Der Roman kündigt groß an, von Eleonore Prochaska zu handeln, die sich wie einige andere Frauen in Napoleonischen Kriegen als Mann verkleidete, um Soldat zu werden. Nur bekommt man von dieser Eleonore in nur etwa 30 von über 500 Seiten zu lesen. Der Großteil setzt sie als Protegé in das Haus von Adeligen, in dem sie zur Sängerin erzogen werden soll, verfolgt, wie sie all das schließlich verliert und die Liebesgeschichte mit dem Grafenenkel Alexander.
Viele Charaktere dieser Wahlfamilie gewinnt man dabei durchaus lieb, wie Gräfin Dorothea oder die beiden Musiklehrer.
Das meiste davon bleibt aber blass. Warum Eleonore sich Alexander über Jahre so verschreibt, obwohl kaum Kontakt oder Bindung herrscht, wird spätestens unverständlich, wenn sie eine gestandene Frau ist und kein Mädchen mehr. Am Ende fällt sie dem Schicksal zu vieler Protagonistinnen zum Opfer: Sie muss komplett naiv und dumm handeln, damit der Plot aufgeht.
Dass es Eleonore auf sich gestellt schwer hat, muss man teilweise einfach glauben, denn sehen tut man es kaum. Ebenso wie die wirklichen Auswirkungen der französischen Besatzung und die dadurch entstehende patriotische Haltung eher vage daherkommen. Zu oft bleiben die Folgen des Kriegs ominös im Hintergrund und damit die zentrale Motivation der Protagonistin.
Meiner eigenen Recherche nach ist zudem die gesamte Geschichte um die Grafen Prewitz völlig erfunden und Prochaska tatsächlich in einfachen Verhältnissen beim Vater aufgewachsen. Natürlich dürfen – und manchmal müssen – historische Romane Lücken füllen. Nur sehe ich den Sinn nicht mehr, wenn etwa 90% des Romans reine Fiktion sind und mit der wahren Geschichte der Eleonore Prochaska nichts zu tun haben. Warum dann nicht gleich über eine fiktive Protagonistin schreiben? Schade ist es vor allem, weil gerade dieser wahre Aspekt der Geschichte mit zu den mitreißendsten Teilen des Buches zählt, selbst wenn Eleonora sich in diesem Abschnitt plötzlich wie ein ganz anderer Mensch liest. Hatte sie in gediegenen Haushalten noch Probleme nicht als zu gebildet aufzufallen, bedient sie sich ohne logische Entwicklung dorthin später ohne Schwierigkeiten recht rauer Sprache und Manieren. Vielleicht hätte das schon als Zeichen dienen sollen, dass hier die Geschichte in sich nicht stimmig ist. Abgesehen davon, dass es nicht immer Adelige braucht, um interessant zu sein. Wäre die Geschichte der Eleonore Prochaska, die „nur“ Feldwebelstochter und Köchin war, nicht erzählenswert genug?
Auch der Schreibstil war mit den sehr exzessiven Wiederholungen von gleichen Formulierungen, wie etwa „Jahr und Tag“, kein uneingeschränkter Genuss.
Das Ende hat mich dann aber vollends ratlos zurückgelassen (Achtung, Spoiler!): Graf Alexander, Vater von Eleonores Tochter Friederike, trifft diese das erste Mal als kleines Mädchen und gibt ihr die Möglichkeit, bei ihm und seiner Familie zu leben. Derselbe Alexander, der Eleonore gedrängt hat, gute Stellungen zu verlassen, ihr nichts als eine aussichtslose (gesellschaftlich natürlich nicht akzeptierte) Liason geboten hat, hinter ihrem Rücken geheiratet und bei besagter Schwangerschaft Eleonore hochkant, ohne auch nur winzige Unterstützung, mit dem aus der Luft gegriffenenen Vorwurf es wäre doch sicher nicht sein Kind, aus seinem Haus geworfen hat. All das wird nie ansatzweise nachvollziehbar erklärt, entkräftet oder sonst aufgearbeitet. Er entschuldigt sich nicht einmal und ohne den Zufall, der sie zusammenbringt, hätte er sich wahrscheinlich auch in Zukunft nicht für das Schicksal seines Kindes interessiert.
Diesem Alexander wird der letzte Satz gegeben: Es liege jetzt in der Verantwortung Friederikes, ob sie die Geschichte glücklich enden ließe.
Was will die Autorin denn damit sagen? Dass das hier eine große und großzügige Wiedergutmachung und Besserung von Alexander sein soll? Denn dafür reicht es nicht. Soll das gute Ende sein, dass die Tochter ihrem Vater alles Unrecht einfach verzeiht und Spielgefährtin für sein anderes Kind wird? Bei mir hinterlässt es nur einen komischen Beigeschmack, wie hier ein Happy End konstruiert werden soll.
Dafür, dass Eleonore doch nie ein braves Lorchen sein wollte, sondern unabhängig und frei, ist sie beides davon mit einigen Ausnahmen recht wenig. Auch sie ist nur eine von vielen Protagonistinnen, die springen, wenn ein fragwürdiger Herr es befiehlt, sich diesem aufs Leben verschreiben und auf allerlei verrückte Wunschträume reinfallen. Für das eigentlich besondere Schicksal ist die hier geschilderte „Eleonora Prohaska“ eine recht durchschnittliche Heldin des Historienromans, deren Leben sich in hohen Kreisen bewegt und wieder einmal von einer Romanze bestimmt ist. Die Geschichte der realen Eleonore kommt ganz ohne eine Liebesgeschichte aus.
Von der echten Eleonore Prochaska, die so lange unter vielen Mythen begraben wurde (der der Trommlerin wird hier sogar verarbeitet), hab ich nicht viel finden können. Nur manchmal scheint sie und das ganze Potential hier und da durch, um dann leider wieder zu verschwinden.
So bleibe ich eher ratlos und enttäuscht zurück. Von einem Roman über Eleonore Prochaska hätte ich mir anderes und mehr erwartet.
Wer ein wohl realistischeres Abbild der Eleonore Prochaska möchte, sollte besser zu "Ein Traum von Prochaska" greifen







