Die Welt hört nicht auf

von Bilal Tanweer 
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Die Welt hört nicht auf
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JulesBarroiss avatar

Wunderschöne Fragmente, reich an soziologischen Details und subtilen Betrachtungen. Ein eindringliches Porträt des städtischen Pakistan.

Kritisch (1):
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Viele Einzelgeschichten, welche sich in der gleichen Stadt verbinden.

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Inhaltsangabe zu "Die Welt hört nicht auf"

Die Millionenmetropole Karatschi in Pakistan, „kaputt, schön und aus brutaler Gewalt geboren“, ist eine der größten und doch unbekanntesten Städte der Welt. Bilal Tanweers Romandebüt verknüpft die Geschichten verschiedener unvergesslicher Figuren: Genosse Sukhansaz, der die Politik über die Familie stellte und daran zerbrach. Sein Enkel, der halbseidenen Geschäften nachgeht, Aapa, die sich heimlich mit ihrem Nachbarn trifft, und ein Journalist, der eigentlich Schriftsteller sein möchte, und in dessen Erzählung sich alles verbindet. Als an der zentralen Busstation eine Bombe explodiert und Karatschi für einen Moment stillzustehen scheint, prallen ihre Geschichten noch einmal neu aufeinander.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783446250604
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:192 Seiten
Verlag:Hanser, Carl
Erscheinungsdatum:14.03.2016

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor 2 Jahren
    Pulsierende Stadt

    Pulsierende Stadt

    „Wie es heißt, hat jeder Bürger irgendwann einmal ein Verbrechen erlebt: Die Leute werden auf offener Straße ausgeraubt und verprügelt, in ihren Büros und Wohnungen, in Bussen und Autos, in Restaurants und Cafés.“

    Tatsächlich sind die Bürger Karatschis an Diebstähle und an Gewalt gewöhnt, sie nehmen sie wahr, aber sie halten kaum inne, sie nehmen sie zur Kenntnis. Auch größere Ereignisse, wie die Explosion einer Bombe, ist nichts allzu Außergewöhnliches, diese wird aber schon eher als einschneidendes Ereignis empfunden. So passiert es in Bilal Tanweers Roman „Die Welt hört nicht auf“, erschienen im März 2016 beim Hanser Verlag. Diese Explosion fungiert als eine Art Knotenpunkt, um den herum Tanweer seinen Roman aufbaut.

    Karatschi, so heißt es in der Buchbeschreibung, ist eine der größten und doch am wenigsten bekannten Metropolen der Welt. Obwohl es mich literarisch bereits mehrfach nach Pakistan gezogen hat, etwa durch die Romane Mohsin Hamids und Kamila Shamsies (wobei diese oft nur teilweise oder gar nicht dort spielen bzw. andere Schwerpunkte setzen), wird das Land literarisch eher wenig beachtet. Tanweer zeichnet in seinem Roman ein differenziertes Bild von Karatschi und seinen Bewohnern. „Die Welt hört nicht auf“ besteht aus mehreren Episoden mit verschiedenen Protagonisten, die auf den ersten Blick oft nichts miteinander zu tun haben. Erst später werden die Beziehungen zwischen den ihnen und somit auch den Ereignissen klar: Erzählt hier ein Junge davon, dass er vorübergehend mit seiner Schwester bei seiner Großmutter unterkommt und dass die Schwester nachmittags immer verschwindet, ist es dort ein junger Mann, der seine Geschichte erzählt und der, wie sich herausstellt, heimlich ein junges Mädchen trifft.

    Nicht immer ist sofort klar, wer da gerade erzählt und wo bzw. ob überhaupt eine Verbindung zu einer anderen Episode, einer anderen Figur besteht. Auch möglich, dass sie einem beim ersten Lesen entgeht – tatsächlich ist der kurze Roman einer, den man sofort noch einmal lesen könnte, um weitere Querverbindungen ziehen zu können und der womöglich Neues zutage fördert. Die einzelnen Abschnitte aber sind so fesselnd erzählt, dass man stets in die jeweilige Geschichte hineingezogen wird und auch schon mal vergisst, über die Verbindungen nachzudenken. Tanweers Sprache ist oft knapp, sehr direkt, auch mal hart und voller Kraftausdrücke, die Sprache der Straße, so scheint es. Seine Protagonisten sind oft junge Männer, die sich einen bestimmten Stand, einen Ruf erarbeitet haben, die hart sein wollen, es aber, dies wird mal mehr, mal weniger deutlich, nicht sind.

    Thema des Romans ist außerdem immer wieder das Spannungsfeld zwischen Religion und Säkularität. Eine Hauptfigur ist Genosse Sukhansaz, der sich dem Kommunismus verschrieben hat und darüber seine Familie verlor. Kommunisten, das seien Leute, die nicht beten, so lesen wir da lapidar. Ein Journalist, der lieber Schriftsteller wäre, fungiert als einer, der die Fäden in der Hand hält.

    Auf ca. 190 Seiten lässt sich keine Geschichte von epischem Ausmaß erzählen, aber Tanweer gelingt es im Kleinen, die Stadt Karatschi aufleben zu lassen, Schlaglichter zu werfen, die dem Leser diese Stadt und das Leben in ihr vor Augen führen. All dies liest sich ungeheuer fesselnd, lebendig und unterhaltsam. Eine Geschichte über die Alltäglichkeit zwischen Familie, Freundschaft und Liebe, über Religion und die Frage, wie sehr sie Teil des Lebens im Land ist, wie sehr sie den Einzelnen bestimmt. Ein Abbild einer Stadt und eines Landes, das (wie viele andere) nicht zur Ruhe kommt. Ein schmaler Roman, der hoffentlich viele Leser findet.

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    JulesBarroiss avatar
    JulesBarroisvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Wunderschöne Fragmente, reich an soziologischen Details und subtilen Betrachtungen. Ein eindringliches Porträt des städtischen Pakistan.
    Eine gebrochene, schöne Stadt

    Die Welt hört nicht auf von Bilal Tanweer (Autor), Henning Ahrens (Übersetzer), 192 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (14. März 2016), 19,90 €, ISBN-13: 978-3446250604

    „Schon mal eine zerschossene Windschutzscheibe gesehen? Rings um das Einschussloch bildet sich ein Gespinst aus kantigen, gezackten Linien, zwischen denen winzige Kristalle sitzen, dicht an dicht. Das ist die Metapher für meine Welt, diese Stadt. Kaputt, schön und aus brutaler Gewalt geboren.“ (Seite 11)

    So beginnt Bilal Tanweer dieses sehr eindrucksvolle Buch. Karachi ist die Heimatstadt des Autors und die Stadt zeigt sich auf jeder Seite des Buches: der Dreck, die Menschenmassen, die ständigen Staus, der Charme vieler Menschen - und die Bösartigkeit der anderen. Man fühlt sich wirklich so, als wäre man dort, am vom Müll übersäten Strand am Meer, als blicke man auf die pochenden Straßen und die Märkte. Kaum zu glauben, dass dies sein erstes Buch ist.

    Im Dezember 2012 ließen Terroristen eine Bombe in einem Bus in der Nähe des Cantt Bahnhof in Karachi explodieren. Die Explosion tötete sechs Menschen und etwa fünfzig Menschen wurden verletzt. Es war ein schreckliches Ereignis in der größten Stadt der muslimischen Welt (mehr als 20 Millionen Menschen) und eine Erinnerung daran, dass die häufigsten Ziele von muslimischen Extremisten Muslime sind.

    Diese Bombenexplosion ist das Ereignis von dem sich die unterschiedlichen Erzählstränge dieses Buches ergeben. Bilal Tanweer bevölkert dieses schlanke, episodische Buch mit einer ausgedehnten Reihe von Charakteren: abwesende Väter; abergläubische, alleinstehende Mütter; nachdenkliche Söhne; der traumatisierte Fahrer einer Ambulanz und ein Teenager-Mädchen, das bittersüße Märchen für ihren kleinen Bruder erfindet. Der Roman hat keinen einzigen Protagonisten, aber der alternde kommunistische Dichter Sukhansaz hat in den meisten der verschlungenen Geschichten einen Auftritt.

    In 9 Geschichten beleuchtet Bilal Tanweer die komplizierte Natur des Gedächtnisses oder entwirrt die verwirrende Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit einer Mischung aus psychologischen Realismus und einer besonderen Art des Storytelling. Vor allem durch Sukhansas Leben und Tod bekommt das Buch eine beißende politische Kante. Er ist ein Symbol für Karachis säkulare intellektuellen Vergangenheit, er ist das Opfer einer tödlichen Kombination von US-Außenpolitik und religiösen Extremismus.

    Doch im Mittelpunkt steht Karachi, diese weitläufige Megalopolis an Pakistans Südküste, die in den letzten Jahren von politischer Gewalt, sozialen Unruhen und von der Bedrohung durch die Taliban geplagt wurde. Und Tanweer schafft es, die Komplexität der Stadt in Prosa zu erfassen. Er vereinigt wunderschöne Fragmente, reich an soziologischen Details und subtilen existentiellen Betrachtungen, zu einem ausgeklügelten, eindringlichen Porträt des städtischen Pakistan. Er liefert eine Hommage an Karachi, die ihren paradoxen Reiz durch die Monologe einer Reihe von anonymen Erzählern bezieht.

    Bilal Tanweer erzählt ohne Glamour, ohne rosarote Stimmung. Seine Texte sind körnig und manchmal erschütternd. Und er zeigt trotz der Kürze des Buches eine beeindruckende Reichweite und die Fähigkeit, überzeugend jedem Charakter seine eigene Stimme zu verleihen.

    Es ist ein ganz besonderes Buch. Es ist eine Sammlung von Fragmenten - nicht ganz kurze Geschichten, nicht ganz Kapitel - die höchst eigenwillig das Porträt einer Bombardierung an einem Bahnhof in Karachi liefern, erzählt aus der Perspektive von Zeugen, Opfer, Familienmitglieder, Freunden, Mitarbeiter, Liebhaber. Was zunächst wie eine rudimentäre Sammlung von unterschiedlichen Geschichten zu sein scheint, entwickelt sich Schicht für Schicht zu einem komplexen Muster, das die komplizierten Beziehungen des Autors mit seiner gebrochenen, schönen Stadt aufzeigt.

    Ich möchte den Roman aber nicht nur auf den Aspekt Karachi reduzieren.

    Er erzählt sehr unterhaltsame Geschichten, die es dem Leser ermöglichen über die Schlagzeilen hinaus zu schauen. Denn niemand würde diesen Teil der Stadt kennen lernen, sondern ihn nur als den Ort in Erinnerung behalten, wo eine Bombe hochging.

    Für mich machen vor allem die reichen und tiefen Einblicke in die Kultur von Pakistan und seiner faszinierenden Bevölkerung das Buch besonders lesenswert. Dieses Erstlingswerk von Bilal Tanweer scheint mir auch ein großes Versprechen zu sein und ich werde diesen Autor auch in Zukunft bei meiner Lektüre im Auge behalten.


    Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-welt-hoert-nicht-auf/978-3-446-25060-4/

    Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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    stzemps avatar
    stzempvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Viele Einzelgeschichten, welche sich in der gleichen Stadt verbinden.
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    Bilal Tanweers gefeiertes Romandebüt über Karatschi: Ein überwältigendes Bild der Stadt und zugleich Geschichten unvergesslicher Figuren.

    "Ein Roman, der das Leben in einer Stadt wie Karatschi auf ganz eigene Weise mit stillen Bildern und einer Folge von eindrücklichen Episoden einfängt. Bilal Tanweer erzählt völlig unprätentiös und entwirft dabei ein Bild von seinen Landsleuten, das präziser kaum sein könnte." Martin Grzimek, Deutschlandfunk Büchermarkt, 12.08.16
    "Sensibel und mit einem klaren formalen Konzept bildet der junge pakistanische Autor die zerrüttete Gesellschaft in seiner Heimat ab. Fragmentiert und doch kohärent, wird die zerschossene Scheibe im Roman nicht nur zum Symbol für die vom Terrorakt erschütterte Stadt, sondern auch für die literarische Vision von Tanweers Ich-Erzähler. Überzeugend und mit einigem Raffinement umgesetzt. Tanweer gibt etwas von der Desorientiertheit der durch den Terroranschlag momentweise oder ganz aus ihrer Lebensbahn geworfenen Figuren an den Leser weiter, indem dieser sich unter wechselnden Ich-Erzählern orientieren muss, deren Standort im Beziehungsgefüge und in der zeitlichen Architektur des Romans nicht immer sofort einsehbar ist." Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung, 20.07.16
    „Deshalb ist ´Die Welt hört nicht auf´ nicht nur ein Roman über das heutige Pakistan, sondern vor allem einer über das Schreiben – im Speziellen über die Frage, ob man schreibt, um der Welt zu entfliehen oder um sich einen Zugang zu ihr zu erschaffen.“ Simone von Büren, NZZ am Sonntag, 26.06.16
    "Die Faszination für Pakistans Metropole wächst auch beim Leser mit jeder Seite des Romans. Sein Buch hat eine beachtliche poetische Kraft und bietet pulsierende Szenen einer fremden Welt. … Eine lesenswerte Liebeserklärung an Karatschi." Martin Oehlen, Frankfurter Rundschau, 02.06.16
    "Man lernt in 'Die Welt hört nicht auf' einiges über das Leben in Karatschi, spürt, dass es hauptsächlich in Autos, Bussen und geschlossenen Räumen stattfindet, nicht zuletzt wohl auch, weil der öffentliche Raum eine Gefahrenzone ist." Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung, 14.04.16
    "Mit Fug und Recht darf man diesen Roman, in dem alle Söhne schreibende Väter haben, für deren Idealismus sie vordergründig nur Verachtung empfinden, als einen Dialog zwischen den Generationen eines ganzen Landes verstehen. Doch versinkt der Roman an keiner Stelle in ein Lamento – im Gegenteil. Aus den zersplitterten Träumen, sprich: aus der Zerstörung weiß Bilal Tanweer Kapital zu schlagen. Nicht zuletzt nämlich reflektiert der Roman auch über die Frage, in welcher Weise die Komplexität einer Stadt wie Karachi überhaupt literarisch eingefangen werden kann. Die Kunstfertigkeit, mit der Bilal Tanweer die einzelnen Fragmente zu einem so überraschenden wie vielgesichtigen Porträt des urbanen Pakistan zusammenfügt – beweist dabei aber auf erfrischende Weise, dass dies sehr wohl möglich." Claudia Kramatschek, WDR3 Mosaik, 05.04.16

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