Bettina Flitner

 4,3 Sterne bei 119 Bewertungen
Autor*in von Meine Mutter, Meine Schwester und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Bettina Flitner ist 1961 in Köln geboren, wo sie auch heute wieder lebt. Sie startete als Filmemacherin, arbeitet aber nach ihrem Studium an der Film- und Fernsehakademie in Berlin als Fotografin. Oft kombiniert sie in ihren Arbeiten, die in vielen Galerie- und Museumsausstellungen gezeigt wurden, Fotografie und Text. Sie arbeitet u. a. für Zeitschriften und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Zuletzt erschien bei Kiepenheuer & Witsch »Meine Schwester«.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Bettina Flitner

Cover des Buches Meine Mutter (ISBN: 9783462008494)

Meine Mutter

(83)
Erschienen am 04.09.2025
Cover des Buches Meine Schwester (ISBN: 9783462005219)

Meine Schwester

(32)
Erschienen am 17.08.2023
Cover des Buches Frauen mit Visionen (ISBN: 9783896603579)

Frauen mit Visionen

(2)
Erschienen am 31.03.2006
Cover des Buches Meine Schwester (ISBN: 9783742422972)

Meine Schwester

(1)
Erschienen am 16.02.2022
Cover des Buches Meine Mutter (ISBN: B0FJFFR75S)

Meine Mutter

(0)
Erschienen am 04.09.2025

Neue Rezensionen zu Bettina Flitner

Cover des Buches Meine Mutter (ISBN: 9783462008494)
schillerbuchs avatar

Rezension zu "Meine Mutter" von Bettina Flitner

schillerbuch
Späte Annäherung an die Mutter

Auf manche Bücher stößt man auf besondere Weise. So war es bei diesem Buch: Eine meiner Cousinen erzählte, dass es da dieses Buch gäbe, das in Wölfelsgrund (früher Niederschlesein, heute Polen) spiele und in dem die Familie vorkäme, mit der unser Opa befreundet war. Die Freundschaft war immerhin so eng, dass sich die Freunde gegenseitig als Paten einsetzten: Bettina Flitners Großvater war der Pate meiner Mutter und mein Opa der Pate ihrer Mutter. Wölfelsgrund war zudem ein Name, der in unseren Familienerzählungen immer wieder vorkam, denn dort war unser Opa, der immer wieder an Tuberkuloseausbrüchen gelitten hat, in dem Sanatorium zur Kur gewesen, das sein Freund geleitet hatte. Mir waren zwar Autorin und Titel bereits begegnet, aber ich hatte mich nicht genauer damit beschäftigt. Aber jetzt war es natürlich klar: Das will sofort gelesen werden!

In ihrem autofiktionalen Roman setzt sich die bekannte Fotografin mit dem Suizid ihrer Mutter auseinander. Für eine Lesung aus ihrem Buch „Meine Schwester“ kehrt Bettina Flitner nach Celle zurück. Dort befindet sich das Familiengrab der Familie, in dem ihre Großeltern, Onkel und Tanten liegen. Und eben auch ihre Mutter, die sich 40 Jahre zuvor umgebracht hat. Sie besucht das Haus, in dem die Großeltern nach der Flucht aus Schlesien gelebt haben, der Großvater praktizierte dort als Arzt. Heute befinden sich Teile der Kreiverwaltung darin. Und da passiert ein Zufall, der vielleicht gar kein Zufall ist, sondern ein Zeichen: In der Poststelle ist an dem Tag ein Brief angekommen, adressiert an ihre Mutter Gisela. Eine Mitteilung der Deutschen Bank über Änderungen an einem Fonds. „Er war in dem einzigen Moment angekommen, in dem er mich erreichen konnte. Nur an diesem Tag, in diesem Augenblick konnte er am Ziel ankommen. Aber ich bin ja gar nicht das Ziel. Oder doch?“ (S.33/34) schreibt Bettina Flitner. Der Brief jedenfalls stößt eine Tür in die Vergangenheit auf und geben ihr den Impuls, sich endlich mit den Fragen zu beschäftigen, die sie 40 Jahre verdrängt hatte. Warum war ihre Mutter so unglücklich, welche Rolle spielte dabei die Familienkatastrophe, von der alle wussten und über die doch kaum gesprochen wurde?

Bettina Flitner reist nach Polen, in den Luftkurort Wölfelsgrund, heute Międzygórze. Dort geht sie den Spuren der Familiengeschichte nach: Ihre Vorfahren hatten dort ein Sanatorium geleitet, zuletzt ihr Großvater, der die Leitung von seinem Schwiegervater übernommen hatte, nachdem dieser zunächst seine unheilbar kranke Frau und dann sich selbst getötet hatte. 1946 wird die Familie vertrieben und findet eine neue Heimat in Celle.

Ihre Mutter Gisela, genannt Gila, wird 1936 geboren. Sie wächst fast wie eine kleine Prinzessin auf, denn der Vater ist als Sanatoriumsleiter eine wichtige Person in dem kleinen Kurort, wohlhabend und angesehen, Arbeitgeber von vielen. Er hat aber auch ein Verhältnis zu einer anderen Frau. Dass ihre Mutter draunter sehr leidet, spürt Gila intuitiv. Gila ist jedoch auch ein ängstliches Kind, das oft einsam ist und ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem älteren Bruder Walter hat. Dass dieser im Krieg fällt, ist für sie nur schwer zu verkraften. Als die Familie 1946 vertrieben wird und in Celle eine neue Heimat findet, ist für Gila klar, dass sie es anders machen will als ihre Mutter. Aber sie wird nicht glücklich in ihrer Ehe, ihr Mann hat Verhältnisse, sie selbst irgendwann auch, aber in keiner Beziehung findet sie den Halt, den sie so dringend benötigen würde. Der Suizid scheint der einzige Ausweg zu sein.

Was für Auswirkungen hatten die Zeit des Nationalsozialismus und die damals sehr patriarchale Erziehung auf ein Mädchen, das sich als Erwachsene vor allem über Männer definiert? Welche Rolle spielen die Depressionen, die es in der Familie in allen Generationen gab? Diese Fragen beschäftigen Bettina Flitner in ihrem Buch. Das Besondere beim Lesen war für mich nicht nur der persönliche Bezug, sondern auch, wie sie von ihrer Familie erzählt. Sie verschränkt mühelos die verschiedenen Zeitebenen, ihre Eindrücke von der Heimat ihrer Familie in Niederschlesien und Begegnungen, die sie dort hat, aber auch persönliche Erinnerungen an ihre Mutter. Beim Lesen mag man sich manchmal fragen, warum das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter immer distanzierter wurde, aber ich denke, als Kind und vor allem Jugendliche war Distanz ihre einzige Möglichkeit, mit den Depressionen ihrer Mutter zurecht zu kommen, ohne selbst Schaden zu nehmen. 

Briefe, Aufzeichnungen und Tagebücher ihrer Urgroßmutter und ihres Großvaters bilden die Grundlage für die Passagen, in denen sie sich in die Gefühlswelt ihrer Mutter einfühlt und vom Leben der Familie erzählt: Von der Rolle des Vaters, von den Patient:innen und den Menschen,die in Wölfelsgrund leben. Sie sorgen so für eine besondere Authentizität des Textes. Dabei schimmert bei aller Tragik auch immer wieder Humor durch. Besonders gut hat mir das Ende gefallen, das sie gefunden hat.

Schon lange hat mich kein Buch mehr so bewegt und persönlich gepackt wie dieses, ich musste es nach der ersten Lektüre erst einmal sacken lassen und dann noch einmal lesen. Das lag sicher daran, dass es einen persönlichen Bezug zu Handlung und Ort gab – im Fotoalbum meines Opas konnte ich mir Bilder der Familie anschauen. Vor allem lag es jedoch daran, dass Bettina Flitner diese Familiengeschichte literarisch sehr überzeugend gestaltet hat. Für alle, die ein Interesse daran haben, wie sich persönliche Schicksale und Historie miteinander verbinden, ist dies eine wunderbare Lektüre! 

Cover des Buches Meine Mutter (ISBN: 9783462008494)
Bris avatar

Rezension zu "Meine Mutter" von Bettina Flitner

Bri
Habe alles notiert

Vorab eine kleine Warnung – die folgende Besprechung setzt sich mit der Verarbeitung von Selbstmord und Depression auseinander.

Man nenne es Zufall oder Fügung, im Grunde ist es müßig zu hinterfragen, weshalb Bettina Flitner gerade als die letzten Termine ihrer Lesereise zu Ihrem Buch über ihre Schwester, deren Selbstmord und das gemeinsame Aufwachsen, anstehen, ein Brief erreicht, der an ihre Mutter adressiert ist. Eigentlich hätte der Brief sie niemals erreichen dürfen.

Senn Flitner ist nicht mehr oft in Celle und ihre Mutter nahm sich Mitte der 80er Jahre bereits das Leben. Und doch kommt dieser Brief an und zwingt sie geradezu, sich nun auch mit dem Tod der Mutter, den sie so lange Jahre bereits verdrängt hat, auseinanderzusetzen. Wie schon bei ihrem ersten Buch, begibt sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Doch dieses Mal versucht sie zu ergründen, woher dieser familiäre Drang der Selbsttötung kommen mag, um aufkeimende Zweifel am eigenen Empfinden zu zerstreuen.

Natürlich macht es einem Angst, wenn die Reihe der Familienmitglieder, die sich selbst das Leben nahmen, immer länger wird. In Flitners Familie sind es zahlreiche nahe und nähere Verwandte, die keinen anderen Ausweg mehr sahen und so fragt sich die Autorin, ob diese Ausweglosigkeit auch sie einst ereilen könnte. Der Selbstmord der Schwester hat sie tief getroffen, bildeten sie doch in ihrer Kindheit eine Einheit, die gegen jegliches Unbill von außen Schutz bot, der dringend nötig war. Doch im Erwachsenenalter zerfaserte das starke Band, das sie einst verband, bis es sich komplett auflöste.

Flitner setzt sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte auseinander, die, wie alle Familiengeschichten, Lücken und nicht nachprüfbare Narrative enthält. Sie kann dabei auf diverse Tagebücher und Aufzeichnungen naher Verwandter zurückgreifen – ein Glücksfall gerade mit Blick auf die deutsche Vergangenheit. Mütterlicherseits erzählt diese Geschichte zwar von Tatendrang, Aufbauwillen und Gemeinschaftssinn, doch gleichzeitig brennt sich von außen unentrinn- und unveränderbar zweimal aufgrund der rasch aufeinander folgenden zwei Weltkriege, großes Leid in das Familiengefüge.

Flitner reist sogar an den Ort, an dem ihr Urgroßvater ein Sanatorium aufgebaut hatte, das ihr Großvater mit ihrer Großmutter weiter betrieb und wo ihre Mutter in zauberhafter Landschaft aufwuchs. Wölflesgrund liegt heute auf polnischem Gebiet und wirkt in Flitners Beschreibungen wie die Blaupause zu Thomas Manns Zauberberg. Die Nacherzählung der Zeit, in der die Familie noch dort ansässig war, zog die Leserin komplett in ihren Bann. Atmosphäre und Gegend waren nahezu greifbar.

Flitners Mutter Gisela muss mit ihrer Familie den geliebten Ort, an dem sie trotz des zweiten Weltkriegs eine doch recht freie und umsorgte Kindheit verbracht hatte, 1946 verlassen. Die gesamte Familie kommt zunächst bei einer „Freundin“ der Familie in sehr beengten Verhältnissen in Celle unter. Flitners Großvater ist Mediziner und kann die Familie damit auch hier rasch über Wasser halten. Die Freundin jedoch ist, das spürt seine Tochter Gisela schon lange, mehr als nur eine platonische Freundin. Mehrfach hat sie bereits versucht, die häufigen Besuche und gemeinsamen Urlaube zu unterminieren. Oft mit Erfolg, doch der Vater hält an der offensichtlich doch engeren Beziehung fest, während seine Ehefrau dankbar für Giselas Intervention ist.

Dieses familiäre Spannungsverhältnis erlebt später auch Flitner selbst in ihrer Kernfamilie. Der Versuch, eindeutige Hinweise auf auslösende Momente für das, was sie bei ihrer Mutter als „Einfrieren“ wahrnimmt, zu finden, gelingt nicht ganz. Denn was bei den vielen Dokumenten fehlt, die Flitner durchforsten konnte, ist die Stimme Giselas selbst.

Aber genau das charakterisiert so viele Frauen dieser Generation, die als Kinder schon furchtbares erlebt haben, sich immer danach orientieren mussten, zu überleben und sich eben anpassten. Ihre eigene Stimme finden konnten nur die wenigsten. Deutlich arbeitet Flitner das zwischen den Zeilen heraus. Dabei hat sie hier nicht nur versucht, ihre eigenen Ängste einzuordnen oder beruhigen, sondern hat ihrer Mutter gegenüber letztendlich ein Versprechen eingelöst. Ihrer Mutter, die trotz der eigenen Schwierigkeiten, zu sich zu finden, für sich selbst einstehen zu können, ihre Tochter ermutigt hat, anders zu leben. Auch wenn es nicht den Anschein haben mochte.

Das Versprechen, alles zu notieren, alles aufzuzeichnen hätte nicht liebevoller erfüllt werden können.

Cover des Buches Meine Mutter (ISBN: 9783462008494)
G

Rezension zu "Meine Mutter" von Bettina Flitner

Gise
Spuren eines Lebens

Eine Lesung in Celle zu ihrem Buch “Meine Schwester” führt Bettina Flitner auf die Spuren ihrer Mutter, die vor 40 Jahren in Celle beerdigt wurde. Die Autorin lässt sich auf die vielen Fragen ein, die sie anspringen, und macht sich auf eine Reise voller Überraschungen, die sie in den Luftkurort Wölfelsgrund im ehemaligen Niederschlesien führt. Dort haben ihre Vorfahren bis zur Flucht 1946 ein Sanatorium geführt. Tagebücher einiger Familienmitglieder helfen ihr, die Geschichte ihrer Familie und damit das Leben ihrer Mutter neu zu begreifen, so dass sie sich mit ihrer Mutter post mortem versöhnen kann.

Es ist eine spannende Reise, auf der sich die Autorin plötzlich wiederfindet. Obwohl sie lange Zeit in ihrer Kernfamilie die Verbündete ihrer Mutter war, merkte ich beim Lesen einen Abstand, der zuletzt die Beziehung zwischen Mutter und Tochter prägte. Der Schreibstil ist von dieser Distanz der beiden Frauen geprägt, so dass es der Autorin gelingt, mit etwas Abstand eine neue Sichtweise zu gewinnen und diese auch dem Leser zu vermitteln. Zum Schluss blickt sie auf eine tragische Familiengeschichte mit vielen Geheimnissen, die es aufzudecken lohnt. Dabei springt die Erzählung zwischen mehreren Ebenen hin und her, so wie sich die Ereignisse vermutlich der Autorin selbst bei ihren Nachforschungen aufgedeckt haben.

Es ist immer wieder spannend zu lesen, wie die historischen Ereignisse so manche Familiengeschichte durcheinandergewirbelt haben. Mich hat diese biografische Erzählung in ihren eigenen Bann ziehen können. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter und vergebe 4 von 5 Sternen.

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