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Rezension zu "Ja-aber was, wenn alles klappt?" von Berthold Gunster

Unvoreingenommen auf die Welt zugehen
R_Mantheyvor 6 Jahren

Ob wir es nun abstreiten oder nicht, wir nehmen die Welt selten so wahr, wie sie wirklich ist. Diese Erkenntnis kann ziemlich verblüffend sein. In Gunsters Buch findet man ein wunderbares Beispiel dafür. Auf Seite 85 steht ein Zweizeiler mit einem völlig offensichtlichen Fehler, den fast jeder übersieht, da er von unserem Gehirn ausgeblendet wird, denn wir erwarten ihn nicht.

In uns regieren also Programme, Meinungen, Erwartungshaltungen und Gewohnheiten, die unsere Sicht auf die Welt oft unbewusst und meist völlig unbemerkt verengen. Der Autor nennt dies die Ja-aber-Grundhaltung und erläutert den Unterschied zu einer Ja-und-Grundhaltung an einem einfachen Beispiel:

Wenn wir am Meer Urlaub machen, den Tag durchgeplant haben und uns dann das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht, sind die Menschen mit einer Ja-aber-Grundhaltung in der Regel bedient, schreibt Gunster. Für sie ist der Tag verdorben. Menschen mit einer Ja-und-Grundhaltung, nehmen das Wetter zur Kenntnis und überlegen sich eine Alternative. Die einen haben die Kontrolle verloren und leiden darunter, die anderen entwickeln Kreativität und lassen sich nicht die Laune verderben. Entweder man stellt sich vor, wie es sein sollte, aber nicht ist und leidet, oder aber man sieht, was ist und überlegt, was man daraus machen könnte.

Gunsters Buch erweist sich als überraschend tiefgehender Text, der uns dabei helfen will, in unserem Innenleben schrittweise ein Problem zu beseitigen, das wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit. Methoden, wie man lernen kann, die Welt wahrzunehmen, wie sie ist, findet man bereits in uralten Texten des Buddhismus. Im Gegensatz zu diesen Schriften hat Gunsters Buch den Vorteil, dass es verständlicher geschrieben ist und auf den Gegebenheiten des modernen Lebens basiert.

Nachdem uns der Autor erklärt hat, worum es in seinem Buch geht, beschäftigt er sich in einem Abschnitt mit einigen Grundformen der Angst, weil die Ja-aber-Grundhaltung auf Angst beruht. Insbesondere diskutiert Gunster die Angst vor physischer Bedrohung, die Angst vor dem Ausschluss aus einer Gruppe und die Angst vor der Sinnlosigkeit des Daseins.

Der zweite Teil des Buches erläutert uns die zehn Regeln des Autors für ein ja-aber-freies Leben. Zuerst sollen wir unser Dasein bejahen. Das klingt zunächst etwas merkwürdig, doch wir sind nüchtern betrachtet der einzige stabile Faktor in unserem Leben. Wer schon einmal seinem möglichen Tod ins Auge gesehen hat, wird wissen, was der Autor meint. Im zweiten Abschnitt kommt der Autor zum zentralen Problem der Wahrnehmung und erklärt, dass unser Unterbewusstsein nach einem Ja-aber-Prinzip versucht, alles, was wir wahrnehmen mit bekannten und abgespeicherten Mustern zu vergleichen. Dadurch werden jedoch bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit einfach ausgeblendet.

Wir können diesen Effekt abmildern, wenn wir der Welt bewusst mit weniger Erwartungen entgegentreten, also offener für Neues und Unerwartetes werden. An dieser Stelle wird allerdings auch deutlich, dass dies wahrscheinlich nicht ganz so einfach sein wird, denn ein permanent kontrolliertes Verhalten wird unser Körper bald boykottieren, weil es einfach zu viel Energie kostet. Der Autor erklärt zwar unsere Schwächen und zeigt uns Möglichkeiten, die sich aus einem ja-aber-freien Leben ergeben. Doch dazwischen klafft eine Lücke, die man erst einmal schließen muss. Auch wenn das gerade wie ein Ja-aber klingt.

Im dritten Abschnitt fordert uns der Autor auf, unser Leben, so wie es ist, zu akzeptieren. Das umfasst auch unseren Körper, dem wir schließlich nicht entweichen können. Unsere Intuition ist die höchste Form unserer Intelligenz, weshalb wir ihr vertrauen sollten. Das ist das Thema des vierten Abschnitts. Menschen mit einer ja-aber-Grundhaltung neigen dazu, ihre Schwächen zu bekämpfen. Im fünften Abschnitt empfiehlt uns der Autor dagegen, uns vielmehr auf unsere Stärken zu besinnen.

Unsere inneren Wünsche sind eine gewaltige Triebkraft. Mit ihr befasst sich der sechste Abschnitt, mit unseren Zielen der folgende. Wie immer wird beim jeweiligen Thema die Ja-und-Haltung mit der Ja-aber-Haltung verglichen. Mit der Akzeptanz anderer Menschen haben wir oft ein großes Problem. Entsprechend lang ist der achte Abschnitt, der dies thematisiert. Schließlich lernen wir im neunten Abschnitt alles, was passiert zu akzeptieren. Auch damit haben wir meistens ziemliche Schwierigkeiten, zumal wir oft auch noch Akzeptieren mit Hinnehmen verwechseln.

Etwas nicht nur zu versuchen, sondern wirklich zu tun, fällt uns ebenfalls mit einer Ja-aber-Haltung schwer. Darüber berichtet der letzte Abschnitt. Der Text ist bei all diesen zunächst etwas plakativ klingenden Themen keineswegs flach. Nicht selten stellt der Autor überraschende Zusammenhänge her. Doch natürlich sind seine Ausführungen zunächst nur an unseren Intellekt adressiert. Und damit sind wir bei der Achillesferse des Buches angelangt. Denn die intellektuelle Erkenntnis der Problematik ist noch keine Lösung des praktischen Problems einer Verhaltensumstellung, wenn wir denn eine solche wollen. Aber immerhin ein Anfang.

Fazit.
Dieses Buch macht uns mit einem oft unbemerkten Problem vertraut: Wir sehen die Welt nicht immer unvoreingenommen, sondern durch den Schleier unsere inneren Programme. Der Autor zeigt uns auf einer intellektuellen Ebene, wie wir uns davon befreien können.

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