Bernhard Jaumann Der lange Schatten

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Inhaltsangabe zu „Der lange Schatten“ von Bernhard Jaumann

Wann wird man je verstehen? In Freiburg wird das Grab des Rasseforschers Eugen Fischer geschändet. In Windhoek wird die Frau des deutschen Botschafters entführt - zusammen mit einem schwarzen Kind, das sie adoptieren will. Und in Berlin wird ein Polizist umgebracht, just als eine Delegation ankommt, die zwanzig während der deutschen Kolonialzeit geraubte Hereroschädel nach Namibia zurückholen will. Werden hier Rechnungen beglichen, die seit mehr als hundert Jahren offenstehen? Während die Ex-Polizistin Clemencia Garises in Namibia nach den Entführten sucht, ahnt der Journalist Claus Tiedtke in Berlin, dass ein Attentat droht …

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  • Das koloniale Erbe von Deutsch-Südwest

    Der lange Schatten
    Gulan

    Gulan

    Der Minister reihte sich gerade in die Schlange am Gate ein, und der Rest der Gruppe folgte ihm. Riruakos Hand legte sich schwer auf Claus' Schulter, sein Mund näherte sich deutlich über die Distanz hinaus, die ein Deutschstämmiger zwischen Fremden als angemessen empfand. Als ob er Claus ein Geheimnis verraten wollte, flüsterte Riruako: „Ihr habt uns damals abgeschlachtet, weil ihr die Kanonen und Gewehre hattet. Fügsame Opfer waren wir aber nicht. Wir haben für unser Recht und unser Land gekämpft. Und heute werden wir wieder kämpfen. Mit dem Unterschied, dass wir nun auch Kanonen und Gewehre haben. Diesmal wird es umgekehrt ausgehen.“ (S.15-16) Auf einem Friedhof in Freiburg wird das Grab eines Rassenforschers geschändet, gleichzeitig trifft eine Delegation aus Namibia in Berlin ein, um in der Kaiserzeit aufgrund von rassentheoretischen Untersuchungen nach Deutschland verschleppte Schädel in die Heimat zurückzuholen. In Namibia unternimmt die Frau des deutschen Botschafters einen Ausflug mit dem sechsjährigen Waisenjungen Samuel, den sie gerne adoptieren möchte. Trotz Bewachung werden sie und der Junge entführt. Die Entführer verlangen vom Botschafter, auf der Rückführungs-Zeremonie eine Rede zu halten, in der Deutschland endlich den Völkermord an den Hereros vor mehr als hundert Jahren eingesteht. Die Protagonisten dieses Krimis sind Clemencia Garises, Expolizistin und inzwischen Chefin eines Sicherheitsdienstes, und Claus Tiedtke, Redakteur der in Windhuk erscheinenden deutschsprachigen „Allgemeinen Zeitung“. Beide waren mal liiert und versuchen nun, die verschiedenen Fäden der Ereignisse zusammenzufügen. Tiedtke als Begleiter der Delegation in Berlin und Garises als zuständige Sicherheitsbeauftragte für die Botschaftergattin. Die Hauptthematik dieses Buches ist der Völkermord an den Herero (und Nama) in Deutsch-Südwestafrika von etwa 1904 bis 1908 durch die deutschen Kolonialtruppen. Nachdem der deutsche Generalleutnant Lothar von Trotha in der Schlacht am Waterberg im August 1904 den Aufstand der Herero niedergeschlagen hatte, erließ von Trotha den sogenannten „Vernichtungsbefehl“. Die Halbwüste Omaheke, in die sich der Großteil der Herero nach der verlorenen Schlacht geflüchtet hatte, wurde von den Deutschen abgeriegelt und die Wasserstellen besetzt, so dass die Herero jämmerlich verdursteten. Weitere starben in Konzentrationslagern. Schätzungen zufolge kamen in diesen Jahren bis zu 85 % der Herero um. Seit langem forderten die Herero die deutsche Regierung auf, die damaligen Ereignisse als Völkermord anzuerkennen. Dies hatte die Bundesregierung, auch aus Gründen der Entschädigung, bislang abgelehnt. Der Roman lässt allerdings auch durchblicken, dass es auch durchaus im Sinne der namibischen Regierung war, keinem der zahlreichen Volksstämme Sonderrechte durch die Anerkennung zu verschaffen. Allerdings hat das Auswärtige Amt am 10.07.2015 (nach Erscheinen des Romans) mit der Erklärung „Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord“ erstmals den Genozid eingestanden. Das im Roman geschilderte Ereignis der Schädel-Übergabe hat übrigens im Jahre 2011 tatsächlich stattgefunden, wenn auch der Verlauf der Veranstaltung vom Autor fiktiv dramatisiert wurde. Namibia ist schon seit längerer Zeit eine Art Traumziel für mich. Sowohl landschaftlich und als kulturell sehr reizvoll, die deutsche Kolonialvergangenheit macht es umso interessanter. Von daher bin schnell auf die Reihe um Clemencia Garises von Bernhard Jaumann gekommen. Das Land bietet ähnlich wie Südafrika, mit der es ja ebenfalls eine Apartheid-Vergangenheit verbindet, zahlreiche Themen für interessante Kriminalromane. „Der lange Schatten“ ist der dritte Band der Reihe, aber ich muss zugeben, dass mir die Vorgänger „Die Stunde des Schakals“ und „Steinland“ besser gefallen haben. Am Thema lag es nicht. Auch das Setting beherrscht Jaumann als mehrjähriger Einwohner Namibias einwandfrei. Ich hatte im Laufe des Buches einfach das Gefühl, dass der Plot überdreht wird, manche Dinge wurden so zugespitzt, dass ich sie einfach nicht mehr plausibel fand. Die Vorgängerromane zogen außerdem einigen Reiz aus der (schwierigen) Beziehung zwischen der dunkelhäutigen Clemencia und dem weißen, deutschstämmigen Claus, was hier (aufgrund der Trennung und räumlichen Distanz) nur sporadisch vorkam. Das zweite Thema des Romans, die Adoption afrikanischer Waisenkinder, spielt leider nur eine untergeordnete Rolle. Gelungen hingegen fand ich die Darstellung des deutschen Botschafters, der zwischen Dienstpflicht als deutscher Botschafter und Sorge um seine Ehefrau zerrissen wird. Ein Kriminalroman um deutsche Verbrechen zur Kolonialzeit und die Frage nach Schuld, Verantwortung und Wiedergutmachung. Insgesamt lässt mich die Lektüre zwiegespalten zurück, ein hoch interessantes Thema, für mich bewährte Figuren und doch war die Umsetzung für mich zwar solide, aber nicht optimal. Die Reihe möchte ich aber auf jeden Fall weiterempfehlen, nur sollte man bitte vorne anfangen.

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