .... Gleiwitz auf den Weg macht......Der in den Satteltaschen .......Papiere eines Offiziers aus einem Verschwörerkreis gegen Hitler transportiert“.

Der dann verhaftet, zum Tode verurteilt, zu Zuchthaus begnadigt wird und in den letzten Wochen des Krieges eine Odysse der Flucht noch erlebt, bis er wieder zu Hause anlangt.

Es ist vor allem die Geschichte des Vaters von Bernd Ziesemer. Einige Seiten Erinnerungen an diese Ereignisse vom Vater nur verblieben nach dessen Tod, mit großen Lücken, ohne konkrete Angaben. Erinnerungen, die Bernd Ziesemer nun, Jahrzehnte nach dem Tod seines Vaters, auf den Weg seiner sehr persönlichen Recherche gebracht haben.

Er selbst betont deutlich, dass nicht nur die paar Seiten der Erinnerungen seines Vaters, sondern die Quellenlage der Heeresjustiz und des Ergehens der Einheiten, in denen sein Vater diente, oft äußerst schmal sind. Über die entscheidenden Jahre 44 und 45, die Kernfrage, was seinen Vater dazu innerlich gebracht hat, sich für die hochriskante Widerstandsaktion zur Verfügung zu stellen und über das Ergehen des „Obergefreiten Ziesemer“ nach seiner Verhaftung, über all dieses kann Bernd Ziesemer trotz erkennbar hervorragender und gründlicher Recherche nur (realistische) Mutmaßungen anstellen. Weniger aus direkten Quellen heraus, eher aus einer aus vielen Teilen zusammengetragenen „Atmosphäre“ der Ereignisse, in die sein Vater direkt eingegliedert war.

Als gelernter Journalist mit spürbarer, persönlicher Beteiligung gelingt Ziesemer auf jeden Fall die Gratwanderung zwischen sachlichem Bericht und persönlich innerer Beteiligung. Ruhig und sachlich legt er seinen Bericht vor, verarbeitet die persönlichen Notizen seines Vaters, die er durch andere Quellen anreichert und so den gesamten Weg seines Vaters durch den Krieg, beginnend bereits mit dem Überfall auf Polen 1939 minutiös nachvollzieht. Durchaus aber lässt er auch die Emotionen der Soldaten jener Tage spüren, spricht von den Grausamkeiten, Härten des Krieges („Gefangene wurden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gemacht“), der Angst, der mehrfachen Aufreibung der Einheiten seines Vaters. Das alles liest sich gut und flüssig, detailliert und durchaus mit den notwendigen emotionalen und atmosphärischen Hintergründen versehen.

Soweit es irgend möglich war, das erkennt man bei der Lektüre, hat Bernd Ziesemer den Weg seines Vaters nachvollzogen. Leider, und daran kommt auch Ziesemer nicht vorbei, für die entscheidenden Momente der inneren Entwicklung seines Vaters finden sich keine belegbaren Antworten. Selbst für die späteren Etappen im Angesicht eines Todesurteils und dann in Haft bleibt es bei indirekten Quellen, die zwar hervorragend ausgewertet und verarbeitet wurden, dennoch aber eigentliche Antworten nicht zu geben vermögen.

Was dennoch mit dem Buch hervorragend gelingt und vieles an Vagem wettmacht, ist die eindrucksvolle Schilderung des Krieges, der Umstände, der inneren Entwicklungen des „normalen“ Soldaten bis hin zur völligen auch inneren Erschöpfung, die Bernd Ziesemer akribisch zusammenträgt und die indirekt zumindest erahnen lassen, wie ein einfacher Gefreiter innerlich bereit wurde, sich dem Widerstand anzuschließen.

Im Gesamten bietet das Buch zwar bei wesentlichen Fragen (aufgrund der äußerst dürftigen Quellenlage) keine letztendlich befriedigenden und klaren Antworten, durch den hochwertigen sprachlichen Stil und die an sich umfassende und tief reichende Recherche gelingt es Bernd Ziesemer aber dennoch, ein hautnahes und realistisches Bild des Krieges aus der Sicht eines einfachen Soldaten, der Bedrängungen und der möglichen inneren Entwicklungen aufzuzeigen, welche das Lesen durchaus lohnen.

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