Birgit Biehl

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Birgit Biehlvu au passage
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vu au passage
vu au passage
 (1)
Erschienen am 09.12.2014
Birgit BiehlSplitter im Sand
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Splitter im Sand
Splitter im Sand
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Erschienen am 01.12.2004

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Rezension zu "vu au passage" von Birgit Biehl

Das Leben ist eine Reise
KirstenWilczekvor 9 Monaten

Hinter den subsaharischen Biergedichten verbirgt sich mehr als eine bloße Reisebeschreibung. Es ist die Geschichte einer Lebensreise, einer vom großen Rasseln des 20. Jahrhunderts in frühester Jungend Vertriebenen, die seither getrieben – angetrieben von einem „fort, nur fort“ – ihre Mitte sucht, sich sucht, um irgendwo im afrikanischen Nirgendwo zu begreifen, dass das „Ich“ eine Ansammlung von Werten, Einstellungen, Prägungen, kurzum: etwas Aufgeschnapptes, etwas Ererbtes ist, das auch ständig in Bewegung ist.
In Vu au passage bereist die Europäerin Afrika, um festzustellen, dass das Zeitalter der Aufklärung und ihre selbstbesoffene Hybris, die Kolonialisierung und ihr Update, der totale, globalisierte Kapitalismus, mehr tradierte Ordnungen und Selbstgewissheiten zerstört, als Orientierung geboten hat. Da stellt die Deutsche am Ende der Welt fest, dass das große Rasseln des letzten Jahrhunderts noch bis in karge Lehmhütten fortwirkt und die eben noch „au passage“ abgestreifte Nationalität sie wieder einholt. Da begreift der unter Strapazen reisende Mensch, dass das Ich eine amorphe Masse ist, der das Leben stets wechselnde Konturen gibt.
Und was begreift der von der Sprachmächtigkeit der Lyrikerin faszinierte Leser am Ende: Glücklich weiß der sich zu schätzen, der zumindest erkennt, wer er nicht sein will.
Ob man frei wird von sich selbst, ob es einem gelingt, alle Häute abzustreifen und einfach nur zu sein, da zu sein, wie es der Autorin am Ende gelungen ist, hängt wohl ganz entschieden davon ab, wie weit die eigenen Füße tragen und man bereit ist, zu gehen, hinaus aus der Komfortzone des mitteleuropäischen Ichs und seinen - bei Licht besehen - ungewissen, aber zur Bequemlichkeit einladenden Gewissheiten.
Ich war bei der Lektüre zwar - durch die Passagen beschreibender Prosa und die mal gewaltigen, mal zarten Sprachbilder eingeladen - mitten in Afrika. Mit dem Herzen bin ich aber zuhause geblieben. Noch suche ich nicht nach dem selbstbefreiten Ich, vielleicht weil ein Restzweifel in mir wohnt, diesen Zustand tatsächlich selbst feststellen zu können. Aber aus mir spricht gerade gewiss die Ansammlung von Aufgeschnapptem und Ererbtem, die unter meinem „Ich“ firmiert.
Wir alle, die ich sind, haben das neue Werk von Birgit Biehl sehr gerne gelesen. Vu au passage ist ein beachtliches Stück Literatur, das einen im best verstandenen Sinne auf sich selbst zurückwirft und die Volatilität des eigenen Ichs spüren lässt. Das Werk eröffnet Gedankenräume, konfrontiert mit offenen Fragen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, von denen man aber hätten wissen können, dass sie nur schlummern.
Last but not least soll die politische Botschaft zwischen und - aber auch plakativ - in den Zeilen nicht vergessen werden: Wer sind wir eigentlich, in die Chance, die jeder Biografie innewohnt, einzugreifen? Was legitimiert uns, tradierte Ordnungen zu verwerfen und durch unsere ersetzen zu wollen? Wir, die wir doch alle nur endliche, changierende Ichs sind – egal, ob mit europäischen Wurzeln oder US-amerikanischem Pass. Die Welt wäre ein ruhigerer Ort, wenn sich diese Erkenntnis endlich Bahn bräche und in den Köpfen der Spezies der „von sich selbst überzeugten Ichs in Ämtern“ ankerte. Es gibt sie nicht, die Guten, die ein Recht haben, in das Weltenlenkrad zu greifen, und die Bösen, denen es per se fehlt.
Vu au passage ist ein schmales Buch mit großer Wucht und ein Geschenk, denn es erklärt unterwegs auf der Lesereise durch die 93 Seiten die Quintessenz des Lebens. Das Leben ist eine Reise, deren Beginn, Durchgangsstationen und Ende man nicht kennt; eine Reise, auf die man sich immer mitnimmt, ohne zu wissen, wer das eigentlich ist, der einen da begleitet, und ohne Garantie, sich kennenzulernen. Mit Birgit Biehl zurückgekehrt aus Afrika, kommt der Leser aber nicht umhin, das geschenkte Ticket einzulösen und sich auf seine Reise zu begeben. Danke dafür.

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