Cover des Buches Unter Markenmenschen (ISBN: 9783946086529)Anteks avatar
Rezension zu Unter Markenmenschen von Birgit Rabisch

Ist das Science Fiction oder schon Realität? Gesellschaftskritik der andern Art

von Antek vor einem Jahr

Review

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Antekvor einem Jahr

„Du, die ihren Sohn Benjamin mit dem besten damals käuflichen Markengenom ausgestattet hat, hast mich wild empfangen und ausgetragen, so wie mich die Natur geschaffen hat! Du, eine reiche Frau, die ihrer Tochter mühelos ein erstklassiges Markengenom hätte finanzieren können, hast mich als NO name geboren! Du hast wissen müssen, was du mir damit antust. Ich kann es dir nie verzeihen!“

Die siebzehnjährige Simone beginnt an ihrem Geburtstag damit, Tagebuch zu schreiben und hält darin, wie in einer Art Briefe an ihre verstorbene Mutter, ihre Erlebnisse und Gedanken fest, die man hier im Roman geboten bekommt. Als Kind der Liebe muss sie sich als Jugendliche völlig ohne das künstlich geschaffene perfekte Genmaterial, was sie schon äußerlich zum Außenseiter macht, durch eine auf ideal gedrillte Welt kämpfen und ist dabei auf der Suche nach einem Wohin mit ihren Gefühlen, die in dieser scheinbar so gar keinen Platz mehr einnehmen dürfen.

Auf dieser Suche darf man sie als Leser begleiten. Man erfährt, dass Simone ohne Mutter aufwachsen muss und von der Beziehung zu ihrem achtzehn Jahre älteren Bruder, der sich um sie kümmert. Man erhält Einblick in die Welt in der Simone lebt, fühlt sich mit ihr allein und orientierungslos. Dann lernt man mit ihr Doktoranden Jean-Paul kennen, den Bruder Benedikt als Doktorvater betreut. Gefühle wallen nicht nur bei Simone auf, aber wohin damit? Wie wird sie, die die Liebesbeziehung ihrer Mutter, die sich nicht um all die negativen Konsequenzen für sie als Tochter geschert hat, so verurteilt hat, sich entscheiden? Das wird natürlich nicht verraten.

Der eindringliche Schreibstil der Autorin hat mich von Anfang an gefesselt. Sie lässt Simone aus der Ich-Perspektive erzählen und man ist ihr als Leser daher sehr nahe. Zudem mit vielen Bildern und emotional beschreibend, konnte mich stets in sie hineindenken und fühlen. Die Hauptprotagonistin wird mit ihren Ängsten und Gefühlen authentisch dargestellt. Ich konnte ihre Schuldgefühle bei, „und obwohl ich es nicht wollte, ekelte ich mich vor ihrer Hässlichkeit. Wie kann eine Mutter es verantworten, so unästhetische Kinder in die Welt zu setzen, dachte ich und schämte mich im gleichen Moment dafür.“, fast selbst fühlen und hatte nicht nur einmal Mitleid, wenn Simone sich mit der Frage quält, „ Mama, hast du nicht bedacht, dass sich unsere Nachbarn, die Markenkids in meiner Klasse, alle in meiner Umgebung ständig zusammenreißen müssen, um mir ihren Abscheu nicht allzu offen zu zeigen, so wie ich mich zu einem Lächeln gegenüber diesen ungestalteten Kindern zwang?“.

„Es soll ja sogar Markenmänner geben, die es in die No name-Stätten zieht, weil sie aus so richtig ungestaltete Frauen abfahren. Mit Riesenbrüsten oder Birnenpos oder was die Natur sonst noch an Abscheulichkeiten produziert.[….] Ich glaube ich könnte mich nie einem Mann unrasiert zeigen, selbst wenn er es wollte. Ich würde mich zu Tode schämen.“ Sexualität wird als Triebabfuhr an Begegnungsstätten ausgelebt, die den passenden Partner ermitteln, natürlich auch in einer Zwei-Klassen-Version. Da hätte ich eindeutig die Buchbeschreibung besser lesen sollen, da ich einfach Szenen, die zu viel Sex bieten, nicht lesen mag. Das war für mich hier im Roman hart an der Grenze, vor allem weil ich manches als befremdlich empfand, es meine Einstellung der Darsteller gegenüber auch negativ beeinflusst hat, wobei natürlich durch diese Darstellung das nicht Wohin-Wissen mit auch sexuellen Gefühlen äußerst deutlich herausgestellt werden kann.

Birgit Rabbisch hat vor knapp zwanzig Jahren Zukunftsvisionen erschaffen, die heute bereits der Realität entsprechen, bzw. nicht mehr weit davon entfernt sind. Vor allem unter dem Aspekt fand ich das Lesen super interessant. Lernen über digitale Plattformen, sich für Unterrichtseinheiten einwählen, und nur noch ab und an Präsenzunterricht, eine Praxis, die in der aktuellen Corona Situation ganz genauso praktiziert wird. Bleibt nur zu hoffen, dass für unsere Schüler nicht gilt, „Die kommunikative Analogkompetenz soll angeblich bei diesen Pflichtschultagen geschult werden. Bei mir wird nur der kommunikative Abscheu gefördert!“ Lieferapps für Fertiggerichte, Zutaten über das Netz bestellen, all das ist bei einem Teil der Gesellschaft ebenfalls längst schon tägliche Praxis. Sexuelle Begegnungsstätten, die einem den idealen Partner anbieten, eine befremdliche Vorstellung für mich, aber sind denn Apps wie Tinder und Co, die mit Matching Points die passenden Partnervorschläge anbieten wirklich so weit davon entfernt? Und auch die Zweiklassenmedizin, von der hier die Rede ist, ist schon mehr als deutlich zu spüren. Entwicklungen, die mir ehrlich gesagt Angst machen.

Ganz oft hat mich die Autorin mit ihrem Roman ins Grübeln gebracht, nur eine kleine Auswahl an Inspirationen und Gedanken, ist folgende.

„Und statt auf den Segen der genetischen Auslese, auf die zunehmende Befreiung der Gesellschaft von allen Anormalen hinzuweisen, preist du die damaligen Modelle als Chance mit Andersartigkeit umgehen zu lernen und so – ich zitiere dich – ein breiteres menschliches Gefühlsspekturm zu entwickeln. Da stichst du natürlich in ein Wespennest.“ Ist eine Absicht Jean-Pauls, was ihn für mich zunächst sympathisch gemacht hat. Wann schafft es unsere Gesellschaft endlich eine erfolgreiche Integration zu praktizieren? Wird es irgendwann gelingen Anderssein als Chance sehen zu können?

Ich habe mich oft gefragt, ob die genetische Optimierung, die heute – jedenfalls für die, die sie bezahlen können – so erfolgreich praktiziert wird, wirklich hält was sie verspricht. Durchgesetzt hat sie sich doch damit, dass sie Leid zu verhindern und Lebensqualität zu verbessern versprach. Gut, die Markenmenschen müssen sich heute mir weniger Erbkrankheiten und Behinderungen abplagen, aber gibt es deshalb weniger Leid, mehr Lebensqualität? Dass damit auf gar keinen Fall mehr Lebensqualität entsteht, wird im Roman mehr als eindringlich deutlich, auch wenn mir das vor dem Lesen bereits klar war.

Forschung war schon immer mit Nebenwirkungen verbunden, im Buch werden z.B. die bei der Entwicklung des Röntgens als Entschuldigung angesprochen. Welche Ausmaße das annehmen kann, wenn eine offene Gentechnik möglich gemacht wird, wird in einigen Beispielen ebenfalls gezeigt, was mich zutiefst schockiert hat.

„Vom heutigen Perfektionierungswahn zu sprechen, der die Menschen nicht besser, sondern nur den Maschinen ähnlicher mache, der zu einer Gesellschaftsstruktur führe, die durch immer verfeinerte Ab- und Ausgrenzungen geprägt sei,“ Ich denke das ist ebenfalls eine zentrale Aussage der Autorin mit ihrem Roman. Immer weiter, immer besser, immer mehr, genau davon ist unsere Gesellschaft doch auch jetzt schon ohne die Gentechnik an Embryonen geprägt. Wer nicht mithalten kann im Wettbewerb um das größere Auto, den teureren Urlaub kommt leicht ins Hintertreffen, Kids ohne Markenklamotten haben es mehr als schwer und soziale Medien gaukeln schon längst Idealbilder vor, denen viel zu viele nachrennen. Von Fernsehformaten wie DSDS oder Germanys Next Topmodel einmal angesehen. Und wie sehr uns die Gesellschaft prägt, ist hier auch an Simone mehr als deutlich zu erkennen.

„Ja und wir schauen nur noch auf das, was wir nicht haben, und empfinden keine Dankbarkeit für das, was wir haben, seit unser Leben kein Geschenk mehr ist, sondern ein Produkt der Gen-Labors.“ Mit diesem Zitat möchte ich hier enden und ich denke mehr Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens muss man nach dem Lesen auf jeden Fall empfinden. Auch wenn vielleicht nicht alles bis ins letzte Detail meine Begeisterung bekommen kann, sind für mich fünf Sterne für diesen bewegenden Roman redlich verdient.

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